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10.6.2011 | Von:
Ronald Gebauer / Bernd Martens

Einkommen und Vermögen – wachsende Ungleichheiten

Trotz Annäherung: In den neuen Bundesländern leben die ärmeren Deutschen. Das zeigt ein Blick auf Einkommen und Vermögen in Ost und West.
Dortmund, 2003: Eisenbahngewerkschafter fordern eine Angleichung der Ostgehälter an das westliche Niveau.Dortmund, 2003: Eisenbahngewerkschafter fordern eine Angleichung der Ostgehälter an das westliche Niveau. (© AP)

Fakten

Gemessen an Einkommen und Vermögen leben in den neuen Bundesländern die ärmeren Deutschen. Zwar sind nach der Einheit insbesondere die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West kleiner geworden. Zudem hat die soziale Differenzierung in der ostdeutschen Teilgesellschaft zugenommen. Doch die regionalen Ungleichheiten haben sich als stabil erwiesen und in den vergangenen Jahren sind die Vermögensungleichheiten in Deutschland noch gewachsen.
Nettodurchschnittseinkommen der Arbeitnehmerhaushalte in der DDR.Nettodurchschnittseinkommen der Arbeitnehmerhaushalte in der DDR. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)




Die Ausbildung eines Einkommensgefälles zwischen der Bundesrepublik und der DDR

Die Entwicklung der Bundesrepublik von den Anfängen 1949 bis 1989 ist durch eine außerordentliche Steigerung der Einkommen gekennzeichnet (Miegel 1983, S. 176ff.). In diesem Zeitraum wuchs das reale Volkseinkommen [1] pro Kopf um mehr als das Vierfache: von 4.400 auf 18.400 Euro (um die Vergleichbarkeit herzustellen wird in den Preisen von 1989 und in Euro gerechnet; Geißler 2006, S. 69). Auch in historischen Dimensionen handelt es sich, hinsichtlich seiner Größenordnung, um einen außergewöhnlichen Prozess (der jedoch in ähnlicher Form in vielen Industriegesellschaften beobachtet werden konnte), da "allein in den 50er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland der Anstieg des realen Volkseinkommens pro Kopf [...] doppelt so groß [war] wie von 1800 bis 1950" (Miegel 1983, S. 178).

Die DDR konnte mit dieser exorbitanten Entwicklung nicht Schritt halten, sondern es bildete sich eine wachsende Kluft zwischen den West- und Ost-Einkommen heraus. Das reale, um die Kaufkraft bereinigte Haushaltseinkommen je Einwohner war 1960 in der DDR durchschnittlich um ca. 30 Prozent geringer als in der Bundesrepublik. 1970 waren es schon mehr als 40 Prozent und 1980 55 Prozent (Handbuch DDR-Wirtschaft 1984, S. 280). In den 80er Jahren gelang es der DDR-Führung den Abstand zur Bundesrepublik zu stabilisieren (Geißler 2006, S. 71f.), doch nur um den Preis einer schließlich ruinösen Umverteilung von Ressourcen in den Konsum und einer Vernachlässigung dringend notwendiger Investitionen.

Annäherung, aber keine Angleichung von Ost und West

Entwicklung der Nettoäquivalenzeinkommen.Entwicklung der Nettoäquivalenzeinkommen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Durch die deutsche Einheit kam es zu einer "nachholenden Einkommensexplosion" in Ostdeutschland (Geißler 2006, S. 77). Insgesamt haben sich die Einkommen in beiden Teilen Deutschlands positiv entwickelt. Im Osten stieg das verfügbare Einkommen seit 1993 um ca. 300 Euro, im Westen um etwas weniger als 200 Euro. Zwar sind die Einkommensunterschiede zwischen beiden Landesteilen nach wie vor beträchtlich, sie sind im genannten Zeitraum jedoch kleiner geworden. Während im Jahr 1993 das Einkommen der Ostdeutschen im Mittel (Median) erst ca. 72 Prozent des Wertes für Westdeutschland betrug, erreichte es im Jahr 2003 im Vergleich 84 Prozent der Westeinkommen [2].

