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Geburtenentwicklung in Deutschland: Wie könnte der Negativtrend gestoppt werden?

Martin Bujard

/ 10 Minuten zu lesen

Deutschland hat seit 50 Jahren sehr niedrige Geburtenraten. In den 2010ern gab es einen Anstieg, nach 2022 ist die Geburtenrate wieder eingebrochen. Das hat langfristig erhebliche negative Auswirkungen auf das Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem und unseren Wohlstand. Für mehr Geburten sind bessere Rahmenbedingungen für Familien notwendig.

(bpb, Leitwerk) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de

Zusammenfassung

  • Deutschland hat seit 1975 sehr niedrige Geburtenraten. Das führt langfristig zu einer Überalterung der Bevölkerung und zu Belastungen für Renten-, Gesundheits- und Pflegesystem und für den Wohlstand hierzulande.

  • Hauptursache ist der gesellschaftliche Wandel seit den 1960er Jahren bei weiterhin unzureichender Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

  • Familienpolitische Reformen hoben die Geburtenrate in den 2010er-Jahren auf 1,6. Doch seit 2022 sinkt sie wieder, unter anderem infolge multipler Krisen.

  • Geburten werden zunehmend aufgeschoben, und kinderreiche Familien werden seltener. Die Kinderwünsche junger Menschen liegen allerdings deutlich über der tatsächlichen Geburtenrate.

Die Bundesrepublik Deutschland gilt seit 1975 – mit einer kurzen Unterbrechung von 2015 bis 2021 – als Land mit niedriger Fertilität (auch „low fertility country“ genannt), das heißt, die zusammengefasste Geburtenziffer (im Folgenden kurz als Geburtenrate bezeichnet) liegt unter 1,5 Kindern pro Frau. Um die bestehende Generation zu ersetzen, ist aber langfristig eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau notwendig.

Bleiben die Geburtenraten langfristig konstant bei etwa 1,3 bis 1,4 wie in Deutschland, wird nur etwa zwei Drittel der aktuellen Generation ersetzt. Das führt langfristig vor allem zu einer Überalterung der Bevölkerung mit kleinerer Generationenstärke im Erwerbsalter und großer Generationenstärke im Rentenalter. Die Konsequenzen einer solchen Geburtenentwicklung sind gravierend und gehen mit erheblichen Nachteilen für die sozialen Sicherungssysteme und den gesellschaftlichen Wohlstand einher.

Doch was sind die Gründe für den Geburtenrückgang und das jahrzehntelange Geburtentief in Deutschland und Europa? Zentral ist dabei ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel seit Mitte der 1960er Jahre. Dabei haben allen voran die Frauenemanzipation, Bildungsexpansion, kulturelle Akzeptanz von sexuellen Beziehungen ohne Heirat, die Verbreitung der Zwei-Kind-Norm und die Verfügbarkeit sicherer Verhütungsmittel eine wichtige Rolle gespielt. Diese Faktoren haben sich wechselseitig verstärkt und zu einem häufigen Aufschub der Familienplanung und einer geringeren Kinderzahl insgesamt geführt. Für die zunehmende Zahl von Frauen, die berufstätig und ökonomisch unabhängig sein wollten, waren die Rahmenbedingungen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf oftmals schwierig, sodass sie sich häufig zwischen Familie und Beruf entscheiden mussten.

Familienpolitische Reformen wie Kindergeld, Elterngeld oder der Ausbau der Kinderbetreuung hatten und haben auch das Ziel die Geburtenrate zu beeinflussen – aber welche dieser Maßnahmen wirken und wie stark? Ob sich junge Frauen und Männer überhaupt noch Kinder wünschen, ob Migrantinnen deutlich mehr Kinder bekommen als Einheimische und welche Rolle gegenwärtige globale Krisen wie Kriege, der Klimawandel oder die Corona-Pandemie spielen, sind dabei ebenso wichtige Fragen wie die nach konkreten Alltagshürden: steigende Lebenshaltungskosten, knappes Wohnungsangebot und prekäre Arbeitsmarktkonstellationen. All das steht im Mittelpunkt dieses Beitrags.

