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Aus russischen Blogs: Phantom des Imperiums

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November – 03. Dezember 2021 Erdgashandel (24.11.2021) Analyse: Der deutsch-russische Erdgashandel. Chronik: Covid-19-Chronik, 01. – 13. November 2021 Chronik: 01. – 12. November 2021 Sozialverantwortung und Klima in der Landwirtschaft (10.11.2021) Analyse: Landwirtschaftliche Betriebe in Russland für unternehmerische Sozialverantwortung Analyse: Wird die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren? Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Oktober 2021 Chronik: 11. – 29. Oktober 2021 Duma- und Regionalwahlen (01.10.2021) Analyse: Die Dumawahlen 2021 und das zunehmend hegemonial-autoritäre Regime in Russland Analyse: Alexej Nawalnyj, "Smart Voting" und die Wahlen zur russischen Staatsduma 2021 Kommentar: Wahlen in der "Protestregion" Chabarowsk in Online- und sozialen Medien dekoder: Die Evolution der Duma Notizen aus Moskau: Wird (all)es nach den Wahlen wieder besser? Chronik: Covid-19-Chronik, 13. – 26. September 2021 Chronik: 13. – 26. September 2021 Wirtschaftliche Schocks (24.06.2021) Analyse: Die Wirtschaft der "Festung Russland" Analyse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Corona-Krise  Chronik: Covid-19-Chronik, 03. – 30. Mai 2021 Chronik: 17. Mai – 10. Juni 2021 Arktis (31.07.2021) Editorial: Sommerpause, на дачу Analyse: Arktische Visionen: Die sowjetische Expansion nach Norden Analyse: Russlands Arktis-Strategie bis 2035 – Große Pläne und ihre Grenzen Analyse: Der russische Vorsitz im Arktischen Rat: Prioritäten und Implikationen für den Hohen Norden Russlands Kommentar: Russlands arktischer Balanceakt Dokumentation: Russland und die Arktis: Eine Auswahl aktueller Publikationen Chronik: Covid-19-Chronik, 14. Juni – 17. Juli 2021 Chronik: 16. Juni – 18. Juli 2021 Duma-Wahlen/Repressionen (08.06.2021) Kommentar: Duma-Wahlen 2021 Kommentar: Informationskriege, Oppositionskoordination und die Dumawahl im Jahr 2021 Kommentar: Wird das Putin-Regime überleben? Kommentar: Vorbereitung auf die Parlamentswahlen 2021 Kommentar: Elektronische Stimmabgabe Kommentar: Bedingungen der Wahlbeobachtung Kommentar: Die wirtschaftlichen Folgen autoritärer Politik Kommentar: Michail Mischustin als ambitionierter "Systemadministrator" des Putinismus Kommentar: Bürger:innen und der starke Mann: Erwachen, soziale Klassen und sozialer Niedergang in Russlands Autokratie Kommentar: Fear and Loathing in Russia: Repressionen als Herrschaftsinstrument des Kremls Kommentar: Ausländische-Agenten-Gesetz vor der Duma-Wahl 2021 ausgeweitet Kommentar: Schrumpfende Freiräume für Russlands Medien Kommentar: Russland drosselte Twitter, um Inhalte zu zensieren dekoder: "Hätten wir eine andere Wahl gehabt? Nein." Dokumentation: Repressive Gesetze, die von Wladimir Putin am 30. Dezember 2020 unterzeichnet wurden Dokumentation: April-Chronik der Repressionen: Der Journalist Ilja Asar hat Buch geführt Umfragen: "Haben Sie Angst vor…?" Umfrageergebnisse des Lewada-Zentrums Dokumentation: Hat der Protest einen Anführer? Wie stehen die Protestierenden zu Nawalnyj? Dokumentation: Russische Online-Zeitung Meduza kämpft ums Überleben Dokumentation: Amnesty International: Die Polizei identifiziert friedliche Demonstrierende mit Gesichtserkennungstechnologie Dokumentation: Human Rights Watch: Der Fall des Menschenrechtsanwalts Iwan Pawlow und neue repressive Gesetze Dokumentation: Stellungnahmen zum Beschluss der russischen Generalstaatsanwaltschaft, deutsche Nichtregierungsorganisationen als in Russland unerwünschte Organisationen zu erklären Chronik: 3. – 14. Mai 2021 Atomenergie / Die Botschaft des Präsidenten (14.05.2021) Analyse: Zum 35. Jahrestag von Tschernobyl Analyse: Russische Reaktoren und russischer Atommüll Analyse: Putins Botschaft an die Föderalversammlung dekoder: Warum Putin dem Volk nichts mehr zu sagen hat Chronik: Covid-19-Chronik, 12. April – 02. 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März 2021 Chronik: 1. – 10. März 2021 Stadtentwicklung/Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen (09.03.2021) Analyse: Ausdehnung des Moskauer Wohnraumsanierungsprogramms Analyse: Urbaner Aktivismus in Russland dekoder: Das Moskau-Experiment Dokumentation: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen" Dokumentation: Stellungnahme: "Entwicklung der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen" Chronik: Covid-19-Chronik, 15. – 28. Februar 2021 Chronik: 16. – 27. Februar 2021 Digitale Diplomatie (19.02.2021) Analyse: Russlands digitale Diplomatie Analyse: Mittel und Zweck von Public Diplomacy Kommentar: Zusammenarbeit chinesischer und russischer Medien dekoder: "Schau mich gefälligst an!" Chronik: Covid-19-Chronik, 1. – 14. Februar 2021 Chronik: 1. – 14. Februar 2021 Söldner im Dienst von Russland / Elite-Ranking 2020 / Proteste nach Nawalnyjs Rückkehr (08.02.2021) Söldner im Dienst autoritärer Staaten Analyse: Russische PMCs im Nahen Osten und Afrika Kommentar: Die "Wagner-Affäre" in Belarus und ihre Folgen Kommentar: Geopolitik, Waffen, Erdöl: Was Russlands Präsenz in Venezuela bedingt Karte: Söldner im Dienst von Russland Ranking: Das Elite-Ranking der "Nesawisimaja gaseta" Ranking: Die politische Elite im Jahre 2020: Regierungswechsel, Covid-19-Pandemie und Verfassungsreform dekoder: Russlandweite Proteste – wie nervös macht Nawalny den Kreml? dekoder: Nawalnys Schlusswort: "Einen einsperren, um Millionen einzuschüchtern" Notizen aus Moskau: Von 2011 zu 2021. Zehn Jahre danach. Chronik: Covid-19-Chronik, 11. – 31. Januar 2021 Chronik: 11. – 31. Januar 2021 Visadialog zwischen der EU und Russland (21.01.2021) Analyse: Die Visumpflicht in den EU-Russland Beziehungen Analyse: Perspektiven des Visa-Dialogs zwischen der EU und Russland Kommentar: Visafreiheit für russische Jugendliche Kommentar: Illegale Passportisierungspolitik im Donbas Kommentar: Mit Visafreiheit Brücken in Krisenzeiten schlagen dekoder: Arbeitsmigration in Russland Chronik: Covid-19-Chronik, 30. November 2020 – 10. Januar 2021 Chronik: 3. Dezember 2020 – 9. Januar 2021 Die deutsch-russischen Beziehungen nach den Wahlen (15.10.2021) Analyse: Die Bundestagswahl und die deutsch-russischen Beziehungen Analyse: Chancen für eine neue Russlandpolitik nach der Bundestagswahl Kommentar: Die deutsche Russlandpolitik und das russische Gesetz über "ausländische Agenten" Dokumentation: Ausgewählte Publikationen über die deutsch-russischen Beziehungen Dokumentation: Vorschläge und Empfehlungen zu den EU-Russland-Beziehungen dekoder: Novaya Gazeta dekoder: Muratows Krawatte und der Friedensnobelpreis Chronik: Covid-19-Chronik, 27. September – 09. Oktober 2021 Chronik: 28. September – 08. Oktober 2021 30 Jahre Zerfall der Sowjetunion – Generationen (20.09.2021) Kommentar: Nur ein Menschenleben lang Kommentar: Staatenlosigkeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR Kommentar: Der Generationenaspekt beim Zusammenbruch der Sowjetunion Kommentar: Dreißig Jahre Transformation des russischen Hochschulwesens Kommentar: Die Jugend und die Generationen im postsowjetischen Russland: Kommentar: Unternehmerinnen in Russland Notizen aus Moskau: 30 Jahre umsonst? dekoder: Das Licht einer enttäuschten Hoffnung dekoder: Misstrauen auf allen Ebenen Chronik: Covid-19-Chronik, 02. August – 12. September 2021 Chronik: 05. – 12. September 2021 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Aus russischen Blogs: Phantom des Imperiums

Sergey Medvedev

/ 8 Minuten zu lesen

Die Ukraine-Krise wird immer häufiger zum Ausgangspunkt bei innerrussischen Debatten über Innenpolitik, den Wandel in der Gesellschaft und die Transformation des eigenen Wertesystems. Fragen zur russischen Gesellschaft und zu einem Wertewandel diskutieren auch die russischen Blogs.

Nach Gefechten steigt schwarzer Rauch aus der ostukrainischen Stadt Luhansk auf. Die Ukraine-Krise wird immer häufiger zum Ausgangspunkt bei innerrussischen Debatten über Innenpolitik, den Wandel in der Gesellschaft und die Transformation des eigenen Wertesystems. (© picture-alliance/AP)

Dmitrij Olschankij: Moralisches Verbrechen des Kreml

»Der Donbass ist ein riesiges moralisches Verbrechen unserer Regierung, das muss man ehrlich sagen. Da ging und geht es – trotz patriotischer Propaganda – nicht um irgendeinen ethnischen, rassistischen oder religiösen Genozid, nicht um so etwas wie die Vernichtung der Juden oder Indianer.[…] Da gab es schlicht ein Gefühl der Erbitterung, den Unwillen ein fremdes nationales und politisches Projekt zu leben, ein Gefühl der Ungerechtigkeit und einer aufgenötigten Zweitrangigkeit. Aber alle auszurotten und wegzujagen, die Russisch sprechen, das hat kein Ukrainer vorgehabt. […]

Was hat aber unsere Macht getan?

Sie gab ihnen durch die Krim-Geschichte Hoffnung, sie gab ihnen zum zweiten Mal die Hoffnung in Gestalt von Putin, der von einer ›Verteidigung der russischen Welt‹ und von einer ›roten Linie bei der Gewalt gegenüber den eigenen Bürgern‹ sprach, sie sendete noch viele Signale über das Fernsehen, über Politiker und Sicherheitskräfte, und sah dann weg, als ob sie hier nur Blümchen gießt und auf Timtschenkos Gelder aufpasst. Das wären also Andeutungen eines gerissenen Plan Putins, und die Streitkräfte, die kommen dann irgendwann später.

Die Menschen aber sind allein unter den Bomben geblieben. Sie haben gedacht: die ›Opoltschenzy‹, die Volksmilizen würden die Checkpoints übernehmen, ein Referendum würde stattfinden, und dann käme die Anerkennung durch Russland, die Armee, Zahlungen an diejenigen, die aus dem Haushalt entlohnt und versorgt werden. Sie hatten eine zweite Krim gebucht und nicht die ›Hütte im Flammen‹.

Putin hat aber anders entschieden. Aus diesem Grund kann ich Strelkow keinen Vorwurf machen. Ich habe aufmerksam gelesen, was er geschrieben hat, als er im März noch auf der Krim war. Strelkow hatte offensichtlich an eine Unterstützung durch Moskaus geglaubt. Hätte er gewusst, in welche Bedingungen er in Wirklichkeit geraten würde, hätte er niemanden reingeritten, umso mehr, als seine Mission ohne das Mitgefühl der Bevölkerung völlig sinnlos wäre.

Putin hat aber, das sei nochmal gesagt, anders entschieden. Die Entscheidung bedeutete: Blut und Albtraum für einen obskuren Deal mit den Europäern, für politischen Druck auf Kiew, und Gott weiß wofür noch einzusetzen; es bedeutete die Entscheidung, den Donbass nicht zu befreien, sondern es in einen Gazastreifen zu verwandeln, das ist ein Verbrechen. Die Strafe wird noch kommen.«

Dmitrij Olschankij in Facebook, 5 Juli 2014 Externer Link: https://www.facebook.com/spandaryan/posts/782661515088002

Ljudmila Petranowskaja: Der Abschied des Imperiums als Verlust

»Es ist interessant zu beobachten, wie das imperiale Bewusstsein der Russen all jene Stadien durchlebt, die für Verlusterfahrungen beschrieben werden.

Als die Sowjetunion zerfiel, ›hat keiner was kapiert‹. Es gab ja genug andere Probleme. Das heißt, der Schock durch den Zusammenbruch des Imperiums war mit dem Schock durch den Zusammenbruch von so vielen anderen Dingen verbunden, dass es schwierig war, diesen als gesonderten Zusammenbruch zu begreifen.

Vermutlich deshalb blieb man im nächsten Stadium stecken, in dem der Verleugnung. 23 Jahre lang.

Verleugnung ist all das: ›ja, wir sind in Wahrheit ein Volk‹, ›wir sind doch Brüder, was sollen wir da trennen?‹, ›Grenzen, das sind nur Festlegungen, die sich Politiker ausgedacht haben‹, ›Ihr seid ja verrückt: UNSERE Ukraine ein anderer Staat – wie kann das denn sein, wir haben doch zusammen im Krieg gekämpft!‹, ›Wie denn, spricht man dort nicht Russisch? WAS DENN SONST?‹ und so weiter.

[…]

Der erste Weckruf, der einen Teil der Russländer aus der Verleugnung gerissen hat, das war der Maidan 2004, als die Ukrainer sich zum ersten Mal als eine Bürgernation gemeldet haben. ›Mann, diese Ukrainer, die sind ja verrückt!‹: das war die Reaktion aus dem Norden. Beispiele einer unfreundlichen Haltung zum ›älteren Bruder‹ und dessen Einmischung in das politische Leben des Landes wurden von einem besorgten und misstrauischen: ›Warum denn? Sind die etwa von den Westerlingen bearbeitet worden? Sind die von Amerika gekauft?‹ begleitet. Ganz wie Eltern, die festgestellt haben, dass sie ihren pubertierenden Nachwuchs nicht mehr kontrollieren können, und dann üblicherweise mit einer Version von ›schlechter Gesellschaft‹ und ›Einfluss des Internets‹ ansetzen. Damals hat sich übrigens alles ziemlich schnell wieder gelegt. […]

Die Verleugnungsphase endete plötzlich, und wie das so ist, mit dem Maidan. Die Schutzmechanismen bebten in allen Nähten und brachen unter dem Andrang der Ereignisse zusammen. Was auch immer das Fernsehen verkünden mochte, man kam nicht umhin, die Fotos von Kundgebungen mit einer halben Million Teilnehmern zu sehen. Es ist nun unmöglich geworden, die Tatsache aus dem Bewusstsein zu verdrängen, dass die Menschen in den Kugelhagel gingen, etwas riskierten und starben – und wofür? Es wurde unmöglich, die Stimmen der eigenen ukrainischen Bekannten und Freunde zu ignorieren, die sagen: Ja, das ist UNSERE Wahl, ja, das ist UNSER Land.