Neuere Analysen, präsentiert im 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, die allerdings auf anderer Daten- und Berechnungsgrundlage (auf der des Sozio-oekonomischen Panels, SOEP) erstellt wurden, belegen ein rückläufiges Realeinkommen seit dem Jahr 2003 in beiden Landesteilen, wobei der Rückgang in Ostdeutschland ausgeprägter ist als in Westdeutschland. [3]
Im gesamtdeutschen Vergleich haben sich die Einkommensverhältnisse zwar angenähert, aber nicht angeglichen. Der Osten Deutschlands beherbergt eindeutig die ärmere Teilgesellschaft. Unterschiedliche Merkmale der amtlichen Statistik, etwa das Einkommen je Einwohner, das Haushaltseinkommen je Einwohner oder die gesamten Einkünfte je Steuerpflichtigem, weisen immer wieder ähnliche Ost-West-Verteilungsmuster auf, die sich zudem im Zeitablauf kaum verändert haben (vgl. Interaktiver Atlas und Raumordnungsbericht 2005, S. 8). So betrug beispielsweise in 52 von 435 Landkreisen und kreisfreien Städten 2004 das jährliche Haushaltseinkommen je Einwohner im Schnitt weniger als 14.400 Euro. Alle Gebiete lagen in Ostdeutschland; während sämtliche 133 Kreise mit einem mittleren Haushaltseinkommen von mehr als 18.000 Euro/Einwohner zu den alten Bundesländern gehörten (Busch u.a. 2009, S. 112).

Einkommen und Vermögen – wachsende Ungleichheiten
Einwicklung der Haushaltseinkommen im Zeitraum von 1991 bis 2008 Angaben in Prozent bezogen auf alle Haushalte
RegionJahr<1.000 €1.000
-1.499 €
1.500
-1.999 €
2.000
-3.999 €
>4.000 €
Westdeutschland199115,519,820,52717,1
199811,617,115,32234
20088,812,81234,731,6
Ostdeutschland199151,728,67,62,39,8
199822,62313,217,618,6
200816,220,318,128,716,7
Quelle: kumulierter Allbus 1980-2008, Variable v698, eigene Berechnungen

Die Öffnung der Einkommensschere in Ostdeutschland

Gleichzeitig hat sich durch die gesellschaftliche Transformation die Einkommensschere im Osten geöffnet, d.h. die soziale Ungleichheit ist in Ostdeutschland größer geworden: Verfügte das einkommensschwächste Zehntel (Dezil) der ostdeutschen Bevölkerung 1993 noch über 5,3 Prozent des erzielten Gesamteinkommens, waren es im Jahr 2003 nur noch 4,7 Prozent. Auch das zweite und dritte Einkommenszehntel haben ihren Anteil am Gesamteinkommen gegenüber 1993 nicht halten können. Hingegen sind die Verluste der mittleren Einkommenszehntel (4 bis 6) als verhältnismäßig gering einzustufen. Gewinner dieser Entwicklung sind das siebte bis zehnte Dezil, welche ihre oberen Einkommenspositionen noch ausbauen konnten. Für die westdeutschen Bundesländer ist im selben Zeitraum eine bemerkenswerte Stabilität der Einkommensverteilung zu verzeichnen. Allerdings konnten hier die mittleren Einkommensgruppen ihre Einkommensposition geringfügig verbessern.
Regionale Verteilung der durchschnittlichen Einkommen je Steuerpflichtigen.Regionale Verteilung der durchschnittlichen Einkommen je Steuerpflichtigen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Neuere Auswertungen auf der Datenbasis des SOEP belegen jedoch für beide Landesteile den Verlust von Einkommensanteilen für die einkommensschwachen Einkommensbezieher. Der Verlust fällt zwischen den Jahren 2005 und 2006 besonders stark aus. Hingegen konnte das oberste Einkommenszehntel – wiederum in beiden Landesteilen – von dieser Entwicklung profitieren.

In der Fachliteratur werden zur Kennzeichnung der Entwicklung der Einkommensungleichheit noch weitere Maße verwendet. Dazu gehören der Gini-Koeffizient und die mittlere logarithmische Abweichung (MLD). Der Gini-Koeffizient bewegt sich in den Grenzen zwischen 0 und 1; bei 0 handelt es sich um völlige Gleichverteilung, bei 1 um die (unrealistische) Konzentration des Einkommens auf eine Person. Bei der mittleren logarithmischen Abweichung handelt es sich um ein Maß, welches von 0 beginnend (völlige Gleichverteilung) variiert, aber nicht auf den Bereich bis 1 standardisiert ist. Es reagiert besonders sensibel auf Veränderungen im unteren Einkommensbereich, wobei die prozentuale Veränderung zwischen zwei Zeitpunkten interpretiert wird. Ebenfalls unter Berücksichtigung dieser beiden Werte wird der zentrale empirische Befund einer geöffneten Einkommensschere gestützt: Der Gini-Koeffizient hat sich seit 1993 in den östlichen Bundesländern um ca. 12 Prozent erhöht, der MLD sogar um 22 Prozent. Auch hier gibt es eine Annäherung an die Werte in den westlichen Bundesländern von 84,5 Prozent (Gini-Koeffizient) bzw. 69 Prozent (MLD).

