Denkmal für die Berliner Mauer
1|2 Auf einer Seite lesen

30.3.2010 | Von:
Michael Corsten / Sebastian Grümer

Bürgerschaftliches Engagement in Ost- und Westdeutschland

In der DDR war das bürgerschaftliche Engagement hoch. Aber mit dem Wegfall vieler staatsnaher Einrichtungen nach 1990 sank auch das Engagement. Welche Faktoren begünstigen das Engagement? Und wie fällt der Vergleich mit Westdeutschland heute aus?
Mitarbeiter der Sozialeinrichtung "Kieler Tafel" in Kiel verteilen gespendete Lebensmittel an Hilfsbedürftige.Mitarbeiter der Sozialeinrichtung "Kieler Tafel" in Kiel verteilen gespendete Lebensmittel an Hilfsbedürftige. (© AP)

1. Bürgerschaftliches Engagement: Was ist das?

Dass es zum Umfang des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland einen verwirrenden Zahlensalat gibt, ist auf populärwissenschaftlichen, wenngleich sehr informativen Seiten im Internet bereits dokumentiert.[1] Vor allem zwei Gründe führen zu dieser Unübersichtlichkeit: Zum einen kommt es zu einer uneinheitlichen Verwendung von Begriffen; mal wird von Freiwilligenarbeit, mal vom Ehrenamt und mal von bürgerschaftlichem Engagement gesprochen, wobei diesen Begriffen unterschiedliche Bedeutungen unterlegt werden. Zum anderen gibt es verschiedene Arten, das Engagement der Bürger statistisch zu erfassen.

Ausgehend von einem laufenden Forschungsprojekt über "Sozialmoralische Landkarten engagierter und disengagierter Bürger", wird im Folgenden eine strenge Definition von Bürgerschaftlichem Engagement zugrunde gelegt: Als engagiert gilt, wer einen freiwilligen, regelmäßigen und unentgeltlichen Beitrag zu einer Aufgabe des Allgemeinwohls in einem öffentlichen Umfeld leistet (vgl. Corsten/Kauppert/Rosa 2007: 12f).

2. Daten zum Engagement

Anteil der Bürger in Ost- und Westdeutschland, die einen freiwilligen, regelmäßigen und unentgeltlichen Beitrag zu einer Aufgabe des Allgemeinwohls in einem öffentlichen Umfeld leisten.Anteil der Bürger in Ost- und Westdeutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Das Diagramm "Entwicklung der Engagementquoten in Ost- und Westdeutschland" zeigt eine Zusammenstellung von Daten aus dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, des Freiwilligensurveys von Infratest Burke München und des European Value Survey (EVS). In diese Darstellung gingen nur Engagementformen ein, die entweder zeitlich regelmäßig (mindestens einmal pro Monat; gemessen im Sozioökonomischen Panel), mit regelmäßiger zeitlicher Verpflichtung verbunden (Freiwilligensurvey) oder im Kontext eines Vereins (so das Kriterium im EVS) erfolgten.

Die regelmäßigen Formen von Engagement sind über die Zeit relativ stabil. Insbesondere die Zahlen aus dem Sozioökonomischen Panel zeigen jedoch eine Verschiebung zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Jahr 1990 war das Engagement in Ostdeutschland – als ein Erbe der DDR-Gesellschaft – noch relativ hoch. Der danach erfolgende Abbau staatsnaher Einrichtungen, die dieses hohe Engagement zu DDR-Zeiten getragen hatten, führte jedoch zu einer Verminderung des Bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern. Das Diagramm zeigt, dass die Engagementquote in Ostdeutschland erst Ende der 1990er Jahre wieder ansteigt, aber nur sehr langsam. In Westdeutschland können wir im gleichen Zeitraum eine stetigere Entwicklung beobachten.
Engagement nach Bildungskapital in Ost- und Westdeutschland in den Jahren 1990 bis 2003.Engagement nach Bildungskapital. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Odds Ratios für das Engagement bildungsnaher Personen.Odds Ratios für das Engagement bildungsnaher Personen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

