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Der Wandel im Sport

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Der Wandel im Sport

Wolf-Dieter Jacobi

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Infolge der Wiedervereinigung hat sich im gesamtdeutschen Sport vieles verändert. In den ostdeutschen Bundesländern wurde ein föderales Sportsystem etabliert. Und es entwickelte sich eine Vereinslandschaft, die vom Engagement vieler Ehrenamtlicher getragen wird.

Olympische Spiele Seoul 1988: Olaf Ludwig (DDR) siegt im Straßenrennen vor Bernd Gröne aus der BRD. (© picture-alliance, Roth )

Es wächst zusammen…

Mit dem Fall der Mauer begann im deutschen Sport eine neue Zeitrechnung. Jahrzehntelang hatten sich die Sportlerinnen und Sportler aus BRD und DDR in harter Konkurrenz gegenübergestanden. Aus Sicht der DDR-Staatsführung sollte sich im Spitzensport das zeigen, was in anderen Bereichen nicht gelang – die Überlegenheit des Sozialismus. Aber auch im Westen war der Medaillenspiegel für viele das Maß der Dinge. So träumten nach der Einheit nicht wenige davon, aus beiden Sportsystemen die erfolgreichste Sportnation der Welt zu formen. Was ist aus den großen Erwartungen geworden? Wie hat sich der deutsche Sport in 30 Jahren Einheit entwickelt?

Mit der Euphorie des Mauerfalls wurden von Sportlerinnen und Sportlern erste Brücken über die alten Systemgrenzen geschlagen. Beim Berliner Neujahrslauf 1990 ging es erstmals durch das geöffnete Brandenburger Tor. Kaum jemand ahnte zu dieser Zeit, wie lang und mühsam der Weg zur deutschen Sport-Einheit sein würde.

Zwischen 1968 und 1988 gewannen Athletinnen und Athleten aus der DDR mehr als 500 Olympia-Medaillen – mehr als doppelt so viele wie die BRD. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul landete die DDR-Mannschaft auf Platz 2 und damit vor den USA. Doch diese Erfolge hatten einen hohen Preis. Ende der 80er Jahre flossen rund 1,2 Mrd. Mark in den Sporthaushalt der DDR. Die Aufwendungen für die Sportvereinigung "Dynamo", die Armeesportvereinigung "Vorwärts" sowie die Mittel aus Kombinaten und SED-Strukturen nicht mitgerechnet. Die enormen Kosten für das Sportsystem passten nicht mehr zu den begrenzten Möglichkeiten einer DDR-Mangelwirtschaft, die Betriebe auf Verschleiß fuhr, weil harte Währung für dringend notwendige Investitionen fehlte.

Der schrittweise Abbau der Subventionen für den DDR-Sport begann schon Ende November1989 unter der Modrow-Regierung. Im April 1990 lehnte die erstmals frei gewählte Volkskammer einen Antrag des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) auf Anerkennung als gemeinnützige Organisation ab. Die Ministerin für Jugend und Sport, Cordula Schubert, sorgte dafür, dass staatliche Fördermittel in Höhe von 334 Millionen Mark nicht mehr an den Deutschen Turn- und Sportbund der DDR (DTSB), sondern direkt an die Fachverbände gingen. Dem DTSB wurde damit die Finanzierungsgrundlage entzogen - ein Großteil der 10.500 Mitarbeitenden entlassen. Ein Beschäftigungsprogramm bewahrte den DDR-Sport vor dem Zusammenbruch.

Am 28. Juni 1990 einigten sich der Deutsche Sportbund (DSB) und der DTSB auf ein Beitrittsverfahren. Parallel zur Länderbildung wurden fünf neue Landessportbünde gegründet. Der Ost-Berliner Turn- und Sportbund trat dem Landessportbund Berlin bei. Am 5.12.1990 löste sich der DTSB auf. Zehn Tage später wurden die Landessportbünde von Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in den Deutschen Sportbund aufgenommen. 21 Millionen DSB- und 3, 78 Mio. DTSB-Mitglieder waren unter einem Dach vereint. Die Vereinigung der beiden Nationalen Olympischen Komitees wurde am 17.11.1990 besiegelt.