Und hier wird die Verneinung von dem abgelöst, was normalerweise folgt, nämlich von Zorn, Wut, Protest, Hysterie. ›Wie könnt ihr es wagen? Ihr, die Unternation, das Unterland, dieser Missverständnis-Staat. Wir haben euch genährt, wir haben euch geliebt, wir haben euch für die UNSRIGEN gehalten, und ihr habt uns ins Gesicht gespuckt, Verräter‹. Wie ein Mantra wiederholt sich der Vorwurf: ›Ihr habt euer Land zerstört, auf euch warten Chaos und Bürgerkrieg‹, was in Wirklichkeit heißt: ›Ihr habt UNSERE Welt zerstört, auf UNS warten Desorientierung und Identitätskrise (denn was bedeutet Bürgerkrieg, wenn nicht ein äußerst akutes Auftreten einer Identitätskrise, eines inneren Konflikts einer Nation?)‹.

In dieser Zorn-Phase sind Menschen wenig angenehm und kaum zurechnungsfähig. Davon konnte sich in den letzten Monaten jeder, der es wollte (oder auch nicht), überzeugen. Sie sind ungerecht, ungeduldig, grausam, sie sehen die Fakten selektiv, sie haben Schmerz – und sie schleudern diesen Schmerz in die Welt zurück, ohne nachzudenken, wohin, und bei wem er ankommt.

[…]

Die nächste Phase, folgt man der Wissenschaft, ist die Depressions-Phase.

Hier dürften wirtschaftliche Faktoren im Einklang stehen, so leid es mir tut. Eine Depression in der Wirtschaft kann sich mit der Depression in der Bevölkerung überlagern. Es gibt eine Wahrscheinlichkeit, dass viele von denen, die sich zuvor in erregtem Zustand befunden hatten, zu trinken anfangen oder aus dem Leben scheiden wollen, oder einfach ihre Gesundheit aufgeben.

[…]

Auch die Bürger der Ukraine erleben in einem gewissen Maße einen Verlust. Das bisherige Weltbild war immerhin auf eigene Art bequem: Was sind wir denn, wir sind ein ruhiges Land am Rande, wir leben für uns und lassen andere leben, wir haben Häuschen, Mohn und Teigtaschen. Es waren bei weitem nicht alle Nationalisten, die Kampftänze lernen. Der Mehrheit fiel es schwer, das Zähnefletschen des »Großen Bruders« zu erleben und zu verarbeiten, einen neuen »Sammelpunkt« zu finden und zu begreifen, dass niemand kommt und für uns entscheidet, sondern dass wir selbst Zähne zusammenbeißen müssen, und dass es nicht mehr so weitergehen wird, ein stilles Land zwischen zwei Welten zu sein.

[…]

So oder so, wenn wir auf Russland zurückkommen, wird auch das vorbeigehen, nach der Depressions-Phase folgt endlich die Akzeptanz des Verlustes, die Annahme einer neuer Identität, eines neuen Lebensplans, was subjektiv als Wiedergeburt empfunden wird, als Gesundung nach einer schweren Krankheit, als Rückkehr von Interesse, Freude, des Glaubens an sich selbst, nun aber eines neuen Selbst, unter neuen Bedingungen.

Dann gibt es die Chance, dass sich Russland endlich vom Phantom des Imperiums verabschiedet und seinen eigenen Weg eines normalen, starken, gesunden Landes einschlagen wird. Eines jungen Landes, eines ganz jungen Landes.[…]«

Ljudmila Petranowskaja in Livejournal, 7. Juli 2014 Externer Link: http://ludmilapsyholog.livejournal.com/236689.html

Viktor Jerofejew: »Wir sind aller-aller-aller-«

»Wir sind aller-aller-aller-. Und weil wir aller-aller-aller- sind, ist unser Volk das allerzerteilteste Volk auf der Erde. In der Neueren Geschichte haben wir zwei Werte-Katastrophen erlebt. Zwei Mal in den letzten hundert Jahren sind unsere Vorstellungen über das Gute und das Böse in alle Richtungen auseinander geflogen. Das erste Mal, das war im November 1917. Der revolutionäre Umsturz sprengte unsere traditionelle Axiologie in die Luft. Die war zwar nicht vollkommen gewesen, aber höchst organisch.

