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„Multiple Krisen sind Gift für die Familienplanung“ COVID-19 aus demografischer Sicht

Martin Bujard Sebastian Klüsener

/ 13 Minuten zu lesen

Die Coronapandemie kostete Millionen Menschen das Leben – und hatte spürbare Folgen für die deutsche und die globale Bevölkerungsentwicklung. Ein Interview mit Sebastian Klüsener und Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Die COVID-19-Pandemie hatte weltweit Auswirkungen auf die Lebenserwartung und Geburtenentwicklung – vor allem in der Zeit, in der Maskenpflicht herrschte. (© picture-alliance, Zoonar | Dmitrii Marchenko / Envato)

bpb.de: Der Beginn Coronapandemie liegt nun knapp sechs Jahre zurück. Welchen Einfluss hatte sie auf die globale Bevölkerungsentwicklung?

Sebastian Klüsener: Die Coronapandemie war eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen der letzten Jahrzehnte. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden weltweit allein in den ersten beiden Pandemiejahren 2020 bis 2021 etwa 15 Millionen Todesfälle verzeichnet, die mit der Coronapandemie verbunden waren. Besonders hohe Anstiege bei der Sterblichkeit wurden in Teilen von Lateinamerika und Osteuropa verzeichnet. Unter den durch Atemwegserkrankungen ausgelösten Pandemien war es weltweit die größte Pandemie seit der Spanischen Grippe 1918 und 1919.

Martin Bujard: Gerade in Deutschland hat die Pandemie neben der Sterblichkeit auch die Fertilität, also die Geburtenrate, sowie die Migration beeinflusst. Die Migration ist während der Pandemie deutlich zurückgegangen. Die Geburtenrate ist teilweise angestiegen, dann aber auch wieder deutlich gefallen.

Martin Bujard (l.) und Sebastian Klüsener (© Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung – BiB)

bpb.de: Wie lassen sich diese Schwankungen in der Geburtenrate erklären?

Martin Bujard: Zunächst hatte die Pandemie in Deutschland keinen Einfluss auf die Geburtenrate. Denn es gab Kurzarbeit – die Menschen mussten also keine Angst um ihren Job haben. Anders war das in einigen Ländern Südeuropas, aber auch in den USA oder in ostasiatischen Ländern. Dort ist die Geburtenrate schon im Dezember 2020 und Januar 2021 bisweilen um bis zu 20 Prozent eingebrochen.

In Deutschland gab es im Februar und März 2021 dann sogar einen kleinen Geburtenanstieg. Das haben wir darauf zurückgeführt, dass man im ersten Lockdown viel Zeit mit dem Partner oder der Partnerin verbracht hat und über einen Kinderwunsch reden konnte. Somit hatten wir dann mit 1,58 eine der höchsten Geburtenraten der vergangenen 20 Jahre.

Ab April 2021 wurde dann großflächig mit dem Impfen begonnen. Schwangere durften aber anfangs nicht geimpft werden. Daher haben wohl viele Frauen den Kinderwunsch verschoben und wollten erst die Impfung bekommen, bevor sie schwanger werden. Daher ist die Geburtenrate Anfang 2022 wieder eingebrochen.

bpb.de: Die Hochphase hatte die Coronapandemie zwischen 2020 und 2022, mit den ersten offiziellen Corona-Fällen in Europa im Januar 2020. Wie hat sich die Lebenserwartung und Sterblichkeit ab diesem Zeitpunkt in Europa entwickelt?

Sebastian Klüsener: Ähnlich wie in früheren Pandemien waren zunächst eher stark globalisierte Regionen betroffen, die in der Nähe großer Flugdrehkreuze lagen. Dies war zum Beispiel in Italien und Spanien der Fall. Zu Beginn erkrankten häufiger besser gestellte Menschen, weil diese mehr gereist sind.

Wie die Pandemie in einzelnen Ländern gewirkt hat, war auch von der Größe der Risikogruppen abhängig. Insgesamt stieg das Risiko mit dem Alter. Entscheidend für einen schweren Verlauf war aber weniger das Alter, sondern die Vorerkrankungen, deren Anzahl mit dem Alter tendenziell steigt. Aber auch junge Menschen mit Vorerkrankungen gehörten zur Risikogruppe. Ältere Menschen ohne Vorerkrankungen waren dagegen eher geringen Risiken ausgesetzt.

