Urbanisierungsprozesse und Megacities im Kontext des demografischen Wandels
Dorothee BeckendorffMathias Lerch
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Jakarta, Kairo und Santiago de Chile stehen exemplarisch für die rasante Urbanisierung in den Megastädten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Anhand dieser drei Metropolen wird deutlich, wie Migration, demografischer Wandel und soziale Ungleichheiten die Entwicklung von Städten prägen.
Die fortschreitende Urbanisierung zählt zu den prägendsten globalen Umbruchsprozessen des 21. Jahrhunderts. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge lebten im Jahr 2018 erstmals mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten. Bis 2050 wird dieser Anteil auf rund 66 Prozent steigen. Insbesondere urbane Regionen im Globalen Süden verändern sich sowohl durch natürliche Bevölkerungszunahme sowie interne und internationale Migration. Dabei steigt auch die Anzahl sogenannter Megacities zunehmend.
Mit dem Wachstum der Städte verändern sich jedoch nicht nur Größe und Bevölkerungsdichte, sondern auch die sozialen und räumlichen Strukturen des urbanen Lebens. Wohnraummangel, informelle Siedlungen, Verkehrsüberlastung, Umweltverschmutzung und soziale Ungleichheiten prägen vielerorts den Alltag und werden durch die Folgen des Klimawandels noch verschärft. Städte sind damit zugleich Knotenpunkte wirtschaftlicher Entwicklung und Orte, an denen gesellschaftliche Spannungen besonders sichtbar werden.
Megacities als hochkomplexe urbane Systeme
Vor allem Megacities, also urbane Agglomerationen mit mehr als zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, stehen exemplarisch für diese Entwicklungen. Sie sind nicht nur „größere Städte“, sondern hochkomplexe urbane Systeme mit eigenen Dynamiken. Noch im Jahr 1950 erfüllten lediglich New York und Tokio dieses Kriterium. Bis 2010 hatte sich ihre Zahl bereits auf 21 erhöht, mit insgesamt 324 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Megacities sind dabei vor allem ein Phänomen des Globalen Südens und Asiens, wo Fragen von Infrastruktur, Mobilität, Versorgung, sozialer Integration und politischer Steuerung durch steigende Bevölkerungen besondere Dimensionen annehmen.
Einordnung Globaler Süden / Globaler Norden
Die Begriffe Globaler Süden und Globaler Norden bezeichnen keine geografischen Regionen im wörtlichen Sinne. Sie sind soziale Konstruktionen, die auf ein geopolitisches und wirtschaftliches Gefälle zwischen Staaten aufmerksam machen wollen. Ein Land des Globalen Südens gilt demnach als politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich benachteiligter Staat, während Länder des Globalen Nordens eine bessergestellte Position hinsichtlich Wohlstand, politischer Freiheit und wirtschaftlicher Entwicklung einnehmen. Geprägt hat den Begriff „Globaler Süden“ der US-amerikanische Autor und Aktivist Carl Ogelsby im Kontext des Vietnamkriegs. Populär wurde die Unterscheidung maßgeblich durch den „Brandt-Report“ von 1980, den eine Kommission unter Vorsitz des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt im Auftrag der Weltbank erstellt hatte. Er teilte die Welt anhand ökonomischer Kriterien in Norden und Süden ein. Der Begriff „Globaler Süden“ hat dabei Begriffe wie „Dritte Welt“ oder „Interner Link: Entwicklungsländer“ abgelöst. Er sollte die geteilte Erfahrung struktureller Ausgrenzung vieler Länder – in der großen Mehrzahl ehemalige Kolonien – im globalen System verdeutlichen und wird in aktivistischen Kreisen inzwischen auch in Abgrenzung zur Unterscheidung zwischen Ländern „mit niedrigem“, „mit mittlerem“ und „mit hohem Einkommen“ verwendet, in der sich mit dem alleinigen Fokus auf ein wirtschaftliches Kriterium für „Entwicklung“ eine markliberale Logik widerspiegelt. Der Begriff „Globaler Süden“ ist damit vor allem ein (entwicklungs-)politischer Begriff, der auf die lange Geschichte globaler Ungleichheit und Machtasymmetrien aufmerksam machen will. Selbst Länder, die inzwischen global einflussreich sind – wie Indien, China oder die Vereinigten Arabischen Emirate –, werden weiterhin als „Interner Link: Schwellenländer“ klassifiziert. In den Sozialwissenschaften wird das Begriffspaar daher unter anderem im Kontext von Ungleichheitsforschung verwendet. Wie die meisten anderen Begriffe, sind die Begriffe „Globaler Süden“ und „Globaler Norden“ nicht neutral, wertfrei und unumstritten, zudem auch nicht analytisch scharf; eine einheitliche Definition fehlt bislang. Zu den zentralen Kritikpunkten zählen: die Gefahr der Reproduktion von Stereotypen, eine Einheit zu behaupten bzw. ungleiche Machtverhältnisse / Entwicklungsstadien innerhalb des Globalen Südens zu verdecken, oder die Handlungsmacht (Agency) bestimmter Länder (etwa mit Blick auf China) zu verneinen; weitere Kritikpunkte richten sich an die geografische Ungenauigkeit des Begriffspaares (Australien etwa wird dem Globalen Norden zugerechnet, während die VAE zum Globalen Süden gezählt werden – trotz ihres Reichtums) oder es wird kritisiert, dass es ein dezidiert politischer Begriff sei. Gleichzeitig bereiten alternative Begriffe wie „Industriestaaten“, „Entwicklungs- und Schwellenländer“ oder „Staaten mit niedrigem/hohem Einkommen“, bei denen eine starke eurozentristische Perspektive mitschwingt, ähnliche Schwierigkeiten.
