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Geflüchtete aus der Ukraine und ihr Einfluss auf die deutsche Bevölkerungsstruktur | Demografischer Wandel | bpb.de

Geflüchtete aus der Ukraine und ihr Einfluss auf die deutsche Bevölkerungsstruktur

Lenore Sauer Andreas Ette

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Seit Russlands Überfall im Jahr 2022 haben Millionen Menschen aus der Ukraine in Deutschland Schutz gefunden. Ihre Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt prägt die deutsche Demografie nachhaltig.

(bpb, Leitwerk) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat ab Februar 2022 die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Insgesamt 4,3 Millionen Schutzsuchende aus der Ukraine lebten Ende September 2025 in einem der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (Eurostat 2025). Deutschland war dabei das wichtigste Zielland: Etwa 1,2 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer waren hier registriert, gefolgt von Polen mit rund einer Million. Weitere wichtige Aufnahmeländer waren die Tschechische Republik und Spanien, allerdings mit deutlich geringeren Zahlen (Eurostat 2025).

Noch vor Beginn des russischen Angriffskrieges spielte Deutschland als Zielland eine untergeordnete Rolle. Im Dezember 2021 waren hier nur rund 155.000 Personen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit registriert. Seitdem hat sich die Situation deutlich verändert: Zum Ende des Jahres 2024 lebten laut Ausländerzentralregister circa 1.334.000 Menschen aus der Ukraine in Deutschland. Der stärkste Zuwachs war im Jahr 2022 zu verzeichnen (circa +1.000.000), während sich das Wachstum in den Jahren 2023 und 2024 mit etwa +75.000 und +94.000 deutlich verlangsamte (Destatis 2025a). Inzwischen stellen Menschen aus der Ukraine die größte Gruppe unter den Schutzsuchenden und die zweitgrößte Gruppe unter allen ausländischen Staatsangehörigen in Deutschland dar.

Unterschiede zwischen ukrainischen und anderen Gruppen an Schutzsuchenden

Vor allem Frauen und Kinder sind seit Beginn des Krieges in der Ukraine aus dem Land geflohen. Zahlenmäßig ist Deutschland das Hauptaufnahmeland in Europa. (© picture-alliance, abaca | Zozulia Yulii/Ukrinform/ABACA)

Die Fluchtmigration aus der Ukraine unterscheidet sich von früheren Fluchtbewegungen nach Deutschland, wie beispielsweise der aus Syrien seit 2015. Insbesondere in den ersten Monaten des Krieges sind überwiegend Frauen sowie Kinder und Jugendliche aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Ab der zweiten Jahreshälfte 2022 war das Geschlechterverhältnis dann bei den Zuzügen fast ausgeglichen. Ende 2024 betrug der Anteil der in Deutschland lebenden ukrainischen Männer 41 Prozent. Gleichzeitig stellen Menschen aus der Ukraine insgesamt eine junge Gruppe dar: 43 Prozent der heute in Deutschland lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer sind jünger als 30 Jahre und nur zehn Prozent älter als 65 Jahre. Der Anteil der über 65-Jährigen in der deutschen Bevölkerung liegt mit 25 Prozent deutlich höher und der Anteil junger Menschen unter 30 Jahren mit 29 Prozent deutlich niedriger (Destatis 2025b).

Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind im Vergleich zu anderen Gruppen an Schutzsuchenden besonders: Durch die EU-Richtlinie zum temporären Schutz der Europäischen Union erhalten vor April 2025 zugezogene Geflüchtete aus der Ukraine unmittelbar Aufenthaltsrechte sowie Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Weiterbildung und zu bestimmten Sozialleistungen.

Familienstrukturen bei ukrainischen Schutzsuchenden

Auch die familiären Strukturen unterscheiden sich deutlich von denen der weiteren in Deutschland lebenden Bevölkerung. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der bis Juni 2024 eingereisten Personen lebt mit minderjährigen Kindern zusammen, ein Drittel davon ohne Partnerin oder Partner. In der deutschen Bevölkerung leben 42 Prozent mit Kindern im Haushalt, meistens in Partnerschaften. Zudem haben 18 Prozent der ukrainischen Schutzsuchenden eine Partnerin oder einen Partner, der oder die nicht im selben Haushalt lebt – meist, weil die Person in der Ukraine geblieben ist. Der entsprechende Anteil der weiteren in Deutschland lebenden Bevölkerung liegt bei neun Prozent. Auch der Anteil der partnerlosen Erwachsenen ist unter ukrainischen Geflüchteten mit etwa 34 Prozent höher als der in der deutschen Bevölkerung (27 Prozent).

Sozio-demografische Struktur der ukrainischen Schutzsuchenden in Deutschland im Vergleich zur allgemein in Deutschland lebenden Bevölkerung

in Prozent

In Deutschland lebende Bevölkerung Ukrainische Schutzsuchende
Familiäre Strukturen
Kein/-e Partner/-in, keine minderjährigen Kinder24,922,9
Kein/-e Partner/-in, minderjährige Kinder 2,011,5
Partner/-in im selben HH, keine minderjährigen Kinder25,015,5
Partner/-in im selben HH, minderjährige Kinder39,232,0
Partner/-in nicht im selben HH, keine minderjährigen Kinder 8,29,3
Partner/-in nicht im selben HH, minderjährige Kinder 0,80,88
Qualifikation
kein Berufsabschluss 14,615,2
sonstiger Berufsabschluss 55,520,5
akademischer Berufsabschluss 28,863,9
Erwerbstätigkeit
Erwerbstätig 75,538,5
ISEI, Herbst 2021 (metrisch) 48,42552,631
ISEI, Herbst 2024 (metrisch) 48,41038,175
Selbsteingeschätzer Gesundheitszustand/Lebenszufriedenheit
(sehr) gute Gesundheit 60,446,5
(sehr) schlechte Gesundheit 9,28,1
Lebenszufriedenheit (metrisch) 7,0376,531

Quelle: FReDA-Core, W3B, FReDA v5.0, FReDA-UKR W5-SK2, gewichtet.

Qualifikation sowie Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt vor und nach dem Zuzug

Die Schutzsuchenden aus der Ukraine haben ein durchschnittlich höheres Bildungs- und Ausbildungsniveau als die restliche in Deutschland lebende Bevölkerung: 64 Prozent haben einen höheren Bildungsabschluss, meist einen akademischen. In der deutschen Bevölkerung sind es rund 29 Prozent. Die hohe Qualifikation geflüchteter Ukrainerinnen und Ukrainer bestätigt sich auch beim Blick auf den Internationalen Sozioökonomischen Index des beruflichen Status (ISEI). Mit Hilfe dieses Index kann der Status eines Berufes hinsichtlich des erzielten Einkommens, aber auch der typischerweise damit verbundenen Bildungswege und Aufstiegschancen international verglichen werden. Der niedrigste Wert beträgt 16 (Hilfskräfte und Reinigungspersonal), der höchste 90 (Richter und Richterinnen). Unter den ukrainischen Schutzsuchenden in Deutschland gingen vor dem Zuzug nach Deutschland im September 2021 75 Prozent einer Erwerbstätigkeit nach (Frauen und Männer zu gleichen Anteilen). Sie übten dabei Berufe aus, die durchschnittlich dem Wert 53 auf der ISEI-Skala entsprechen, im Vergleich zur deutschen Bevölkerung mit einem ISEI-Wert von 48.