In Deutschland bekommen Frauen durchschnittlich 1,35 Kinder. Im europäischen Vergleich liegt das im unteren Mittelfeld. (© picture-alliance, ZB | Waltraud Grubitzsch)

Dabei werden die Geburtentrends der letzten Jahrzehnte in Deutschland nachgezeichnet und anhand dessen erklärt, warum einige europäische Länder höhere Geburtenraten haben und andere sehr niedrige. Auch wird gezeigt, welche Bevölkerungsgruppen in Deutschland viele beziehungsweise wenige Kinder haben und wie sich das Alter der Mütter bei der Geburt entwickelt hat. Einstellungen zu Familie und Kinderwünschen werden dabei ebenso thematisiert wie der Zusammenhang von Arbeitsmarkt-, Gesellschafts- und Familienpolitik mit der Geburtenrate.

Geburtenraten in Deutschland: Vom Kaiserreich bis heute

Bis Ende des 19. Jahrhunderts lag die Geburtenrate in Deutschland beziehungsweise zuvor in den deutschen Staaten des Norddeutschen Bundes bei etwa vier bis fünf Kindern pro Frau. Dieser Durchschnittswert setzt sich zusammen aus einem nicht zu unterschätzenden Anteil an Frauen, die gar keine Kinder hatten und anderen Frauen, die teilweise sechs, sieben oder mehr Kinder bekommen haben. Durch religiöse und gesellschaftliche Normen war Sexualität nur in der Ehe moralisch akzeptiert, doch der Zugang zur Ehe wurde vom Staat teilweise nur Menschen gewährt, die eine Familie ernähren konnten. Zudem waren Verhütungsmethoden aus heutiger Sicht unterentwickelt und bisweilen noch sehr unsicher.

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Sterblichkeit, insbesondere die Kindersterblichkeit, sehr hoch. Oft erreichten von fünf Kindern eines Paares nur zwei oder drei das Erwachsenenalter und wurden selbst Eltern. Das Bestanderhaltungsniveau gibt an, wie viele Kinder eine Frau bekommen muss, damit die Bevölkerung bei gegebener Sterblichkeit langfristig konstant bleibt: Beispielsweise mussten 1870 durchschnittlich 3,5 Kinder geboren werden, damit zwei das Erwachsenenalter erreichten; 2025 reichte dafür eine Geburtenrate von 2,07.

Die Abbildung unten zeigt die Geburtenrate und das Bestanderhaltungsniveau für Deutschland seit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 bis heute. Bis zum Ersten Weltkrieg (1914-1918) lag die Geburtenrate über dem Bestanderhaltungsniveau, es bestand also ein großer Geburtenüberschuss. Aufgrund von Verbesserungen in der Medizin ging vor allem in den 1880er und 1890er Jahren die Säuglings- und Kindersterblichkeit zurück, was dazu führte, dass mehr Babys überlebten und das Bestanderhaltungsniveau von 3,5 auf deutlich unter drei sank.

Etwas später ging auch die Geburtenrate deutlich zurück. Dieses Phänomen wird als (Erster) Demografischer Übergang bezeichnet, den inzwischen fast alle Länder der Welt hinter sich haben und der in der ersten Phase mit einem Rückgang der Sterblichkeit, später mit einer rückläufigen Geburtenrate und schließlich mit einem großen Geburtenüberschuss verbunden ist.

Der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise ab 1929 und der Zweite Weltkrieg (1939-1945) hinterließen in Deutschland erhebliche Spuren bei den Geburtenraten, wobei sie meist zwischen 1,7 und 2,7 lagen. Ende der 1950er und in den 1960er Jahren gab es – ähnlich wie in den USA und Westeuropa – einen Babyboom, der der Bundesrepublik eine Geburtenrate zwischen 2,2 und 2,5 bescherte und einen leichten Geburtenüberschuss entstehen ließ.

