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Weltbevölkerung und Gesundheit

Anna Reuter

/ 8 Minuten zu lesen

Während weltweit immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, stehen ärmere Länder vor der Herausforderung, Infektionen und nicht-übertragbare Krankheiten gleichzeitig zu bewältigen.

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Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat sich die Gesundheit der Weltbevölkerung massiv verbessert. Am eindrucksvollsten lässt sich dies daran erkennen, dass die Sterblichkeit zurückgegangen ist - sowohl bei Säuglingen als auch bei älteren Menschen.

Die Sterblichkeit der einzelnen Altersgruppen lässt sich mithilfe der zu erwartenden Überlebenswahrscheinlichkeit eines Jahrgangs darstellen. Betrachtet man beispielsweise den Geburtsjahrgang 1950, so konnte man anhand der damaligen Sterblichkeitsraten erwarten, dass weltweit nur etwa 86 von 100 Kindern ihren ersten Geburtstag erleben würden und nur etwa zwölf Kinder ihren 80. Geburtstag (siehe Abb. zur „Überlebenswahrscheinlichkeit anhand der Sterbetafeln bei Geburt“).

Bessere Überlebenschancen

Diese Zahlen zur Sterblichkeit haben sich über die vergangenen 70 Jahre deutlich verbessert: Für die im Jahr 2023 geborenen Kinder wird erwartet, dass fast alle (97 von 100) ihren ersten Geburtstag erreichen und fast die Hälfte (47 von 100) mindestens 80 Jahre alt wird. Der starke Rückgang der Säuglingssterblichkeit ist der Hauptgrund für den Rückgang der allgemeinen Sterblichkeit und den Anstieg der Lebenserwartung. Aber auch in allen anderen Altersgruppen ist die Sterblichkeit gesunken.

Diese Entwicklung zeigt sich in allen Regionen der Welt, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. In Europa und Nordamerika war die Säuglingssterblichkeit bereits im Jahr 1950 sehr niedrig und ist bis zum Jahr 2023 fast verschwunden. Ein Großteil der Erwachsenen erreicht mittlerweile nicht nur das Ruhestandsalter, sondern verbringt auch eine längere Zeit im Ruhestand. Anhand aktueller Sterblichkeitsraten kann man annehmen, dass 84 von 100 Kindern 65 Jahre oder älter werden.

In Ost- und Südostasien, wo 1950 zu erwarten war, dass nur 87 von 100 Kindern ihren ersten Geburtstag erlebten, hat über alle Altersgruppen hinweg die Sterblichkeit im Jahr 2023 fast die Raten von Europa und Nordamerika erreicht.

In Subsahara-Afrika, welches 1950 eine ähnliche Sterblichkeit wie Ost- und Südostasien aufwies, ist die Sterblichkeit zwar ebenfalls gesunken, allerdings deutlich langsamer. Heute liegt sie etwa auf dem Niveau von Europa und Nordamerika vor siebzig Jahren.

Doch auch innerhalb dieser Regionen gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Während zum Beispiel in Nigeria anhand der aktuellen Sterblichkeitsraten zu erwarten ist, dass nur 17 von 100 Kindern 80 oder älter werden, gilt dies in Eritrea für mehr als doppelt so viele, nämlich für 35 von 100 Kindern.

Wandel der Krankheitslast zu nicht-übertragbaren Krankheiten

In Ländern des sogenannten globalen Südens führen Infektionskrankheiten immer noch zu vielen Todesfällen. Impfungen, zum Beispiel gegen Malaria, können dies abmildern. (© picture-alliance, Xinhua News Agency | WHO)

Um den Gesundheitszustand einer Bevölkerung zu beschreiben, wird oft die sogenannte Krankheitslast betrachtet. Sie fasst zusammen, wie häufig und wie schwer Krankheiten auftreten, wie stark sie das Leben verkürzen und die Lebensqualität einschränken. Um die Krankheitslast zu messen werden meist die sogenannten krankheitsbereinigten Lebensjahre berechnet. Dabei fallen Todesfälle in jungen Jahren und Krankheiten, welche über lange Zeit die Lebensqualität beeinträchtigen, besonders ins Gewicht. Zudem werden die Krankheiten in drei große Gruppen zusammengefasst: erstens übertragbare, mütterliche, Neugeborenen- und ernährungsbedingte Erkrankungen wie zum Beispiel Lungenerkrankungen, Eisenmangel oder Malaria, zweitens nicht-übertragbare Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes, Krebs oder Depressionen, und drittens Verletzungen, z.B. durch Unfälle oder Gewalt.

Im Jahr 2023 war die geschätzte Krankheitslast pro Person in Subsahara-Afrika am höchsten (siehe Abb. „Geschätzte Krankheitslast nach Krankheitsgruppe und Weltregion“ für alle Altersgruppen). Dies ist insbesondere durch eine hohe Säuglingssterblichkeit zu erklären sowie auf übertragbare, mütterliche, Neugeborenen- und ernährungsbedingte Erkrankungen zurückzuführen. Auch in Nordamerika, Europa und Zentralasien ist die Krankheitslast hoch – in diesem Fall jedoch vor allem aufgrund einer vergleichsweise älteren Bevölkerung: Da sich viele Erkrankungen erst im Laufe des Lebens ansammeln, ist die Krankheitslast bei älteren Menschen in der Regel höher als bei jüngeren.

Diese Betrachtung über alle Altersgruppen hinweg verdeutlicht, welche Last die jeweiligen Gesundheitssysteme insgesamt zu tragen haben. Ein direkter Vergleich ist jedoch schwierig, da Subsahara-Afrika eine durchschnittlich junge Bevölkerung hat, Nordamerika, Europa und Zentralasien eine eher alte. Ein Vergleich verdeckt demnach, wie hoch die Krankheitslast ausfallen würde, hätten die Bevölkerungen die gleiche Altersstruktur. Hierzu wird die altersstandardisierte (altersbereinigte) Krankheitslast betrachtet, die unabhängig von der jeweiligen Größe der Altersgruppen berechnet wird (siehe altersstandardisierte Abb. „Geschätzte Krankheitslast nach Krankheitsgruppe und Weltregion“). Dabei zeigt sich, dass die Bevölkerung in Subsahara-Afrika relativ zum Alter eine noch größere Krankheitslast zu schultern hat der Rest der Welt. Auch in Südasien zeigt sich dadurch eine größere Krankheitslast, während sie in Nordamerika sowie in Europa und Zentralasien geringer ist.

Weltweit verschiebt sich die Krankheitslast weg von Infektionskrankheiten und ernährungsbedingten Erkrankungen hin zu nicht-übertragbaren Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, nicht infektiösen Atemwegserkrankungen und Krebs, die zugleich chronische Krankheiten sind. Dies wird auch „epidemiologischer Wandel“ genannt. Die Krankheitslast durch übertragbare, mütterliche, Neugeborenen- und ernährungsbedingte Krankheiten ist dabei in den letzten Jahrzehnten stark gesunken, mit Ausnahme eines Anstiegs während der COVID-19-Pandemie (GBD 2023 Disease and Injury and Risk Factor Collaborators 2025). Dies ist unter anderem auf Erfolge bei der Bekämpfung von absoluter Armut und Hunger sowie auf mehr Impfungen und eine verbesserte medizinische Versorgung, insbesondere für werdende Mütter rund um die Geburt, zurückzuführen. Gleichzeitig gibt es immer noch viele Länder, in denen die grundlegenden Bedingungen für ein gesundes Leben fehlen: Im Jahr 2024 litten schätzungsweise acht Prozent der Weltbevölkerung (673 Millionen Menschen) unter Hunger, in Subsahara-Afrika war es sogar mehr als ein Fünftel der Bevölkerung (FAO et al. 2025). Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung hatte keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu sicherem und sauberem Trinkwasser und etwa die Hälfte keinen Zugang zu sicheren Sanitäranlagen (WHO und UNICEF 2025). Etwa 15 Prozent aller Kleinkinder (20 Millionen) hatten keinen vollständigen Impfschutz gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (Pertussis) (WHO; UNICEF 15.07.2025).

Die Krankheitslast durch nicht-übertragbare Krankheiten ist seit 1990 stark gestiegen. Dies hängt vor allem mit der Alterung der Weltbevölkerung zusammen: Altersstandardisiert ist die Krankheitslast sogar leicht gesunken. Insbesondere Länder in der mittleren Einkommensgruppe, zum Beispiel Indien, Indonesien und Südafrika, sind dabei einer doppelten Belastung ausgesetzt: Einerseits spielen Infektionskrankheiten dort immer noch eine große Rolle, andererseits erreicht ein größerer Teil der Bevölkerung ein höheres Alter und ist damit zunehmend von nicht-übertragbaren Krankheiten betroffen.

Dies wird dadurch verschärft, dass in diesen Ländern durch den wirtschaftlichen Wandel auch Änderungen im Lebensstil (z.B. Ernährung, Bewegung, Alkohol- und Tabakkonsum) ergeben haben. So sind mittlerweile in vielen Ländern hochverarbeitete Lebensmittel günstig erhältlich und Berufe immer häufiger mit wenig Bewegung verbunden. Zudem trinken in diesen Ländern Menschen mit höherem Einkommen häufiger Alkohol als Menschen mit niedrigem Einkommen (Xu et al. 2022). All dies trägt zum Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs bei.

Großer Druck auf Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen

Eng verbunden mit der Krankheitslast ist die Gesundheitsversorgung einer Bevölkerung. Ein effizientes Gesundheitssystem trägt dazu bei, die Krankheitslast zu verringern beziehungsweise auf einem niedrigen Niveau zu halten. Das setzt aber ausreichende Ressourcen voraus. Gleichzeitig kann eine hohe Krankheitslast ein Gesundheitssystem überfordern.

Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung geben Länder unterschiedlich viel Geld für die Gesundheit aus, mit sehr starken Schwankungen selbst zwischen Ländern mit ähnlicher Wirtschaftsleistung. Dies spiegelt die unterschiedlichen Herausforderungen, aber auch Prioritäten der verschiedenen Länder wider. Insbesondere in Ländern mit niedrigen Einkommen, zum Beispiel in den meisten Ländern Subsahara-Afrikas, macht die Eigenbeteiligung der Patientinnen und Patienten an der Krankenversorgung über 40 Prozent der Ausgaben aus – sogar über 60 Prozent, wenn nur die inländischen Ausgaben, das heißt, keine Ausgaben durch Programme im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit betrachtet werden (WHO 2020). Da eine solche Eigenbeteiligung dazu führen kann, dass medizinische Hilfe nicht oder zu spät in Anspruch genommen wird beziehungsweise Armutsrisiken verstärkt werden, bauen viele Länder Krankenversicherungssysteme auf (Das und Do 2023; Flourence et al. 2025). Dabei unterscheiden sich Finanzierung, Leistungsumfang und Zielgruppe stark voneinander, ebenso wie die bisher messbaren Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung.

Doch selbst wenn medizinische Leistungen bezahlbarer werden, bleiben Ausstattung und Qualität der Gesundheitssysteme ein Problem. Während in Europa etwa 37 Ärztinnen und Ärzte auf 10.000 Personen kommen, sind es, laut Weltgesundheitsorganisation, in Südostasien nur acht und in Afrika nur drei (WHO 2022). Fast alle Länder Afrikas sowie viele Asiens und Südamerikas haben weniger als die empfohlenen 18 Krankenhausbetten pro 10.000 Personen zur Verfügung (WHO 2022). Schätzungsweise zwei Milliarden Menschen hatten vor der Pandemie keinen regulären Zugang zu grundlegenden Medikamenten (Chan 2017).

Zudem befinden sich Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen im epidemiologischen Wandel. Das bedeutet, dass sie ihre Versorgung zunehmend auf chronische Erkrankungen und deren Prävention beziehungsweise Früherkennung umstellen müssen, ohne dabei die Versorgung für Infektionserkrankungen und Geburten zu beeinträchtigen. Die Länder, die in Zukunft einen besonders starken Anstieg an nicht-übertragbaren Erkrankungen erleben werden, sind dabei auch die Länder, deren Gesundheitssysteme zurzeit am wenigsten darauf vorbereitet sind, wie zum Beispiel Tansania oder Bangladesch (Bollyky et al. 2017).

Länder mit einem niedrigen und mittleren Einkommen sind daher drei massiven Aufgaben gleichzeitig ausgesetzt: Aufbau von Krankenversicherungen, Ausbau und Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Umstrukturierung der Gesundheitssysteme. Dennoch haben diese Länder auch das Potenzial, stärker vom technologischen und medizinischen Fortschritt zu profitieren. Digitale Gesundheitssysteme können von Grund auf mit Blick auf datengetriebene Entscheidungshilfen, personalisierte Medizin und Telemedizin gestaltet werden. Neue Impfungen, eine größere Abdeckung bestehender Impfungen sowie Fortschritte in der Früherkennung von Erkrankungen ermöglichen ein gesünderes Altern. Menschen bleiben somit länger gesund und altersbedingte Erkrankungen treten später oder weniger schwer auf (Laupèze et al. 2021; Horton et al. 2018; Frija et al. 2023).

Klimawandel bedroht die Gesundheit

Insgesamt zeichnet sich in den nächsten Jahrzehnten eine Interner Link: Alterung der Weltbevölkerung sowie eine weitere Verschiebung der Krankheitslast zu nicht-übertragbaren Krankheiten ab. Dies spiegelt sich auch auf internationaler Ebene wider: Die UN hat die Jahre 2021 bis 2030 zur „Dekade des gesunden Alterns“ ausgerufen, und die nachhaltigen Entwicklungsziele umfassen nun als Ziel, Gesundheit „in allen Altersgruppen“ zu fördern.

Gleichzeitig stellt der Interner Link: Klimawandel eine zunehmende Bedrohung für die globale Gesundheit dar und stellt alle Länder vor zusätzliche Herausforderungen: Dürren und Extremwetter können Hungersnöte, Ausbrüche von Infektionskrankheiten, Verletzungen und Todesfälle verursachen. Global werden Klimaschutzmaßnahmen und Anpassungen der Infrastruktur benötigt, um insbesondere Schwangere, Kleinkinder und Ältere vor Hitze zu schützen und die Folgen von Wetterextremen wie zum Beispiel Fluten abzumildern. Bis zum Jahr 2050 wird es schätzungsweise 14,5 Millionen zusätzliche Todesfälle infolge des Klimawandels geben (World Economic Forum 2024).

Der Klimawandel kann auch dazu führen, dass sich bisher „tropische“ Krankheiten, wie beispielsweise Malaria oder das Dengue-Fieber, auch in anderen Teilen der Welt, beispielsweise in Europa ausbreiten (Romanello et al. 2025). Eine Anpassung der Gesundheitssysteme und Präventionsmaßnahmen werden daher notwendig. Das Vordringen der Menschheit in Tropenwälder, zum Beispiel durch Abholzung, birgt zudem das Risiko weiterer Pandemien (Romanello et al. 2025). Eine sofortige und gezielte Bekämpfung des Klimawandels sowie Anpassungsstrategien für den bereits erfolgten Klimawandel sind daher für alle Länder weltweit unabdingbar, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen (Romanello et al. 2025).

In den vergangenen Jahrzehnten wurden große Fortschritte bei der Reduzierung der Sterblichkeit und der Bekämpfung von Infektionskrankheiten gemacht. Diese Fortschritte sind jedoch nicht universell. Während insbesondere Länder in Subsahara-Afrika weiterhin mit hoher Sterblichkeit und Krankheitslast zu kämpfen haben, stehen Länder mit mittlerem Einkommen vor der Herausforderung, ihre Gesundheitssysteme auszubauen, finanzierbar zu machen, und an eine alternde Bevölkerung anzupassen. Der Klimawandel verschärft die Situation zusätzlich. Ob sich die Gesundheit der Weltbevölkerung weiter verbessert, hängt davon ab, wie diese Herausforderungen bewältigt und bestehende Ungleichheiten abgebaut werden.

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