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Gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziales Vertrauen im vereinten Deutschland

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Gesellschaftlicher Zusammenhalt und soziales Vertrauen im vereinten Deutschland

Kai Unzicker

/ 13 Minuten zu lesen

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Voraussetzungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in West- und Ostdeutschland noch immer unterschiedlich. Das Vertrauen in politische Institutionen, aber auch das zwischenmenschliche Vertrauen ist im Osten nach wie vor geringer ausgeprägt als im Westen.

Wie steht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ost- und Westdeutschland? (© picture-alliance, Zoonar | Robert Kneschke)

Wandel, Krise und Zusammenhalt

Kaum etwas wird in politischen Reden so regelmäßig beschworen wie der gesellschaftliche Zusammenhalt. Damit erweist er sich als kostbares, aber keineswegs selbstverständliches und offenbar gefährdetes Gut. Gefragt danach, wie sie den Zusammenhalt in Deutschland einschätzen, äußern sich viele Bürger:innen tatsächlich eher pessimistisch . Dafür gibt es eine Reihe möglicher Gründe: So hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur die deutsche Gesellschaft, sondern die ganze Welt tiefgreifend verändert – und die Veränderungsdynamik nimmt zu. Die Digitalisierung hat fast alle Lebensbereiche, insbesondere aber die Arbeits- und Medienwelt, umgekrempelt. Mit der fortschreitenden Globalisierung haben sich die politische und wirtschaftliche Rolle Deutschlands in der Welt und unser gesellschaftliches Selbstverständnis verändert. Ordnungsvorstellungen sind in Bewegung geraten und rütteln an tiefsitzenden Überzeugungen. Das zeigt sich etwa in der Auseinandersetzung um Einwanderung, kulturelle Vielfalt oder Geschlechterrollen und sexuelle Identitäten.

Diese Veränderungsdynamiken werden darüber hinaus von globalen Krisenphänomenen begleitet – über die Finanz- und Wirtschaftskrise, die anhaltende Flucht vor Krieg und Armut bis hin zur Corona-Pandemie und dem Klimawandel. All das beeinflusst die Art und Weise, wie wir leben, ganz konkret. Umbrüche bergen Chancen, aber sie gehen auch mit Ängsten einher und wecken das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Damit wächst – einerlei, ob berechtigt oder nicht – die Sorge um den Zusammenhalt.

Im einst über 40 Jahre geteilten Deutschland stellt sich diese heute so aktuelle Frage nach dem Zusammenhalt aber noch einmal auf andere Weise. Hier bewegt Politik und Bürger:innen seit dem Jahr der staatlichen Wiedervereinigung 1990 die noch ausstehende "innere Einheit". Gemeint ist damit die Angleichung der Lebensverhältnisse, aber auch die emotionale Verbindung und Verbundenheit von Ost und West. Der gelebte gesellschaftliche Zusammenhalt ist insofern auch ein Indikator für eine erfolgreich vollzogene Einheit Deutschlands.

All das ist Anlass genug, einen genaueren Blick auf die Unterschiede beim gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen Ost- und Westdeutschland in den letzten 30 Jahren zu werfen. Dazu soll dieser Beitrag dienen. Neben einzelnen Studien liegen diesem hauptsächlich eigene Berechnungen anhand von drei Datenquellen zugrunde, um die Entwicklung und den Zustand des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu beschreiben. Zur Darstellung von langfristigen Zeitreihen von 1991 bis 2018 wird der kumulierte Datensatz der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS verwendet (GESIS 2020). Für die Betrachtung der aktuelleren Veränderungen dienen die Daten des "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" der Bertelsmann Stiftung für 2017 (Unzicker und Boehnke 2019) beziehungsweise 2020 (Bertelsmann Stiftung/Infas 2020). Im Text wird auf die unterschiedlichen Datenquellen fortan nur noch als ALLBUS und RADAR verwiesen.