Zwischen 1966 und 1975 brach die Geburtenrate jedoch von 2,51 auf 1,48 ein. Seit 1970 liegt sie unter dem Bestanderhaltungsniveau, das sich infolge des medizinischen Fortschritts dem Wert von zwei Kindern pro Frau angenähert hat. Einen solchen Rückgang gab es in allen westeuropäischen Ländern und später auch weiteren europäischen, amerikanischen und ostasiatischen Ländern, und er ging mit einem teilweise jahrzehntelang anhaltenden Geburtentief einher, das bis heute anhält.

Zentraler Grund hierfür ist die Emanzipation und stärkere Beteiligung von Frauen an Bildung und Erwerbstätigkeit. Während Männer sich weiterhin nur geringfügig an der Care-Arbeit beteiligten, wurden Frauen wiederum nicht ausreichend durch flexible Arbeitsmärkte und familienpolitische Maßnahmen unterstützt. Damit entstand für viele Frauen ein fundamentaler Konflikt zwischen Elternschaft und Beruf. Weitere Gründe für diesen zweiten Geburtenrückgang sind eine weit verbreitete gesellschaftliche Akzeptanz nichtehelicher und kinderloser Lebensformen, moderne Verhütungsmittel wie die Pille sowie Stigmata gegenüber kinderreichen Familien.

Zwischen 1974 und 2014 lag die deutsche Geburtenrate zwischen 1,2 und 1,5, in der DDR leicht über der in der Bundesrepublik. Neben Japan hatte kaum ein Land so eine lange Zeit solch niedrige Geburtenraten. Die langfristigen Folgen davon sind bereits heute sichtbar: steigende Beiträge und Kürzungen bei Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung sowie ein zunehmender Fachkräftemangel.

Geburtenentwicklung in der DDR und in Ostdeutschland

In der DDR lag die Geburtenrate seit Mitte der 1970er Jahre durchgehend über der der Bundesrepublik. Im Jahr 1989 betrug sie rund 1,6 Kinder pro Frau. Frauen bekamen ihr erstes Kind im Durchschnitt mit etwa 23 Jahren, Zwei-Kind-Familien waren weit verbreitet. Dazu trugen auch familienpolitische Maßnahmen bei, mit denen die Staatsführung auf den Geburtenrückgang der frühen 1970er Jahre reagierte: Junge Familien erhielten bevorzugt Wohnraum, die Kinderbetreuung war flächendeckend ausgebaut, Ehekredite wurden bei der Geburt von Kindern teilweise erlassen, und die Arbeitsplätze junger Mütter waren abgesichert.

Mit der Wiedervereinigung und der damit einhergehenden ökonomischen Transformation, hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Unsicherheit in Ostdeutschland ging die Zahl der Geburten stark zurück. 1994 sank die Geburtenrate in den ostdeutschen Bundesländern auf 0,77 Kinder pro Frau – einer der niedrigsten Werte, die bis dahin weltweit gemessen wurden. In den Folgejahren erholten sich die Geburtenzahlen nur langsam. Mitte der 2010er Jahre lag die Geburtenrate im Osten Deutschlands zeitweise sogar über der im Westen. Parallel glichen sich weitere Werte an: Das Alter der Mütter bei der ersten Geburt stieg von 22,9 Jahren (1989) auf 27,4 Jahre (2010), das Alter bei der ersten Eheschließung von 23 Jahren (1990) auf 28 Jahre (2000). Seit Ende der 2010er Jahre liegt die Geburtenrate in Ostdeutschland wieder unter der westdeutschen: 2024 betrug sie in den ostdeutschen Flächenländern 1,27 Kinder pro Frau, in den westlichen Bundesländern 1,38.

Mehr Informationen zu aktuellen Geburtenraten auf den Externer Link: Seiten des Statistischen Bundesamts.