Eine Erwerbstätigkeit ermöglicht ein gesichertes Einkommen sowie ein von staatlicher Unterstützung unabhängiges Leben und kann sich positiv auf die unterschiedlichen Bereiche der Integration auswirken. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Arbeitsmarktintegration sind für ukrainische Geflüchtete, die bis April 2025 kamen, vergleichsweise günstig und die individuellen Vorausset¬zungen aufgrund der hohen Qualifikationen gut. Gleichzeitig erschweren die Unsicherheit über den Kriegsverlauf und die Bleibeabsichten sowie die komplexen und langwierigen Anerkennungsprozesse bei ukrainischen Abschlüssen den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Von den bis Juni 2024 eingereisten ukrainischen Schutzsuchenden sind inzwischen 39 Prozent erwerbstätig im Vergleich zu 76 Prozent der deutschen Bevölkerung in der gleichen Altersgruppe. Dabei bestehen insbesondere Unterschiede in Bezug auf die Erwerbsbeteiligung nach Geschlecht und Elternschaft, die sich vor allem dann zeigen, wenn Kinder im Alter von unter sechs Jahren im Haushalt leben. Bei den ukrainischen Schutzsuchenden, die in Deutschland erwerbstätig sind, liegt der durchschnittliche berufliche Status bei einem Wert von 38. Das sind 15 Punkte weniger als vor der Flucht nach Deutschland. Dies deutet darauf hin, dass manche Ukrainerinnen und Ukrainer ihre in der Ukraine erworbenen beruflichen Qualifikationen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nur eingeschränkt nutzen können.

Gesundheitliche Situation der ukrainischen Schutzsuchenden

Flucht ist häufig mit psychischen und körperlichen Belastungen verbunden, die sich negativ auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Geflüchteten auswirken können. Es zeigt sich, dass fast die Hälfte der ukrainischen Schutzsuchenden (47 Prozent) ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut bewertet. Allerdings ist dieser Anteil im Vergleich zu der deutschen Bevölkerung mit 60 Prozent deutlich niedriger, und auch die allgemeine Lebenszufriedenheit liegt bei den Schutzsuchenden etwas niedriger. Auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden) geben sie im Durchschnitt einen Wert von 6,5 an im Vergleich zu 7 bei den in Deutschland lebenden Personen in der gleichen Altersgruppe.

Bleibeabsichten ukrainischer Schutzsuchender

Der Umfang und die Struktur der Fluchtmigration aus der Ukraine haben in den vergangenen zwei Jahren die soziodemografische Struktur und den Arbeitsmarkt in Deutschland beeinflusst. Eine große Rolle, wie sich die Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt und die soziale Integration weiterentwickeln werden, kommt dabei den Bleibeabsichten zu. Unter den bis Juni 2024 aus der Ukraine nach Deutschland eingereisten Personen lag der Anteil derjenigen, die für immer in Deutschland bleiben wollen – also keine unmittelbare Rückkehrabsicht haben – bei 57 Prozent. Elf Prozent möchten noch einige Jahre in Deutschland bleiben und zwölf Prozent weniger als ein Jahr oder maximal bis zum Kriegsende. Der Anteil derjenigen, die noch unsicher sind, liegt bei 21 Prozent. Diese Absichten werden maßgeblich durch die Unsicherheiten über den Kriegsverlauf beeinflusst.

Die Ukrainerinnen und Ukrainer bilden heute – nach Menschen aus der Türkei – die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. Die große Zahl ge-flüchteter Kinder und Jugendlicher, die räumliche Trennung vieler Familien sowie die anhaltende Unsicherheit über die Lage in der Ukraine stellen große Herausforderungen für ihre gesellschaftliche Teilhabe dar.

Gleichzeitig bringen viele der bis Juni 2024 eingereisten Menschen aus der Ukraine ein hohes Bildungsniveau und einen durchschnittlich hohen beruflichen Status mit. In Verbindung mit den rechtlichen Rahmenbedingungen ergeben sich dadurch günstige Voraussetzungen für den weiteren Integrationsverlauf. Vor dem Hintergrund, dass in den kommenden Jahren viele Erwerbstätige aus der Babyboomer-Generation in Rente gehen werden, bringen ukrainische Schutzsuchende somit wichtige Potenziale für den deutschen Arbeitsmarkt mit. Wie sich die Situation weiterentwickelt, hängt vor allem von den individuellen Zukunftsplänen und vom weiteren Verlauf des Krieges ab.

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