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10.6.2011 | Von:
Holle Grünert / Thomas Ketzmerick

Nachwuchskräfte für Betriebe – vom Überschuss zur Knappheit

Im Osten strömte eine immer größere Zahl an Schulabgängern auf einen Arbeitsmarkt mit geringer Nachfrage. Vielen gelang trotz abgeschlossener Berufsausbildung kein Einstieg in Beschäftigung.
Lehrling in einem Projekt für die berufliche Qualifizierung arbeitsloser Jugendlicher in Berlin 2008.Lehrling in einem Projekt für die berufliche Qualifizierung arbeitsloser Jugendlicher in Berlin 2008. (© AP)

Fakten

Gut ausgebildete Nachwuchskräfte sind die wichtigste Zukunftsressource vieler Betriebe. Dies gilt für Ost- wie Westdeutschland gleichermaßen. Der Anpassungsschock im Zuge der deutschen Einigung schuf jedoch Bedingungen für die ostdeutsche Wirtschaft, die viele Betriebe zu Massenentlassungen zwangen und längerfristige Beschäftigungsstrategien – vor allem eine gezielte Nachwuchspolitik – stark erschwerten bzw. verhinderten. Mehr als ein Jahrzehnt lang herrschte in Ostdeutschland ein ausgeprägter Nachwuchskräfte-"Überschuss". Wie kam es dazu? Und wie geht es weiter?

1. Vorgeschichte

Die Vorgeschichte reicht bis in die Beschäftigungspolitik und in die Bevölkerungspolitik der DDR zurück. Obwohl viel von Intensivierung der Produktion und Steigerung der Arbeitsproduktivität die Rede war, setzte die DDR letztlich auf eine extensive Beschäftigungsstrategie, d.h. auf Ausweitung der Produktion bei Einsatz zusätzlicher Arbeitskräfte. Große Anstrengungen wurden unternommen, um trotz sinkender Wohnbevölkerung die Zahl der Arbeitskräfte zu erhöhen. Auch die Schließung der Grenze im August 1961 diente zum großen Teil dazu, die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte zu stoppen.
Entwicklung der jährlichen Geburtenzahl in den Jahren 1970 bis 1995 in der DDR und den neuen Bundesländern.Entwicklung der jährlichen Geburtenzahl in den Jahren 1970 bis 1995 in der DDR und den neuen Bundesländern. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Um zusätzliche Arbeitskräfte zu gewinnen, versuchte man zunächst vor allem die Erwerbstätigkeit der Frauen zu erhöhen. Im Laufe der 1970er Jahre deutete sich an, dass diese Quelle bald weitgehend ausgeschöpft sein würde. Auch der Weg, Arbeitskräfte in einigen Wirtschaftssektoren (zum Beispiel Landwirtschaft) freizusetzen und so für andere Bereiche (zum Beispiel die Industrie oder Teile des Dienstleistungssektors) zu gewinnen, stieß auf immer größere Schwierigkeiten. Zuwanderung aus dem Ausland gab es kaum (lediglich in späteren Jahren über sehr geringe Vertragskontingente, vor allem aus Vietnam).

Deshalb beschloss die DDR-Führung Mitte der 1970er Jahre ein ganzes Paket sozialpolitischer Maßnahmen zur Geburtenförderung. In den 1980er Jahren wurden die Anreize für mehr (oder zeitlich vorgezogene) Geburten noch einmal erweitert. Und diese Maßnahmen hatten Erfolg: Anders als in allen anderen entwickelten Industriestaaten, in denen mit dem "Pillenknick" die Geburtenzahlen sanken, stieg in der DDR die Zahl der Lebendgeborenen von rund 180.000 im Jahre 1975 auf mehr als 240.000 Anfang der 1980er Jahre an und blieb bis zum Ende der 1980er Jahre auf einem hohen Niveau.

2. Der Vereinigungsschock und seine Folgen

Die jungen Menschen dieser Jahrgänge kamen auf den Ausbildungs- und sodann auf den Arbeitsmarkt, als sich die Bedingungen bereits grundlegend gewandelt hatten. Der Anpassungsschock, der durch die Währungsunion von Juli 1990 und die unmittelbare Konfrontation der ostdeutschen Wirtschaft mit dem Weltmarkt ausgelöst wurde, führte dazu, dass etwa 40 Prozent der Arbeitsplätze wegbrachen. Den mehr als 9,7 Millionen Beschäftigten der DDR-Volkswirtschaft im Jahre 1989 standen 1992 nur noch 5,8 Millionen Beschäftigte in "marktinduzierten" (also nicht durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gestützten) Beschäftigungsverhältnissen gegenüber.

Die Bundesregierung unternahm große finanzielle Anstrengungen, um die Folgen des Arbeitsplatzverlustes sozial abzufedern. Allerdings hatten diese Maßnahmen neben den beabsichtigten Effekten oft auch unbeabsichtigte "Nebenwirkungen". So konnten bis Ende 1992 Beschäftigte, die das 55. Lebensjahr vollendet hatten, zu vergleichsweise günstigen Bedingungen in den vorzeitigen Ruhestand gehen. Der ostdeutsche Arbeitsmarkt wurde auf diese Weise um mehr als eine Million Menschen entlastet. Zeitweilig befanden sich an die 850.000 Personen gleichzeitig in solchen Maßnahmen. Die Kehrseite der Frühverrentung bestand darin, dass in den folgenden Jahren über einen längeren Zeitraum hinweg nur ein sehr geringer Ersatzbedarf für ausscheidende Ältere bestand. Und da gleichzeitig die ostdeutsche Wirtschaft kaum wuchs, blieben die Beschäftigungschancen für Junge gering.

3. Geringe Arbeitsmarktschancen für Jüngere - ein sich aufbauendes Strukturproblem

Zunächst stellte sich die unzureichende Aufnahmefähigkeit des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes für junge Leute als "Lehrstellenlücke" dar. Waren in der DDR 1989 noch 136.000 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen worden, so waren es 1991 in Ostdeutschland nur noch 82.000. In der Folgezeit gelang es unter Einsatz großer finanzieller Mittel, die Zahl der Ausbildungsplätze wieder zu erhöhen.

Die Erfahrungen, die in Westdeutschland mit den geburtenstarken Jahrgängen der späten 1950er und frühen 1960er Jahre gemacht worden waren, hatten gezeigt, dass eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung die Chancen auf dem Arbeitsmarkt wesentlich erhöht. Deshalb wurde auch im Osten alles daran gesetzt, jedem ausbildungswilligen und -fähigen Jugendlichen eine (wenn auch nicht unbedingt seine gewünschte) Ausbildungsstelle anzubieten. Dazu griff man auf bewährte Steuerungsinstrumente zurück, so auf die Bestimmungen des Arbeitsförderungsgesetzes (AFG), die eigentlich jedoch dazu dienen sollten, Bewerbern mit individueller Benachteiligung einen Ausbildungsplatz außerhalb des Betriebes anzubieten. Zeitweilig erhielt in den neuen Bundesländern fast jeder dritte Auszubildende eine öffentlich geförderte außerbetriebliche oder betriebsnahe Ausbildung bei einem Bildungsträger, obwohl die überwiegende Mehrheit der Geförderten nach gängigen Kriterien nicht individuell benachteiligt war.

Spätestens Ende der 1990er Jahre wurde deutlich, dass für viele junge Menschen Probleme auf dem Weg in den Beruf nicht nur an der ersten Schwelle, das heißt beim Übergang von der Schule in Ausbildung (oder Studium) bestehen, sondern immer stärker auch an der "zweiten Schwelle", also beim Übergang von Ausbildung (oder Studium) in Erwerbstätigkeit. Auch hier wurden deshalb umfangreiche öffentlich geförderte Unterstützungsmaßnahmen eingesetzt, doch konnten sie fehlende Arbeitsplätze nicht auf Dauer ersetzen.

Unterbeschäftigung Jüngerer in Ost- und Westdeutschland.Unterbeschäftigung Jüngerer in Ost- und Westdeutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Unterbeschäftigung liegt im hier betrachteten Zeitraum (1999 bis 2007) in Ostdeutschland deutlich über derjenigen in Westdeutschland. Sie ist in Ost wie in West bei den unter 25-Jährigen (vor allem in der Gruppe der über 20- aber unter 25-Jährigen) höher als bei den Erwerbspersonen insgesamt. Dies allein überrascht noch nicht, da oft dem Ausbildungsabschluss eine gewisse Sucharbeitslosigkeit folgt. In Ostdeutschland aber ist die Diskrepanz zwischen der Unterbeschäftigung bei den Jungen und bei allen Erwerbspersonen besonders groß. Im Jahre 2005 war fast die Hälfte aller unter 25-Jährigen, sofern sie überhaupt schon ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen hatten, entweder arbeitslos oder Teilnehmer einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme.

Fassen wir zusammen: Parallel zum demographisch bedingten Anstieg der Zahl der Schulabgänger in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre stieg auch die Quote junger Erwachsener in Ostdeutschland an, die keinen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz fanden. Sie liegt seitdem weit über derjenigen in Westdeutschland. Dem überwiegenden Teil junger Ostdeutscher gelang zwar auch weiterhin ein erfolgreicher Berufsstart. Da jedoch immer stärker besetzte Jahrgänge auf einen Arbeitsmarkt mit geringer Nachfrage strömten, nahm auch die Zahl derer zu, die keine betriebliche Ausbildungsstelle fanden, sondern allenfalls eine außerbetrieblich geförderte Ausbildung bekamen. Vielen gelang auch nach einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung kein Einstieg in Beschäftigung. Weder die hohe Abwanderung in die alten Bundesländer – von 1999-2008 wanderten über eine halbe Million [1] junger Ostdeutscher zeitweise oder dauerhaft ab – noch der Einsatz von Bildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen [2] durch die Bundesagentur für Arbeit mit jährlich etwa 35.000 Teilnehmern unter 25 Jahren oder der durchschnittlich längere Verbleib in Bildung konnten dies verhindern.
Entwicklung der Schulabgängerzahlen.Entwicklung der Schulabgängerzahlen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für die erfolglosen Berufsanfänger bestehen zwar in den letzten Jahren angesichts steigender Nachfrage und sinkender Absolventenzahlen gewisse Chancen, jedoch wird ihre Beschäftigungsfähigkeit aufgrund von lang dauernder Arbeitslosigkeit und fehlender Berufserfahrung durch potentielle Arbeitgeber gering eingeschätzt. Die Weiterbildung, Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt und Einarbeitung in Beschäftigung stellt bei dieser Gruppe eine große Herausforderung dar.

Fußnoten

1.
Berücksichtigt man den Zuzug nach Ostdeutschland, wanderten per Saldo 284.488 Personen unter 25 Jahren ab.
2.
Berufliche Weiterbildung, Trainingsmaßnahmen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Strukturanpassungsmaßnahmen und Arbeitsgelegenheiten.
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