Mitgliederzahlen DTSB sowie DSB/DOSB (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Das Zusammenwachsen der beiden Sportsysteme musste in jedem Sportverband vollzogen werden. Besonders schnell ging es im Eishockey. Die ostdeutschen Teams aus Weißwasser und Berlin spielten schon ab September 1990 in der gesamtdeutschen Eishockey-Liga – noch vor der politischen Einheit. Bei den deutschen Anglern zog sich der Vereinigungsprozess über 23 Jahre hin. Im Gegensatz zu den anderen Sportverbänden erfolgte kein Beitritt des ehemaligen DDR-Verbandes. Die Angler nannten es "Verschmelzung". Am 28.05.2013 erfolgte der Zusammenschluss von DAV und VDSF zum Deutschen Angelfischerverband (DAFV). Der DAFV hat heute rund 500.000 Mitglieder und gehört nicht mehr zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Nachfolger der DSB.

Mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen agierten die Spitzenfunktionäre im deutschen Fußball. Der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Hermann Neuberger, spielte auf Zeit und wollte erst nach der Europameisterschaft 1992 zur Einheit schreiten. Zwei deutsche Mannschaften hätten dann nach dem Mauerfall in einer Qualifikationsgruppe für die Europameisterschaft gespielt. Der neugewählte Präsident des Deutschen Fußball-Verbandes der DDR, Hans-Georg Moldenhauer, drängte auf einen schnellen Beitritt. Am 21.11.1990 war es soweit. Der am Vortag gegründete Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) wurde in den DFB aufgenommen.

Um die Integration der DDR-Spitzenvereine in den Spielbetrieb wurde hart gerungen. Zwei der 14 Oberliga-Teams durften ab der Saison1991/92 in der 1. Bundesliga antreten – der letzte Oberliga-Meister Hansa Rostock und Vize-Meister Dynamo Dresden. Sechs weitere Mannschaften konnten in der 2. Bundesliga starten. Zu diesem Zeitpunkt waren die besten DDR-Fußballer schon westwärts gezogen. Die Ostvereine hatten aber nicht nur den personellen Aderlass zu verkraften. Die ehemaligen Oberliga-Teams spielten in maroden Stadien. In Zeiten von Betriebsschließungen und Massenentlassungen fehlte es an zahlungskräftigen Sponsoren. Strukturell und wirtschaftlich waren die neuen Bundesligisten nicht konkurrenzfähig.

Olympiabilanz - Winterspiele (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Mit vereinten Kräften konnte die deutsche Olympiamannschaft 1992 bei den Winterspielen in Albertville auftrumpfen. In der Medaillenwertung belegte die Bundesrepublik Deutschland den ersten Platz. Die deutschen Wintersportler gehören noch heute zur Weltspitze. Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang gewann das DOSB-Team 31 Medaillen und belegte den zweiten Platz in der Nationenwertung. In den Sommersportarten verlief die Entwicklung nicht so erfolgreich wie im Wintersport. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona kam die deutsche Mannschaft mit 82 Medaillen auf Platz 3. In Rio de Janeiro 2018 gab es noch 42 Medaillen und den fünften Platz. Bei den Olympischen Spielen in Tokio musste ein weiterer Rückgang verzeichnet werden. Mit 37 Medaillen belegte Deutschland Platz 9 in der Nationenwertung.

Olympiabilanz - Sommerspiele (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Um diesen Abwärtstrend zu stoppen, beschloss der DOSB 2016 ein Konzept zur Neustrukturierung des deutschen Sports und der Spitzenförderung. 2018 erfolgte eine Modifizierung. Ziel der Reform ist eine Professionalisierung der olympischen Sportfachverbände. Der Leistungssport wird immer noch stark von ehrenamtlichen Strukturen getragen. Die künftige Förderung der einzelnen Sportverbände soll davon abhängen, über welches Medaillenpotential die jeweilige Sportart verfügt. Damit verbunden sind Einsparungen – die Anzahl der Bundes- und der Olympiastützpunkte soll reduziert werden. Kritiker befürchten, dass mit der Konzentration auf medaillenträchtige Sportarten die Vielfalt des Sports leiden könnte.

Ein wichtiges Thema ist die finanzielle Absicherung von Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern. Umfangreiche Trainingszeiten führen zu Einschränkungen bei Ausbildung, Studium oder beruflicher Tätigkeit. Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll fördern zahlreiche Athletinnen und Athleten und bieten berufliche Perspektiven für die Zeit nach der leistungssportlichen Karriere. Von der Deutschen Sporthilfe erhalten alle Bundeskaderathletinnen und -athleten eine Grundförderung. Ein Problem für den deutschen Spitzensport ist auch die mangelnde Attraktivität des Trainerberufs. Im Leistungssport erhalten Trainerinnen und Trainer oft nur Zeitverträge und häufig eine geringere Bezahlung als Sportlehrerinnen und -lehrer im Schulsystem.

