Rentenpolitik

30.1.2020 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Rente erst ab 70?

Immer wieder tauchen Forderungen nach einem Renteneintrittsalter erst mit 70 Jahren oder später auf. Zudem solle die Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung angekoppelt werden. Welche Gründe sprechen dafür, aber auch dagegen?

Ältere Frau bei der Weinlese im WeinbergÄltere Frau bei der Weinlese im Weinberg. Um die Rente auch in Zukunft zu sichern schlagen einige Experten vor, das Renteneintrittsalter auf 71 bzw. 75 Jahre anzuheben. (© picture-alliance, blickwinkel)

In der aktuellen wissenschaftlichen wie politischen Debatte über die langfristige Finanzierungsfähigkeit der Rentenversicherung gewinnt die Forderung an Gewicht, die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze auch über das Jahr 2030 hinaus, wenn also die Heraufsetzung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre erreicht ist, fortzusetzen. Um den zu erwartenden kontinuierlichen Anstieg von fernerer Lebenserwartung und Rentenbezugsdauer (zumindest teilweise) ausgleichen, sei deshalb die weitere Anhebung der Regelaltersgrenze unverzichtbar. Hinsichtlich der für erforderlich gehaltenen Höhe der Regelaltersgrenze variieren die Vorstellungen: So nennt der Sachverständigenrat eine Altersgrenze von 71 Jahren, das Institut der Deutschen Wirtschaft (2016) geht gar von 75 Jahren aus [1]. Im Grundsatz zielen die skizzierten Vorschläge und Forderungen auf die Zeit nach 2030 ab. Dieser lange Zeitraum könnte Anlass sein, die Entwicklung einfach abzuwarten. Allerdings wäre dies wenig empfehlenswert. Denn zum einen sind rentenpolitische Maßnahmen mit langfristigen Wirkungen verbunden, die ebenso langfristig vorbereitet werden müssen. Zum anderen enden die amtlichen Vorausberechnungen (in den jährlichen Rentenversicherungsberichten) über das Rentenniveau und die Beitragssätze nach der Gesetzeslage im Jahr 2030 – also in bereits 12 Jahren. Genau dies hat die Parteien der Großen Koalition dazu bewogen, eine Rentenkommission "Verlässlicher Generationsvertrag" einzusetzen. Der Abschlussbericht soll bis Ende 2020 vorliegen, so dass die politischen Schlussfolgerungen und Entscheidungen erst in der nächsten Legislaturperiode anstehen. Man wird aber bereits jetzt nicht falsch liegen in der Erwartung, dass die Frage nach einer weiteren Anhebung der Altersgrenzen und möglicher Alternativen dazu ein zentraler Streitpunkt in der Kommission sein wird.

Deshalb ist zu prüfen, was die Daten und Entwicklungstrends von Lebenserwartung und Mortalität wirklich aussagen. Es handelt sich um Durchschnittswerte (arithmetische Mittel), die nicht weiter differenzieren. Aus der Fülle von internationalen und auch deutschlandspezifischen Untersuchungen lässt sich entnehmen, dass sowohl der Gesundheitszustand als auch das Mortalitätsrisiko eng mit dem sozialen Status der Menschen zusammenhängen. Dies gilt für die mittlere Lebenserwartung (bei der Geburt) als auch für die fernere Lebenserwartung (etwa ab Erreichen des 60. oder 65. Lebensjahres): Je niedriger der Status – gemessen an Merkmalen wie Einkommen, Qualifikation, Lebensbedingungen und Art der Berufstätigkeit – desto größer sind die Risiken zu erkranken und auch früh zu versterben. Gerade im fortgeschrittenen Lebensalter prägen sich diese sozialen Ungleichheiten im besonderen Maße aus, da sich die physischen und psychischen Belastungen – verbunden mit geringeren materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen – über den Lebens- und Erwerbsverlauf hinweg kumulieren. Die Zugewinne der ferneren Lebenserwartung fallen deswegen in den unteren Statusgruppen deutlich geringer aus als in den mittleren und vor allem in den höheren Statusgruppen [2].