Siebzig Jahre lang wurde dann ein neues Wertesystem errichtet, 1991 ist auch das zusammengebrochen. Die einen hatten es nicht angenommen, die anderen konnten ohne es nicht leben; nachdem es aber auseinandergeflogen war, stellte sich heraus, dass wir in einem Eismeer der zerbrochenen Werte schwimmen.

Wir mussten dann irgendwie überleben. Jeder überlebte auf eigene Art und Weise. Jeder schnappte irgendwelche Werte auf, zufällige, aufgetragene, durchdachte oder sinnlose; bei jedem so, wie es gerade ging. Manche Werte wurden der Familie entnommen, manche den Büchern, andere von der Straße, aus der Gasse. Werte aus dem Gefängnis, aus der Schule, von überall her ein bisschen.

So kommt es, dass jeder von uns seinen Wertebeutel hat, und die Werte wie kunterbunte Murmeln in diesem Beutel stecken. Wir stehen da, halten diese Beutel in unseren Händen, und die Murmeln stimmen bei uns nicht überein. Die einen haben diese Sammlung von Werten, die anderen eine ähnliche, die aber doch anders ist, und andere wiederum eine Sammlung, wo aber auch gar nichts ähnelt.

Prozente. Wir bestehen aus Prozenten. Manche haben 70 % imperiale Murmeln, der Rest ist Gleichgültigkeit, andere haben 55 % demokratische Werte, um orthodoxe ergänzt; manche haben einen hohen Anteil stalinscher Werte, andere wiederum Werte der Westler, dann gibt es welche, da flattern alle möglichen Bändchen im Kopf und dazu noch allerlei Murmeln aus Patriotismus, Egoismus, Hedonismus, Ehrgeiz, heiliger Rache, gar eines gewissen Sadismus. Und es gibt da Murmeln der Aufopferung und wiederum der Gleichgültigkeit. […]«

Viktor Jerofejew bei snob.ru, 14. Juli 2014 Externer Link: http://www.snob.ru/selected/entry/78535

Andrej Archangelskij: Wärter des Toten

»Alles ist logisch. Wenn in 20 Jahren in Russland keine neue, offiziell anerkannte und geförderte, den neuen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen angepasste Ideologie entstanden ist, wie etwa ›verdiene dein Glück durch eigene Leistung‹ oder ›nicht lügen, nicht klauen‹, dann entsteht ein Vakuum. Wenn an diese Stelle (eben weil es ›da etwas geben muss‹) langsam, behutsam und dann ganz offen sowjetische Ideologie platziert wird, und das vor allem auf der ästhetischen und ethischen Ebene, nach dem Motto ›wir lieben die Vergangenheit, wir rühmen die Heldentaten unserer Väter‹. Niemand sagt euch direkt, ›wir kehren in die UdSSR zurück‹, es geschieht irgendwie indirekt und mittelbar… Dann ergibt sich in Wirklichkeit Folgendes: Wir leben in gestriger, toter Idee, einer düsteren, ineffektiven und nicht zu realisierenden Idee. Aber wir leben? Es gibt ja nichts anderes?… Und wenn dem so ist, werden entsprechende Phantome geboren. Erscheinen Adepten des Toten. Werden Hüter des Toten geboren. Gläubige des Toten. Junge Anhänger des Toten. Der Kult des Toten in unserer Patriotik hat genau hier seinen Ursprung. […]«

Andrej Archangelskij auf Facebook, 1. Juli 2014 Externer Link: http://besttoday.ru/read/6727.html

Ausgewählt und zusammengefasst von Sergey Medvedev, Berlin (Die Blogs, auf die verwiesen wird, sind in russischer Sprache verfasst)

Fussnoten