Ostdeutsche nehmen den Zusammenhalt als schwächer wahr

Schaut man sich die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschlands im Jahr 2020 genauer an, so fällt ein Befund ins Auge: Aus der insgesamt eher pessimistischen Einschätzung sticht die Bewertung in Ostdeutschland hervor. 46 Prozent der Menschen sind dort der Auffassung, der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland sei schlecht . Eine Mehrheit (54 Prozent) hat laut RADAR den Eindruck, er sei gefährdet. Im Westen ist der Anteil derer, die so denken, jeweils um 10 Prozentpunkte geringer.

In dieser Wahrnehmung spiegelt sich vermutlich der Eindruck vieler Ostdeutscher wider, trotz aller Fortschritte und Erfolge der letzten drei Jahrzehnte weiterhin benachteiligt und unterrepräsentiert zu sein . Über 80 Prozent von ihnen sagen, dass die Menschen im Osten nach der Wiedervereinigung oft unfair behandelt wurden, und fast 60 Prozent fühlen sich auch heute noch als Bürger zweiter Klasse .

Diese Aussagen erscheinen zumindest auf den ersten Blick nicht als die besten Voraussetzungen für einen starken gesamtdeutschen Zusammenhalt. Kleinräumig, d.h. im eigenen Lebensumfeld, ähneln sich die Erfahrungen in Ost und West aber deutlich mehr: Dass der Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend eher gut oder sogar sehr gut sei, sagen in beiden Landesteilen etwa 70 Prozent der Befragten (RADAR).

Was ist gesellschaftlicher Zusammenhalt? - Vorschlag einer Definition

Zu berücksichtigen gilt es bei der direkt gestellten Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass die Antworten nur ein diffuses Stimmungsbild in der Bevölkerung wiedergeben können. Unklar bleibt dabei, was genau die Menschen unter Zusammenhalt verstehen und ob sie über den eigenen persönlichen Erfahrungshorizont hinaus überhaupt imstande sind, mehr als nur eine allgemeine Stimmungslage auszudrücken. Um die zeitliche Entwicklung des wahrgenommenen Zusammenhalts seit der Wiedervereinigung und die Unterschiede zwischen Ost und West objektiver zu fassen, ist es daher notwendig, zunächst den Begriff gesellschaftlicher Zusammenhalt genauer zu bestimmen.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung dazu steckt trotz aller öffentlichen Debatten noch in den Kinderschuhen. Gleichwohl kann an eine Reihe von älteren Forschungstraditionen angeschlossen werden . Hier lassen sich drei Aspekte identifizieren, die den Kern dessen ausmachen, was man als gesellschaftlichen Zusammenhalt bezeichnen kann , und diese sollen hier im Folgenden als Rahmen dienen:

Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird verstanden als ein graduelles, mehrdimensionales Merkmal eines Gemeinwesens. Die verschiedenen Dimensionen von Zusammenhalt lassen sich zu drei größeren Bereichen bündeln: Es geht erstens darum, wie stabil, vertrauensvoll und offen für Diversität die Beziehungen der Menschen in der Gesellschaft zueinander sind. Zweitens geht es darum, wie sehr sich die Menschen mit dem Gemeinwesen identifizieren, wie sehr sie den Institutionen vertrauen, die das Gemeinwesen repräsentieren, und ob sie die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen als gerecht empfinden. Drittens ist für den Zusammenhalt bedeutsam, ob die Menschen sich solidarisch und hilfsbereit verhalten, Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen und dabei soziale Regeln akzeptieren. Diese drei Bereiche lassen sich wiederum in jeweils weitere Teildimensionen aufgliedern (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Bereiche und Dimensionen von Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Soziale BeziehungenVerbundenheitGemeinwohlorientierung
Soziale NetzeVertrauen in MitmenschenAkzeptanz von DiversitätIdentifikationVertrauen in InstitutionenGerechtigkeits-empfindenSolidarität und HilfsbereitschaftAnerkennung sozialer RegelnGesellschaftliche Teilhabe