Die Urbanisierung verläuft dabei nicht überall gleich: Zwar war das natürliche Bevölkerungswachstum zwischen 1980 und 2010 der bedeutendere Wachstumsfaktor, doch gewann Migration zunehmend an Bedeutung. Dabei wuchsen manche Städte vor allem durch die Migration vom Land in die Stadt (engl. Rural-Urban-Migration), andere hingegen durch Wanderungsbewegungen zwischen Städten.
Im Folgenden werden drei urbane Regionen des Globalen Südens in den Blick genommen: Jakarta, Kairo und Santiago de Chile.
Als bevölkerungsreichste urbane Region der Welt wuchs Jakarta zwischen 1990 und 2010 von rund 23 auf rund 37 Millionen Einwohnende (siehe Tabelle) und steht exemplarisch für die Herausforderungen schnell wachsender Küstenmetropolen in Südostasien. Die indonesische Hauptstadt kämpft mit Überschwemmungen, Bodenabsenkungen und extremer Umweltbelastung. Zugleich ist sie ein wirtschaftliches Zentrum mit großer Anziehungskraft auf Migrantinnen und Migranten aus dem ganzen Inselstaat.
Kairo zählt zu den am schnellsten wachsenden Städten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Zwischen 1986 und 2006 stieg die Einwohnerzahl von 11,3 auf 19,5 Millionen. Überlastete Verkehrssysteme, Luftverschmutzung, informelle Wohngebiete und eine hohe Bevölkerungsdichte prägen die Stadt. Der ägyptische Staat reagiert auf das Wachstum mit Infrastrukturprojekten, darunter einer komplett neuen Hauptstadt.
Santiago de Chile gilt als eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Metropolen Lateinamerikas und wuchs zwischen 1982 und 2017 von 4,2 auf 6,8 Millionen Einwohnende, bleibt damit jedoch unterhalb der Schwelle zu einer Megacity. Sie wurde hier jedoch aufgrund ihrer regionalen Bedeutung und ihrer Rolle als wirtschaftliches und politisches Zentrum Südamerikas als vergleichender Fall neben Kairo und Jakarta ausgewählt. Trotz ihrer vergleichsweise modernen Infrastruktur ist die Stadt durch ausgeprägte sozialräumliche Ungleichheiten geprägt: Wohlhabende und benachteiligte Bevölkerungsgruppen leben stark voneinander getrennt, was sich in den Wohnverhältnissen, dem Zugang zu Bildung, der Mobilität und den Umweltbelastungen widerspiegelt.
Doch warum wachsen Megastädte gerade im Globalen Süden so schnell und welche Folgen haben diese Dynamiken für die Menschen vor Ort?
