Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Bernd Martens

Zug nach Westen – Anhaltende Abwanderung

    Die zweite und dritte Abwanderungswelle: Ostdeutschland verliert gebildete junge Frauen

Mit der deutschen Einheit waren die Wanderungsbewegungen nicht mehr behördlich beschränkt. Sie wurden zur "normalen" Mobilität zwischen neuen und alten Bundesländern (vgl. Diagramm "Binnenwanderungssaldo der Länder"). In dieser gewandelten Situation setzte sich die zweite Welle der Abwanderung aus dem Osten fort (vgl. Diagramm "Wanderungen zwischen dem früheren Bundsgebiet und der DDR"). In den folgenden vier Jahren verließen fast 1,4 Mio. Bürger ihre ostdeutschen Herkunftsländer. Gleichzeitig zogen jetzt aber auch vermehrt Westdeutsche in Richtung Osten. Doch die gesamten Austauschsalden für Ostdeutschland blieben immer negativ. Bis Mitte der 90er Jahre schwächte sich die Abwanderung von Ostdeutschen wieder ab. In einigen Altersgruppen kam es in dieser Zeitspanne sogar zu Wanderungsgewinnen. So wurden Mobilitätsüberschüsse in Ostdeutschland zeitweise für jüngere Menschen in der Altersgruppe 25-30 Jahre verbucht (Friedrich/Schultz 2005, S. 204).

Ab Ende der 90er Jahre setzte aber eine dritte Wanderungswelle ein. Seitdem ziehen vermehrt junge Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen, und darunter insbesondere Frauen, fort.
Veränderung im Bevölkerungsbestand nach Bundesländern.Veränderung im Bevölkerungsbestand nach Bundesländern. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

18-30-Jährige stellen 40 Prozent aller Abwanderer gen Westen und 55 Prozent aller seit 1989 abgewanderter Personen waren weiblich (vgl. Kröhnert 2009, S. 91). Die Gründe für dieses Ost-West-Mobilitätsgefälle sind in den Arbeitsmarktproblemen sowie den schlechten Berufs- und Verdienstmöglichkeiten im Osten zu sehen. Gemäß Befragungen unter ehemaligen Ost-Bürgern ist davon auszugehen, dass es sich um bleibende Bevölkerungsverluste handelt, weil die strukturellen Ursachen für die Abwanderung sich nicht verändert haben und auf längere Sicht sich nicht grundlegend verändern werden (Friedrich/Schultz 2005, S. 212). In der Folge hat sich in den neuen Bundesländern ein Frauendefizit bei jungen Erwachsenen herausgebildet, das "so großflächig in der Europäischen Union sonst nicht vorkommt" (vgl. Kröhnert 2009, S. 92). Die Tatsache, dass so viele junge und weibliche Personen abwandern, wird – ebenso wie nach der ersten Abwanderungswelle in der DDR – eine weitere Überalterung der ostdeutschen Bevölkerung verstärken (Luy 2009, S. 61).

Durch Wanderungsverluste haben die ostdeutschen Bundesländer im Zeitraum von 1990 bis 2006 rund 1,2 Mio. Bürger verloren. Dies entspricht etwa 7,5 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung im Jahre 1990. In der Summe demografischer Veränderungen ergeben sich noch höhere Schrumpfungsraten für die ostdeutschen Bundesländer (vgl. Diagramm "Veränderungen im Bevölkerungsbestand"). Im Durchschnitt von Fort- und Zuzügen verließen seit der deutschen Einheit jedes Jahr 45.000 Männer und 51.500 Frauen den Osten der Republik (Luy 2009, S. 61).

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht kann die Ost-West-Wanderung als "aussagekräftiger Indikator für den Stand der deutschen Vereinigung" angesehen werden (Schubarth/Speck 2009, S. 256). Wenn die Arbeitsmarktunterschiede als "Motor" der Wanderungsprozesse in Rechnung gestellt werden, lautet das Fazit in den Worten des Wirtschaftshistorikers Jörg Roesler: "Bis 1961 funktionierte der gesamtdeutsche Arbeitsmarkt noch, seit 1990 funktioniert er wieder – beide Male zuungunsten des Ostens" (Roesler 2005).
Wanderungen zwischen dem früheren Bundesgebiet und der DDR.Wanderungen zwischen dem früheren Bundesgebiet und der DDR. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

2. Gesellschaftliche und politische Effekte der Abwanderung

Die überdurchschnittlich hohe Abwanderung qualifizierter junger Menschen wird nicht nur den künftig auftretenden Fachkräftemangel ostdeutscher Betriebe verschärfen. Darüber hinaus kommt es in der – regional unterschiedlich betroffenen – ostdeutschen Bleibegesellschaft zu negativen sozialen und politischen Effekten. Die nachteiligen Auswirkungen des Männerüberschusses auf Partnersuche und Familiengründung, Kriminalität und Wahlverhalten sind jetzt schon dokumentiert (vgl. Bertelsmann-Stiftung 2006, Berlin-Institut 2007) und dürften sich, sofern der Trend anhält, noch weiter verstärken.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990
Dossier

Ostzeit

Die Fotografen der Agentur Ostkreuz erzählen in ihren Bildern Geschichten aus einem vergangenen Land – authentisch und ungeschönt. Sie zeigen den Alltag, die Arbeit und die Menschen hinter der DDR.

Mehr lesen

Stacheldrahtsperre in der Bernauer Straße: Volkspolizisten halten Ost-Berliner in Schach, 13. August 1961
Online-Angebot

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Bildwortmarke BReg
Angebote der Bundesregierung

Freiheit und Einheit

"Freiheit und Einheit" ist die Internetseite der Bundesregierung zur Erinnerung an die Ereignisse rund um Friedliche Revolution und Wiedervereinigung. Hier finden Sie eine Chronik der Ereignisse, Veranstaltungshinweise sowie eine umfangreiche Mediathek.

Mehr lesen auf freiheit-und-einheit.de