In den Jahren 2003 bis 2013 wurde ein familienpolitischer Paradigmenwechsel vollzogen, der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Mütter von Kleinkindern und vollzeitarbeitende Mütter von Schulkindern verbessert hat. Dazu zählten Reformen wie der Ausbau der Kinderbetreuung für Unter-Dreijährige, Ganztagsschulen und die Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007. Infolgedessen stieg die Geburtenrate in den 2010er Jahren wieder von 1,4 auf 1,6 Kinder pro Frau an. Dies entsprach etwa 100.000 Geburten mehr pro Jahr. Insbesondere Akademikerinnen profitierten von den Reformen, sodass ihre Kinderlosigkeit von knapp 30 Prozent auf 25 Prozent zurückging.

Zu dem Anstieg der Geburtenrate in den 2010er Jahren hat auch die Zuwanderung etwas beigetragen, da die Geburtenrate bei Ausländerinnen im Durchschnitt etwas höher ist und gerade 2015 bis 2016 ein großer Zuzug vor allem aus Syrien und Afghanistan stattfand. Die folgende Abbildung zeigt die Geburtenrate nach der Staatsangehörigkeit der Eltern. Die Geburtenrate von Ausländerinnen schwankt sehr, da sie sich zwischen den Herkunftsländern stark unterscheidet und deren Anteile sich durch Zuwanderung (und Einbürgerung) im Zeitverlauf ändert. Allerdings ist auch die Geburtenrate von Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit zwischen 2005 und 2015 von 1,28 auf 1,49 gestiegen, was die Wirkung familienpolitischer Reformen unterstreicht.

Der Anstieg der Geburtenrate Deutschlands in den 2010er Jahren steht im Kontrast zur europäischen Entwicklung. Vor 2015 war Deutschland jahrzehntelang eines der Schlusslichter Europas, seit 2015 liegt es exakt im europäischen Mittelfeld. Seit 2022 ist die Geburtenrate in Deutschland und Europa rapide gesunken, was auf die Unsicherheit infolge multipler Krisen wie der Corona-Pandemie, dem Krieg in der Ukraine, der Klimakrise und wirtschaftlichen Unsicherheiten zurückgeführt wird.

Zunehmender Aufschub der Geburten

In der Bundesrepublik ist das Alter der Mütter bei der ersten Geburt seit Mitte der 1970er Jahre kontinuierlich angestiegen, in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung. Während Frauen in der Bundesrepublik Anfang der 1970er Jahre mit 24, in der DDR mit 22 Jahren ihr erstes Kind bekommen haben, liegt dieses Durchschnittsalter seit 2018 in Deutschland konstant über 30 Jahren (2024: 30,4 Jahre) (siehe Abb. „Alter der Mütter bei der ersten Geburt“).

Bei Akademikerinnen ist das Erstgeburtsalter noch höher: Mit 35 Jahren hat die Hälfte dieser Frauen noch kein Kind. Dieser Aufschub der Geburten führt dazu, dass das Fenster für Geburten deutlich kleiner wird, da die Fruchtbarkeit von Frauen ab 35 Jahren bereits etwas nachlässt und ab 40 Jahren nur noch sehr gering ist[MR1.1]. Mit Anfang 40 führt jede zweite Schwangerschaft zu einer Fehlgeburt. Um eine 90-prozentige Chance auf zwei Kinder zu haben, so eine Studie von Habbema und anderen, müssten Frauen, wenn sie auf natürlichem Wege schwanger werden wollen, spätestens mit 27 Jahren anfangen beziehungsweise mit 31 Jahren, wenn künstliche Befruchtung eine Option ist. Insofern trägt der Aufschub der Geburten dazu bei, dass mehr Frauen und Männer ungewollt kinderlos bleiben beziehungsweise kein zweites oder drittes Kind mehr folgt.

Zwischen Kinderlosigkeit und Kinderreichtum

Wie viele Frauen sind kinderlos oder haben ein, zwei oder mehr Kinder, wenn ihre Familienplanung abgeschlossen ist, also mit Ende 40 beziehungsweise Anfang 50? Die Abbildung unten zeigt die Verteilung der Kinderzahl für die jüngsten Frauenjahrgänge, deren Fertilitätsbiografie abgeschlossen ist und für die solche Daten durch den Mikrozensus existieren.

Die Werte für die Jahrgänge 1973 bis 1977, die beim letzten Mikrozensus mit Frage zur Kinderzahl zwischen 45 und 49 Jahre alt waren, zeigen, dass 20 Prozent keine Kinder, 24 Prozent ein Kind und 38 Prozent zwei Kinder haben. Zudem waren 18 Prozent kinderreich, hatten also drei oder mehr Kinder. Dieses Muster ähnelt dem der Ende der 1960er Jahre geborenen Frauen. In Ostdeutschland gibt es weniger Frauen ohne Kinder und weniger Kinderreiche, dafür hat dort jede dritte Frau nur ein Kind. In den Stadtstaaten ist Kinderlosigkeit mit 24 Prozent stärker verbreitet.

Umstritten war lange, inwieweit der Anstieg der Kinderlosigkeit oder der Rückgang von Kinderreichtum zum zweiten Geburtenrückgang (seit den 1960er Jahren) geführt haben. In einer Studie (Bujard und Sulak 2016) wurde berechnet, dass der Rückgang der Kinderreichen (drei oder mehr Kinder) zu mehr als zwei Dritteln zum Geburtenrückgang beigetragen hat, der Anstieg der Kinderlosigkeit nur zu 26 Prozent. Um also noch höhere Geburtenraten zu haben, wären mehr Paare notwendig, die sich für ein drittes oder viertes Kind entscheiden. Hier spielen Normen eine wichtige Rolle, denn die Zwei-Kind-Norm entspricht, gerade in Europa, einem weit verbreiteten gesellschaftlichen Idealbild einer Familie. Dies wird auch dadurch beeinflusst, dass zum Beispiel das Wohnangebot, vor allem in Städten, häufig auf maximal zwei Kinder ausgelegt ist.

Geburtenraten werden meistens nur für Frauen erfasst und berechnet. Das familiendemografische Panel (Family Research and Demographic Analysis, kurz FReDA) ermöglicht einen Vergleich mit den Männern. Dabei zeigt sich, dass sich der Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderzahl zwischen den Geschlechtern fundamental unterscheidet: Frauen haben mit niedriger Bildung eine höhere Kinderzahl, Männer wiederum mit höherer Bildung (siehe Abb. „Durchschnittliche Kinderzahl von Frauen und Männern der Jahrgänge 1971–1981 nach Bildung“).

Das liegt daran, dass hochgebildete Frauen hohe Opportunitätskosten haben, also Einkommensausfälle, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Männer haben das weniger, da sie meist auch als Väter in Vollzeitarbeit bleiben. Hochgebildete Männer haben oft ein höheres Einkommen und größere Chancen auf dem Partnermarkt, gerade auch wenn es um die Familiengründung geht, wo ökonomische Sicherheit eine große Rolle spielt. Die geringen Kinderzahlen der Männer insgesamt liegt unter anderem daran, dass Vaterschaften nicht immer bekannt sind oder Frauen Kinder durch anonyme Samenspenden bekommen.

Geburtenraten in Europa

In Europa sind die Geburtenraten zuletzt so niedrig wie noch nie seit Beginn der Messungen, der EU-Schnitt liegt 2024 bei 1,34 Kindern pro Frau (siehe Karte „Geburtenraten in Europa“). Alle diese Länder sind vom zweiten Geburtenrückgang betroffen. Hinzu kommen die Unsicherheiten junger Menschen angesichts der globalen Krisen und ökonomisch schwierigen Entwicklungen.

Allerdings gibt es erhebliche Länderunterschiede, die sich mit den oben genannten Erklärungen einordnen lassen. Mit 1,10 und 1,18 haben Spanien und Italien beispielsweise zwei der niedrigsten Geburtenraten. In diesen Ländern treffen emanzipierte Frauen auf patriarchale Strukturen und Einstellungen bei Männern, in der Familienpolitik und auf dem Arbeitsmarkt.