Demografische Kennzahlen zu Jakarta, Kairo und Santiago de Chile
Im Vergleich zur Entwicklung der jeweiligen Staaten
Staat/Stadt
Jahr
Bevölkerung
Wachstumsrate
Geburtenrate
Anteil Erwerbsalter
Anteil Primarbildung
Anteil Tertiärbildung
Indonesien
1990
179.247.783
–
3,098
0,603
0,309
0,006
Indonesien
2000
201.125.390
0,122
2,536
0,657
0,430
0,014
Indonesien
2010
236.030.490
0,174
2,452
0,666
0,429
0,030
Jakarta
1990
23.605.790
–
3,593
0,620
0,321
0,011
Jakarta
2000
29.901.300
0,267
2,958
0,681
0,408
0,023
Jakarta
2010
37.423.380
0,251
–
0,700
0,402
0,045
Ägypten
1986
34.464.006
–
5,070
0,581
0,101
0,029
Ägypten
1996
59.317.433
0,721
3,733
0,598
0,134
0,043
Ägypten
2006
72.824.340
0,228
3,109
0,656
0,153
0,076
Kairo
1986
11.276.931
–
4,794
0,613
0,122
0,045
Kairo
1996
15.727.352
0,374
3,487
0,633
0,151
0,072
Kairo
2006
19.506.370
0,240
–
0,682
0,166
0,116
Chile
1982
11.330.620
–
2,648
0,624
0,387
0,013
Chile
1992
13.350.550
0,178
2,478
0,646
0,393
0,023
Chile
2002
15.139.140
0,134
1,935
0,669
0,386
0,034
Chile
2017
17.568.990
0,161
1,598
0,693
0,274
0,091
Santiago
1982
4.200.300
–
3,009
0,662
0,416
0,020
Santiago
1992
5.121.610
0,219
2,293
0,674
0,397
0,032
Santiago
2002
5.909.140
0,154
1,887
0,699
0,377
0,046
Santiago
2017
6.787.680
0,167
–
0,735
0,254
0,123
Fußnote: 1 Minnesota Population Center. (2019). Integrated Public Use Microdata Series, International: Version 7.2 [Dataset]. Minneapolis, MN: IPUMS. Online unter: Externer Link: https://doi.org/10.18128/D020.V7.2 (Stand: 01. Juli 2026)
Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von IPUMS International1 und URBDEMO
Drei Städte, drei Stadien des demografischen Übergangs
Die Bevölkerungsentwicklung der drei Metropolen verdeutlicht die Dynamik urbanen Wachstums im Globalen Süden. Anhand der Grafik zum Bevölkerungswachstum werden die strukturellen Unterschiede zwischen den drei Städten deutlich.
In Jakarta und Kairo dominieren hohe Geburtenraten, während Sterbefälle, Emigration und Binnenwegzüge vergleichsweise gering ausfallen. Binnenzuzüge leisten einen zusätzlichen, wenn auch kleineren Wachstumsbeitrag. Dies weist auf junge, dynamisch wachsende Stadtgesellschaften hin.
Santiago zeigt dagegen ein deutlich anderes Bild. Die Geburtenrate ist niedriger, und insbesondere Binnenwegzüge fallen stark ins Gewicht. Die Stadt verliert also Bevölkerung an andere Landesteile. Die Einwanderung aus dem Ausland gewinnt hingegen zunehmend an Bedeutung, was auf einen strukturellen Wandel der Zuwanderungsquellen hindeutet.
Insgesamt spiegeln die drei Städte unterschiedliche Stadien des demografischen Übergangs wider. Besonders deutlich zeigt sich dies im historischen Rückgang der Fertilität, der in Indonesien und vor allem in Chile stärker ausgeprägt ist. Chile nahm dabei innerhalb Lateinamerikas eine Vorreiterrolle im demografischen Übergang ein, was sich bereits in den frühen Altersstrukturen Santiagos widerspiegelt. Diese Unterschiede im Zeitpunkt und Verlauf des demografischen Übergangs prägen die urbanen Entwicklungspfade bis heute maßgeblich.
Verdichteter Stadtkern und zunehmend besiedeltes Umland
Die Karten zur Bevölkerungsdichte zeigen, dass sich das Wachstum räumlich sehr unterschiedlich verteilt. In Jakarta konzentrieren sich die höchsten Dichten auf den nördlichen Kernbereich der Stadt, der bereits im Jahr 1990 Werte von über 10.000 Einwohnenden pro Quadratkilometer aufweist. Bis 2010 ist eine weitere Verdichtung dieses Kerns und eine zunehmende Besiedlung angrenzender Distrikte erkennbar, während periphere Bereiche deutlich geringer besiedelt bleiben. Dies ist teilweise auf die Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten im Stadtkern zurückzuführen, wird jedoch auch durch geografische Gegebenheiten wie die küstennahe Lage des historischen Zentrums und den Geländeanstieg in Richtung des südlichen Hinterlands beeinflusst.
