Der Interner Link: Klimawandel verändert nicht nur das alltägliche Wetter, sondern auch, wo und wie Menschen leben. Steigende Temperaturen, veränderte Regenzeiten und häufigere Extremereignisse bedrohen die Lebensgrundlage von Menschen weltweit. Diese Veränderungen wirken sich auf Bevölkerungen aus und verändern damit auch demografische Strukturen.
Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Demografie ist dabei wechselseitig. Einerseits kann der Klimawandel demografische Prozesse verändern, etwa indem er Abwanderungen auslöst oder verstärkt. Andererseits bestimmen bestehende demografische und soziale Bedingungen, wie stark Menschen von Klimafolgen betroffen sind und welche Handlungsmöglichkeiten sie haben. Alter, Einkommen, Wohnort oder soziale Absicherung spielen dabei eine zentrale Rolle. Migration ist in diesem Zusammenhang ein Bestandteil demografischer Veränderungen, aber nicht die einzige Reaktion auf Umweltveränderungen.
Der Klimawandel gefährdet Lebensgrundlagen
Der Weltklimarat (engl. Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC) zeigt, dass bereits heute etwa ein Drittel der Interner Link: Weltbevölkerung besonders verwundbar gegenüber den Folgen des Klimawandels ist (IPCC, 2022). Gemeint sind damit Menschen, die Klimarisiken stark ausgesetzt sind, empfindlich darauf reagieren und zugleich nur begrenzte Möglichkeiten haben, sich an Veränderungen anzupassen – etwa aufgrund von Armut, fehlender Infrastruktur oder schwacher staatlicher Unterstützung. Diese Verwundbarkeit ist global ungleich verteilt. Besonders betroffen sind Regionen im Globalen Süden.
Was meinen die Begriffe Globaler Süden / Globaler Norden?
Die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden bezeichnen keine geografischen Regionen im wörtlichen Sinne, sondern sind soziale Konstruktionen, die verwendet werden, um das geopolitische und wirtschaftliche Gefälle zwischen Staaten sowie internationale Machtasymmetrien zu beschreiben. Es geht um die Möglichkeit gewachsene, in Teilen kolonialistisch verursachte oder neue Formen von Ungleichheiten zu markieren.
Zugleich sind die Begriffe hoch umstritten, u.a. werden folgende Kritikpunkte genannt: die Gefahr, damit Stereotype zu reproduzieren, eine Einheit zu behaupten bzw. ungleiche Machtverhältnisse / Entwicklungsstadien innerhalb des Globalen Südens zu kaschieren, oder Agency bestimmter Länder, also eigene Handlungsmacht (etwa mit Blick auf China), zu verneinen; weitere Kritikpunkte richten sich an die geographische Ungenauigkeit des Begriffspaares (Australien etwa wird dem Globalen Norden zugerechnet, während die reichen Vereinigten Arabischen Emirate zum Globalen Süden gezählt werden), oder dass es ein dezidiert politischer Begriff sei. Allerdings bereiten alternative Begriffe wie Industriestaaten, Entwicklungs- und Schwellenländer, Staaten mit niedrigen/hohem Einkommen, bei denen eine starke eurozentristische Perspektive mitschwingt, ähnliche Schwierigkeiten. Sie sind ebenso wie die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden nicht neutral, wertfrei und unumstritten.
In diesem Beitrag werden die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden aufgegriffen, weil der wissenschaftliche Diskurs von Klimawandel und Migration von dieser Unterscheidung durchzogen ist und die Begriffe in diesem Kontext auch als kritische politische Vokabeln genutzt werden. Des Weiteren können durch die Unterscheidungen von Globaler Norden und Süden materielle und diskursive Unterschiede besser verstanden werden. Mit diesen Begriffen können und sollen keine klaren Grenzen gezogen werden. Es geht vielmehr darum, Verhältnisse und sozial gemachte Ungleichheiten besser zu verstehen.
Erstellt von: Aurora A. Sauter / Redaktion bpb
In Bangladesch verlieren jedes Jahr zahlreiche Familien Ackerland durch Überschwemmungen und Flussufererosion. In der Sahelzone, gelegen zwischen der West-Sahara und dem Sudan im Osten, verschärfen wiederkehrende Dürren den Druck auf Landwirtschaft und Viehzucht. In Teilen Indiens oder Chinas führen Hitzewellen und Wasserknappheit zunehmend dazu, dass Menschen ihre Einkommensquellen verlieren.
Gleichzeitig nehmen auch in Europa, Nordamerika oder Australien Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen zu. Der Klimawandel wirkt dabei weniger als alleinige Ursache, sondern als Verstärker bestehender sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten. Wo Einkommen knapp sind und staatliche Sicherung fehlt, geraten Haushalte besonders schnell unter Druck. Migration kann dann zu einer von mehreren Strategien werden, um das Überleben zu sichern.
Migration im Kontext von Klimawandel ist vielfältig
Klimabedingte Migration zeigt sich in sehr unterschiedlichen Formen. Manchmal geschieht sie plötzlich. Überschwemmungen, Stürme oder Waldbrände können innerhalb kurzer Zeit ganze Orte unbewohnbar machen. Menschen müssen fliehen, häufig ohne zu wissen, ob und wann sie zurückkehren können. Laut dem Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) gab es 2024 weltweit rund 46 Millionen neue Binnenvertreibungen infolge von Naturkatastrophen – fast doppelt so viele wie im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre (IDMC 2025). Das entspricht in etwa der Bevölkerung Spaniens. Diese Zahl erfasst neue Vertreibungsbewegungen innerhalb eines Jahres, also die nicht freiwillige Bewegung von Personen innerhalb der Grenzen ihres eigenen Landes, ausgelöst durch Naturkatastrophen. Viele Menschen sind jedoch mehrfach betroffen. Allein in den USA kam es laut des IMDC-Berichts 2025 im Jahr 2024 zu mehr als elf Millionen wetterbedingten, überwiegend präventiven Evakuierungen im Zusammenhang mit Hurrikans oder Überschwemmungen. In den Philippinen führten Taifune zu fast neun Millionen Vertreibungen. Auch in Bangladesch, China oder Brasilien mussten hunderttausende Menschen zeitweise ihre Häuser verlassen. Klimabedingte Vertreibung ist damit kein fernes Zukunftsszenario, sondern schon jetzt eine globale Realität.
Neben solchen plötzlichen Ereignissen wirken auch schleichende Prozesse. Steigende Temperaturen, zunehmende Trockenheit oder der Meeresspiegelanstieg verändern Regionen über Jahre hinweg. Es kommt zu versalzenen Böden, rückgehenden Fischbeständen und Wasserknappheit. Für viele Familien wird es zunehmend schwieriger, von dem zu leben, was früher ausreichte. Besonders deutlich zeigt sich das in Küstenregionen, Trockengebieten und kleinen Inselstaaten. 2024 waren laut CRI beispielsweise die Inselstaaten St. Vincent und die Grenadinen sowie Grenada in der Karibik und der stark von Trockenheit geprägte Tschad, gemessen an wirtschaftlichen und menschlichen Auswirkungen (Todesopfer sowie insgesamt Betroffene im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße), am stärksten von Extremwetterereignissen betroffen.
Die Forschung zeigt übereinstimmend, dass der Klimawandel nur selten zu grenzüberschreitender, internationaler Migration führt. Der überwiegende Teil klimabedingter Wanderungen findet innerhalb von Staaten oder in benachbarten Regionen statt. Menschen ziehen beispielweise vom Land in Städte, von den Küsten ins Hinterland oder in weniger betroffene Landesteile. Solche nahen Ziele sind leichter erreichbar, kosten weniger und erlauben es, soziale und kulturelle Bindungen aufrechtzuerhalten. Häufig sind Abwanderungen zudem zeitlich begrenzt. Manche Menschen kehren zurück, wenn sich die Lage verbessert – das kann Wochen, Monate oder Jahre dauern. Andere wechseln auch mehrfach den Wohnort. Migration ist in diesen Fällen kein einmaliger Bruch, sondern Teil eines sich ständig weiterentwickelnden Anpassungsprozesseses. Internationale Zahlen zu sogenannten „Klimaflüchtlingen“ sind daher schwer zu bestimmen. Migration hat fast immer mehrere Ursachen: So wirken klimatische Veränderungen meist zusammen mit Armut, politischer Unsicherheit oder fehlender Infrastruktur. Der Klimawandel ist selten der einzige Auslöser, aber oft ein zusätzlicher entscheidender Faktor.
Migration setzt Ressourcen voraus. Sie kostet Geld und funktioniert häufig nur dort, wo ein soziales Netzwerk vorhanden ist. Wer weder über finanzielle Mittel noch über Kontakte verfügt, kann oft nicht migrieren – selbst dann nicht, wenn sich die Lebensbedingungen deutlich verschlechtern. Diese Menschen gelten in der Forschung als „trapped populations“. Es handelt sich häufig um Bevölkerungsgruppen, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind, aber kaum Handlungsspielräume haben, sich dessen Auswirkungen zu entziehen.
Außerdem haben viele Menschen eine enge Bindung zu ihrer Heimat. In zahlreichen vom Klimawandel stark betroffenen Regionen – etwa in Bangladesch, im Sahel oder in den Küstengebieten Südostasiens – besteht trotz zunehmender ökologischer Belastungen ein ausgeprägter Wunsch, am Wohnort zu bleiben. Entsprechend zeigt sich, dass ein Großteil der Bevölkerung zunächst versucht, sich vor Ort an veränderte Umweltbedingungen anzupassen, statt auszuwandern. Die Betroffenen versuchen beispielsweise, ihre landwirtschaftlichen Anbaumethoden zu verändern, sich andere, zusätzliche Einnahmequellen zu suchen oder gemeinschaftlich Schutz- und Vorsorgemaßnahmen aufzubauen.
Zahlen zur Klimamigration erfordern Einordnung
Modellrechnungen wie der Externer Link: Groundswell-Bericht der Weltbank zeigen, welche Größenordnungen die klimabedingte Migration unter bestimmten Annahmen erreichen könnte. Demnach könnten bis 2050 weltweit über 200 Millionen Menschen innerhalb ihrer Länder aufgrund klimatischer Veränderungen migrieren (Clement et al., 2021) – eine Zahl, die zusammengenommen etwa der heutigen Bevölkerung Deutschlands, Frankreichs und Spaniens entspricht. Gleichzeitig betont die Forschung übereinstimmend, dass es sich dabei nicht um Vorhersagen, sondern lediglich um modellbasierte Abschätzungen handelt. Diese beruhen auf Annahmen zur künftigen Klimaentwicklung, zum Bevölkerungswachstum, zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum politischen Handeln. Bereits geringe Veränderungen dieser Annahmen können zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen. Prognosen zur Klimamigration erlauben daher keine eindeutigen Aussagen über konkrete Wanderungsbewegungen und müssen stets im Hinblick auf ihre zugrunde liegenden Annahmen und Methoden kritisch eingeordnet werden.
In der öffentlichen Debatte – insbesondere in den Medien – wird dennoch häufig das Narrativ verbreitet, der Klimawandel werde in naher Zukunft Millionen Menschen nach Europa treiben. Solche Darstellungen vereinfachen komplexe Zusammenhänge, blenden empirische Befunde aus und schüren mitunter unbegründete Ängste. Gerade für großflächige klimabedingte Fluchtbewegungen vom Globalen Süden nach Europa gibt es bislang keine belastbaren Belege.
Migration politisch gestalten
Klimabedingte Migration stellt die Politik vor langfristige und vielfach grenzüberschreitende Herausforderungen. Forschung und Politikberatung betonen zunehmend, dass Migration unter den Bedingungen des Klimawandels nicht grundsätzlich vermeidbar ist, sondern Teil von Anpassungsprozessen sein kann. Politisch geht es daher weniger darum, Migration pauschal zu verhindern, sondern vielmehr darum, sie vorausschauend, geordnet und sozial abgesichert zu gestalten und zugleich Bedingungen zu schaffen, die ein Leben vor Ort ermöglichen. Dazu zählen insbesondere wirksame Klimaanpassung, soziale Sicherungssysteme, belastbare Infrastruktur sowie eine verbesserte Katastrophenvorsorge.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die internationale Ebene an Bedeutung. Ein zentrales Signal dafür ist die seit 2023 laufende Umsetzung des Fonds für „Loss and Damage“. Mit diesem Fonds erkennen die Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention erstmals ausdrücklich an, dass der Klimawandel Verluste und Schäden verursacht, die sich selbst durch Anpassungsmaßnahmen nicht mehr vermeiden lassen. Dazu zählen neben Infrastruktur- und Ernteverlusten auch der Verlust von Wohnraum und Lebensgrundlagen. In den einschlägigen UN-Debatten wird zunehmend anerkannt, dass klimabedingte Migration und Vertreibung in diesem Zusammenhang relevante Folgewirkungen darstellen.
Zugleich bleibt offen, in welchem Umfang der Fonds künftig Maßnahmen wie Umsiedlung, Unterstützung für Vertriebene oder den Wiederaufbau von Lebensgrundlagen abdecken kann. Die laufenden Verhandlungen zeigen jedoch, dass klimabedingte Vertreibung nicht mehr nur als humanitäres Randthema, sondern zunehmend als eine strukturelle Folge des Klimawandels verstanden wird, welche internationale Zusammenarbeit und langfristige Vorsorge erfordert. Im Pazifikinselstaat Tuvalu können sich beispielsweise Bewohnerinnen und Bewohner der Insel auf ein Klimavisum in Australien bewerben, um dorthin auszuwandern. Innerhalb der kommenden 100 Jahre könnte Tuvalu durch den ansteigenden Meeresspiegel komplett im Meer versunken sein.
Eine weitere konkrete politische Reaktion, die zunehmend diskutiert wird, sind geplante Umsiedlungen. Sie kommen insbesondere dann in Betracht, wenn wiederholte Extremereignisse, Meeresspiegelanstieg oder fortschreitende Umweltveränderungen eine sichere Rückkehr langfristig unmöglich machen. Der Weltklimarat ordnet Umsiedlungen als letztes Mittel ein, wenn Anpassung vor Ort an ihre Grenzen stößt. Im Kontext von Klimaanpassung und der Debatte um „Loss and Damage“ werden Umsiedlungen zunehmend als relevante Option mitgedacht. Internationale Erfahrungen zeigen jedoch, dass diese häufig mit erheblichen Zielkonflikten verbunden sind.
Entscheidungen darüber, ab wann ein Ort als „nicht mehr bewohnbar“ gilt, treffen oft auf unterschiedliche Risikowahrnehmungen zwischen staatlichen Akteuren und den betroffenen Gemeinschaften. Zahlreiche Studien zeigen aber, dass Umsiedlungen problematisch verlaufen, wenn sie kurzfristig geplant, unzureichend finanziert oder ohne substanzielle Beteiligung der Betroffenen umgesetzt werden. Der Verlust von Landrechten, sozialen Kontakten und kultureller Identität kann neue Verwundbarkeiten schaffen.
Der Klimawandel beeinflusst demografische Entwicklungen, indem er Lebensbedingungen verändert und bestehende Ungleichheiten verstärkt. Migration ist dabei ein Bestandteil demografischer Prozesse, aber weder eine automatische noch eine einheitliche Reaktion auf Klimarisiken. Empirische Studien zeigen, dass klimabedingte Migration überwiegend innerhalb von Staaten oder Regionen stattfindet und eng mit Anpassungsstrategien vor Ort verknüpft ist. Politisch geht es daher vor allem darum, Verwundbarkeiten zu verringern, Lebensgrundlagen zu sichern und demografische Veränderungen unter Bedingungen des Klimawandels vorausschauend zu gestalten.