Denkmal für die Berliner Mauer

18.8.2010 | Von:
Bernd Martens

Blick zurück ohne Zorn?

Heutige Bilder von der DDR

4. "Der Jahrgang '73" – das DDR-Bild als Indikator für gesellschaftliche Probleme der Gegenwart

Ähnliche Einstellungen hinsichtlich der Wiedervereinigung wie bei Schülern lassen sich auch bei einer dritten Personengruppe von Ostdeutschen beobachten, wobei bei dieser Gruppe auch erkennbar wird, welche Einflüsse das DDR-Bild bestimmen. Seit 1987 wird eine Stichprobe junger Ostdeutscher des Geburtsjahrgangs 1973 kontinuierlich befragt. Es handelt sich um die einzige Studie, in der der Einstellungswandel einer Stichprobe von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen im Zuge der Wiedervereinigung über einen Zeitraum von jetzt mehr als 20 Jahren fortgesetzt, im Rahmen einer so genannten Panelstudie, dokumentiert wird. An der letzten Erhebungswelle 2008 beteiligten sich knapp 400 Personen. Statistisch gesehen, lassen sich die Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie" mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 6 Prozent auf die Ostdeutschen des Jahrgangs 1973 verallgemeinern.

Die Schriftstellerin Jana Hensel, selbst Jahrgang 1976, hat ihre Generation als "Zonenkinder" charakterisiert (Hensel 2002). Diese Jahrgänge haben ihre Kindheit in der DDR verlebt und sind dadurch stark geprägt worden; dann aber, gerade angekommen an der Grenze zum Erwachsensein, mussten sie plötzlich in einem ganz anderen gesellschaftlichen System zurechtkommen. Ähnlich wie Hensel schreiben die Autoren der "Sächsischen Längsschnittstudie" über die Befragten ihrer Stichprobe: Die "Sozialisations- und Sicherheitserfahrungen im Kinder- und Jugendalter wirken nachhaltig bis in die Gegenwart und bilden den Kern einer immer noch bestehenden, seit Jahren sogar erneut zunehmenden emotionalen Verbundenheit mit der DDR" (Förster u.a. 2009, S. 44).

Dieser Untersuchung zufolge zeichnet den Jahrgang 1973 der Ostdeutschen eine abnehmende Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung aus (vgl. Tabelle "Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung"). Obwohl diese "Zonenkinder" schon seit rund 20 Jahren in der Bundesrepublik leben, ist die Identifikationsrate mit der DDR immer noch höher (vgl. Tabelle "Verbundenheit mit der DDR und mit der Bundesrepublik"), und im Systemvergleich schneidet die DDR (insbesondere in sozialen Bereichen) besser ab (vgl. Tabelle "Systemvergleich 2007"). "Der Identitätswandel vom DDR-Bürger zum Bundesbürger [verläuft] weitaus komplizierter und langwieriger" als erwartet (Förster u.a. 2009, S. 21). Wie lässt sich das erklären?

Anscheinend hat die aktuelle soziale Lage, insbesondere die Erfahrung von Arbeitslosigkeit und Ungewissheit über die eigenen Zukunftsaussichten, einen Einfluss auf die Bewertung der DDR. "Je unsicherer der Arbeitsplatz ist, desto weniger wird die BRD als Vaterland erlebt" (Förster u.a. 2009, S. 23). Vor diesem Hintergrund scheinen die Einstellungen der "Zonenkinder" zur DDR der Reflex gesellschaftlicher Problemlagen der Gegenwart zu sein. "Nur Minderheiten [der Befragten des ostdeutschen Jahrgangs 1973] sind zufrieden mit der [aktuellen] Sozialpolitik, der Familienpolitik, der Gesundheitspolitik und der Lohnpolitik" (Förster u.a. 2009, S. 44). Die rückblickend verklärende Sicht auf die DDR spiegelt folglich die Probleme der heutigen Bundesrepublik wider. Es ist nicht die Sehnsucht nach der alten DDR oder die Ablehnung der Wiedervereinigung, sondern der Wunsch beispielsweise nach größerer sozialer Sicherheit und mehr Gerechtigkeit, die sich in dem DDR-Bild ausdrücken. Verstetigen sich diese Wahrnehmungen, dann wird die "virtuelle DDR" noch länger existieren.

