Identität und Wohlbefinden von Zugewanderten und deren Nachkommen
Andreas GenoniSebastian Will
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Integration garantiert keine Zugehörigkeit. Auch die Nachkommen Zugewanderter berichten von Diskriminierung und geringerer Lebenszufriedenheit. Das hat Auswirkungen auf die demografische Zukunft.
Zugewanderte brauchen soziale Beziehungen, um sich zugehörig zu fühlen. Fehlen diese, steigt das Risiko sozialer Einsamkeit, was sich wiederum negativ auf das individuelle Wohlbefinden auswirkt.
Bei Zugewanderten ist die Rate der sozialen Einsamkeit höher als bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte.
Zugewanderte fühlen sich Deutschland im Durchschnitt sehr zugehörig, identifizieren sich aber nicht unbedingt mit Deutschland.
Zugewanderte und deren Nachkommen erleben ähnlich häufig Diskriminierung. Die Nachkommen von Zugewanderten haben eine deutlich niedrigere Lebenszufriedenheit als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte.
Der demografische Wandel erhöht den Druck auf Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Sicherungssysteme. In politischen und öffentlichen Debatten wird Migration daher regelmäßig als demografische und ökonomische Ressource genannt, um die Folgen einer alternden Gesellschaft abzufedern. Dabei steht meistens die Integration in den Arbeitsmarkt im Vordergrund. Häufig wird jedoch die Frage ausgeblendet, unter welchen sozialen und emotionalen Bedingungen Zuwanderung und Integration tatsächlich gesellschaftlich und demografisch wirksam werden. Denn ob Menschen bleiben, eine Familie gründen und langfristig Teil der Gesellschaft werden, entscheidet sich nicht allein auf dem Arbeitsmarkt, sondern im Alltag im Hinblick auf soziale und emotionale Zugehörigkeit. Integration lediglich an strukturellen Indikatoren wie Bildung, Erwerbsstatus oder Sprache festzumachen, greift dabei oft zu kurz – gerade dann, wenn die wahrgenommene soziale Einbettung oder das Zugehörigkeitsgefühl systematisch davon abweichen.
Ein solches Auseinanderfallen wird in der Forschung als Integrationsparadox diskutiert (Schaeffer & Kas 2023). Bei der Analyse wie Zugewanderte und die Nachkommen von Eingewanderten ihre Integration wahrnehmen, geht es auch darum, wie gleichberechtigt diese Bevölkerungsgruppen ihr Leben in Deutschland erleben und ob sie sich als Teil der Gesellschaft anerkannt fühlen. Ergänzend zu den demografischen und strukturellen Indikatoren von Integration sollen daher anhand von vier Dimensionen die persönlichen Erfahrungen der migrantischen Bevölkerung in den Fokus gerückt werden: die wahrgenommene soziale Einbettung und Einsamkeit, die Identifikation mit Deutschland, Diskriminierungserfahrungen sowie die Lebenszufriedenheit.
Als Datengrundlage dient das familiendemografische Panel FReDA (Bujard et al., 2025; Schneider et al., 2021) und das SVR-Integrationsbarometer (Wittlif, 2025), zwei repräsentative Studien für die in Deutschland lebende (migrantische) Bevölkerung. Die Daten des SVR werden zur besseren Vergleichbarkeit an die Altersspanne von FReDA angepasst, die zum ersten Erhebungszeitpunkt Menschen im Alter zwischen 18 und 50 Jahren umfasst. Dabei wird zwischen drei Bevölkerungsgruppen unterschieden: Zugewanderte (mit einem anderen Geburtsland als Deutschland), Nachkommen von einem und zwei eingewanderten Elternteilen sowie Personen ohne Einwanderungsgeschichte, die selbst sowie auch deren Eltern in Deutschland geboren wurden.
Menschen sind auf soziale Beziehungen angewiesen (Baumeister & Leary 1995). Freundschaften, Partnerschaften und soziale Kontakte fördern nicht nur Gesundheit und Wohlbefinden, sondern erleichtern auch den Zugang zu zentralen Ressourcen des Alltags wie Informationen, Unterstützung, Orientierung oder Bildung. Für Zugewanderte ist dieser Zugang besonders wichtig, da sie in eine bereits etablierte Gesellschaft mit intakten Beziehungsgefügen eintreten, welche informelle Zugänge zu Ressourcen regeln. Soziale Beziehungen sind essenziell, um Anschluss und einen eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Fehlen sie, steigt das Risiko sozialer Einsamkeit. Dies wirkt sich nicht nur auf das individuelle Wohlbefinden aus, sondern auch darauf, ob sich Menschen zugehörig fühlen, sich gesellschaftlich einbringen und sich langfristig an diese Gesellschaft binden.