Quelle: Bertelsmann Stiftung 2020, S. 14

In Ostdeutschland ist der Zusammenhalt im Zeitverlauf kontinuierlich geringer

In einer Reihe von Studien hat die Bertelsmann Stiftung die in Tabelle 1 genannten Teildimensionen von gesellschaftlichem Zusammenhalt untersucht und dabei einen Zeitraum von 1990 bis 2020 abgedeckt . In diesen Studien wurden jeweils mehrere Indikatoren (einzelne Fragen in einem Fragebogen) für jede der untersuchten Dimensionen herangezogen. Sie wurden zu einzelnen Indexwerten sowie einem Gesamtindex zusammengefasst (die jeweils Werte von 0 bis 100 annehmen können). Vergleicht man zunächst die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland nur anhand der Dimensionswerte, wird über den gesamten Zeitraum hinweg ein systematischer Ost-West-Unterschied erkennbar: Seit 1990 schneiden die ostdeutschen Bundesländer sowohl in der Mehrheit der Teildimensionen als auch im Gesamtindex schlechter ab als die westdeutschen Bundesländer. Die Unterschiede fallen nicht übermäßig groß aus, sie werden aber im Zeitverlauf auch nicht kleiner. Das liegt hauptsächlich daran, dass der Zusammenhalt in einigen westdeutschen Bundesländern über die Jahre stärker zunimmt als in den ostdeutschen Bundesländern .

Nicht in allen Dimensionen treten die Unterschiede gleich deutlich hervor

Die Unterschiede zwischen den ostdeutschen und westdeutschen Bundesländern sind nicht in allen Teildimensionen gleich stark ausgeprägt. Anhand der Indexwerte des RADAR im Jahr 2020 (siehe Tabelle 2) lässt sich ein grober Überblick über die Differenzen geben. Dabei fällt beispielsweise auf, dass Sachsen in allen neun Dimensionen und Thüringen sowie Brandenburg in acht von neun Dimensionen knapp unter dem Durchschnittswert für Gesamtdeutschland liegen. Nur jeweils bei der gesellschaftlichen Teilhabe, worunter insbesondere die politische Partizipation fällt, liegen diese beiden Länder über dem Bundesdurchschnitt. Sachsen-Anhalt liegt in vier und Mecklenburg-Vorpommern sogar nur bei drei Dimensionen unterhalb des Durchschnitts, dabei aber zum Teil mit besonders großem Abstand.

Tabelle 2: Gesamtindex und Indexwerte für die Teildimensionen von Zusammenhalt 2020 nach Bundesländern

Indexwerte für die Teildimensionen und den Gesamtindex in 2020 für Deutschland insgesamt und die Bundesländer. Die Werte sind auf einer Skala von 0 – 100 abgetragen. Bundesländerwerte, die unterhalb des Durchschnittswerts für Deutschland liegen, sind fett dargestellt (Brand et al 2020: 30).
DimensionenSoziale NetzeVertrauen in MitmenschenAkzeptanz von DiversitätIdentifikationVertrauen in InstitutionenGerechtigkeits-empfin­denSolidarität und HilfsbereitschaftAnerkennung sozialer RegelnGesellschaftliche TeilhabeGesamtindex
Deutschland71568276514148475061
Westdeutschland
Baden-Württemberg73558075524246775161
Bayern71578279534153795163
Berlin70568671503945634959
Bremen61508667483744564555
Hamburg71558375513845724760
Hessen74598574564346755062
Niedersachsen76568075504049735161
Nordrhein-Westfalen69548075514447725061
Rheinland-Pfalz75588576504250765263
Saarland74558283523450834963
Schleswig-Hostein68588381544449805363
Ostdeutsche Bundesländer
Brandenburg67547673443746665157
Mecklenburg-Vorpommern72557586513351805061
Sachsen69547874473646674657
Sachsen-Anhalt71537480514542754560
Thüringen69567376463743705258

In der Gesamtschau über die einzelnen Dimensionen von Zusammenhalt hinweg lässt sich zweierlei feststellen: In den Dimensionen soziale Netze, Identifikation, Anerkennung sozialer Regeln, gesellschaftliche Teilhabe und – mit Abstrichen – Solidarität und Hilfsbereitschaft unterscheiden sich die ostdeutschen und die westdeutschen Bundesländer relativ wenig voneinander. Beim Vertrauen in Mitmenschen, Vertrauen in Institutionen, Gerechtigkeitsempfinden und der Akzeptanz von Diversität sind die Unterschiede deutlicher. Diese letzten vier Dimensionen sollen daher im Folgenden etwas genauer im Zeitverlauf und anhand von einzelnen Indikatoren betrachtet werden.

Das Vertrauen in die Mitmenschen wächst

In modernen Gesellschaften, in denen man nicht mehr jede Person, der man im Alltag begegnet, persönlich kennt, ist Vertrauen eine wichtige Ressource zur "Reduktion von Komplexität", wie es der Soziologe Niklas Luhmann genannt hat . Wer nicht vertraut, hat ein ungleich größeres Bedürfnis nach Kontrolle und Absicherung. Um miteinander – vor allem mit (noch) unbekannten Menschen – erfolgreich zu interagieren, ist daher ein gewisses Maß an sozialem Vertrauen notwendig.

Ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung sagten noch doppelt so viele Westdeutsche (21 Prozent) wie Ostdeutsche (10 Prozent), man könne den meisten Menschen vertrauen (ALLBUS). Im Laufe der Zeit schwankten die Werte zwar von Befragung zu Befragung etwas, jedoch gibt es zwei eindeutige Trends: Das Vertrauen ist in beiden Landesteilen gewachsen und die Werte haben sich einander angenähert. In der jüngsten ALLBUS-Befragung von 2018 sagen 21 Prozent der Ostdeutschen und 26 Prozent der Westdeutschen, man könne den meisten Menschen vertrauen. Auch beim RADAR findet sich dieser Trend für den Zeitraum von 2017 bis 2020: Besonders deutlich zeigt er sich bei der Zustimmung zu der Aussage "Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen gute Absichten haben". 2020 sind in Westdeutschland 51 Prozent und in Ostdeutschland 44 Prozent der Befragten dieser Meinung, was jeweils ein Plus von rund 10 Prozentpunkten seit 2017 darstellt. Die ostdeutschen Bundesländer mit ihren etwas geringeren Vertrauenswerten passen in das europäische Gesamtbild. In Skandinavien und Westeuropa fallen diese Werte insgesamt höher aus, in den vormals sozialistischen Staaten Osteuropas sind sie geringer, ebenso wie in einigen südeuropäischen Ländern . Womöglich haben sich sowohl die Erfahrungen des Lebens im Sozialismus, das in der DDR mit dem Überwachungssystem der Stasi einherging, als auch die Umwälzungen während des Transformationsprozesses ab 1989 negativ auf das generalisierte Vertrauen ausgewirkt.

Das Vertrauen in Institutionen nimmt zu

Gesellschaftliche und politische Stabilität sind davon abhängig, dass die politischen Institutionen zumindest in einem gewissen Maß von der Bevölkerung unterstützt werden. Dauerhaftes und tiefgreifendes Misstrauen gegenüber politischen Akteur:innen und Institutionen stellt umgekehrt eine schwere Belastung für demokratische Systeme dar . Naheliegend ist, dass ein gewachsenes Misstrauen gegenüber den Institutionen einer Diktatur auch danach eher eine skeptische oder distanzierte Haltung gegenüber den Institutionen des nun demokratischen Staates befördert.