Zufriedenheit Ostdeutscher des Geburtenjahrgangs 1973 mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland
in den Jahren 1996 bis 2007 (ohne Berlin)
Antworten auf die Frage: "Wie zufrieden sind Sie mit der gesellschaftlichen Entwicklung?"* (in Prozent)
Jahr 1996 1998 2000 2002 2003 2004 2005 2006 2007
Gesamt 35 32 40 36 27 22 23 23 29
männlich 41 36 47 46 32 28 29 28 33
weiblich 29 28 34 28 23 16 18 19 22
*Antwortmöglichkeiten: 1=zufrieden, 2=eher zufrieden als unzufrieden, 3=eher unzufrieden als zufrieden, 4=unzufrieden, 1 und 2 wurden zusammengefasst. Die Angaben drücken die abnehmende Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland im Zeitraum 1996-2007 aus.
Quelle: Panel-Befragungen von 383 Ostdeutschen des Geburtsjahrgangs 1973 in den angegebenen Jahren, Förster u.a. 2009, S. 21.


Verbundenheit Ostdeutscher des Geburtenjahrgangs 1973 mit der DDR und mit der Bundesrepublik in den Jahren 1990 bis 2007: Antworten "ja, vollkommen" und "ja, etwas schon" auf die Frage: "Als was fühlen Sie sich? a) als Bürger/in der ehemaligen DDR b) als Bürger/in der Bundesrepublik"* Angaben in Prozent, Doppelnennung möglich
Jahr a) DDR-Bürger b) Bundesbürger
1990 85
1992 85 80
1993 79 75
1994 81 73
1995 80 82
1996 82 74
1998 79 81
2000 77 81
2001 79 88
2002 83 84
2003 82 85
2004 87 85
2005 88 84
2006 90 86
2007 90 83
* Antwortmöglichkeiten:
1=ja, vollkommen, 2=ja, etwas schon, 3=nein, eigentlich nicht, 4=nein, absolut nicht. 1 und 2 wurden zusammengefasst
Quelle: Panel-Befragungen von 383 Ostdeutschen des Geburtsjahrgangs 1973 in den angegebenen Jahren, Förster u.a. 2009, S. 22.


Systemvergleich 2007: Antworten Ostdeutscher des Geburtenjahrgangs 1973 auf die Frage: "Vergleichen Sie bitte auf einigen Gebieten des Lebens die Situation damals in der DDR vor der Wende und heute in Ostdeutschland"* Angaben in Prozent
vor der Wende besser heute besser
demokratische Mitwirkung 1 48
persönliche Freiheiten 3 80
Ehrlichkeit der Politiker 2 6
soziale Gerechtigkeit 53 6
Schulbildung 68 11
Verhältnis der Menschen 80 1
Förderung der Familie 81 3
Betreuung der Kinder 90 3
soziale Sicherheit 91 2
* Antwortmöglichkeiten:
1=war es vor der Wende besser, 2=ist es heute besser, 3=gibt es kaum einen Unterschied oder 0=das kann ich nicht beurteilen
Quelle: Förster u.a. 2009, S. 23.


Literaturhinweise

  • Ahbe, T., Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren, Erfurt 2005.
  • Förster, P./Stöbel-Richter, Y./Berth, H./Brähler, E., Die deutsche Einheit zwischen Lust und Frust. Ergebnisse der "Sächsischen Längsschnittstudie". Zusammenfassung für die Otto-Brenner-Stiftung, OBS-Arbeitsheft 60, Frankfurt/M. 2009.
  • Hensel, J., Zonenkinder, Reinbek 2002.
  • Holtmann, E./Jaeck, T./Völkl, K., Sachsen-Anhalt-Monitor 2009, Halle und Magdeburg 2009.
  • Klein, A./Heitmeyer, W., Ost-westdeutsche Integrationsbilanz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 28/2009, S. 16-21.
  • Neller, K., DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen, Wiesbaden 2006.
  • Schroeder-Deutz, M./Schroeder, K., Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008.

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