In der Abbildung „Wahrgenommene soziale Einsamkeit und Einbettung nach Einwanderungsgeschichte“ werden diese Zusammenhänge anhand von drei Indikatoren dargestellt: ob man sich auf viele Menschen verlassen kann, ob man sich Menschen nahe fühlt und ob man sich bei Problemen auf Menschen stützen kann. Gezeigt werden jeweils die beiden Extreme der Verteilung („trifft überhaupt nicht zu“ (Einsamkeit) vs. „trifft voll und ganz zu“ (Einbettung)). Über alle drei Indikatoren hinweg zeigt sich ein beständiges Muster: Zugewanderte berichten mit 15 bis 20 Prozent am häufigsten von sozialer Einsamkeit. Bei Personen ohne Einwanderungsgeschichte liegt der Anteil bei zwölf bis 15 Prozent. Umgekehrt berichtet etwas mehr als ein Drittel der Zugewanderten von sozialer Einbettung, während es bei Personen ohne Einwanderungsgeschichte knapp die Hälfte ist. Die Nachkommen von Eingewanderten liegen zwischen beiden Gruppen, wobei sie insbesondere beim Ausmaß der wahrgenommenen sozialen Einbettung näher an den Personen ohne Einwanderungsgeschichte liegen.
Diese drei Befunde geben einen ersten Hinweis darauf, wie soziale Einsamkeit und Einbettung erlebt werden. Sie sagen jedoch nichts darüber aus, inwiefern diese auch die emotionale Bindung an Deuschland widerspiegeln. Um diese Dimension näher zu beleuchten, blicken wir im Folgenden auf die Identifikation mit Deutschland.
Identifikation mit Deutschland
Ob sich Menschen langfristig an ein Land binden, hängt auch davon ab, ob sie sich mit ihm identifizieren und sich dort zu Hause fühlen. Identifikation beschreibt dabei das Ausmaß der Zugehörigkeit und emotionalen Verbundenheit (Ashmore et al. 2004). Sie ist eng damit verknüpft, ob man beabsichtigt, in einem Land zu bleiben, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gewinnen diese Aspekte besonders an Bedeutung (Genoni & Witte 2025).
Wie die Abbildung „Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland und wahrgenommene Diskriminierung“ in der oberen Grafik zeigt, ist das Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland insgesamt hoch. Bereits die Nachkommen von Eingewanderten berichten von einer ähnlichen Zugehörigkeit wie Personen ohne Einwanderungsgeschichte. Wie erwartet ist die Identifikation mit Deutschland bei Zugewanderten vergleichsweise schwächer ausgeprägt. Diese Personen können einen beträchtlichen Anteil ihres Lebens außerhalb Deutschlands verbracht haben und entsprechend an ihre Heimatländer emotional gebunden sein. Dennoch fühlen sich etwa 80 Prozent von ihnen eher oder sogar sehr zu Deutschland zugehörig.
Eine hohe Identifikation mit Deutschland bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Zugehörigkeit im Alltag als gleichberechtigt erlebt wird. Ob soziale Begegnungen mit Anerkennung, Respekt und Gleichbehandlung einhergehen, lässt sich näher betrachten, wenn man Erfahrungen wahrgenommener Diskriminierung in den Blick nimmt.
Diskriminierung
Auch Menschen, die sozial eingebettet sind und sich emotional mit Deutschland verbunden fühlen, können aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung erleben. Sie werden also anders behandelt oder nicht als selbstverständlich zugehörig wahrgenommen. Für Zugewanderte und die Nachkommen von Eingewanderten spielt daher nicht nur die Frage eine Rolle, ob sie soziale Kontakte haben oder sich mit dem Aufnahmeland identifizieren. Es geht für sie auch darum, wie alltägliche soziale Begegnungen erlebt werden und ob sie anerkannt, respektiert und gleichberechtigt behandelt werden. Wahrgenommene Diskriminierung aufgrund der Herkunft liefert einen wichtigen Hinweis darauf, wie inklusiv soziale Kontexte tatsächlich sind und wo emotionale Zugehörigkeit im Alltag an Grenzen stößt.
In der unteren Grafik der Abbildung „Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland und wahrgenommene Diskriminierung“ ist dargestellt, wie häufig Zugewanderte, Nachkommen und Personen ohne Einwanderungsgeschichte von Benachteiligungen aufgrund ihrer Herkunft berichten. Für fast alle Personen ohne Einwanderungsgeschichte war Diskriminierung in den vorhergehenden fünf Jahren kein oder nur selten ein Thema. Das gilt mit rund 80 Prozent auch für die Mehrheit der migrantischen Bevölkerung. Auffällig ist, dass Nachkommen von Eingewanderten ähnlich häufig über Diskriminierung berichten wie Zugewanderte selbst (circa 18 bis 20 Prozent). Dieses Muster deckt sich mit dem Integrationsparadox: Gerade Personen, die nach klassischen Indikatoren (wie Bildung oder Generationenstatus) als gut integriert gelten, berichten meist häufiger von Ausgrenzung und Diskriminierung (Schaeffer & Kas 2023). Eine plausible Erklärung ist, dass diesen Menschen, je fortgeschrittener ihre Integration ist, Diskriminierung eher auffällt, zum Beispiel dann, wenn sie im Vergleich zur ansässigen Bevölkerung anders und weniger gleichberechtigt behandelt werden.