Abbildung 1: Vertrauen in Institutionen im Zeitverlauf. (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Bei den Institutionen, die für den Zusammenhalt eine Rolle spielen, handelt es sich zum einen um politische Institutionen wie Regierungen und Parlamente, aber auch die politischen Parteien. Zum anderen gehören dazu regulative Institutionen wie die Justiz, die Polizei oder auch die öffentliche Verwaltung. Betrachtet man nun in den ALLBUS-Zeitreihen über die Jahre 1994 bis 2018 die Entwicklung des Vertrauens in Justiz, Polizei, Bundesregierung und Bundestag, so fallen vier Dinge ins Auge: Zu allen Befragungszeitpunkten wird den regulativen Institutionen (Polizei und Justiz) in Ost wie in West ein deutlich größeres Vertrauen entgegengebracht als den politischen Institutionen (Bundesregierung und Bundestag). Außerdem ist zu allen Zeitpunkten das Institutionenvertrauen in Westdeutschland stärker ausgeprägt als in Ostdeutschland. Zudem wird deutlich, dass das Vertrauen in alle vier betrachteten Institutionen im untersuchten Zeitraum in Ost wie West ansteigt. Außerdem hat sich der Abstand bei den Vertrauenswerten zwischen Ost- und Westdeutschland verringert. Besonders deutlich wird dies beim starken Anstieg des Vertrauens in Polizei und Justiz zwischen 1994 und 2000 in Ostdeutschland. War das Bild dieser Institutionen anfangs vermutlich noch stark von den Erfahrungen in der DDR und durch Enthüllungen in der Wendezeit geprägt, veränderte sich dies bereits in den ersten zehn Jahren nach der Wende deutlich.

Vielfalt wird zunehmend akzeptiert

Von wesentlicher Bedeutung für das soziale Miteinander in modernen Einwanderungsgesellschaften ist der Umgang mit Diversität. Sie kommt zum Ausdruck in einer zunehmenden Zahl von Menschen mit Migrationsgeschichte, einer größeren religiösen Pluralität und nicht zuletzt einer Vielfalt von Geschlechtervorstellungen und sexuellen Identitäten. Ein Zusammenhalt, der jedoch nur Verbindungen zwischen denen stiftet, die einander ähnlich sind, würde zu einer Fragmentierung der Gesellschaft führen. Eine vielfältige Gesellschaft braucht daher den Zusammenhalt der Unterschiedlichen – das sogenannte brückenbildende Sozialkapital, wie es Robert Putnam (2000) nennt. Für einen inklusiven Zusammenhalt ist ein gewisses Maß an Akzeptanz von Diversität daher unabdingbar.

Die kontroversen Debatten der letzten Jahre – etwa zur Einwanderungspolitik oder zur "Gender-Sprache" – vermitteln zunächst den Eindruck, dass es mit der Akzeptanz von Diversität in Deutschland nicht allzu weit her sei. Aber auch eine andere Interpretation ist möglich: So lassen sich diese Auseinandersetzungen im Sinne des "Integrationsparadoxes" deuten, das der Soziologe Aladin El-Mafalaani beschrieben hat . Demnach führt ein Zugewinn gesellschaftlicher Teilhabe zuvor benachteiligter und marginalisierter Gruppen zu einer Zunahme von Interessen-, Verteilungs- und Identitätskonflikten. Diese Konfliktlagen sind daher zunächst ein positives Zeichen, weil sie zeigen, dass jetzt diejenigen mit am Tisch sitzen und mitdiskutieren, die zuvor ausgeschlossen waren.

