Rentenpolitik

30.1.2020 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Erwerbsaustritt und Renteneintritt

Das Renteneintrittsalter ist meist nicht identisch mit dem Erwerbsaustrittsalter. Zwischen Erwerbsaustritt und Renteneintritt weisen sehr viele Versicherte Zwischenphasen auf, so z.B. Arbeitslosigkeit, Bezug der Grundsicherung oder der Rückzug aus dem Erwerbsleben. Nur ein Teil der Versicherten wechselt aus einer regulären Beschäftigung bruchlos in die Rente.

Älterer Arbeitnehmer in Metallbaufirma. Nur rund jede dritte neue Altersrente beginnt unmittelbar aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus.Älterer Arbeitnehmer in Metallbaufirma. Nur rund jede dritte neue Altersrente beginnt unmittelbar aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus. (© picture-alliance/dpa)

Der Berentungsprozess ist individuell ganz unterschiedlich. Das ergibt sich aus Untersuchungen, die für verschiedene Fallgruppen die letzte Beitragszahlung und die erste Rentenzahlung zum Gegenstand haben.
  • Das durchschnittliche Zugangsalter bei den Altersrenten hat sich seit der Jahrtausendwende merklich erhöht: von 62 Jahren auf etwa 64 Jahre (Männer: 64,0 Jahre, Frauen: 64.3 Jahre) (vgl. Abbildung "Durchschnittliches Zugangsalter in Altersrenten 1993 − 2017").
  • Hingegen liegt das durchschnittliche Erwerbsaustrittsalter − differenziert nach einzelnen Personengruppen – immer noch deutlich niedriger.
Durchschnittliches Zugangsalter in Altersrenten 1993 - 2017Durchschnittliches Zugangsalter in Altersrenten 1993 - 2017 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Dies verdeutlicht die Abbildung "Status vor Rentenbezug – Altersrentenzugänge 2017". Gezeigt wird, aus welchem Status die neuen Altersrentnerinnen und -rentner 2017 in West- und Ostdeutschland in den Rentenbezug jeweils wechselten. Es wird deutlich, dass nur ein Teil der Altersrenten unmittelbar aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus begann. Die überwiegende Zahl der NeurentnerInnen wechselt aus Arbeitslosigkeit, Altersteilzeit, einem anderen aktiven Versicherungsverhältnis oder aus einem passiven Versicherungsverhältnis in den Bezug einer Altersrente.
Status vor Rentenbezug – Altersrentenzugänge 2017Status vor Rentenbezug – Altersrentenzugänge 2017 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Solche passiven Versicherungsverhältnisse sind vor allem solche von Hausfrauen mit früher erworbenen Rentenansprüchen (auch Personen die sich ohne Leistungsanspruch aus einer Arbeitslosigkeit abgemeldet haben) und früher gesetzlich Rentenversicherten die während ihres Arbeitslebens z. B. in ein Beamtenverhältnis oder in die Selbstständigkeit wechselten. Passiv Versicherte beginnen ihre Rente normalerweise erst mit der Regelaltersgrenze oder – in der Regel verbunden mit Abschlägen – mit der Inanspruchnahme einer vorgezogenen Altersrente.

Bei genauerer Analyse zeigt sich, dass ein "glatter" Altersübergang (Rentenzugang direkt aus der Erwerbstätigkeit) in Altersrenten vor allem denjenigen zuvor aktiv Versicherten gelingt, die zumindest die letzten 3 Jahre vor dem Rentenbeginn stabil in Beschäftigung waren und nicht nur kurz vorher. Die Chancen eines bruchlosen Altersübergangs hängen dabei entscheidend von den Berufen/Tätigkeiten, Qualifikationen, Branchen sowie dem Gesundheitszustand ab. Je besser der sozioökonomische Status, umso eher gelingt ein später Renteneintritt aus stabiler Beschäftigung heraus.

Hingegen müssen vor allem jene älteren Beschäftigten die noch verbliebenen Möglichkeiten eines Renteneintritts vor der Regelaltersgrenze in Anspruch nehmen, die nach (langer) Arbeitslosigkeit im rentennahen Alter vergeblich nach einer Neuanstellung suchen und/oder aufgrund von physischen und/oder psychischen Einschränkungen nicht mehr in der Lage sind, in ihrem erlernten Beruf oder ihrer ausgeübten Erwerbstätigkeit bis zum Erreichen der abschlagsfreien Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten. Im Ergebnis wird damit die soziale Polarisierung des Alters vertieft. Während die qualifizierten Beschäftigten mit einem in der Regel besseren Gesundheitszustand und leichteren Arbeitsbedingungen länger arbeiten können und werden, auch weil die Unternehmen angesichts des Fachkräftebedarfs daran ein wachsendes Interesse haben, sind die Beschäftigten im unteren Qualifikationsbereich sowohl hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes als auch der belastenden Arbeitsbedingungen dazu häufig nicht in der Lage.

Da die erstgenannte Gruppe über ein höheres Einkommen verfügt und in der Rentenversicherung wie in der betrieblichen und privaten Altersvorsorge vergleichsweise gut abgesichert ist, wären hier Abschläge finanziell noch am leichtesten verkraftbar. Tatsächlich müssen die Abschläge aber überwiegend von jenen in Kauf genommen werden, denen eine Weiterarbeit bis zum Alter von 65 oder gar bis 67 Jahren kaum möglich ist, die aber nur über niedrige Renten verfügen und auch nicht oder nur sehr begrenzt auf ergänzende Leistungen aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge zurückgreifen können.

Allerdings lässt sich auch beobachten, dass im Zeitverlauf der Anteil der Altersrentenzugänge aus zuvor versicherungspflichtiger Beschäftigung erheblich zugenommen hat: Bei den Männern waren es 2008 noch 18,3 Prozent, hingegen 2017 schon 41,7 Prozent; bei den Frauen waren es 17,3 Prozent im Jahr 2008 gegenüber 38,2 Prozent im Jahr 2017 (vgl. Abbildungen "Status vor Altersrentenbezug: Zugänge 2000 − 2017 für Männer und für Frauen").

Status vor Altersrentenbezug: Zugänge von Männern in Deutschland
2000 – 2017Status vor Altersrentenbezug: Zugänge von Männern in Deutschland 2000 – 2017 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Status vor Altersrentenbezug: Zugänge von Frauen in Deutschland 2000 – 2017Status vor Altersrentenbezug: Zugänge von Frauen in Deutschland 2000 – 2017 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen