Gesundheit und Pflege im Alter
Herausforderungen und Lösungsansätze für das Pflegesystem in Deutschland
Peter Eibich
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Deutsche werden immer älter und bleiben länger gesund. Trotzdem steigt der Pflegebedarf durch die steigende Anzahl älterer Menschen. Diese Entwicklung stellt das Pflegesystem vor Herausforderungen.
Die Lebenserwartung in Deutschland steigt weiter an, auch im höheren Alter. Zugleich hat sich die gesunde Lebenserwartung erhöht, was zu einer „Kompression der Morbidität“ führt. Das bedeutet, dass sich Krankheitsphasen auf einen kürzeren Zeitraum am Lebensende verdichten, wobei deutliche sozioökonomische Unterschiede bestehen.
Trotz besserer Gesundheit ist der Pflegebedarf durch den wachsenden Anteil älterer Menschen stark angestiegen, von knapp zwei Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2000 auf 5,7 Millionen 2023.
Das Pflegeangebot gerät unter Druck, da die Zahl der Pflegekräfte sinkt und die Pflege durch Angehörige seltener wird.
Lösungsansätze können attraktivere Pflegeberufe, eine gezielte Zuwanderung, die Stärkung der informellen Pflege und vor allem die Prävention von Pflegebedürftigkeit sein.
Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Seit der Jahrtausendwende ist die Lebenserwartung bei der Geburt angestiegen – bei Männern um knapp drei Jahre auf zuletzt 78,5 Jahre und bei Frauen um etwa zwei Jahre auf zuletzt 83,2 Jahre . Die Lebenserwartung bei der Geburt wird stark von der Sterblichkeit von Kindern und jungen Erwachsenen beeinflusst, doch auch im Alter gibt es Zugewinne – so konnte etwa ein 65-jähriger Mann im Jahr 2000 erwarten, noch etwas weniger als 16 Jahre zu leben, während es 2024 bereits 17,7 Jahre waren. Einer 65-jährigen Frau standen im Jahr 2000 noch durchschnittlich 19,6 Jahre bevor, während es 2024 fast 21 Jahre waren.
Dies sind zunächst einmal gute Neuigkeiten, schließlich steht hinter diesen Zahlen ein Zugewinn an Lebenszeit. Dennoch wecken diese Zahlen auch Befürchtungen: Denn für den Einzelnen steht dabei oft die Angst im Vordergrund, die zusätzlichen Lebensjahre in schwerer Krankheit und Abhängigkeit zu verbringen. Als Gesellschaft stellt sich die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass eine zunehmende Anzahl älterer Menschen mit chronischen Erkrankungen und körperlich oder geistigen Einschränkungen die benötigte Pflege erhalten – während es gleichzeitig stetig weniger Pflegekräfte gibt. Denn Menschen werden nicht nur immer älter, sondern es werden auch immer weniger Kinder geboren, wodurch der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung insgesamt zunimmt. Im Folgenden geht es darum zu schauen, wie sich die Gesundheit im Alter entwickelt hat, bevor die Herausforderungen des demografischen Wandels für das Pflegesystem in Deutschland dargestellt werden.
Die Gesundheit älterer Menschen hat sich in Deutschland verbessert
Demografen unterscheiden zwischen der allgemeinen Lebenserwartung und der gesunden Lebenserwartung. Wenn die allgemeine Lebenserwartung ansteigt, ohne dass sich der Gesundheitszustand verbessert, spricht man von einer Ausweitung der Morbidität. Geht der Anstieg der Lebenserwartung jedoch mit einer Verbesserung des Gesundheitszustandes einher, werden chronische Erkrankungen und körperliche oder geistige Einschränkungen zunehmend ins höhere Lebensalter verschoben und die gesunde Lebenserwartung nimmt ebenfalls zu. Es ist sogar denkbar, dass Verbesserungen im Gesundheitszustand überwiegen und die gesunde Lebenserwartung stärker ansteigt als die allgemeine Lebenserwartung. In diesem Fall spricht man von einer Kompression der Morbidität – das heißt, Phasen schwerer Krankheit und körperlich sowie geistigen Abbaus treten verstärkt in einem kurzen Zeitraum vor dem Lebensende auf.
Es ist deutlich schwieriger, die gesunde Lebenserwartung zu messen als die allgemeine Lebenserwartung. Schließlich werden dafür Daten benötigt, die den genauen Gesundheitszustand der gesamten Bevölkerung abbilden. Dennoch spricht einiges dafür, dass es in Deutschland tatsächlich zu einer Verdichtung der Krankheitsphasen gegen Ende des Lebens kommt.
In einer Reihe von Studien haben Forscherinnen und Forscher beispielsweise untersucht, wie sich der Gesundheitszustand älterer Berlinerinnen und Berliner in den vergangenen 30 Jahren verändert hat . Hierzu wurden 60- bis 85-jährige Berlinerinnen und Berliner, die ab 2012 an der zweiten Berliner Altersstudie teilnahmen (BASE-II), mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern der ersten Berliner Altersstudie aus den 1990er Jahren verglichen. Dabei wurde besonders Wert auf die Vergleichbarkeit der Gruppen gelegt, da sich beispielsweise Veränderungen des Bildungsstandes oder des Einkommens auch auf die Gesundheit auswirken können. Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass sich die Gesundheit älterer Menschen in Berlin in den vergangenen 30 Jahren in vielen Dimensionen verbessert hat. So zeigten sich Verbesserungen bei Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Rauchverhalten, Essgewohnheiten, körperliche Aktivität, sowie Cholesterin- und Blutzuckerwerte), beim Wohlbefinden , bei den kognitiven Fähigkeiten2,5 oder bei der Einsamkeit .
Die Anzahl der verbleibenden gesunden Lebensjahre in Deutschland steigt an
Durch derartige Verbesserungen sowohl der physischen als auch der mentalen Gesundheit hat sich die gesunde Lebenserwartung in Deutschland erhöht. So hatte etwa ein 65-jähriger Mann in den Jahren 2002 bis 2004 eine verbleibende Lebenserwartung von 16,3 Jahren, von denen er im Durchschnitt 13,8 Jahre ohne schwerwiegende geistige Einschränkungen und 9,3 Jahre ohne schwerwiegende körperliche Einschränkungen verbringen konnte . Im Zeitraum 2016 bis 2018 betrug die verbleibende Lebenserwartung 17,9 Jahre – ein Anstieg von 1,6 Jahren (siehe Abb. „Entwicklung der verbleibenden allgemeinen und gesunden Lebenserwartung“). Die erwartete Anzahl von Lebensjahren ohne geistige Einschränkungen stieg jedoch um 2,4 Jahre auf 16,2 Jahre an, während die Anzahl von Lebensjahren ohne schwerwiegende körperliche Einschränkungen um 2,2 Jahre auf 11,5 Jahre anstieg. Bei den Frauen stieg die verbleibende Lebenserwartung im gleichen Zeitraum um 1,3 Jahre an (von 19,8 auf 21,1 Jahre), während die verbleibende Lebenserwartung ohne schwerwiegende geistige Einschränkungen um 2,7 Jahre anstieg (von 15,2 auf 17,9) Jahre) und der Anstieg bei den verbleibenden Lebensjahren ohne körperliche Einschränkungen 2,1 Jahre betrug (von 9,3 auf 11,4 Jahre). In Deutschland kam es also in den letzten 20 Jahren zu einer Kompression der Morbidität, das heißt, Krankheitsphasen gegen Ende des Lebens eines Menschen treten in einem kürzeren Zeitraum gehäuft auf (werden „komprimiert“).
Im internationalen Vergleich fiel der Anstieg der gesunden Lebenserwartung in Deutschland besonders stark aus . So verbesserte sich die gesunde Lebenserwartung zwar auch in einigen anderen europäischen Ländern, darunter Italien, Spanien, die Slowakei und Schweden. Allerdings stagnierte die gesunde Lebenserwartung auch in Ländern wie etwa Portugal, Bulgarien oder Frankreich, oder sie sank sogar, besonders stark im Vereinigten Königreich .
Der Healthy-Migrant-Effect
Der Healthy-Migrant-Effect beschreibt das in vielen Einwanderungsländern beobachtete Phänomen, dass Zugewanderte trotz ihres im Durchschnitt schlechteren sozioökonomischen Status eine bessere Gesundheit und eine niedrigere Sterblichkeit im Vergleich zur nicht zugewanderten Bevölkerung aufweisen. Das trifft besonders auf Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren zu.
Auf den ersten Blick erscheint dieser Befund paradox, da aus mehreren Studien bekannt ist, dass ein niedriger sozioökonomischer Status normalerweise mit einer schlechteren Gesundheit und einer höheren Sterblichkeit einhergeht. Die niedrigere Sterblichkeit von Zugewanderten wird damit erklärt, dass sich vor allem junge und gesunde Menschen dazu entscheiden auszuwandern.
Zwar kommen Migrantinnen und Migranten oft gesünder nach Deutschland, doch ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich mit steigender Aufenthaltsdauer deutlich schneller als der der heimischen Bevölkerung.
Laut aktuellen Studien verschwindet der anfängliche Vorteil bei Frauen bereits vor dem 40. Lebensjahr, bei Männern dauert es etwas länger, bis der Gesundheitsabbau einsetzt. Spätestens ab dem 60. Lebensjahr kehrt sich der Gesundheitsvorteil um. Besonders stark ist dieser Abbau in Deutschland bei Migrantinnen und Migranten aus der Türkei ausgeprägt, darunter viele ehemalige „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“.
Hierfür werden in erster Linie die durchschnittlich schlechteren Lebens- und Arbeitsbedingungen verantwortlich gemacht. Migrantinnen und Migranten leiden zudem häufiger an Infektions- und bakteriellen Erkrankungen, dafür aber seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Der Gesundheitsabbau könnte demnach eine direkte physische Folge von sozialer Ungleichheit sein.
Trotzdem leben Migrantinnen und Migranten im Durchschnitt länger als Herkunftsdeutsche und haben somit eine höhere Lebenserwartung. Männer leben im Schnitt 2,9 Jahre länger, Frauen 2,1 Jahre. Sie verbringen aber einen größeren Teil ihres Lebens in schlechter Gesundheit.
Peter Eibich
Sozio-ökonomische Faktoren mit starkem Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung
Sowohl Lebenserwartung als auch gesunde Lebenserwartung basieren auf Durchschnittswerten. Diese Durchschnittswerte können zum Teil systematische Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen verdecken. Insbesondere gibt es einen starken Zusammenhang zwischen der Gesundheit und sozialen und ökonomischen Faktoren. So sind beispielsweise Menschen mit höherer Bildung oft auch besser über gesundheitliche Risikofaktoren informiert. Ferner wirken gesundheitliche Faktoren auch einschneidend und selektierend auf Lebensläufe, zum Beispiel wenn eine chronische Erkrankung negative Folgen für den individuellen Bildungsweg und die Arbeitsmarktbeteiligung hat.
Diese Zusammenhänge wirken sich auch auf die Entwicklung der Lebenserwartung aus. So fanden mehrere Studien starke Unterschiede in der Entwicklung der Lebenserwartung zwischen sozioökonomisch besser gestellten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen und Regionen . Eine Studie untersuchte zum Beispiel die Entwicklung der ferneren Lebenserwartung von Männern im Alter von 65 Jahren zwischen 1997 und 2016 . Dabei wurde das Renteneinkommen zur Messung sozioökonomischer Unterschiede genutzt, da es für die meisten Beschäftigten ein gutes Maß des Einkommens über den Lebensverlauf darstellt. Hierbei zeigte sich, dass die Lebenserwartung für die Bezieher der höchsten Renten um 4,7 (in Ostdeutschland) beziehungsweise 3,6 Jahre (in Westdeutschland) anstieg, während für die Bezieher der niedrigsten Renten der Anstieg deutlich schwächer ausfiel mit 3 (Ostdeutschland) bzw. 1,8 Jahren (Westdeutschland). Auch wenn also in allen Einkommensgruppen die Lebenserwartung anstieg, haben sich gleichzeitig die sozialen Ungleichheiten ausgeweitet. Ähnliches lässt sich für die gesunde Lebenserwartung feststellen: So stieg die gesunde Lebenserwartung von 1989 bis 2009 für Menschen in allen Einkommensgruppen, jedoch fiel dieser Anstieg für Menschen mit höherem Einkommen höher aus .
Der demografische Wandel führt zu einem Anstieg des Pflegebedarfs
Für den Einzelnen kann also Entwarnung gegeben werden: Die Menschen leben nicht nur immer länger, sie verbringen auch einen größeren Anteil ihres Lebens – und der dazugewonnenen Lebenszeit – bei guter Gesundheit, und das deutlich länger als noch vor 30 Jahren.