Tatsächlich belegen die vorliegenden empirischen Daten, dass die Offenheit für Vielfalt in den letzten Jahrzehnten trotz aller Debatten und Aufgeregtheiten eher zu- als abgenommen hat. So sind 2018 laut der ALLBUS-Daten weniger Menschen der Meinung, die Bundesrepublik sei "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet" als noch 2008. Die Leipziger Mitte-Studien machen für den Zeitraum von 2002 bis 2020 zwar einen wechselhaften Verlauf des Bevölkerungsanteils mit manifesten ausländerfeindlichen Einstellungen deutlich, insgesamt schrumpft diese Gruppe jedoch von rund 27 Prozent der Gesamtbevölkerung auf 17 Prozent . Dazu passen die Daten des RADAR, die zeigen, dass zwischen 2017 und 2020 Vielfalt seltener als Bedrohung und häufiger als Bereicherung angesehen wird. Alle drei Erhebungen lassen aber erkennen, dass in Ostdeutschland die Offenheit für Vielfalt weniger ausgeprägt ist als in Westdeutschland. In der Leipziger Mitte-Studie von 2020 stimmen beispielsweise über 38 Prozent der Ostdeutschen, aber nur 23 Prozent der Westdeutschen der oben erwähnten Aussage zu, Deutschland sei überfremdet.

Die beiden Positionen – Vielfalt als Bereicherung einerseits und als Zeichen einer gefährlichen Überfremdung andererseits – markieren die Randpositionen bei der Akzeptanz von Diversität. Etwas neutraler ist die Frage danach, ob man Menschen mit bestimmten Eigenschaften ungern als Nachbarn haben würde. Und auch hier zeigt sich ein Trend zu größerer Toleranz und Offenheit: Egal, ob es dabei um Homosexuelle, Menschen mit einer anderen Religion oder um Ausländer:innen und Migrant:innen geht, im Zeitverlauf sinkt der Anteil derjenigen, die diese Gruppen in ihrer Nachbarschaft ablehnen. Deutlich ist aber auch in diesem Fall, vor allem im Hinblick auf Menschen anderer Religion, Ausländer:innen und Migrant:innen, dass die Offenheit in Westdeutschland größer ist als in Ostdeutschland (siehe Tabelle 3).

Tabelle 3: Akzeptanz von Diversität in der Nachbarschaft

Anmerkungen: Eigene Berechnungen auf Basis des RADAR, Angaben in Prozent.
OstdeutschlandWestdeutschland
Ungern als Nachbarn ...2017202020172020
... Ausländer und Migranten33,525,51915,6
... Menschen mit einer anderen Religion19,813,7119,2
... Homosexuelle13,68,6127,1

Viele West- wie Ostdeutsche empfinden die Gesellschaft als ungerecht

Für viele Menschen in Ostdeutschland waren insbesondere die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung von zum Teil dramatischen biografischen Um- und Abbrüchen geprägt. Daher ist der längerfristige Prozess der deutschen Wiedervereinigung mit Gerechtigkeitsfragen eng verbunden, und der Blick darauf lohnt sich hier besonders. Wenig verwunderlich ist, dass unmittelbar nach dem Vollzug der Einheit in den ostdeutschen Ländern die gerechte Verteilung eher kritisch gesehen wurde. 1991 gab eine überwältigende Mehrheit der Ostdeutschen (83 Prozent) an, dass sie sehr viel weniger oder etwas weniger als den gerechten Anteil am Lebensstandard erhalte (ALLBUS). In Westdeutschland vertraten gerade einmal 27 Prozent der Menschen diese Auffassung. Umgekehrt war rund die Hälfte der Westdeutschen der Meinung, die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft seien gerecht, während dies von den Ostdeutschen nur 15 Prozent sagten.