3. Erklärungen für Engagement

  • a) Bürgerschaftliches Engagement und Bildungsressourcen
Ein bekannter Zusammenhang besteht zwischen Engagement und Bildungsressourcen. Personen mit hohen Bildungsabschlüssen tendieren eher dazu, sich bürgerschaftlich zu engagieren, als bildungsferne Akteure. Dies zeigt sich auch zwischen 1990 und 2003 in Ost- und Westdeutschland. Bemerkenswert ist dabei jedoch, dass die Prozentsatzdifferenzen für das Bürgerschaftliche Engagement zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Personen in Ostdeutschland leicht höher sind als in Westdeutschland.

Das zeigt sich auch bei einem Vergleich von so genannten Odds Ratios, einem statistischen Wert, der die Chancen des Eintritts eines Zustands angibt. So war in Ostdeutschland zum Beispiel 1990 die Chance, dass eine gebildete Person ein Engagement aufgreift, um 2,18 mal höher als bei einer bildungsfernen Person. Für Westdeutschland fiel diese für bildungsnahe Personen erhöhte Chance mit 1,73 leicht niedriger aus. Unser Diagramm "Engagement nach Bildungskapital" zeigt, dass in Ostdeutschland auch nach der Einigung bildungsnahe Personen gegenüber bildungsfernen Personen im Vergleich mit den gleichen Personengruppen Westdeutschlands in höherem Maße zum Engagement neigen. Bildung wirkte sich somit schon in der DDR, aber auch nach dem Systemwechsel in Ostdeutschland mehr noch als in Westdeutschland zugunsten des Eintritts in bürgerschaftliches Engagement aus.
Engagement und Arbeitslosigkeit.Engagement und Arbeitslosigkeit. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

    b) Bürgerschaftliches Engagement und Arbeitslosigkeit
Auf ähnliche Weise, allerdings nicht ganz so konstant, zeigt sich in Ostdeutschland, dass der negative Einfluss, den die Arbeitslosigkeit auf die Aufnahme eines bürgerschaftlichen Engagements ausübt, hier nicht so gravierend wirkt wie in Westdeutschland. Dies wird zum einen wiederum belegt durch die Entwicklung der Prozentsatzdifferenzen zwischen den Engagementraten von arbeitslosen und nicht arbeitslosen Personen. Zum anderen zeigt sich dies auch bei den Odds Ratios, also der statistisch berechnet verringerten Chance, sich zu engagieren.
Odds Ratios für das Engagement bei Arbeitslosigkeit.Odds Ratios für das Engagement bei Arbeitslosigkeit. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Literaturhinweise

  • Corsten, Michael/Kauppert, Michael/Rosa, Hartmut (2007).
  • Quellen bürgerschaftlichen Engagements. Wiesbaden: VS.
1|2 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. http://marx-blog.de/2009/05/zahlensalat-ehrenamt/
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Warum engagieren sich heutzutage Jugendliche? Und wo? Welchen eigenen Nutzen hat gesellschaftliches Engagement. Während der 'Pfingstakademie Jugendbeteiligung' 2013 berichteten Jugendliche von ihrem Engagement.

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990
Dossier

Ostzeit

Die Fotografen der Agentur Ostkreuz erzählen in ihren Bildern Geschichten aus einem vergangenen Land – authentisch und ungeschönt. Sie zeigen den Alltag, die Arbeit und die Menschen hinter der DDR.

Mehr lesen

Stacheldrahtsperre in der Bernauer Straße: Volkspolizisten halten Ost-Berliner in Schach, 13. August 1961
Online-Angebot

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Bildwortmarke BReg
Angebote der Bundesregierung

Freiheit und Einheit

"Freiheit und Einheit" ist die Internetseite der Bundesregierung zur Erinnerung an die Ereignisse rund um Friedliche Revolution und Wiedervereinigung. Hier finden Sie eine Chronik der Ereignisse, Veranstaltungshinweise sowie eine umfangreiche Mediathek.

Mehr lesen auf freiheit-und-einheit.de