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Anhaltende Zunahme der Ungleichheit

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Anhaltende Zunahme der Ungleichheit

Gerhard Bäcker Ernst Kistler

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Verfolgt man die Einkommensverteilung auf der Basis der Nettoäquivalenzeinkommen über einen längerfristigen Zeitraum hinweg, zeigt sich ein deutliches Bild: Die Ungleichverteilung hat zugenommen. Was ergibt sich daraus für die Einkommen am unteren und oberen Ende der Hierarchie?

Sozialticket der Verkehrsbetriebe in Dortmund. Langfristig ist die Einkommensungleichheit in Deutschland größer geworden − darin sind sich praktisch alle Beobachter (bzw. Datengrundlagen) einig. (© picture-alliance, chromorange)

Wie hat sich die Einkommensverteilung in der längeren Perspektive, d. h. in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Wie sieht die aktuelle, kurzfristige Entwicklung aus? Auf diese Fragen gibt es auf den ersten Blick relativ einfache Antworten. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass solche einfachen Antworten eigentlich gar nicht möglich sind.

Langfristig ist die Einkommensungleichheit in Deutschland größer geworden − darin sind sich praktisch alle Beobachter (bzw. Datengrundlagen) einig. So zeigt die Abbildung "Anteile von Beziehern geringer, mittlerer und höherer Nettoäquivalenzeinkommen 1985 bis 2016", dass der Anteil der Bevölkerung mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von weniger als der Hälfte des Durchschnitts (hier: arithmetisches Mittel) zwischen 1985 und 2014 von 9,0 auf 12,4 Prozent zugenommen hat. 2016 ist allerdings ein Rückgang auf 8,3 Prozent sichtbar. Auch die zweitunterste Gruppe mit 50 bis 75 Prozent des Durchschnitts ist größer geworden. Kleiner geworden sind dagegen die mittleren Kategorien. Die Anteile der beiden obersten Einkommensgruppen, oberhalb von 150 Prozent des Durchschnitts, haben hingegen von 10,4 auf 13,5 Prozent zugenommen.

Schichtung der Bevölkerung nach relativen Einkommenspositionen 1985–2016 (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), das Verteilungsprobleme eher relativiert unterstreicht diesen langfristigen Trend. "Wie in vielen anderen Industrienationen, hat Ende der neunziger Jahre bis etwa 2005 die Einkommensungleichheit in Deutschland zugenommen − das gilt sowohl für die Markteinkommen vor staatlicher Umverteilung, als auch für die Nettoeinkommen. Seit 2005 zeigt sich allerdings eine Trendumkehr −, die Ungleichheit bleibt annähernd stabil .

Auf Basis des SOEP legten Grabka und Goebel im Frühjahr 2020 eine entsprechende Analyse zur Entwicklung des verfügbaren Haushaltseinkommens (Äquivalenzeinkommen) nach Dezilen vor, die den Zeitraum 2005 bis 2017 umfasst (vgl. Abbildung "Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen nach Dezilen"). Dargestellt ist diese Entwicklung als Indexzahlen für jedes Dezil mit dem Basisjahr 2000.

Entwicklung der verfügbaren Haushaltseinkommen nach Dezilen 2000 - 2017 (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Grabka und Goebel kommentieren die Abbildung so: "Im obersten Dezil sind die Realeinkommen bis 2007 überdurchschnittlich gestiegen, um anschließend etwas schwächer zu wachsen. Ab 2014 setzt auch hier wieder ein stärkerer Anstieg ein. Am aktuellen Rand sind damit im obersten Dezil die Einkommen real rund 22 Prozent höher als noch im Jahr 2000. Die Zuwächse in den darunter liegenden Dezilen summieren sich auf rund 13 Prozent für die Dezile sieben, acht und neun, in der Mitte der Verteilung (fünftes Dezil) auf immerhin knapp zehn Prozent und im dritten Dezil noch bei vier Prozent. Das unterste Dezil liegt seit dem Jahr 2000 als einziges im Minus mit vier Prozent. Ein Grund für die schwache Entwicklung im ersten Dezil ist neben der Arbeitsmarkt- und Rentenentwicklung in den frühen 2000er Jahren, dass in dieses Dezil viele Neuzugewanderte gerückt sind".

Aus gleicher Quelle stammt die Abbildung "Ungleichheit der Haushaltsmarkt- und verfügbaren Haushaltseinkommen 2000 bis 2017" mit den Gini-Koeffizienten für beide bedarfsgewichteten Einkommensgrößen in den Jahren 2000 bis 2017. In den beiden Darstellungen sind auch die Konfidenzbereiche für das "statistische Rauschen" (Vertrauensintervalle für den Stichprobenfehler) markiert.

Ungleichheit der Haushaltsmarkt- und verfügbaren Haushaltseinkommen 2000 - 2017 (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Für beide Gini-Koeffizienten ist eine Steigerung der Ungleichheit über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg unbestreitbar. Allerdings kann für den Vergleich der Jahre 2005 und 2017 nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob der Gini-Koeffizient, d.h. die Ungleichheit wirklich steigt, gleich bleibt oder sinkt. Eine Trendgerade innerhalb der Ober- und Untergrenzen der Vertrauensintervalle kann rein theoretisch in allen drei Formen verlaufen. Allerdings ist eine solche Abweichung in solcher extremer Art sehr unwahrscheinlich. Die Ungleichheit der verfügbaren (bedarfsgewichteten) Haushaltseinkommen hat im Vergleich auch der Jahre 2005 und 2017 zugenommen! Das gilt noch viel deutlicher für den längeren Betrachtungszeitraum 1991 bis 2016 (vgl. Abbildung "Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushaltseinkommen 1991 bis 2016").

Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushaltseinkommen 1991–2016 (Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Ungleichheit ist in Deutschland in den letzten 3 Jahrzehnten deutlich größer geworden! Und: Sie verfestigt sich offensichtlich (vgl. "Interner Link: Erosion der Mittelschicht?"). Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der Blick auf die Persistenz der Ungleichheit im Lebenszyklus und über Generationen hinweg, wozu der Sachverständigenrat für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in seinem Jahresgutachten 2019/20 z.B. feststellt: "… dass die intragenerationelle Mobilität sich nicht deutlich verschlechtert hat. Die intragenerationelle Mobilität, also der Anteil der Kinder mit höherem Einkommen als ihre Eltern, ist in Deutschland jedoch stark gesunken" .

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Beznoska u.a. 2016.

  2. Hüther 2016, S. 7.

  3. Grabka/Goebel 2020, S. 320.

  4. SVR 2019, S.332.

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Weitere Inhalte

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.