Abbildung 2: Gerechtigkeitsempfinden in Ost- und Westdeutschland im Zeitvergleich. (Interner Link: Grafik zum Download) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Im Zeitverlauf haben sich diese Werte einander angenähert. In Westdeutschland empfinden heute weniger Menschen als vor 30 Jahren die Bedingungen, unter denen sie leben, als gerecht. Im Osten sind es hingegen etwas mehr geworden. Gleichwohl empfinden die Westdeutschen die Gesellschaft immer noch als gerechter als die Ostdeutschen. So sind 2018 knapp ein Drittel der Westdeutschen und rund die Hälfte der Ostdeutschen der Auffassung, deutlich oder etwas weniger als den gerechten Anteil vom Lebensstandard zu erhalten (ALLBUS). Dass die sozialen Unterschiede im Land gerecht sind, glauben im Westen jetzt nur noch 27 und im Osten 18 Prozent. In der kurzfristigen Betrachtung zwischen 2017 und 2020 zeigen die Daten des RADAR wiederum eine leichte positive Tendenz: bei drei der vier untersuchten Indikatoren für das Gerechtigkeitsempfinden steigt die Zustimmung sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland – jedoch nehmen dafür in allen Fällen die Unterschiede zwischen den Landesteilen wieder etwas zu (siehe Abbildung 2).

Fazit

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Voraussetzungen für einen gelingenden gesellschaftlichen Zusammenhalt in West- und Ostdeutschland noch immer unterschiedlich. Das Vertrauen in politische Institutionen, aber auch das zwischenmenschliche Vertrauen ist im Osten nach wie vor geringer ausgeprägt als im Westen. Gleichwohl haben beide Vertrauensarten Zuwächse zu verzeichnen und die Kluft insgesamt wird eher kleiner als größer. Die Offenheit für Vielfalt ist im Westen größer, aber auch im Osten ist die Entwicklung positiv, sodass die Gesellschaft im Mittel für Vielfalt offener wird. Auch beim Gerechtigkeitsempfinden nähern sich die Landesteile einander an, jedoch fallen hier – trotz eines leichten Anstiegs in den letzten Jahren – die Werte eher gering aus. Im Osten ist zudem weiterhin das Gefühl verbreitet, kein gleichberechtigter Teil der gesamtdeutschen Gesellschaft zu sein.

40 Jahre unterschiedlicher gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen wirken nach, aber die daraus erwachsenden Erfahrungen sind vermutlich nicht allein der Grund für die Differenzen. Auch die unmittelbaren Erlebnisse nach 1990 – Zusammenbruch der Industrie, hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Geburteneinbruch – haben in Ostdeutschland ihre Spuren hinterlassen. Dazu kommen weitere Unterschiede zwischen beiden Landesteilen: Im Osten überwiegen ländliche sowie klein- und mittelstädtische Räume, die Zahl der Großstädte ist geringer. Begibt man sich auf diese regionale Ebene, verschwindet der Ost-West-Unterschied beim Zusammenhalt nicht völlig, schwächt sich aber ab.

So zeigen sich in dieser Perspektive auch im Westen einige Regionen, in denen der Zusammenhalt deutlich schwächer ausfällt. Im Osten werden Regionen sichtbar, die einen stärkeren Zusammenhalt aufweisen. Dies spricht dafür, dass kleinräumige Rahmenbedingungen wie Wirtschaftskraft, Durchschnittsalter und Siedlungsstruktur einen erheblichen Einfluss auf den Zusammenhalt haben . Genauere Analysen lassen erkennen, dass ein geringerer Zusammenhalt in einer Region einhergeht mit höherer Arbeitslosigkeit, einem höheren Anteil von Menschen, die Mindestsicherung beziehen, einem höheren Durchschnittsalter sowie einem höheren Anteil von Personen, die die Schule ohne Abschluss verlassen . Noch kleinräumiger betrachtet zeigt sich, dass die Ausstattung mit sozialer Infrastruktur in der eigenen Wohngegend (Einkaufsmöglichkeiten, ÖPNV, Kinderbetreuung, Schulen usw.) mit der Stärke des Zusammenhalts zusammenhängt . Damit sind Handlungsfelder benannt, die Politik und Gesellschaft angehen sollten, wenn sie den Zusammenhalt stärken wollen.

Weitere Inhalte

Dr. Kai Unzicker ist Senior Project Manager im Programm Lebendige Werte der Bertelsmann Stiftung.