Lebenszufriedenheit
Das subjektive Wohlbefinden geht über einzelne Integrationsdimensionen hinaus und gibt Auskunft über die allgemeine Bewertung des Lebens in Deutschland. Gemessen wird es häufig über die Lebenszufriedenheit. Um diese zu ermitteln, setzen Befragte ihre gewünschten den tatsächlichen Lebensverhältnissen gegenüber. Dies ermöglicht eine umfassendere Perspektive auf Erfahrungen in der migrantischen Bevölkerung, da dabei neben materiellen Lebensumständen und strukturellen Rahmenbedingungen auch soziale Beziehungen, emotionale Zugehörigkeit, Erfahrungen von Anerkennung oder Ausgrenzung reflektiert werden.
Die Abbildung unten zeigt die Verteilung der Lebenszufriedenheit (Skala 0-10) nach Einwanderungsgeschichte. Zugewanderte und Personen ohne Einwanderungsgeschichte unterscheiden sich dahingehend nur geringfügig. Abweichungen zeigen sich bei den Nachkommen von Eingewanderten: Im Vergleich zu den anderen beiden Bevölkerungsgruppen geben die Nachkommen Eingewanderter häufiger eine niedrige Lebenszufriedenheit und weniger häufig eine hohe Lebenszufriedenheit an. Besonders deutlich ist der Abstand im oberen Skalenbereich: ab Skalenpunkt 8 sind die Nachkommen von Eingewanderten deutlich weniger häufig vertreten.
Gerade weil die Nachkommen von Eingewanderten häufig bessere strukturelle Ausgangsbedingungen haben (z.B. Sprachkompetenzen und Bildung) und in Deutschland sozialisiert wurden, verweist dieser Befund erneut auf das Integrationsparadox: Strukturelle Annäherung und subjektives Wohlbefinden verlaufen nicht zwingend parallel. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das subjektive Wohlbefinden nicht nur eine Folge objektiver Lebenslagen ist, sondern auch Ausdruck sozialer Anerkennung und emotionaler Verortung in Deutschland sein kann.
Zugehörigkeit als demografische Ressource
Wenn Zuwanderung zur Stabilisierung des Erwerbspersonenpotenzials beitragen soll, reicht es nicht, wenn diese Menschen in Deutschland arbeiten. Entscheidend ist, ob sie sich sozial eingebunden fühlen, Deutschland als „ihr“ Land begreifen und im Alltag Anerkennung erfahren. Im Hinblick auf wahrgenommene soziale Einbettung, Identifikation, Diskriminierung und Lebenszufriedenheit zeigt sich ein ambivalentes Bild: Zugewanderte berichten häufiger von sozialer Einsamkeit; zugleich ist die Identifikation mit Deutschland insgesamt hoch. Dennoch machen sie Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer Herkunft.
Trotz Sozialisation in Deutschland und einer oft günstigeren strukturellen Ausgangslage nehmen Nachkommen von Eingewanderten ähnlich häufig Diskriminierung wahr wie Zugewanderte. Zudem weisen sie im Mittel die niedrigste Zufriedenheit mit ihrem Leben auf. Dies stützt die These des Integrationsparadox.
Für Politik und Gesellschaft folgt daraus, dass Integration neben Bildung und Arbeitsmarkt stärker als Frage von Zugehörigkeit, Anerkennung und Gleichbehandlung gedacht werden sollte. Dazu gehören verlässliche Gelegenheiten, um soziale Kontakte aufzubauen, niedrigschwellige Teilhabe (beispielsweise in Vereinen, in der Nachbarschaft oder bei der politischen Beteiligung) sowie eine aktive Auseinandersetzung mit Diskriminierung, die Prävention und institutionelle Verantwortung umfasst, damit Gleichbehandlung rechtlich durchgesetzt werden kann. Gleichzeitig beschreiben die dargestellten Faktoren nur aktuelle Trends. Innerhalb der hier betrachteten migrantischen Gruppen gibt es Unterschiede. So berichten vor allem Nachkommen mit zwei eingewanderten Elternteilen ähnlich häufig über Diskriminierung wie Zugewanderte. Etwas seltener sind solche Erfahrungen bei Nachkommen mit jeweils einem eingewanderten und einem in Deutschland geborenen Elternteil. Umso wichtiger ist es, subjektive Indikatoren dauerhaft zu beobachten und mit strukturellen Daten zusammenzudenken. Denn ob Menschen in Deutschland bleiben, sich hier fest etablieren und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, hängt nicht zuletzt von ihrem Zugehörigkeitsempfinden ab.
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Dr. Andreas Genoni ist Postdoktorand in der Forschungsgruppe Migration & Mobilität am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. In seiner Forschung befasst er sich hauptsächlich mit internationaler Migration und deren Folgen für Individuen, wobei er auf Längsschnittdaten zurückgreift. Besonders interessiert ihn, welche Mechanismen zu Diskrepanzen zwischen der subjektiven Wahrnehmung der Integration von Migrantinnen und Migranten und ihrer tatsächlichen sozialen Realität führen.
Dr. Sebastian Will ist Senior Researcher am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Dort forscht der Ökonom zu Fragestellungen rund um die Themen Wohnen, Familie und Subjektives Wohlbefinden.