Die Talentsuche und -förderung soll nun durch sogenannte "Bewegungschecks" in Grundschulen verbessert werden. Ein ähnliches Konzept wurde in der DDR zur Früherkennung sportlicher Talente verfolgt. Begabte Kinder und Jugendliche könnten dann mit speziellen Programmen gefördert werden. Ein konkretes Projekt läuft derzeit in Schleswig-Holstein (2019 - 2022). Kieler Sportwissenschaftler haben in Zusammenarbeit mit der Europa-Universität Flensburg im Auftrag des Landes ein Projekt gestartet. Die Wissenschaftler wollen ein geeignetes Konzept für die Bewegungschecks vorlegen und 2022 gibt es dann eine Empfehlung an das Land. Gleichzeitig soll es sportliche Angebote für Kinder geben, bei denen Defizite sichtbar werden. Bisher werden mehr als 11.500 Talente an den 43 Eliteschulen des Sports gefördert. Die Nachfolgeeinrichtungen vieler Kinder- und Jugendsportschulen der DDR sind Teil dieses Verbundes von Eliteschulen. Die Kombination von Schule, Training und Internat bietet sehr gute Voraussetzungen für die Förderung von jungen Spitzenathletinnen und -athleten.

Der Zusammenschluss im deutschen Behindertensport erfolgte am 21.12.1990 mit dem Beitritt der fünf neuen Landesverbände. Aber es sollten noch Jahre vergehen, bis der Behindertensport die nötige Anerkennung und Unterstützung erhielt. In der DDR war der Behindertensport nur eine Randerscheinung. Erst 1953 konstituierte sich die Sektion Versehrtensport im Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport. 1959 wurde der Deutsche Verband für Versehrtensport der DDR (DVfV) gegründet. Im ganzen Land mangelte es an Trainingsstätten und modernen Sportgeräten. Zudem hatten die Athletinnen und Athleten der DDR kaum Startmöglichkeiten bei internationalen Wettkämpfen. Erst nach dem Mauerfall öffnete sich die Sportwelt auch für die Menschen mit Behinderung aus der DDR.

In der Bundesrepublik kam es 1951 zur Gründung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensportler (ADV). In den Nachkriegsjahren fanden so viele Menschen mit kriegsbedingten Behinderungen eine sportliche Heimat. Dies änderte sich mit den Jahren. Heute nutzen die 600.000 Mitglieder des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) vielfältige Angebote im Breiten-, Präventions-, Rehabilitations- und Leistungssport. "Der paralympische Leistungssport hat eine Gleichrangigkeit zum olympischen Sport erreicht, das war 1960 noch eine Vision", konstatiert DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher zum 70. Geburtstag des Deutschen Behindertensportverbandes.

Inklusion durch Sport entwickelt das Verständnis füreinander, fördert den Respekt und schafft mehr Teilhabe in der Gesellschaft. Diese Gedanken bestimmen auch die Arbeit des Deutschen Gehörlosen Sportverbandes (DGS), des Deutschen Blinden-Schachbundes (DBSB) und der Special Olympics Deutschland (SOD) für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung.

Trotz zunehmender Beachtung und Förderung des Behindertensports verweist Verena Bentele, VdK-Präsidentin und zwölffache Paralympics-Siegerin, auf fehlende Barrierefreiheit von Sportstätten und ein mangelndes Angebot für Menschen mit Behinderung. Laut Teilhabebericht der Bundesregierung treibt jeder zweite Mensch mit Behinderung nie Sport.

Die Aufarbeitung endet nicht

Nach dem Mauerfall begann auch die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Sportgeschichte. Aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurde schnell ersichtlich, wie stark das MfS den DDR-Sport beeinflusste. Alle wichtigen Akteure wurden überwacht. In das westliche Ausland durfte nur reisen, wer in den Augen der Staatssicherheit als zuverlässig galt.

Vor jedem Wettkampf im Ausland wurden alle Sportlerinnen und Sportler vom Dopinglabor in Kreischa getestet. Auf diese Weise wurde sichergestellt, dass DDR-Athletinnen und -athleten bei internationalen Meisterschaften nicht mit positiven Testergebnissen auffallen und des Dopings überführt werden konnten. Der Einsatz von unerlaubten, leistungssteigernden Präparaten war Teil des DDR-Sportsystems. Die Vergaben von Medikamenten und die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit wurden vom Sportmedizinischen Dienst der DDR (SMD) genau erfasst und protokolliert.

"Alles wurde dem Ziel, den sportlichen Triumph über den Klassenfeind feiern, untergeordnet", sagt Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Mit der Einheit seien auch die Machenschaften verantwortungsloser Ärzte und Trainer im Westen ans Licht gekommen. "Werte des Sports wurden ebenso mit Füßen getreten, schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen billigend in Kauf genommen – hüben wie drüben", so die Einschätzung der SPD-Politikerin.

Die Sporthistorikerin Jutta Braun verweist auf Kontakte von Sportmedizinern aus Ost und West. "Da gibt es interessante Dokumente, dass sich Mediziner, die in ihr jeweiliges Dopingsystem verstrickt waren, regelmäßig getroffen haben und sich auch über Schädigungen ausgetauscht haben."

Die Aufarbeitung von Medikamenten-Missbrauch und Doping ist bis heute nicht abgeschlossen. Für Roland Jahn, ehemaliger Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, geht es nicht nur um eine kritische Rückschau. "Wir können mit dem Blick in die Vergangenheit unsere Sinne für die Gegenwart schärfen."

Seit 2003 ist die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) das Zentrum für den Kampf gegen Doping und Medikamentenmissbrauch. Zu den Aufgaben der Stiftung gehören Dopingkontrollen, Prävention sowie medizinische und juristische Beratung. 2015 wurde das Gesetz zur Bekämpfung von Doping im Sport erlassen. Dank der Änderung des Strafgesetzbuches im Jahre 2017 kann Betrug bei sportlichen Wettkämpfen stärker geahndet werden.

Im Zuge des Zusammenwachsens wurde auch entschieden und im Einigungsvertrag festgehalten, dass drei Einrichtungen des DDR-Sports erhalten werden sollten: das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) – heute Institut für angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig, die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) in Berlin und das Dopinglabor in Kreischa. IAT und FES sind mittlerweile fester Bestandteil des bundesdeutschen Leistungssports. Das Institut für Dopinganalytik in Kreischa ist ein anerkanntes und bei der Welt-Anti-Doping Agentur (WADA) akkreditiertes Dopingkontrolllabor.

Die Sportvereine als Herzstück

Nach dem 2. Weltkrieg wurde von den Alliierten die Auflösung der Turn- und Sportvereine angeordnet. Von da an trennten sich die deutsch-deutschen Wege. In den drei westlichen Besatzungszonen wurden Turn- und Sportvereine wieder gegründet. Schnell entwickelte sich ein lebendiges Vereinswesen, das neben der sportlichen Freizeitgestaltung soziale Kontakte ermöglichte, Raum für Austausch und Geselligkeit bot. In der sowjetischen Besatzungszone entstanden Sportvereinigungen und Betriebssportgemeinschaften, die allerdings keine selbständigen Vereine waren und zum Beispiel kein Eigentum an Sportplätzen besaßen. Nach sowjetischem Vorbild wurde ein staatlich gelenktes Sportsystem etabliert, das vor allem auf den Spitzensport ausgerichtet war.

In den Betriebssportgemeinschaften (BSG) trainierten vor allem Kinder und Jugendliche. Besonders Talentierte erhielten einen Platz an den Kinder- und Jugendsportschulen (KJS), wo der Tagesablauf vor allem auf die sportliche Leistungsentwicklung ausgerichtet war. In den Betriebssportgemeinschaften und Sportvereinigungen wurden die Grundlagen für künftige Erfolge des DDR-Sports gelegt.

Diese unterschiedliche Ausrichtung der Sportvereine in Ost und West ist bis in die heutige Zeit sichtbar. Der Sportentwicklungsbericht 2007/2008 brachte zu Tage, dass es in Ostdeutschland mehr Kaderathletinnen und -athleten pro Sportverein gibt als im alten Bundesgebiet. Die stärkere Ausrichtung auf den Leistungssport prägt noch heute den Vereinssport im Osten Deutschlands.

"Ganz am Anfang haben ja viele Sportfunktionäre und auch die Sportpolitiker gedacht, dass das Zusammenwachsen des deutschen Sports… ein Vereinigungsgewinn für den bundesdeutschen Sport sein würde…Was man erst später begriffen hat, war, dass man auch ein völlig marodes Breitensportsystem geerbt hatte…", so schätzt es die Sporthistorikerin Jutta Braun ein. Der Investitionsbedarf für Sportstätten, Turn- und Schwimmhallen war enorm. Mit Hilfe des "Goldenen Plan Ost" wurden im Verlauf von 15 Jahren Sportanlagen saniert oder neu errichtet.

Trotzdem gibt es in der gesamten Bundesrepublik einen Sanierungsstau bei Sportstätten. In einer Kurzexpertise vom Juli 2018 bezifferten DOSB und kommunale Spitzenverbände den Sanierungsbedarf auf 31 Milliarden Euro. Dies führt zu Beeinträchtigungen im Sportbetrieb der Vereine und im Schulsport. Auch im Sportbericht der Bundesregierung (2014 – 2017) werden die Zustände der öffentlichen Sportstätten kritisch betrachtet. In einem Forschungsprojekt hat das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) Thesen zur Weiterentwicklung von Sportanlagen verfasst. Sportstätten sollten multifunktional, barrierefrei, dezentral, nachhaltig und offen für die Bevölkerung sein.

Nach dem Beitritt der ostdeutschen Landessportbünde konnte der DSB 24 Millionen Mitgliedschaften verzeichnen. Heute sind es rund 27 Millionen. Knapp 90tausend Vereine gehören zum DOSB. Acht Millionen Ehrenamtliche sorgen für ein vielfältiges sportliches Angebot. Es reicht vom Wettkampf- bis zum Gesundheitssport. Die Vereine sind Orte des sozialen Austauschs. Sie helfen auch bei der Integration von Geflüchteten.

Im Sportentwicklungsbericht 2017/2018, der auf einer Online-Befragung von Vereinsvorsitzenden basiert, wird die finanzielle Situation der Vereine als überwiegend stabil eingeschätzt. Im Fokus stehen die Suche nach Ehrenamtlichen und die Mitgliedergewinnung. Zudem beklagen die Vereine vermehrt bürokratische Hürden.

Kinder und Jugendliche verbringen immer weniger Zeit mit sportlicher Betätigung. Laut einer von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft 2017 in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage können 60 Prozent der 10-jährigen nicht sicher schwimmen. Alarmierend sind auch die Zahlen der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. In Deutschland sind zwei Millionen Kinder übergewichtig, davon 800.000 adipös. Die vom DSB in Auftrag gegebene Schulsportstudie "Sprint" ergab, dass an deutschen Schulen im Durchschnitt jede vierte Sportstunde ausfällt. Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider, Gesamtleiter der Sprint-Studie, konstatierte: "Die Kinder von heute sind im Durchschnitt ungeschickter, unbeweglicher und dicker als früher. Da kommt ein gewaltiges gesellschaftliches Problem auf uns zu." Der Gesundheitsaspekt gewinnt an Bedeutung – vor allem nach den starken Einschränkungen des Sports während der Corona-Pandemie.

In gut drei Jahrzehnten hat sich im gesamtdeutschen Sport vieles verändert. In den ostdeutschen Bundesländern wurde ein föderales Sportsystem etabliert. Nach dem Ende der Sportförderung durch die DDR-Betriebe entwickelte sich eine Vereinslandschaft, die vom Engagement vieler Ehrenamtlicher getragen wird. Trotzdem ist der Organisationsgrad im Osten noch deutlich geringer als im alten Bundesgebiet. Laut Sportentwicklungsbericht 3.0 liegt das Saarland mit 37 Prozent an der Spitze – Brandenburg mit 13,7 Prozent am Ende dieser Statistik.

Organisationsgrad Ost und West, Anteil an der Gesamtbevölkerung (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

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wurde 1965 in Borna geboren und volontierte ab 1984 in der Sportredaktion des DDR-Fernsehens. Er studierte bis 1990 in Leipzig Journalistik, war Sportreporter beim Deutschen Fernsehfunk (DFF), Redakteur beim MDR und von Oktober 2011 bis Sommer 2020 Programmdirektor beim MDR.