Kairo zeigt ein besonders markantes Muster: Die dicht besiedelten Gebiete konzentrieren sich auf das Niltal und den historischen Stadtkern, während die umliegenden Gebiete trotz ihrer großen Fläche nahezu unbewohnt erscheinen, was auf die geografische Prägung Kairos durch die umliegenden Wüstenräume zurückzuführen ist.
Santiago wies im Jahr 1982 einen klar abgegrenzten Dichtekern im zentralen Stadtgebiet auf. Bis 2017 ist eine räumliche Ausdehnung nach außen erkennbar. Zuvor dünn besiedelte Randbereiche weisen nun moderate Dichten auf, was auf einen Prozess suburbaner Ausdehnung hindeutet, der mit steigenden Einkommen, verbesserten Verkehrsanbindungen und der zunehmenden Erschließung peripherer Wohnstandorte einhergeht.
Entwicklung der Bevölkerungsdichte
Jakarta, Kairo und Santiago de Chile
Entwicklung der Bevölkerungsdichte von Santiago de Chile, 1990 und 2010, Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von IPUMS International und URBDEMO
Alterung und Bildungsexpansion – in unterschiedlichem Tempo
Die Bevölkerungspyramiden der drei Städte verdeutlichen unterschiedliche Stadien der Alterung und Bildungsausweitung.
Jakarta zeigt im Jahr 1990 noch eine expansive Jugendstruktur mit breiter Basis, entwickelt sich bis 2010 jedoch zunehmend hin zu einer Bevölkerung mit besonders stark ausgeprägten Altersgruppen im Erwerbsalter zwischen 20 und 40 Jahren (62 Prozent im Jahr 1990, 70 Prozent in 2010, siehe Tabelle 1). Parallel dazu ist ein deutlicher Bildungsanstieg erkennbar, insbesondere bei Sekundar- und Hochschulabschlüssen.
Kairo weist über den gesamten Beobachtungszeitraum eine deutlich jüngere Bevölkerungsstruktur auf. Die Bevölkerungsstruktur bleibt stärker pyramidenförmig mit breiter Basis, was auf anhaltend hohe Geburtenraten hinweist. Bis 2006 wachsen insbesondere die Jahrgänge der jungen Erwachsenen stark an, was zusätzlich auf eine intensive Binnenmigration schließen lässt. Zwar steigt auch in Kairo das Bildungsniveau sichtbar an, der Anteil der Bevölkerung mit lediglich primärer Bildung bleibt mit 16 Prozent jedoch niedrig.
Der fortgeschrittenste demografische Übergang ist in Santiago de Chile zu erkennen. Bereits im Jahr 1982 zeigt die Alterspyramide eine schmale Basis und eine stärkere Besetzung der höheren Altersgruppen, was auf niedrige Geburtenraten und fortschreitende Alterung der Stadtbevölkerung hinweist. Bis 2017 verlagert sich der Schwerpunkt deutlich in die mittleren Altersgruppen zwischen 25 und 50 Jahren, wobei die Zuwanderung die Erwerbsbevölkerung stützt. Die Pyramide nähert sich damit einer säulenförmigen Struktur an, wie sie für demografisch fortgeschrittene Gesellschaften typisch ist. Parallel dazu steigen Sekundar- und Hochschulabschlüsse stark an, was den sozioökonomischen Wandel Santiagos widerspiegelt.
Insgesamt zeigen alle drei Städte, dass demografischer Wandel und Bildungsexpansion zwar parallel verlaufen, jedoch in sehr unterschiedlichem Tempo und Ausmaß.
Bevölkerungspyramiden nach Ausbildungsgrad
Jakarta, Kairo und Santiago de Chile
Santiago de Chile: Bevölkerungspyramiden nach Ausbildungsgrad, 1982, 1992, 2002 und 2017, Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis von IPUMS
International und URBDEMO
Ungleich verteilte Folgen des Wachstums
Das rasante Wachstum der Megastädte im Globalen Süden ist das Ergebnis zusammenwirkender Faktoren: Landflucht infolge fehlender wirtschaftlicher Perspektiven, hohe Geburtenraten sowie die Anziehungskraft städtischer Arbeitsmärkte und Infrastrukturen. Die Konzentration von Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen und Gesundheitsversorgung in den Metropolen zieht kontinuierlich Zuwandernde an, schneller, als Planung und Infrastruktur mithalten können.