Da das Virus zu Beginn der Pandemie auf eine noch nicht immunisierte Bevölkerung traf, hat es teilweise zu einem erheblichen Rückgang der Lebenserwartung geführt. So ging die Lebenserwartung etwa in Teilen Norditaliens um drei bis vier Jahre zurück. In Friedenszeiten werden derart hohe Rückgänge äußerst selten verzeichnet.

bpb.de: Welche Regionen in Europa waren besonders stark betroffen?

Sebastian Klüsener: Nachdem Italien und Spanien in der ersten Welle im Frühjahr 2020 hohe Todeszahlen verzeichneten, waren in der zweiten Jahreshälfte 2020 und 2021 gerade Länder in Osteuropa wie etwa Polen und Tschechien massiv betroffen.

bpb.de: Warum gerade diese Länder?

Sebastian Klüsener: Da kommen verschiedene Aspekte zusammen. In den osteuropäischen Ländern ist der Anteil der älteren Bevölkerung höher. Auch gibt es viele Menschen mit Vorerkrankungen. Dies hängt mit den Herausforderungen zusammen, mit welchen viele Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks Ende der 1980er Jahre konfrontiert waren. Durch die sozialistische Vergangenheit gibt es in der Bevölkerung oft auch eine hohe Skepsis gegenüber staatlichem Eingreifen. Viele haben Maßnahmen in Frage gestellt, was es schwer machte, die Pandemie dort einzudämmen. In Polen kam hinzu, dass in dieser Zeit eine Regierung an der Macht war, die selbst gegenüber Eindämmungsmaßnahmen skeptisch war.

In Italien haben zur schnellen Verbreitung des Virus sicherlich auch die Familienverhältnisse beigetragen. Denn dort leben häufig mehrere Generationen einer Familie zusammen und es gibt im Alltag traditionell mehr Austausch untereinander. So konnte das Virus Risikogruppen schneller erreichen. Hinzu kommt, dass Spanien und Italien erst mit Verzögerung drastische Eindämmungsmaßnahmen ergriffen haben.

Da waren wir in Deutschland besser aufgestellt. Durch ein gut ausgebautes System von Hausärztinnen und Hausärzten konnten wir schnell ein flächendeckendes Testsystem etablieren, welches einen Überblick über die Infektionslage erlaubte. Ein solches System mussten viele andere Länder erst aufbauen.

bpb.de: Ende Januar 2020 gab es den ersten Corona-Fall in Deutschland, im März folgte der erste Lockdown. Wie erging es Deutschland fortan im Vergleich zu anderen europäischen Staaten im Hinblick auf die Lebenserwartung und Sterblichkeit?

Sebastian Klüsener: Durch das erste Pandemiejahr sind wir durch schnell ergriffene Eindämmungsmaßnahmen ganz gut gekommen. Wir hatten früh Hotspots in Westdeutschland, wo sich Menschen teilweise im Skiurlaub oder beim Karneval infiziert haben. Es gab aber auch Gebiete wie Schleswig-Holstein, die 2020 sogar einen Anstieg bei der Lebenserwartung verzeichnen konnten. Auch Ostdeutschland war von der ersten Welle nicht stark betroffen.

Doch ab Herbst 2020 entwickelte sich Ostdeutschland zu einem Hotspot der Pandemie, besonders mit der Deltawelle im Herbst 2021. Mitunter wurden dort Rückgänge bei der Lebenserwartung von über einem Jahr verzeichnet. Hier gab es viele Parallelen zu benachbarten osteuropäischen Ländern: Weite Teile Ostdeutschlands weisen eine alte Bevölkerung und eine höhere Verbreitung von Vorerkrankungen auf. Außerdem gab es in Ostdeutschland insgesamt eine geringere Bereitschaft, an Eindämmungsmaßnahmen mitzuwirken.