Dennoch stehen die Sozialsysteme und insbesondere das Pflegesystem in Deutschland vor einer Herausforderung. So stieg die Anzahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland von knapp zwei Millionen im Jahr 2000 auf 5,7 Millionen im Jahr 2023 an . Der demografische Wandel geht nämlich nicht nur damit einher, dass die Lebenserwartung des Einzelnen steigt. Durch den Rückgang der Geburtenraten steigt vor allem der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung. So gab es im Jahr 2000 13,7 Millionen Menschen in Deutschland, die 65 Jahre oder älter waren. Sie stellten 16,6 Prozent der Gesamtbevölkerung dar. Im Jahr 2023 waren hingegen 21,6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland älter als 65 – das sind knapp 18 Millionen Menschen . Obwohl ältere Menschen heute im Durchschnitt gesünder sind als noch vor 30 Jahren, steigt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen im Alter dennoch an. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen.
Die offiziellen Statistiken unterschätzen den Pflegebedarf sogar noch, denn die bereits genannten 5,7 Millionen Pflegebedürftigen umfassen nur diejenigen, für die Leistungen aus der Pflegeversicherung gezahlt werden. Dazu zählen Menschen, die stationär in Pflegeheimen betreut werden (circa 14 Prozent), oder die ambulant durch Pflege- und Betreuungsdienste versorgt werden (oft zusammen mit informell pflegenden Angehörigen, circa 19 Prozent). Der überwiegende Teil der Pflegebedürftigen (circa 55 Prozent) wird ausschließlich durch informell Pflegende, also von Verwandten oder Freunden betreut , für die ein Pflegegeld gezahlt wird.
Nicht erfasst sind hingegen Menschen, die informell gepflegt werden ohne Leistungen aus der Pflegeversicherung zu beziehen. Laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) betreuen 23 Prozent der informell Pflegenden eine Person ohne Pflegegrad . Dies kann verschiedene Gründe haben: Entweder erfüllt die pflegebedürftige Person aus Sicht des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung die Voraussetzungen für einen Leistungsbezug nicht oder es wurden zustehende Leistungen nicht beantragt.
Das Pflegeangebot verändert sich in Folge des demografischen Wandels
Der demografische Wandel führt nicht nur zu einem Anstieg des Pflegebedarfs, er stellt auch eine Herausforderung für die Deckung dieses Bedarfes dar. Der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung steigt, und im Gegenzug schrumpft die erwerbstätige Bevölkerung. Dies ist kein Automatismus, denn das Angebot von Arbeitskräften wird von vielen Faktoren beeinflusst, u.a. der wirtschaftlichen Entwicklung und der Migration. So ist trotz der demografischen Entwicklung die Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland seit 2006 kontinuierlich gestiegen (mit Ausnahme der durch die Coronapandemie betroffenen Jahre 2020 bis 2022). Dennoch ist absehbar, dass das Arbeitsangebot in Folge des Renteneintritts der geburtenstarken Jahrgänge zwischen Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre („Babyboomer“) langfristig sinken wird. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass durch die demografische Entwicklung allein die Anzahl der Pflegekräfte bis 2034 um neun Prozent sinken wird (im Vergleich zum Referenzjahr 2019).
Bei der Betrachtung des Arbeitsmarktes spielen jedoch nicht nur demografische Trends, sondern auch technologische und wirtschaftliche Entwicklungen eine Rolle. So ist beispielsweise zu erwarten, dass durch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung Berufe attraktiver werden, bei denen der Personenkontakt eine wichtige Rolle einnimmt (zum Beispiel in der Pflege, aber auch im Dienstleistungssektor). Sollten sich Pflegeberufe positiv entwickeln, könnte das Pflegepersonal bis 2034 um sieben Prozent ansteigen – trotz des gegenläufigen Trends in der gesamten Erwerbsbevölkerung. Würde man das Pflegeangebot jedoch mit dem tatsächlichen Pflegebedarf vergleichen, ergäbe sich bis 2034 trotzdem ein Engpass von 90.000 Pflegekräften16. Der Großteil der Pflegebedürftigen wird heute informell versorgt, also in der Regel durch enge Angehörige. Die wichtigste Rolle spielen dabei der Partner oder die Partnerin und Kinder . Auch hier ist zu erwarten, dass der demografische Wandel Folgen hat. Zum einen sinken die Geburtenraten seit Jahrzehnten, während der Anteil von Einpersonenhaushalten langsam aber stetig steigt – von 35,3 Prozent aller Haushalte im Jahr 2000 auf zuletzt 41,6 Prozent der Haushalte im Jahr 2024 . Zugleich bekommen mehr Menschen gar keine Kinder. Zum anderen steigt die geografische Distanz zwischen älteren Eltern und ihren erwachsenen Kindern stetig, unter anderem durch die gestiegenen Anforderungen an geografische Mobilität auf dem Arbeitsmarkt. Schätzungen auf Basis des Deutschen Alterssurveys zeigen, dass 1996 noch 38 Prozent der erwachsenen Kinder im gleichen Ort wie ihre Eltern lebten, während dies 2014 nur noch auf knapp 26 Prozent der Kinder zutraf. Diese Entwicklungen legen nahe, dass in Zukunft mehr ältere Menschen auf die Betreuung durch professionelle Pflegekräfte angewiesen sein werden, da sie keine Angehörigen in der Nähe haben, die die Pflege übernehmen könnten.
Pflegebedürftigkeit entgegenwirken
Der demografische Wandel stellt die Pflege also vor große Herausforderungen. Grundsätzlich sind diese aber lösbar. So könnte beispielsweise der Mangel an Pflegefachkräften dadurch adressiert werden, dass Pflegeberufe attraktiver gestaltet werden, zum Beispiel durch höhere Gehälter und eine Reduzierung der physischen und mentalen Belastung. Zugleich könnte man auch auf eine gezielte Zuwanderung von Fachkräften setzen und diese fördern. Die informelle Pflege könnte durch eine stärkere Anerkennung und Unterstützung (auch finanzieller Art) von Pflegenden gestärkt werden. Ein Blick auf die europäischen Nachbarländer zeigt, dass das Verhältnis von formeller und informeller Pflege stark variiert , dementsprechend sind also mehrere Wege denkbar. So geben beispielsweise die Niederlande fast vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Pflege aus, während in Deutschland die Ausgaben nur etwas mehr als zwei Prozent betragen . Auch wenn viele Menschen in den Niederlanden dennoch Angehörige pflegen, ist intensive Pflege durch Angehörige eher selten .
Eine besondere Rolle kann dabei die Prävention des Pflegebedarfs spielen. Zum einen kann durch Maßnahmen der Gesundheitsprävention das Risiko für chronische Erkrankungen gesenkt werden (Primärprävention). Dabei spielt der individuelle Lebensstil eine entscheidende Rolle, da zum Beispiel Tabak- und Alkoholkonsum das Risiko für viele chronische Erkrankungen erhöhen, während ein aktiver Lebensstil es senkt. Doch auch medizinische Maßnahmen wie Impfungen können eine wichtige Rolle spielen – so zeigte beispielsweise eine Studie, dass Impfungen gegen Herpes Zoster („Gürtelrose“) das Risiko einer Demenzerkrankung verringern können . Maßnahmen zur Früherkennung (Sekundärprävention) und zum Management chronischer Erkrankungen (Tertiärprävention) können dabei helfen, den Einfluss auf die physische und kognitive Leistungsfähigkeit zu begrenzen.
Auch der soziale Kontext ist wichtig – so kann eine inklusive Gestaltung des öffentlichen Raums, die Stürze verhindert, dazu beitragen, dass sich ältere Menschen außerhalb ihrer Wohnstätte sicherer und eigenständiger bewegen können. Wenn zudem soziale Gemeinschaften außerhalb des Familienkontextes gestärkt werden, könnten Bedürfnisse frühzeitig erkannt und versorgt werden, sodass ältere Menschen länger eigenständig bleiben können. So zeigte sich zum Beispiel in einer japanischen Studie, dass ältere Menschen, die sich in Organisationen wie Nachbarschaftsgruppen, Sportvereinen oder Hobbygruppen engagierten, seltener pflegebedürftig wurden . Dabei ist es wichtig, sozioökonomische Unterschiede zu berücksichtigen – denn Menschen mit niedrigem Einkommen und niedrigerer Bildung leiden nicht nur häufiger an schweren chronischen Erkrankungen, sondern sind auch häufiger sozial isoliert und können daher nicht die notwendige Pflege erhalten.
Es gibt also bereits vielfältige Lösungsansätze für die Herausforderungen des demografischen Wandels. Nun ist es von großer Dringlichkeit, diese Ansätze auch in die Praxis umzusetzen, damit Menschen ihre hinzugewonnenen Lebensjahre als sinnvoll und würdevoll erleben können.
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Peter Eibich ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Université Paris Dauphine-PSL und Research Affiliate am IZA – Institut zur Zukunft der Arbeit. Zuvor war er stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe „Labor Demography" am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock (2017–2022) sowie Senior Researcher in Gesundheitsökonomie am Health Economics Research Centre der University of Oxford. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Ökonomie des Alterns und des Rentenübergangs sowie die Ökonomie präventiver Gesundheitsversorgung.