Dabei profitieren keineswegs alle gleichermaßen: Es entstehen tiefe Spaltungen zwischen Menschen mit Zugang zu formellen Wohnmärkten, stabiler Beschäftigung und staatlicher Daseinsvorsorge und solchen, die strukturell davon ausgeschlossen bleiben.
In Jakarta zeigt sich dieses Spannungsfeld besonders deutlich. In den informellen Siedlungen, den sogenannten Kampungs, leben große Teile der Stadtbevölkerung unter prekären Bedingungen, mit eingeschränktem Zugang zu sauberem Wasser, Kanalisation und rechtlicher Absicherung des Wohnraums. Hinzu kommen massive ökologische Risiken: Die Stadt sinkt durch exzessive Grundwasserentnahme um mehrere Zentimeter pro Jahr, während der Meeresspiegel steigt. Ob die Verlagerung der Hauptstadt nach Nusantara auf der Insel Borneo die Lebensbedingungen der einkommensschwachen Stadtbevölkerung verbessern wird, bleibt eine offene Frage. Die als nachhaltige und futuristische Waldstadt konzipierte Hauptstadt soll schrittweise aufgebaut und bis zum 100-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum Indonesiens im Jahr 2045 fertiggestellt werden.
Santiago de Chile: Moderne Stadtstruktur und infrastrukturelle Verdichtung im Zentrum der Metropolregion.
Auch in Kairo verschärft urbanes Wachstum bestehende Ungleichheiten. Während die Investitionen in die rund 45 Kilometer östlich von Kairo entstehende New Administrative Capital vor allem wohlhabenderen Schichten zugutekommen, bleiben Millionen Menschen in informellen Siedlungen am Stadtrand ohne gesicherten Zugang zu Wohnraum und Grundversorgung. Sie werden weiter an die Peripherie verdrängt. Santiago de Chile macht deutlich, dass soziale Ausgrenzung auch in wirtschaftlich vergleichsweise entwickelten Metropolen ein zentrales Problem bleibt. Informelle Siedlungen an der städtischen Peripherie sind Ausdruck eines Wohnungsmarktes, der einkommensschwache Bevölkerungsgruppen systematisch ausschließt.
Insgesamt zeigen alle drei Städte: Urbanes Wachstum schafft Chancen für Unternehmen, aufstrebende Mittelschichten und staatliche Akteure. Die räumliche Konzentration von Bevölkerung und wirtschaftlichen Aktivitäten fördert Innovation und die Schaffung von Arbeitsplätzen. In Jakarta profitieren insbesondere die Industrie-, Dienstleistungs- und Technologiesektoren von der großen Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Kairo festigt seine Rolle als wirtschaftliches und administratives Zentrum Ägyptens, während Santiago de Chile von der Konzentration hochqualifizierter Arbeitskräfte sowie von Investitionen in Bildung, Infrastruktur und wissensintensive Dienstleistungen profitiert.
Metropolen bieten zudem einen besseren Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und öffentlichen Dienstleistungen als viele ländliche Regionen und gelten daher für viele Menschen als Orte sozialen und wirtschaftlichen Aufstiegs. Doch ohne gezielte politische Steuerung drohen wachsende Teile der Stadtbevölkerung, insbesondere Zuwandernde, informell Beschäftigte und einkommensschwache Haushalte, nicht im gleichen Maße an diesem Wachstum teilzuhaben. Die Urbanisierung im Globalen Süden ist damit nicht nur eine demografische, sondern eine zutiefst soziale und politische Frage.
Dorothee Beckendorff ist Doktorandin im Labor für Urban Demography (URBDEMO) an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und forscht dort im Rahmen des ERC-Projekts "Migration in Cities of the Global South". Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migration, soziale Ungleichheiten sowie Entwicklungs- und Umweltveränderungen, die Städte prägen.
Prof. Mathias Lerch, PhD leitet das Urban Demography Laboratory an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Als ausgebildeter Geograf und Demograf hat er den Bevölkerungswandel an verschiedenen Schweizer und deutschen Universitäten sowie an Statistikämtern in Transformationsländern analysiert und gelehrt. Er war stellvertretender Leiter des Labors für Fertilität und Wohlbefinden am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Seit 2008 berät er regelmäßig nationale Regierungen, Organisationen der Vereinten Nationen, Erhebungsprogramme und NGOs zu Bevölkerungsfragen, Urbanisierung und Datenerhebung