Artikel im

Verdienststruktur | Verteilung von Armut + Reichtum | bpb.de

Verdienststruktur Arbeitnehmereinkommen

Gerhard Bäcker Ernst Kistler

/ 3 Minuten zu lesen

Die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausgewiesenen Löhne und Gehälter geben Auskunft über das gesamtwirtschaftliche Niveau der Arbeitseinkommen. Dahinter verbirgt sich eine nach unten und oben breit aufgefächerte Lohn- und Gehaltsstruktur der rund 43 Millionen abhängig Beschäftigten.

Kellnerin serviert Speisen in einem Restaurant. Allein mit den Kriterien "Leistung" und "Qualifikation" lässt sich nicht erklären, warum es beispielsweise so große Einkommensunterschiede auch zwischen einzelnen Branchen gibt. (© picture-alliance/dpa, Annette Riedl)

Bei Analyse der Verdienstunterschiede muss berücksichtigt werden, dass die Höhe der Bruttomonatsverdienste maßgeblich von der geleisteten Arbeitszeit abhängt. Es liegt auf der Hand, dass bei einer Vollzeitarbeit (womöglich noch aufgestockt durch Überstunden) ein höherer Verdienst anfällt als bei einer Teilzeitarbeit oder bei einem Minijob. Deswegen ist es aussagekräftiger, von den Bruttostundenlöhnen auszugehen. Die empirischen Befunde zeigen, dass es zwischen niedrigen Stundenlöhnen (nach unten begrenzt durch den gesetzlichen Mindestlohn) und Spitzenlöhnen (nach oben hin unbegrenzt) eine große Spannweite gibt.

2022 erzielten Besserverdienende das 3,28-fache des Bruttostundenverdienstes von Geringverdienenden. Der Verdienstabstand zwischen Gering- und Besserverdienenden hat sich zwischen 2022 und 2014 leicht verringert, 2014 lag der Abstand noch beim 3,48-Fachen . Ein Auslöser dieser Entwicklung ist der zum 1. Januar 2015 eingeführte bundeseinheitliche gesetzliche Mindestlohn. Die Niedriglohnschwelle liegt bei zwei Dritteln des Medianverdienstes aller einbezogenen abhängigen Beschäftigungsverhältnisse. Die Hochlohnschwelle liegt bei dem 1,5-fachen des Medianverdienstes aller einbezogenen abhängigen Beschäftigungsverhältnisse.

Dezile der Bruttostundenverdienste und Beschäftigung mit Niedrig- und Hochlohn

Ergebnisse der Verdienststrukturerhebungen 2018 und 2022*

*Ohne Auszubildende.
InsgesamtWestdeutschland
(einschließlich Berlin)
Ostdeutschland
2018202220182022201842022
Dezilangaben des Bruttostundenverdienstes, in Euro
1. Dezil9,7110,909,9010,989,2110,54
5. Dezil = Median16,5818,7517,0419,1213,9716,50
9. Dezil 31,7635,8032,5936,6525,7929,48
Dezilsverhältnisse
9. Dezil/ 1. Dezil3,273,283,293,342,802,80
9. Dezil/ 5. Dezil1,921,911,911,921,851,79
5. Dezil/ 1. Dezil1,711,721,721,741,521,57
Anteil der Beschäftigung, in Prozent
unter Niedriglohnschwelle211920182923

Quelle: Statistisches Bundesamt 2023.

Das Dezilsverhältnis ist ein Maß zur Messung des Abstands zwischen Geringverdienenden (untere 10 Prozent der Lohnskala) und Besserverdienenden (obere 10 Prozent). Hierfür wird der Bruttostundenverdienst, ab dem eine Person zu den Besserverdienenden zählt (2022: 35,80 Euro), ins Verhältnis gesetzt zum Bruttostundenverdienst, bis zu dem Geringverdienende reichen (2022: 10,90 Euro). Damit ergibt sich für 2022 eine Lohnspreizung für Gesamtdeutschland von 3,28 Euro (35,80 Euro zu 10,90 Euro).

Folgende Faktoren spielen bei der Spreizung der Stundenverdienste eine zentrale Rolle:

  • Die Abweichungen widerspiegeln den schulischen und beruflichen Bildungsabschluss und konkret die im Arbeitsprozess geforderten Qualifikationen. Das Statistische Bundesamt (2019) unterscheidet in der Verdienststatistik zwischen fünf Leistungsgruppen (LG): Beschäftigte in leitender Stellung (LG 1), herausgehobene Fachkräfte (LG 2), Fachkräfte (LG 3), angelernte Beschäftigte (LG 4) und ungelernte Beschäftigte (LG 5). Während im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungssektor (2021) in der oberen Leistungsgruppe der Bruttostundenverdienst bei 50,20 Euro liegt, erreicht er in der unteren Leistungsgruppe nur 15,06 Euro (jeweils für Vollzeitbeschäftigte).