So kommen Auswertungen auf der Datenbasis des Sozio-Ökonomischen Panels [3], die die relative Position der Bevölkerung im Einkommensgefüge zum Maßstab nehmen, zu dem Ergebnis, dass die Abstände der mittleren Lebenserwartung zwischen der obersten und untersten Einkommensposition bei 10,8 Jahren (Männer) bzw. 8,4 Jahren (Frauen) liegen. Bei der ferneren Lebenserwartung ab 65 betragen die Spannen 7,4 Jahre (Männer) bzw. 6,3 Jahre (Frauen).
Lebenserwartung bei Geburt und ab einem Alter von 65 Jahren nach
EinkommenspositionLebenserwartung bei Geburt und ab einem Alter von 65 Jahren nach Einkommensposition (PDF-Icon Grafik zum Download)

Auch aus den Daten der Rentenversicherung lassen sich diese Unterschiede entnehmen. Sie fallen – bezogen nur auf die Arbeitnehmer und begrenzt auf Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze –etwas moderater, aber immer noch deutlich aus. Vergleicht man die höchste und die niedrigste Einkommensgruppe (gemessen an der Summe der persönlichen Entgeltpunkte) zeigt sich bei der ferneren Lebenserwartung ab dem 65. Lebensjahr eine Differenz von 3,5 Jahren (Frauen) und 5,3 Jahren (Männer) [4].

Insofern führen pauschale Aussagen leicht in die Irre. Nicht alle Älteren haben die positive Entwicklung der Lebenserwartung im gleichen Maße mitgemacht, und werden sie auch in Zukunft nicht mitmachen. Und auch die Vorstellung, dass die sich die Arbeitsbedingungen, einhergehend mit dem wirtschaftsstrukturellen Wandel, im 'Selbstlauf' weiter verbessern würden, erweist sich als fragwürdig. Differenzierte Analysen [5] zeigen, dass sich vielmehr Belastungsschwerpunkte verschieben und es zu Verschiebungen auch zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen kommt. Auffällig ist vor allem die deutliche Zunahme bei den psychischen Anforderungen und Belastungen.

Dynamisierung der Altersgrenzen?

Zu einem grundliegenden Umbruch bei der Regelung der Altersübergänge käme es, wenn der Prozess der Anhebung der Altersgrenzen an den Anstieg der ferneren Lebenserwartung gekoppelt würde. Für diese Art der Dynamisierung wird vermehrt plädiert [6]. Konkret schlägt z. B. Börsch-Supan [7] eine 3 zu 2 Regel vor: Bei einer Erhöhung der Lebenserwartung um 3 Jahre solle sich die Regelaltersgrenze um 2 Jahre erhöhen.

Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein deutsche Debatte: Eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung gibt es bereits in einigen EU-Staates (so Dänemark, Estland, Italien und Niederlande) wird von der OECD und von der EU-Kommission empfohlen [8].

Der Vorschlag erscheint auf den ersten Blick einleuchtend. Auch sind Dynamisierungsregelungen für die Rentenversicherung (Rentenformel und Rentenanpassungsformel) nichts Neues. Gleichwohl ist nicht nur ungewiss, welche – wie diskutiert - Arbeitnehmer hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Konstitution und ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit auch tatsächlich in der Lage sind, länger zu arbeiten. Unklar ist zudem, wie sich der Arbeitsmarkt über 2030 hinaus entwickelt.

Die Anhebung des Rentenalters wäre bei einer Dynamik nicht mehr das Ergebnis eines konkreten politischen Willensbildungsprozesses. Die Politik hat sich jedoch laufend mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zu befassen und muss entsprechend reagieren. Durch eine vorgegebene automatische Anpassung könnte den Besonderheiten der Alterssicherung und der jeweiligen demografischen und ökonomischen Entwicklung nicht mehr Rechnung getragen werden [9]. Eine solche Entmachtung von Politik und Parlament führt dazu, Regelungen, die für die Lebenslage der Mehrheit der Bevölkerung grundlegend sind, ohne Rücksicht auf die konkreten Folgen als "alternativlos" erscheinen zu lassen.

Fußnoten

1.
Vgl. mit Nachweisen Bäcker 2017.
2.
Vgl. Lampert u.a. 2014; Lampert u.a. 2016.
3.
Lampert u.a. 2011, S. 248.
4.
Lauterbach u.a. 2006.
5.
Vgl. vor allem Techniker-Krankenkasse 2018; Trischler 2014.
6.
Vgl. u.a. Deutsche Bundesbank 2016, S. 10; Wissenschaftlicher Beirat 2016; Sachverständigenrat, 2016, S. 305.
7.
2017; Börsch-Supan 2018.
8.
Vgl.; OECD 2016, S. 109; Europäische Kommission 2014, S. 11; 2015, S. 192 ff.
9.
Vgl. Rische 2013, S. 216.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen