Auch im Ruhestand ist ein großer Teil der Rentnerinnen und Rentner in Deutschland in unterschiedlichen Funktionen noch aktiv. Diese Aktivitäten stehen in Zusammenhang mit Gesundheit und Wohlbefinden.
Menschen sind auch im Alter zunehmend aktiv. So hat sich beispielsweise die Erwerbstätigkeitsquote in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich erhöht.
Ungefähr jede fünfte Person ab 75 Jahren ist ehrenamtlich engagiert. Dies kann sich wiederum positiv auf die Gesundheit auswirken.
Menschen im Rentenalter werden häufig als Großeltern aktiv in die Betreuung der Enkelkinder miteinbezogen.
Besonders kurz vor dem Renteneintritt kommen ältere Menschen häufig in Pflegeverantwortung, was sich negativ auf ihre Lebenszufriedenheit auswirken kann.
Der demografische Wandel im Sinne der Bevölkerungsalterung wird vorrangig als große sozialstaatliche Herausforderung diskutiert. Man kann ihn aber auch als „demografische Revolution“ (WHO, 2002) betiteln. Schließlich ist die Lebenserwartung aufgrund von medizinischem, sozialem und ökonomischem Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte weltweit deutlich angestiegen. Gleichzeitig sind seit den 1960er Jahren, allen voran in den Industrieländern, auch die Geburtenraten gesunken und bleiben seitdem auf einem niedrigen Niveau (WHO, 2002). Eine besondere Dynamik erfährt die demografische Entwicklung durch die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960 Jahre, die sogenannten Babyboomer, die in diesem Jahrzehnt nun nach und nach in den Ruhestand treten werden (Pötsch & zur Nieden, 2024).
Dieser Wandel der Altersstruktur hat weitreichende Folgen – nicht nur für gesellschaftliche Strukturen und soziale Sicherungssysteme, sondern auch für das Leben jedes Einzelnen. Die höhere Lebenserwartung bringt Chancen, aber auch neue Herausforderungen mit sich, die folgende Fragen in den Fokus rücken: Wie wird man gesund älter? Welche Bedeutung hat die steigende Lebenserwartung für das Verständnis von Alter? Wie kann die gewonnene Lebenszeit genutzt werden? Und welche Bedingungen begünstigen oder erschweren diese Gestaltungsmöglichkeiten?
Demografischer Wandel und aktives Altern
Mit der gestiegenen Lebenserwartung vergrößert sich der individuelle Gestaltungsraum vor allem im späteren Lebensverlauf, der typischerweise durch den „Ruhestand“ eingeleitet wird. Dieser ist – zumindest nach dem Konzept eines dreigeteilten Lebenslaufes (Kohli, 1985) – gekennzeichnet durch eine Vorbereitungsphase, eine Erwerbsphase und schließlich die Ruhephase. Obwohl das gesetzliche Rentenalter bis zum Ende dieses Jahrzehnts auf 67 Jahre steigen wird, blieb ein deutlicher Abstand zum tatsächlichen Renteneintritt zwischen 2016 und 2022: Er lag bei Männern im Schnitt zwischen 1,5 und 1,7 Jahren und bei Frauen zwischen 1,2 und 1,6 Jahren unter der Regelaltersgrenze. (Externer Link: https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/renteneintrittsalter.html, Abruf vom 01.06.2026). So konzentriert sich der Zugewinn an Lebenszeit auf die nachberufliche Phase. In der Ruhephase unterscheidet man zwischen den „jungen Alten“ (oder „drittem Alter“), die (weitgehend) gesund und selbständig leben (häufig 60+ oder 65+), und den Hochaltrigen (dem „vierten Alter“; häufig 80+ oder 85+ Jahre), deren Alltag zunehmend von Pflege- und Unterstützungsbedarfen und einer nachlassenden Autonomie geprägt ist (vgl. Baltes & Smith, 2003; Tesch-Römer & Wurm, 2009).
Im Zuge der steigenden Lebenserwartung im Alter und unter dem Druck des sozio-demografischen Wandels auf Sozial- und Gesundheitssysteme werden Vorstellungen und Erwartungen an Aktivitäten im Ruhestand zunehmend durch politische Leitbilder geprägt. Schon in den 1990er Jahren entstand das viel beachtete Konzept des „aktiven Alterns“ („active ageing“), das Aktivität als Schlüssel für gesundes und gelungenes Altern (auch „successful ageing“, Rowe & Kahn, 1997) einordnet (WHO, 1994; 2002; Foster & Walker, 2015). „Aktives Altern“ betont das Wechselspiel von einer aktiven Teilnahme am sozialen Leben (z. B. in Form eines freiwilligen Engagements), der Gewährleistung der persönlichen Sicherheit (u. a. die finanzielle Sicherheit) sowie Gesundheit im Alter – alles Faktoren, die zu einem höheren Wohlbefinden führen.
Das Konzept setzt demnach voraus, sich nach der Erwerbstätigkeit im Alter weiter aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen. Dies kann aber auch Spannungen erzeugen, etwa dort, wo Erwartungen an eine Aktivität nicht zu individuellen Lebenslagen, Ressourcen oder Rahmenbedingungen passen. Das Konzept des aktiven Alterns in seiner ursprünglichen Form stellt den gesundheitserhaltenden Aspekt des Aktivseins in den Vordergrund. Mittlerweile hat aber die ökonomische Dimension im alternspolitischen Kontext an Bedeutung gewonnen: Insbesondere die längere Erwerbstätigkeit gilt als Antwort auf die Überlastung der öffentlich finanzierten sozialen Sicherungssysteme und den Fachkräftemangel (z. B. OECD, 2006). Dies „übersieht“, dass die individuellen Wünsche der Menschen im Ruhestand ihre Aktivitäten bestimmen sollten, nicht Verpflichtungen und Zwänge (Deutscher Bundestag, 2025). Zudem gibt es Aktivitäten, die in diesem Konzept eine gleichwertige Bedeutung haben und gesellschaftlich ebenfalls zentral sind. Dazu zählen das freiwillige Engagement oder die Ausübung von Sorgetätigkeiten in Form der Betreuung von Enkelkindern oder der Unterstützung und Pflege hilfsbedürftiger Personen (Micheel, 2021; Taylor & Earl, 2016) – produktive Tätigkeiten, die ebenfalls sozialstaatlich entlastend wirken können.
Die folgenden Abschnitte beleuchten empirisch die Bedeutung verschiedener Aktivitäten im Ruhestandsalter für die Gesellschaft. Sie werfen dabei die Frage auf, in welchem Maße sich die Aktivitäten in die Leitbilder des „active ageing“ einfügen oder mit ihnen in Konflikt geraten. Der Fokus liegt dabei auf Erwerbsarbeit, dem freiwilligen Engagement, der Betreuung von Enkelkindern sowie der Unterstützung von pflege- oder hilfsbedürftigen Personen. Außerdem wird der Frage nachgegangen, inwieweit diese Aktivitäten mit „gutem Altern“ („ageing well“, vgl. Fernández-Ballesteros et al., 2011) im Sinne von Gesundheit und Wohlbefinden in Zusammenhang stehen.
Erwerbstätigkeit im mittleren und höheren Alter
Die Erwerbstätigenquote – der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung – von Männern und Frauen im Alter von 55 Jahren und älter in Deutschland hat sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich erhöht. In der jüngsten Altersgruppe (55 bis unter 60 Jahre) sind die Erwerbstätigenquoten zwischen 1991 und 2024 um 14 (Männer) bzw. 43 Prozentpunkte (Frauen) gestiegen. Bei den 60- bis unter 65-Jährigen verzeichneten die Männer einen Zuwachs der Erwerbstätigkeitsquote um fast 40 Prozentpunkte, während diese bei den Frauen sogar um 53 Prozentpunkte stieg. Seit 1991 hat sich die Erwerbstätigenquote im Alter 65+ vervielfacht. Während sie bei den Männern bis 2024 auf 12,5 Prozent kletterte (2,8-facher Wert), verzeichneten die Frauen ein Wachstum auf das 4,2-Fache und erreichten eine Quote von etwa 7 Prozent.
Neben dem allgemeinen Trend der gestiegenen Erwerbstätigkeitsquoten fällt auf, dass sich Frauen in ihrem Erwerbsverhalten Männern immer weiter annähern. Ein Beispiel: In der Altersgruppe von 55 bis unter 60 Jahre betrug Anfang der 1990er Jahre der Abstand der Erwerbstätigkeitsquoten zwischen Frauen und Männern noch fast 36 Prozentpunkte. Bis heute ist dieser Abstand auf rund sieben Prozentpunkte gesunken. Gleichzeitig bleiben die bekannten Muster bestehen: Männer weisen in jeder Altersklasse höhere Erwerbstätigkeitsquoten auf als Frauen, und die Erwerbstätigkeit nimmt im Allgemeinen mit dem Alter ab (siehe Abb. „Erwerbstätigenquoten von Männern und Frauen ab 55 Jahre“).
Aktuelle Untersuchungen auf der Datengrundlage des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigen, dass von den hochgerechnet 1,2 Millionen Erwerbstätigen im Alter von 66 Jahren und älter rund 730.000 abhängig beschäftigt sind. Das umfasst sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, also solche, die in einem Angestelltenverhältnis arbeiten, ebenso wie geringfügig Beschäftigte (solche, die in Minijobs arbeiten). Von den 730.000 abhängig Beschäftigten, arbeiten etwa 500.000 durchschnittlich etwa neun Stunden pro Woche in einem Minijob. Weitere 235.000 Personen arbeiten mehr als geringfügig und leisten im Schnitt 26 Stunden pro Woche (kurzfristige Beschäftigung). Die Selbstständigen machen mit 437.000 Personen 2,6 Prozent dieser Altersgruppe aus und arbeiten ebenfalls rund 26 Stunden pro Woche. Darüber hinaus zeigen die Daten, dass ein höheres Bildungsniveau und bessere Gesundheit eine Erwerbstätigkeit im Ruhestand begünstigen (Bindler et al., 2025). Der Eintritt in den Ruhestand ist also von sozialer Ungleichheit geprägt. Auch die Entscheidung für eine Erwerbsarbeit jenseits der Altersgrenze – von der Abwägung über die Planung bis zur Umsetzung – ist sozial ungleich verteilt. Beim Zusammenhang zwischen Erwerbsabsicht im Ruhestand und sozioökonomischer Position zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Männern steigt die Erwerbsabsicht mit höherer sozioökonomischer Stellung, bei Frauen ist es umgekehrt. Dies deutet darauf hin, dass Männer in höheren Positionen eher aus freien Stücken weiterarbeiten, während Frauen in niedrigen Positionen dies oft aus finanzieller Notwendigkeit tun (Cihlar et al., 2019).
Untersuchungen zu Wohlbefinden und Gesundheit im Ruhestand zeigen entsprechend, dass die Auswirkungen der Rente sehr unterschiedlich sein können – und zwar abhängig von der Ausgangssituation, zum Beispiel hinsichtlich des Gesundheitszustandes, der kognitiven Kapazitäten, der Freiwilligkeit des Übergangs oder der Zeit seit Eintritt in den Ruhestand (Eibich, 2015; Pinquart & Schindler, 2007). Oft ist der Beginn des Ruhestands mit einem vorübergehenden Rückgang der Zufriedenheit verbunden, besonders bei Personen, die aus einer Arbeitslosigkeit in den Ruhestand wechseln (Pinquart & Schindler, 2007). Der Verlust geistig anregender Tätigkeiten kann zudem zu einem „mentalen Ruhestand“ führen, insbesondere wenn Personen vorzeitig aus ihrem Beruf ausscheiden (Rohwedder & Willis, 2010). Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass der Ruhestand gesundheitliche Vorteile bis hin zu einer Verlängerung der Lebenszeit haben kann. So wird der Ruhestand unter Umständen als Befreiung wahrgenommen, wenn der Druck, arbeiten zu müssen, entfällt (Hetschko, Knabe, & Schöb, 2014). Insbesondere für Personen aus körperlich belastenden Berufen kann der Ruhestand zu einer Verbesserung der Gesundheit führen (Brockmann, Müller, & Helmert, 2009; Eibich, 2014).
Freiwilliges Engagement erfüllt wichtige gesellschaftliche Funktionen: Es kann Lücken schließen, die weder von Markt, Staat oder der Familie zufriedenstellend gefüllt werden (z. B. in der Flüchtlingshilfe, im Umweltschutz oder bei der Begleitung von Seniorinnen und Senioren). Aus dem Engagement entsteht Wohlfahrt, deren finanzieller Wert nicht zu unterschätzen ist. Konservative Schätzungen auf Basis des Deutschen Freiwilligensurveys aus dem Jahr 2019 geben einen finanziellen Gegenwert von mehr als 32 Milliarden Euro an (bezogen auf die Bevölkerung ab 14 Jahre). Bei diesem Wert handelt es sich um eine fiktive Rechengröße, die entsteht, wenn die erbrachten Leistungen mit dem Mindestlohn aus dem Jahr 2019 bewertet würden (Micheel 2024).
Die folgende Abbildung stellt die Trends im freiwilligen Engagement von 1999 bis 2024 dar, die auf Daten des Deutschen Freiwilligensurveys basieren. In der Gesamtbevölkerung (ab 14 Jahren) lässt sich im selben Zeitraum eine steigende Engagementquote von rund 31 Prozent auf rund 37 Prozent erkennen. Der höchste Wert wurde im Jahr 2014 mit 40 Prozent erreicht. Dieser allgemeine Trend zeigt sich auch in den höheren Altersgruppen. In der Altersgruppe zwischen 65 und 74 Jahren ist ein Zuwachs von 16 Prozent zu verzeichnen. Die Quoten der 75-Jährigen und Älteren liegen zwar niedriger, aber auch hier ist ein deutlicher Anstieg im Engagement zu beobachten. Heute ist ungefähr jede fünfte Person im Alter von 75 Jahren oder älter in irgendeiner Form freiwillig engagiert.
Eine überwiegende Zahl empirischer Studien deutet darauf hin, dass sich freiwilliges Engagement positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirkt. Darüber hinaus kann es dazu führen, sich weniger isoliert und einsam zu fühlen und sich positiv auf die Lebenserwartung auswirken. Engagement im Alter ist Ausdruck einer selbstbestimmten Lebensführung und trägt zur gelebten Solidarität zwischen den Generationen bei (Deutscher Bundestag, 2006; 2025). Allerdings zeigen differenzierte Analysen, dass sich nicht generell aus einer freiwilligen Tätigkeit ein höheres Wohlbefinden ableiten lässt. Vielmehr müssen der Kontext, das Profil und auch die Intensität des Engagements berücksichtigt werden (z. B. Lühr, Pavlova, & Luhmann, 2022; Tabassum, Mohan, & Smith, 2016).
Ehrenamt in Deutschland
Rund 27 Millionen Menschen sind in Deutschland in einem Ehrenamt tätig – Frauen und Männer dabei ungefähr gleich häufig. Das Ehrenamt bezeichnete ursprünglich vor allem die Übernahme eines öffentlichen Amtes in einem Verein, etwa das des Vorstands, des Schatzmeisters / der Schatzmeisterin oder des Schriftführers / der Schriftführerin.
Heute ist der Begriff deutlich weiter gefasst und umfasst freiwillige Tätigkeiten unterschiedlicher Ausprägungen: zum Beispiel im Sport als Trainerin oder Trainer, in der freiwilligen Feuerwehr, bei einer Tafel, bei der Telefonseelsorge, als Chorleitung oder in der Tierheimpflege. Die meisten Menschen engagieren sich im Sport, im Bereich Kultur und Musik und im sozialen Bereich.
Das macht ein Ehrenamt aus:
Es ist eine soziale Tätigkeit, die gemeinwohlorientiert ist und damit der Gesellschaft und nicht dem persönlichen Gewinn dient.
Es ist auf die Gesellschaft bezogen und wird in der Regel auch in Gesellschaft mit anderen durchgeführt.
Es ist öffentlich und findet im öffentlichen Raum statt.
Es ist freiwillig, nicht auf individuellen materiellen Gewinn gerichtet, geht aber oft mit einer Aufwandsentschädigung einher.
Es wird regelmäßig ausgeübt.
Es gibt auch Ehrenämter, die nicht freiwillig sind, sondern die übernommen werden müssen: Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Gericht einen Bürger oder eine Bürgerin als Schöffen bestimmt, also als ehrenamtlichen Richter in einem Prozess. Die ausgewählte Person muss das Amt übernehmen. Auch eine ehrenamtliche Tätigkeit als Wahlhelferin oder Wahlhelfer ist Pflicht, wenn die Gemeinde jemanden dazu bestimmt.
Die Bereitschaft sich zu engagieren, ist in den jüngeren Altersgruppen am höchsten: Von den 14- bis 29-Jährigen engagieren sich 39,9 Prozent, von den 30- bis 49-Jährigen 40,4 Prozent freiwillig.
Mehr zum Thema Engagement, speziell im Ländlichen Raum, Interner Link: hier.
Betreuung von Enkelkindern
Der Übergang zur Großelternschaft mit der Geburt eines Enkelkindes ist ein wichtiges Ereignis im späteren Leben vieler Älterer. Sie bringt eine neue Rolle mit einer Reihe neuer Aufgaben mit sich. Hierzu zählt die Betreuung der Enkelkinder, um die Eltern zu entlasten und diesen die Möglichkeit zu geben, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Viele Großeltern beschreiben die Beziehung zu ihren Enkelkindern als besonders bedeutsam, und zwar in allen sozialen Gruppen. Dadurch, dass Frauen immer später Mutter werden, verschiebt sich allerdings auch der Eintritt in die Großelternschaft im Lebenslauf nach hinten. Langfristig wird aufgrund des hohen Anteils von Menschen ohne Kinder in Deutschland – derzeit haben rund 20 Prozent der Frauen in Deutschland keine Kinder (Externer Link: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/06/PD23_226_12.html, Abruf vom 01.06.2026) – zudem ein Rückgang derjenigen erwartet, die künftig überhaupt noch Großeltern werden (vgl. Leopold & Skopek, 2015; Mahne & Klaus 2016).
Empirische Befunde für Deutschland zeigen, dass Eltern das Betreuungsangebot durch die Großeltern viel in Anspruch nehmen: 31 Prozent der befragten Eltern in Westdeutschland und 36 Prozent in Ostdeutschland geben an, dass ihre Kinder regelmäßig von den Großeltern betreut werden. Die Entfernung zwischen Großeltern und ihren Enkeln spielt eine wichtige Rolle für die Betreuung: Liegen die Haushalte von Großeltern und Enkelkindern im gleichen Ort, beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Betreuung rund 40 Prozent. Liegen die Haushalte dagegen in verschiedenen Orten, halbiert sich dieser Wert. Die Intensität der Betreuung von Kindern im Krippenalter lag im Schnitt bei acht bis neun Stunden pro Woche, die Betreuung von älteren Kindern bei sechs bis sieben Stunden pro Woche (Barschkett et al., 2022).
Zwischen Großvätern und Großmüttern scheint es kaum Unterschiede zu geben, wenn es darum geht, wie oft oder wie intensiv sie in die Betreuung involviert sind. Bei einer genaueren Betrachtung der Betreuungsaktivitäten sind jedoch geschlechtstypische Unterschiede zu beobachten, wie empirische Befunde aus England deutlich machen: Großmütter übernehmen in der Betreuung ihrer Enkel deutlich häufiger und intensiver praktische und fürsorgliche Aufgaben wie Kochen, Krankheitsbetreuung, Unterstützung bei den Hausaufgaben, Begleitung auf dem Schulweg oder einfach Anwesenheit. Großväter sind zwar ebenfalls beteiligt, übernehmen jedoch seltener intensive Betreuungsaufgaben (Di Gessa, Zaninotto, & Glaser, 2020).
Im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Großelternschaft ist die Datenlage gemischt, wie eine Metaanalyse vieler internationaler Studien zeigt. Zwar stellen die meisten Untersuchungen einen positiven Zusammenhang zwischen Großelternschaft und Wohlbefinden oder Gesundheit fest. Leben die Großeltern aber in einem Drei-Generationen-Haushalt oder haben das Sorgerecht für ihre Enkelkinder, mehren sich die Hinweise, dass diese Zusammenhänge (eher) negativ ausfallen (Danielsbacka et al., 2022).
Pflege und Unterstützung Angehöriger
Vielen Menschen begegnet trotz der steigenden (gesunden) Lebenserwartung im hohen Alter das Externer Link: Risiko, irgendwann nicht mehr selbstständig leben zu können und dauerhaft auf Hilfe anderer angewiesen zu sein. Im Jahr 2023 waren etwa 5,7 Millionen Menschen im Sinne des 11. Sozialgesetzbuches (SGB XI) pflegebedürftig und erhielten Leistungen aus der Pflegeversicherung. Die große Mehrheit dieser Personen wird zu Hause gepflegt. Das Verhältnis dieser Pflegeform (auch informelle Pflege genannt) gegenüber der stationären Pflege, die in der Regel in Alten- und Pflegeheimen stattfindet (formelle Pflege genannt) beträgt rund 6:1 (Brandt et al. 2025).
Pflegende Angehörige leisten also einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Dies geschieht im partnerschaftlichen Zusammenleben (Pflegeleistungen von (Ehe-)Partnerinnen oder (Ehe-)Partner), aber auch als Ausdruck generationenübergreifender Solidarität, etwa wenn die erwachsenen Kinder ihre pflegebedürftigen (Schwieger-)Eltern unterstützen. Aktuelle Befunde mit den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2021 verdeutlichen die zentrale Rolle der informellen Pflege in Deutschland. Diese wird insbesondere in privaten Haushalten und überwiegend von Frauen getragen, während Frauen gleichzeitig erheblichen finanziellen und sozialen Herausforderungen gegenüberstehen (Brandt et al. 2025): Der überwiegende Teil der informellen Pflege erfolgt außerhalb des eigenen Haushalts, vor allem für (Schwieger-)Eltern und Großeltern. Pflege im eigenen Haushalt übernehmen hauptsächlich Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner und Kinder. Frauen sind sowohl bei der Pflege im eigenen Haushalt als auch außerhalb des Haushalts deutlich häufiger die Hauptpflegepersonen als Männer (64 % gegenüber 36 %). Darüber hinaus weisen Pflegehaushalte tendenziell ein niedrigeres Einkommensniveau auf als der Durchschnitt in der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Haushalte mit pflegebedürftigen Personen, die eine staatliche Unterstützung erhalten, ist ungefähr doppelt so hoch wie der Anteil der Haushalte, die außerhalb des Haushalts pflegen (Brandt et al. 2025). Internationale Vergleiche untermauern, dass sich der Zusammenhang zwischen niedrigem sozioökonomischem Status und innerhäuslicher Pflege nicht nur auf Deutschland beschränkt (Brandt et al. 2023).
Pflege kann sich negativ auf die Erwerbsbeteiligung auswirken. Ein Grund hierfür könnten Vereinbarkeitsprobleme von Erwerbstätigkeit und Pflegeaufwand sein, insbesondere für Frauen. Frauen mit höherem Erwerbs- und Haushaltseinkommen erleben einen größeren Konflikt zwischen Arbeit und Pflege. Ein höheres Einkommen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Erwerbstätigkeit unterbrochen wird, um sich um die Pflege zu kümmern (Schneider, Drobnič, & Blossfeld, 2001). Gerade kurz vor Renteneintritt zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Übernahme von Pflegeaufgaben und dem vorzeitigen Austritt aus dem Erwerbsleben – auch hier überwiegend bei Frauen (Meng, 2012).
Die Übernahme von Angehörigenpflege bedeutet für viele Pflegende Stress und mentale Belastung. Häufig geht sie mit einem Rückgang der Lebenszufriedenheit einher. Zudem zeigen sich im europäischen Kontext sozio-ökonomische und regionale Ungleichheiten: besonders hoch sind Belastungen in familienbasierten Pflegearrangements, wo hohe Erwartungen an (meist weibliche Haupt-) Pflegepersonen gestellt werden. Die Ergebnisse unterstreichen, dass geschlechtsspezifische Normen und Erwartungen sowie der Pflegekontext entscheidend sind für die Auswirkungen von Pflege auf das Wohlbefinden (Brandt et al., 2023).
Mehr Aktivität im Alter – im Zusammenhang mit Gesundheit und Wohlbefinden
Die Befunde zu Erwerbsarbeit und freiwilligem Engagement zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte: Arbeiten im Ruhestandsalter ist heute kein randständiges Phänomen mehr, allerdings bleibt der „klassische“ Ruhestand ohne Erwerbsarbeit die Regel. Die Aktivitätsgrade im freiwilligen Engagement bewegen sich historisch betrachtet auf recht hohen Niveaus. Unter der Voraussetzung, dass das Erwerbs- und Engagementverhalten der Folgegeneration weiterhin stabil bleibt, kann damit gerechnet werden, dass die Anzahl derer, die auch im Ruhestand erwerbstätig sind oder sich engagieren, deutlich zunehmen werden (in absoluten Zahlen ausgedrückt). Des Weiteren zeigen die Befunde, dass die Grenzen der Dreiteilung des Lebenslaufs (Ausbildungs-, Erwerbs- und Ruhephase) verschwimmen.
Dass die untersuchten Aktivitäten im Alter das Wohlbefinden und die Gesundheit verbessern, lässt sich noch nicht eindeutig ableiten. Wie stark sich der Eintritt in den Ruhestand auswirkt, hängt stark davon ab, wie der Übergangsprozess gestaltet wird. Sowohl beim freiwilligen Engagement als auch bei der Enkelbetreuung gilt: Für die (meist positiven) Zusammenhänge mit dem individuellen Wohlbefinden ist es wichtig, dass die Rahmenbedingen (gesellschaftlicher Kontext, Intensität oder Tätigkeitsmuster) mit den eigenen Vorstellungen und Wünschen in Einklang stehen. Wie bei anderen Sorgetätigkeiten kann sich eine hohe Pflegeintensität negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken. Damit können auch Rollenkonflikte und -überlastungen einhergehen, die in den nächsten Jahrzehnten (im Zuge der Verschiebung der Großelternschaft und der Erwerbsarbeit in spätere Lebensphasen) zunehmen könnte. Dies gilt insbesondere, wenn weitere Pflegeverpflichtungen für ältere Angehörige hinzukommen. Nach wie vor spüren vor allem Frauen als Hauptpflegepersonen die negativen Konsequenzen für ihre Erwerbstätigkeit und das eigene Einkommen. Je nach Pflegearrangement und Kontext können Pflegetätigkeiten dazu führen, dass sich das subjektive Wohlbefinden verringert.
So gilt insgesamt: „Aktives Altern“ im Sinne von Arbeit, Sorgearbeit und freiwilligem Engagement im Alter ist nicht per se mit höherem Wohlbefinden und besserer Gesundheit verbunden (im Sinne von „ageing well“). Stattdessen kommt es auf individuelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen an, die Beteiligung und Teilhabe fördern, ermöglichen oder verhindern. Wahl- und Entscheidungsfreiheit sind mit Blick auf Beteiligung zentrale Faktoren dafür, ob und wie sich das Wohlbefinden und die Gesundheit im Alter steigern lassen. Durchgängig zeigen sich sozio-ökonomische und soziale Ungleichheiten, die sich beispielsweise in geschlechtsspezifischen Unterschieden ausdrücken. Im höheren Alter werden Ungleichheiten in den Lebensbiografien durch kumulative Effekte besonders sichtbar. Eine integrierte Politik für Seniorinnen und Senioren, die querschnittlich und multidimensional auf allen Ebenen operiert, sollte „gutes Altern“ für alle ermöglichen (Deutscher Bundestag, 2025). Insbesondere sollte sie, was Aktivitäten im Alter angeht, dazu beitragen, Vereinbarkeitskonflikte abzubauen – mit dem Ziel, zu besserer Gesundheit und höheren Wohlbefinden für Individuum und Gesellschaft beizutragen.
Martina Brandt ist Professorin für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften. Sie leitet die Sachverständigenkommission zum 9. Altersbericht der Bundesregierung und ist als „Area Coordinator Family & Social Networks“ an der zentralen Koordination des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) beteiligt. Frau Brandt forscht und lehrt im Bereich Altern in Europa und interessiert sich für Familie, Gesundheit und Wohlbefinden im Lebenslauf, Pflege und soziale Unterstützung, soziale Ungleichheit und Sozialpolitik sowie Methoden der empirischen Alter(n)sforschung.
Frank Micheel ist seit 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Er erforscht die demografischen Potenziale alternder Gesellschaften, insbesondere im Bereich bezahlter und unbezahlter Arbeit im höheren Lebensalter.