Steigende Armutsquoten – aber keine Armutsfalle

Entwicklung der Armutsrisikoquoten.Entwicklung der Armutsrisikoquoten. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Ein weiterer Gesichtspunkt ungleicher Einkommensverteilungen sind unterschiedliche Armutsrisiken. Eine weit verbreitete Definition von Armut, die inzwischen gleichfalls für Vergleiche zwischen Ländern der Europäischen Union genutzt wird, bezieht sich auf so genannte "Armutsrisikoquoten". Demnach besteht ein Armutsrisiko für Personen einer Bevölkerungsgruppe, wenn diese weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens der fraglichen Bevölkerungsgruppe erzielen (Lebenslagen 2008, S. 22). Nach einem Rückgang Ende der 1990er Jahre ist das so definierte Armutsrisiko in Ostdeutschland in den letzten Jahren wieder angestiegen, während sich in den westdeutschen Bundesländern die Armutsquote kontinuierlich, seit 1993 um insgesamt 3,8 Prozentpunkte, erhöht hat. Doch im wiedervereinigten Deutschland ist das Armutsrisiko im Osten immer größer gewesen als im Westen, und aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge (2009) hat sich der Unterschied im Jahre 2008 noch vergrößert. Als ein Merkmal von Armut kann die Abhängigkeit von Sozialleistungen angesehen werden und die stellt sich in den Regionen Deutschlands ebenso unterschiedlich dar. Beispielhaft veranschaulichen das Zahlen, die das Statistische Bundesamt im November 2009 veröffentlichte. Demnach bekamen 2007 deutschlandweit von allen Kindern unter 15 Jahren 16,4 Prozent Sozialgeld-Zahlungen (d.h. Sicherung des Lebensunterhalts nach Hartz IV). Die Situation in den einzelnen Bundesländer differierte stark: die Anteile für Kinder in Berlin bzw. Sachsen-Anhalt lagen bei 37,1 bzw. 32,1 Prozent, während die entsprechende Quote für bayerische Kinder nur 8,0 Prozent betrug (Böckler Impuls 2009, S. 8).

Indessen reichen Untersuchungen zur Einkommensverteilung nicht hin, um die Einkommensarmut von Personen treffend zu beschreiben. Statistische Konzepte, wie das der Einkommensverteilung, können nämlich den falschen Eindruck entstehen lassen, dass es sich bei den "Armen" immer um dieselbe konstante Gruppe von Personen handele. Anschaulich wird die mögliche Fehlinterpretation beispielsweise an Daten zum tatsächlichen Bezug von Sozialleistungen: Den bedeutendsten internationalen und nationalen empirisch-quantitativen Untersuchungen kann entnommen werden, dass die Zeiten des Verweilens im Sozialleistungsbezug (z. B. ALG II, früher Sozialhilfe) eher von kürzerer Dauer sind. Eine Gleichsetzung von Sozialleistungsprogrammen mit Begriffen wie "Hängematte" oder "Armutsfalle", die einen überwiegenden Langzeitbezug nahelegen, ist daher unzulässig, wenngleich Langzeitbezug vorkommt und für die Betroffenen durchaus eine erhebliche Erschwernis darstellen kann.

Armut? Reichtum? – die Notwendigkeit einer integrierten Betrachtung von Einkommen und Vermögen

In der Bundesrepublik sind traditionell "die Vermögensunterschiede erheblich krasser ausgeprägt als die Einkommensunterschiede" (Geißler 2006, S. 88). Dies bestätigen neuere Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zur Entwicklung der Vermögen in Deutschland: Im Durchschnitt besaß demzufolge 2007 jeder Deutsche rund 88.000 Euro an Vermögen. Doch die Hälfte aller Deutschen verfügte nur über weniger als 15.300 Euro. Mehr als ein Viertel aller Erwachsenen (27 Prozent) besaßen gar kein Vermögen oder waren sogar verschuldet, "während das reichste Zehntel der Bevölkerung über ein Netto-Gesamtvermögen von mindestens 222.000 verfügte" (Frick/Grabka 2009, S. 57). Bei Berücksichtigung unterschiedlicher Vermögensarten (z.B. so genanntes Produktivvermögen, Anteile an Unternehmen) ergeben sich noch ungleichere Verteilungen (Frick/Grabka 2009, S. 60).

Fußnoten

1.
Das Volkseinkommen ist die in Geld ausgedrückte Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft, die verbraucht, investiert oder gegen ausländische Güter eingetauscht werden.
2.
Wenn man alle Ost- bzw. Westdeutschen nach der Höhe ihres Einkommens aufreihen würde, bezeichnet der Median gerade die Einkommenshöhe, welche die ärmere Bevölkerungshälfte von der reicheren trennt.
3.
Das Realeinkommen ist im Zeitraum zwischen 2002 und 2005 um 2,5 % zurückgegangen (S.17, Abs. 1, Dritter Armuts- und Reichtumsbericht). Im Osten sind das 3,9 %, im Westen: 2,4 % (basierend auf dem Nettoäquivalenzeinkommen, "neue" OECD-Äquivalenzskala, eigene Berechnungen).
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