Mit dem Übergang zu der Omikronvariante zu Beginn des Jahres 2022 änderte sich der Verlauf der Pandemie erheblich. Denn diese Variante hatte zwar eine höhere Ansteckungsrate, führte aber viel seltener zu schwereren Verläufen. Insgesamt ist es für 2022 im Vergleich zu 2020 und 2021 deutlich schwieriger, Aussagen zu treffen, inwieweit Veränderungen bei der Sterblichkeit direkt auf die Coronapandemie zurückzuführen sind. So gab es zusätzlich eine starke Grippewelle, die ebenfalls zu einer erhöhten Sterblichkeit führte.

bpb.de: Es lässt sich methodisch also schwer feststellen, wer wirklich an oder eher mit Corona gestorben ist?

Sebastian Klüsener: Viele Menschen haben zum Zeitpunkt ihres Todes mehrere Erkrankungen, was es schwer macht, eine Haupttodesursache zu ermitteln. Dies gilt gerade für Personen, die mit oder an Corona sterben, da oft Vorerkrankungen eine Rolle spielten. Eine weitere Herausforderung während der Pandemie war, dass Daten zu den Sterbefällen innerhalb von wenigen Wochen vorlagen, Daten zu den Todesursachen aber nur mit erheblicher Verzögerung von etwa einem halben Jahr.

Daher haben wir uns in den ersten beiden Pandemiejahren weniger auf die stark verzögerten Todesursachendaten konzentriert, sondern auf die Erfassung der sogenannten Übersterblichkeit – also die Frage, wie stark die Zahl der Sterbefälle in einer bestimmten Kalenderwoche vom langjährigen Durchschnitt abweicht. Wenn die Zahl der erfassten Infektionen und die Übersterblichkeit innerhalb von zwei bis drei Wochen stark angestiegen waren, war davon auszugehen, dass eine weitere Coronawelle begonnen hatte.

Es gab aber auch andere Faktoren, welche die Sterblichkeit beeinflusst haben. So kam es durch die Lockdowns zu einer veränderten Priorisierung bei der medizinischen Versorgung. Zum Beispiel wurden Operationen oder Krebsvorsorge-Untersuchungen verschoben, was auch zu Sterbefällen geführt haben kann. Gleichzeitig gab es durch die Lockdowns weniger Verkehrsunfälle. All diese Aspekte müssen in die Bewertung einzelner Todesursachen mit einfließen.

bpb.de: Welche sozialen Gruppen waren im Verlauf der Pandemie besonders betroffen?

Sebastian Klüsener: Die soziale Ungleichheit war während der Pandemie stark ausgeprägt. Ganz zu Beginn der Pandemie waren zunächst besser gestellte Personen betroffen, welche sich etwa im Urlaub infiziert hatten. Anschließend traf es 2020 und 2021 aber eher sozial schwächere Gruppen. So hatten etwa im Handwerk, der Pflege oder Paketdiensten beschäftigte Personen weniger die Möglichkeit, ins Homeoffice zu gehen.

Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen bestanden auch dadurch, dass Frauen in als systemrelevant eingestuften Berufen wie der Pflege oder dem Lebensmitteleinzelhandel stärker vertreten sind. Zugleich waren auch mehr Menschen mit Migrationshintergrund betroffen. Denn diese sind häufig ebenfalls eher in Berufen beschäftigt, die weniger Homeoffice-Möglichkeiten bieten.

Forschungsergebnisse zur den Omikronwellen im Jahr 2022 deuten darauf hin, dass bei den Ansteckungen dann wieder mehr besser gestellte Menschen betroffen waren. Diese Infektionen führten aber nur noch sehr selten zu schweren Krankheitsverläufen.

bpb.de: Im Februar 2022 begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine – eine weitere globale Krise, zusätzlich zur Corona-Pandemie. Wie hat sich das auf die Geburtenrate ausgewirkt?

Martin Bujard: Die Geburtenrate ist, nach dem kurzen Hoch zwischen 2015 und 2021, wieder runtergegangen und lag 2022 bei 1,46. Seitdem ist sie noch weiter gesunken auf 1,35 in 2024. Die Menschen waren ohnehin schon erschöpft von der Pandemie. Dann kam der Krieg in Europa, eine Energie- und Wirtschaftskrise, zusätzlich zur Umweltkrise, die bereits herrschte.

Diese multiplen Krisen haben junge Menschen sehr verunsichert. Das hat dazu geführt, dass die Geburtenrate nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa den niedrigsten Stand überhaupt erreicht hat.

bpb.de: Das heißt, diese Entwicklung hat sich seit dem Ende der Pandemie auch nicht wieder umgekehrt?