  • Diese qualifikations- und tätigkeitsbezogene Differenzierung wird überlagert durch die Knappheit bzw. den Überschuss an bestimmten Arbeitskräften. So sind unqualifizierte und gering qualifizierte Beschäftigte im besonderen Maße von Arbeitslosigkeit betroffen, was tendenziell zu einer Absenkung ihrer Löhne führt.

  • Die Höhe der Stundenlöhne hängt entscheidend von den einzelnen Wirtschaftsbranchen ab (vgl. Abbildung "Durchschnittliche Bruttostundenverdienste/Vollzeit in ausgewählten Hoch- und Niedriglohnbranchen 2021"). Unter dem Einfluss unterschiedlicher branchentypischer Produktions-, Produktivitäts- und Gewinnentwicklungen sowie der Wettbewerbskonstellationen auf den Weltmärkten lassen sich Wirtschaftszweige (wie Luftfahrt, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Energieversorgung, Maschinenbau) als Hochlohnbranchen bezeichnen. Andere Wirtschaftszweige (wie das Gastgewerbe, der Einzelhandel, die Gebäudereinigung oder die Wach- und Sicherheitsdienste) gelten hingegen als Niedriglohnbranchen. So liegen in der Mineralölverarbeitung, den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen oder in der Luftfahrt die durchschnittlichen Bruttostundenentgelte mehr als doppelt so hoch, z.T. sogar dreimal so hoch wie in den Niedriglohnbranchen − so bei der Leiharbeit, im Gastgewerbe, in Call-Centern oder bei den Wach- und Sicherheitsdiensten.

  • Neben den ökonomischen Faktoren kommt schließlich auch den institutionellen Faktoren wie der Ausgestaltung von Tarifverträgen, den gewerkschaftlichen Organisationsgraden der Beschäftigten und damit der Durchsetzungsmacht der Gewerkschaften in der Tarifpolitik eine wichtige Bedeutung für die sehr unterschiedliche Höhe der Arbeitseinkommen zu.

Hinsichtlich der sozialpolitischen Rückwirkungen einer niedrigen Arbeitseinkommensposition muss bedacht werden, dass im deutschen Sozialversicherungssystem die Sozialeinkommen überwiegend eine Ersatzfunktion für die ausgefallenen Arbeitseinkommen wahrnehmen: Die Konstruktionsprinzipien der Sozialversicherung übertragen die relative Position in der Hierarchie der Erwerbseinkommen auch auf Phasen, in denen aufgrund allgemeiner Lebensrisiken der Erwerbseinkommensbezug unterbrochen oder beendet ist. Damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine untere Position im Erwerbsleben sich auf Phasen der Nichterwerbsarbeit im gesamten Lebenseinkommen auswirkt.

Paderborn: Altenpfleger bei der Arbeit mit einem Patienten. (© picture-alliance/dpa)

 

Die Bestimmungsfaktoren für die breite Spannweite der individuellen Arbeitseinkommen sind nicht leicht zu ermitteln, da sich viele Einflüsse überlagern. Folgt man den Modellannahmen der Mikroökonomie, dann sind die individuellen Unterschiede in der Entlohnung Ergebnis einer entsprechend unterschiedlichen Leistung oder (Grenz)Produktivität der Beschäftigten. Doch was kann unter dem abstrakten Begriff "Leistung" verstanden werden? Sind die Spitzenvergütungen von Topmanagern Ausdruck von Leistung? Ist es auch eine Folge von Leistungsunterschieden, wenn ein Techniker deutlich mehr als eine Altenpflegerin verdient?

Die These, niedrige Verdienste korrespondierten mit niedrigen Leistungen und hohe Verdienste mit hohen Leistungen, basiert eher auf einer fragwürdigen Unterstellung. Denn wenn die Leistungsunterschiede ihrerseits wieder an den Einkommensunterschieden bemessen werden, liegt hier ein klassischer Zirkelschluss vor, der Einkommen an Leistung und Leistung wiederum an Einkommen misst. Bei der Suche nach Bestimmungsfaktoren für die Einkommensdifferenzierung führt dies nicht weiter.

Weitere Inhalte