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Arbeit mit digitalen Technologien in einer alternden Gesellschaft

Alexander Bendel

/ 6 Minuten zu lesen

Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Für Unternehmen und Erwerbstätige ist das nicht nur eine Herausforderung, sondern kann in einer alternden Gesellschaft auch eine Chance darstellen.

(bpb, Leitwerk) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Zusammenfassung

  • Digitalisierung wird oft mit Jobverlust assoziiert, kann in einer alternden Gesellschaft aber auch ein strategischer Lösungsansatz für demografischen Wandel und Fachkräftemangel sein.

  • Digitale Technologien ersetzen zwar bestimmte Tätigkeiten, entfalten aber auch beschäftigungsfreundliche Effekte. Sie können Wissen bewahren und ältere Beschäftigte entlasten, statt sie zu verdrängen.

  • Japan zeigt als stark alterndes Land, wie Robotik, Pflegetechnik und KI menschzentriert eingesetzt werden können.

  • Assistenzsysteme, Exoskelette und flexible Arbeitsformen ermöglichen längeres Arbeiten und erschließen bislang unterrepräsentierte Potenziale, etwa durch mehr Inklusion.

  • Grenzen liegen in der Akzeptanz neuer Technik, der Gefahr verstärkter Ungleichheit und neuer Belastungen. Entscheidend sind daher Mitbestimmung, Qualifizierung und eine am Menschen orientierte Gestaltung der Technologien.

Kaum ein Begriff prägt die gegenwärtige Debatte über Arbeit so stark wie die Digitalisierung. Häufig wird sie mit Arbeitsplatzverlusten, Automatisierung und wachsender Unsicherheit assoziiert. Parallel dazu stehen Unternehmen jedoch vor einer anderen, ebenso tiefgreifenden Herausforderung: dem demografischen Wandel. In vielen Industrienationen wie Deutschland altert die Belegschaft, während zugleich weniger junge Fachkräfte nachrücken. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Digitalisierung nicht nur als Bedrohung, sondern auch als strategischer Lösungsansatz zur Bewältigung demografischer Veränderungen verstanden werden kann.

Sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartung führen dazu, dass sich die Altersstruktur der Erwerbsbevölkerung deutlich verschiebt. Unternehmen sehen sich zunehmend mit einer älteren Belegschaft, einem steigenden Durchschnittsalter sowie mit Fachkräfteengpässen konfrontiert. Besonders betroffen sind wissens- und qualifikationsintensive Branchen wie das verarbeitende Gewerbe, also Industrie- und Handwerksbetriebe, die Pflege, der Maschinenbau oder die Informationstechnologie (IT). Der demografische Wandel wirkt dabei nicht abstrakt, sondern konkret: Gehen Menschen in Ruhestand und fehlen Fachkräfte, führt das zu Produktionsausfällen und Wissensverlusten. Für die verbleibenden Mitarbeitenden bedeutet das zugleich eine steigende Arbeitsbelastung. Das ist bereits heute Realität.

Digitalisierung jenseits der Jobverlust-Erzählung

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Digitalisierung häufig mit dem Ersatz menschlicher Arbeit gleichgesetzt. Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien, dass digitale Technologien bestimmte Tätigkeiten ersetzen können. Ursprünglich wurde insbesondere sich wiederholenden, physisch belastenden oder standardisierbaren Aufgaben digitale Ersetzbarkeit attestiert. Hierzu zählen etwa Arbeiten in der Fließbandmontage oder der Kommissionierung. Mittlerweile legen neuere Studien dies auch für komplexere und wissensintensivere Tätigkeiten, wie beispielsweise die medizinische Bilddiagnostik oder die juristische Vertragserstellung, nah. Gleichzeitig belegt die Forschung, dass Digitalisierung ebenso beschäftigungsfreundliche Effekte entfalten kann: Sie verändert Tätigkeitsprofile, entlastet Beschäftigte und ermöglicht neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technik.

Gerade im Kontext des demografischen Wandels liegt hier ein zentrales Potenzial. Digitale Technologien können dazu beitragen, Produktivität zu sichern, Wissen zu bewahren und altersbedingte Leistungseinbußen auszugleichen, ohne ältere Beschäftigte aus dem Arbeitsprozess zu verdrängen.

Japan: Vorreiter der Digitalisierung

Ein Blick nach Ostasien verdeutlicht diese Perspektive besonders eindrücklich. In Japan, einem der am stärksten alternden Länder weltweit, wird Robotik seit Jahren gezielt als Antwort auf den Arbeitskräftemangel eingesetzt. Kollaborative Roboter („Cobots“) übernehmen dort körperlich schwere oder ergonomisch ungünstige Tätigkeiten in der Industrie, während ältere Beschäftigte weiterhin steuernde, überwachende oder qualitätssichernde Aufgaben ausführen. Dies kann nicht nur die Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verlängern, sondern auch deren Arbeitszufriedenheit steigern.

Roboter könnten in Zukunft im Alltag unterstützen, zum Beispiel in der Pflege. (© picture-alliance/dpa, Hauke-Christian Dittrich)

Auch in der Pflege befinden sich digitale Technologien in Japan auf dem Vormarsch. So unterstützen Roboter beim Heben und Umlagern von Patientinnen und Patienten, während intelligente Sensorsysteme Stürze oder Notfälle frühzeitig erkennen. Digitale Dokumentationssysteme reduzieren zudem den administrativen Aufwand erheblich. Ziel ist es hierbei nicht, Pflegepersonal zu ersetzen, sondern ihnen körperlich belastende und zeitintensive Aufgaben zu abzunehmen. Dadurch bleibt ihnen mehr Zeit für menschliche Zuwendung, was sowohl die Arbeitsbedingungen in der Pflege als auch die Qualität der Versorgung verbessert.

In Japan hat sich insbesondere auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Arbeitswelt ausgeweitet, wie am Beispiel des Technologiekonzerns Fujitsu deutlich wird. KI soll Mitarbeitende von sich wiederholenden Aufgaben entlasten und ihnen ermöglichen, sich stärker auf anspruchsvolle und wertschöpfende Tätigkeiten zu konzentrieren. Bei Fujitsu kommt sie im Arbeitsalltag unter anderem als Assistenzsystem, zur Datenanalyse oder zur Automatisierung von Prozessen zum Einsatz. Das Unternehmen verfolgt dabei einen humanzentrierten Ansatz, bei dem Mensch und KI eng zusammenarbeiten. Gleichzeitig legt das Unternehmen großen Wert auf einen verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit KI sowie auf die gezielte Qualifizierung der Beschäftigten im Umgang mit neuen Technologien.

Längeres Arbeiten durch Assistenzsysteme?

Ein zentrales Ziel vieler arbeitsmarktpolitischer Strategien ist es, längeres Arbeiten zu ermöglichen. Technische Innovationen können hierbei unterstützend wirken. Digitale Assistenzsysteme, ergonomische Exoskelette, adaptive Benutzeroberflächen oder KI-gestützte Entscheidungsunterstützung helfen dabei, physische und kognitive Belastungen zu reduzieren. Besonders in der Logistik, Montage oder Pflege werden solche Systeme erprobt.

Gleichzeitig eröffnen digitale Werkzeuge neue Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung: flexible Arbeitszeiten, ortsunabhängiges Arbeiten oder individualisierte Lernangebote können dazu beitragen, altersgerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen. Solche Maßnahmen können nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch die Motivation älterer Beschäftigter positiv beeinflussen.

Neben der Verlängerung der Erwerbsbiografien rückt ein weiterer Aspekt in den Fokus: die Erschließung bislang unterrepräsentierter Arbeitskräftepotenziale. Digitale Technologien können Barrieren abbauen und Inklusion fördern – etwa für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, chronischen Erkrankungen oder Lernschwierigkeiten. Sprachassistenzsysteme, visuelle Unterstützung oder automatisierte Anpassungen von Arbeitsumgebungen ermöglichen eine breitere Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Damit wird Digitalisierung zu einem Instrument gegen Fachkräftemangel, das nicht allein auf Rekrutierung setzt, sondern darauf, bereits vorhandene Potenziale besser zu nutzen. Entscheidend ist jedoch, dass technologische Lösungen in umfassende Personal- und Organisationskonzepte eingebettet sind.

Wo Technik an ihre Grenzen stößt

So vielversprechend diese Entwicklungen sind, so deutlich zeigen sich auch Grenzen. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass die neuen Technologien häufig nur zögerlich akzeptiert werden, insbesondere von älteren Mitarbeitenden. Skepsis gegenüber digitalen Systemen, Angst vor Überforderung oder Kontrollverlust sowie negative Vorerfahrungen können dazu führen, dass technische Innovationen abgelehnt oder nur oberflächlich genutzt werden.

Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Digitalisierung bestehende Ungleichheiten verstärkt, wenn Qualifizierungsangebote fehlen oder technologische Systeme nicht alters- und nutzerfreundlich gestaltet sind. Technischer Fortschritt allein reicht nicht aus: Ohne Beteiligung der Beschäftigten, transparente Kommunikation und kontinuierliche Weiterbildung bleiben die Potenziale ungenutzt.

Vor diesem Hintergrund entfalten digitale Technologien ihre positiven Potenziale vor allem in mitbestimmten Unternehmen, also Unternehmen, in denen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch Aufsichts- oder Betriebsräte an den Entscheidungen des Unternehmens beteiligt sind oder darauf Einfluss nehmen können. So können Betriebsräte dafür sorgen, dass neue digitale Systeme nicht zu verstärkter Überwachung, höherem Leistungsdruck oder Datenschutzverletzungen führen. Durch ihre Mitbestimmungsrechte können sie die Einführung und Ausgestaltung digitaler Technologien aktiv mitgestalten und darauf hinwirken, dass diese die Arbeit erleichtern statt sie zu verdichten. Außerdem können sich Betriebs- oder Personalräte für Qualifizierung und Weiterbildung einsetzen, damit die Beschäftigten mit den digitalen Veränderungen Schritt halten können. Nicht zuletzt tragen Betriebsräte dazu bei, faire Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschutz und klare Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit auch in einer digitalisierten Arbeitswelt zu sichern. Auch ethische und organisatorische Fragen spielen eine Rolle. Nicht jede Tätigkeit lässt sich sinnvoll digital unterstützen und nicht jede Produktivitätssteigerung führt automatisch zu besseren Arbeitsbedingungen. Technik kann entlasten, sie kann aber auch neue Belastungen erzeugen, etwa durch Verdichtung von Arbeit oder permanente Erreichbarkeit.

Digitalisierung als gestaltbare Chance

Die Digitalisierung ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung per se. Im Kontext des demografischen Wandels eröffnet sie jedoch reale Gestaltungsspielräume für Unternehmen. Richtig eingesetzt, kann sie dazu beitragen, längeres Arbeiten zu ermöglichen, den Fachkräftemangel abzufedern und Inklusion zu fördern. Internationale Beispiele zeigen, dass dies kein Zukunftsszenario, sondern bereits gelebte Realität ist.

Entscheidend ist jedoch der Gestaltungswille: Technik muss an den Menschen angepasst werden, nicht umgekehrt. Nur wenn Digitalisierung als sozio-technischer Prozess verstanden wird, der Qualifikation, Mitbestimmung und Akzeptanz gleichermaßen berücksichtigt, kann sie ihr Potenzial als Lösungsansatz für den demografischen Wandel entfalten.

Quellen / Literatur

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Frey, Carl Benedikt; Osborne, Michael A. (2017): The future of employment: How susceptible are jobs to computerisation? In: Technological Forecasting and Social Change 114, S. 254–280. DOI: 10.1016/j.techfore.2016.08.019.

Gerlmaier, Anja; Bendel, Alexander; Ossenberg, Martin (2024): Humanzentrierte Gestaltung von digitalen Assistenzsystemen für Menschen mit Behinderung: Erprobung und Evaluation des Workshopprogramms „friendlyAI@work“. In: Zeitschrift für Arbeitswissenschaft 78 (2), S. 132–145. DOI: 10.1007/s41449-024-00423-8.

Gimpel, Henner; Lanzl, Julia; Manner-Romberg, Tobias; Nüske, Niclas (2018): Digitaler Stress in Deutschland. Eine Befragung von Erwerbstätigen zu Belastung und Beanspruchung durch Arbeit mit digitalen Technologien. Working Paper der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 101.

Haipeter, Thomas; Schilling, Gabi (2023): Interessenvertretungen in der Digitalisierung. Zur Bedeutung betriebspolitischer Aktivierungsprojekte der Gewerkschaften am Beispiel von „Arbeit 2020 in NRW“. In: WSI-Mitteilungen 76 (5), S. 392–400. DOI: 10.5771/0342-300X-2023-5-392.

Hamideh Kerdar, Sara; Marleen Kirchhoff, Britta; Adolph, Lars; Bächler, Liane (2025): Technological Interventions for Vocational Inclusion of Individuals with Disabilities: A Scoping Review. In: Journal of Vocational Rehabilitation 63 (3), S. 325–341. DOI: 10.1177/10522263251376943.

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OECD (2025): Generative AI and the SME Workforce. New Survey Evidence. Paris. Online verfügbar unter Externer Link: https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2025/11/generative-ai-and-the-sme-workforce_83bafdfb/2d08b99d-en.pdf, zuletzt geprüft am 06.02.2026.

Rego, Kerstin; Houben, Daniel; Brüning, Steffen; Schaupp, Simon; Meyer, Uli (2021): Mitbestimmungspraxis in der „Industrie 4.0“. Möglichkeiten der Einflussnahme und Gestaltung für Betriebsräte. Working Paper Forschungsförderung Nr. 232. Hans-Böckler-Stiftung. Düsseldorf. Online verfügbar unter Externer Link: https://www.boeckler.de/fpdf/HBS-008196/p_fofoe_WP_232_2021.pdf, zuletzt geprüft am 06.02.2026.

Zika, Gerda; Hassemer, Theresa-Marie; Hummel, Markus; Krebs, Bennet; Maier, Tobias; Mönnig, Anke (2025): Künstliche Intelligenz: Potenzielle Effekte für den deutschen Arbeitsmarkt. IAB-Forschungsbericht Nr. 23, Nürnberg.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Frey & Osborne, 2013; Zika et al. 2025.

  2. OECD, 2024; OECD 2025.

  3. Gerlmaier et al. (2024); Kerdar et al. (2025).

  4. Cieslak & Valor (2025); Gimpel et al. (2018).

  5. Haipeter & Schilling (2023); Rego et al. (2021).

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Alexander Bendel für bpb.de

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Alexander Bendel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Arbeitszeit und Arbeitsorganisation“ am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Arbeitsgestaltung und Inklusion. Im Rahmen des Projekts HUMAINE erforscht er aktuell Chancen und Risiken von KI-gestützten Assistenzsystemen in der Arbeitswelt.