Martin Bujard: Tatsächlich wissen wir, dass der Kinderwunsch seit Jahren konstant bei um die 1,8 Kinder liegt. Doch die Geburtenrate beträgt aktuell 1,35. Daran sieht man, dass die Menschen sich zwar Kinder wünschen, aber es aufgrund der Krisensituation aufschieben. Zukunftsangst ist Gift für die Familienplanung.

Ähnlich ist das übrigens auch in anderen europäischen Ländern: In Malta, Spanien, Litauen, Polen und Italien haben wir zum Beispiel durchschnittlich eine Geburtenrate von um die 1,1. Das bedeutet, dass sich eine Generation nur um die Hälfte reproduziert. Der Kinderwunsch ist in diesen und anderen Ländern Europas deutlich höher.

Frankreich mit 1,66 und Bulgarien mit 1,81 Kindern pro Frau stehen da noch am besten dar. Der EU-Schnitt liegt 2024 bei 1,34. Das sind zu niedrige Werte, die langfristig gewaltige negative Auswirkungen auf den Wohlstand dieser Länder haben werden.

bpb.de: Während der Pandemie wurde in vielen Berufen Homeoffice zur Norm, auch heute ist es noch in einigen Berufen möglich, regelmäßig von zu Hause zu arbeiten. Hat das einen positiven Effekt auf die Familienplanung?

Martin Bujard: Es kann natürlich für Vereinbarkeit von Beruf und Familie hilfreich sein. Gerade dann, wenn auch die Männer zu Hause bleiben können. Zugleich kann es dem Wohnungsmangel in Städten entgegenwirken, weil Paare dann eher aus Städten herausziehen können. Allerdings ist Homeoffice nur in etwa 40 Prozent der Berufe überhaupt möglich. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung arbeitet in Berufen, in denen Homeoffice keine Option ist.

bpb.de: Welche langfristigen Folgen könnte die Corona-Pandemie auf die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland haben?

Martin Bujard: Bleibt die Geburtenrate so niedrig, werden wir in 20 bis 30 Jahren zu wenige junge Menschen für den Arbeitsmarkt haben. Das heißt, wir produzieren jetzt den Fachkräftemangel von morgen. Wir produzieren geringere Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen, was für die Bereiche Pflege und Rente erhebliche Nachteile [MR1.1]mit sich bringen wird.

Die Schulschließungen während der Corona-Pandemie haben bei vielen Jugendlichen zu Angststörungen und Depressionen geführt – wir reden über einen kurzfristigen Anstieg von mehreren hunderttausend Depressionen. In dieser Zeit wurden vielen Familien und jungen Menschen vermittelt, dass Kinder für die Politik ganz hinten auf der Prioritätenliste stehen. Diese Familienfeindlichkeit hilft nicht dabei, sich für Kinder zu entscheiden. Daher wäre es wichtig, Familien besser zu unterstützen, zum Beispiel indem mehr in Kinderbetreuung investiert und mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie getan wird.

Wir haben außerdem gesehen, dass die körperliche Aktivität, vor allem in Hinblick auf Ausdauer , von Kindern und Jugendlichen auch nach der Pandemie nicht wieder zugenommen hat. Dadurch sind diese Personen potenziell gefährdet, in Zukunft an Übergewicht und infolgedessen auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes zu erkranken.

Sebastian Klüsener: Die Pandemie wird uns weiterhin verfolgen: Es gibt Menschen, die unter Long-Covid oder Impfschäden leiden, andere haben Verwandte oder Freunde verloren. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen. Und es gibt Menschen, die seitdem mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben.

Auf der anderen Seite hat die Lebenserwartung im Jahr 2024 wieder Vor-Corona-Niveau erreicht, sodass wir in dieser Hinsicht von einem Aufwärtstrend ausgehen. Zugleich hat die Pandemie mRNA-Impfstoffe gefördert, die für die Weiterentwicklung von Krebstherapien als sehr vielversprechend gelten. Auch bei anderen Erkrankungen wie Diabetes und der Eindämmung von Herz-Kreislauferkrankungen gibt es noch viele Potenziale. Daher gibt es gute Gründe, dass die Lebenserwartung in der Zukunft noch weiter steigen könnte.

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