Denkmal für die Berliner Mauer

6.8.2010 | Von:
Thorsten Kalina / Claudia Weinkopf

Der Niedriglohnsektor in Ost- und Westdeutschland

Anteil der Niedriglohnbeschäftigten nach aggregierten Wirtschaftsgruppen.Anteil der Niedriglohnbeschäftigten nach aggregierten Wirtschaftsgruppen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Bezieht man Teilzeitbeschäftigte in die Analyse mit ein, so zeigt sich, dass gut 86 Prozent aller Minijobber/innen von Niedriglöhnen betroffen sind. Knapp die Hälfte aller Niedriglohnbeschäftigten (47 Prozent) arbeitet allerdings in Vollzeit. Insgesamt konzentrieren sich Niedriglöhne also nicht auf den Bereich atypischer Beschäftigungsformen, sondern betreffen häufig qualifizierte Erwerbstätige mittleren Alters in Vollzeitbeschäftigung und damit den Kernbereich des deutschen Beschäftigungssystems.

Besonders im Gastgewerbe, in privaten Haushalten und bei sonstigen Dienstleistungen (unter anderem Wäschereien und Friseursalons) ist mit über 70 Prozent ein Großteil der Beschäftigten zu Niedriglöhnen tätig (vgl. Diagramm "Anteil der Niedriglohnbeschäftigten nach aggregierten Wirtschaftsgruppen"). Weitere Branchen mit hohen Niedriglohnanteilen sind die Landwirtschaft, die Nahrungs- und Genussmittelherstellung, der Einzelhandel und die unternehmensnahen Dienstleistungen (unter anderem das Reinigungsgewerbe und Zeitarbeit). Mit Ausnahme des Reinigungsgewerbes, der Großwäschereien und der Zeitarbeit gibt es keine Bestrebungen, der geringen Entlohnung durch branchenbezogene Mindestlöhne entgegenzuwirken.

Die Chancen, aus dem Niedriglohnbereich in besser bezahlte Beschäftigungsverhältnisse aufzusteigen, sind sehr gering und haben sich im Zeitverlauf noch verschlechtert. Ende der 80er Jahre gelang es immerhin noch über 18 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten im nächstfolgenden Jahr einen besser entlohnten Job zu finden. Zwischen 2005 und 2006 gelang dies nur noch 10,5 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten. [2] Die Chancen, aus dem Niedriglohnsektor aufzusteigen, sind in Ostdeutschland etwas schlechter als in Westdeutschland. Niedriglohnjobs dienen nicht als Einstieg in besser bezahlte Tätigkeiten. Viel häufiger sind Wechsel zwischen Niedriglohnbeschäftigung, Arbeitslosigkeit und Nicht-Erwerbstätigkeit (vgl. Kalina 2008).


Niedriglohnschwellen und Anteile von Niedriglohnbeschäftigten (Vollzeit) im Jahr 2007
Variante I: Einheitliche Niedriglohn-
schwelle
Variante II: Separate Ost-West-
Berechnung
Niedriglohnschwelle
(zwei Drittel des Medians, Vollzeit brutto)
1.715 € Westdeutschland: 1.799 €
Ostdeutschland: 1.331 €
Niedriglohn-
anteil
Westdeutschland 17,4 % 19,5 %
Ostdeutschland 38,0 % 20,1 %
Deutschland gesamt 21,2 % 19,6 %
Quelle: BA-Beschäftigtenpanel, IAQ-Berechnungen


Literaturhinweise

  • Bosch, Gerhard/Kalina, Thorsten (2007): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland – Zahlen, Fakten, Ursachen. In: Bosch, Gerhard/Weinkopf, Claudia (Hg.): Arbeiten für wenig Geld: Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland. Frankfurt: Campus, S. 20-105.
  • Institut für Wirtschaftsforschung Halle (2009): Ostdeutschlands Transformation seit 1990 im Spiegel wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren (IWH 1/2009, Sonderheft).
  • Kalina, Thorsten (2008): Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland: Sprungbrett oder Sackgasse? In: Arbeit 17, S. 21-37.
  • Kalina, Thorsten/Weinkopf, Claudia (2006): Mindestens sechs Millionen Niedriglohnbeschäftigte in Deutschland: Welche Rolle spielen Teilzeitarbeit und Minijobs? IAT-Report 2006-03. Gelsenkirchen.
  • Kalina, Thorsten/Weinkopf, Claudia (2008a): Konzentriert sich die steigende Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland auf atypisch Beschäftigte? In: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung 4, S. 447-469.
  • Kalina, Thorsten/Weinkopf, Claudia (2008b): Weitere Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung: 2006 bereits rund 6,5 Millionen Beschäftigte betroffen. IAQ-Report 2008-01. Gelsenkirchen.

Fußnoten

2.
Diese Langfristbetrachtung bezieht sich nur auf Westdeutschland.
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