Dies steht im Kontrast zu den skandinavischen Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen und Island. Deren Geburtenraten liegen auch aufgrund von mehr Gleichberechtigung in Gesellschaft und Politik sowie großzügiger Kinderbetreuungsangebote zwischen 1,43 und 1,57. Frankreich hat seit langem eine der höchsten Geburtenraten in Europa, zuletzt lag sie bei 1,61. Dies liegt an der kulturellen (und politischen) Wertschätzung von kinderreichen Familien. Polen und die baltischen Länder haben mit 1,11 bis 1,24 hingegen sehr niedrige Geburtenraten, was aufgrund der Nähe zu Russland und der Ukraine mit dem dortigen Krieg und entsprechenden Sorgen der Menschen zusammenhängen könnte.

Mehr Anreize für die Familiengründung schaffen

Die seit Längerem niedrigen Geburtenraten in Deutschland und Europa sind hochgradig problematisch, da sie langfristig zu einer Verschiebung der Altersstruktur führen. Die Folge ist, dass es weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter und mehr im Rentenalter gibt. Dies ist mit hohen Kosten für Arbeitnehmende und den Staatshaushalt verbunden, kann zu Leistungskürzungen der Sozialsysteme führen und zu einem geringeren wirtschaftlichen Wachstum und Fachkräftemangel. Dies lässt sich zwar teilweise politisch gestalten, gefährdet aber insgesamt den Wohlstand von Deutschland und Europa.

Bemerkenswert ist, dass die Kinderwünsche junger Menschen – der FReDA-Studie nach für Deutschland und dem Generation and Gender Survey nach auch für Europa – deutlich höher sind als die tatsächliche Geburtenrate. Frauen in Deutschland wünschen sich demnach im Durchschnitt 1,76 Kinder, bei Männern waren es 1,74 Kinder. Doch diese Kinderwünsche werden selten verwirklicht. Politik, Arbeitsmarkt und Medien können helfen, dass jüngere Paare ihre Kinderwünsche öfter umsetzen.

Die Politik kann durch verlässliche Kinderbetreuung, ganztägige Schulangebote, Elternzeitmodelle und bezahlbaren Wohnraum für Familien wichtige Rahmenbedingungen schaffen. Der Arbeitsmarkt sollte sich mehr nach Familien richten als umgekehrt zu erwarten, dass sich Familien nur nach dem Arbeitsmarkt richten. Insbesondere in der Rushhour des Lebens, also der Phase mit kleinen Kindern, gilt es Teilzeitangebote, auch im vollzeitnahen Bereich von beispielsweise 25 bis 32 Wochenarbeitsstunden für Mütter und Väter bereitzuhalten, sodass sich Beruf und Familie besser vereinbaren lassen.

Aber ebenso sind die Gesellschaft insgesamt und die Medien gefragt. Gerade in Zeiten multipler Krisen und permanenter Mediennutzung ist es wichtig, dass auch über positive Entwicklungen berichtet wird. Beispielsweise steht es im Hinblick auf Sicherheit, Wohlstand und Gesundheitsangebote in Deutschland weitaus besser als in den meisten Phasen der vergangenen Jahrzehnte. Mit vielen Unsicherheiten und ohne Zukunftsoptimismus entscheiden sich viele junge Menschen erstmal nicht für Kinder, schieben die Familienplanung auf, bis es irgendwann zu spät ist. Umso wichtiger sind positive Nachrichten und Politikmaßnahmen für die junge Generation. Denn von wieder steigenden Geburtenraten profitieren letztlich alle Altersgruppen der Gesellschaft.

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Prof. Dr. Martin Bujard ist seit 2015 Forschungsdirektor und seit 2021 stellvertretender Direktor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sowie Honorarprofessor für Medizinische Soziologie und Familiensoziologie an der Universität Heidelberg. Er erforscht vor allem Familie und Fertilität, insbesondere wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Krisen wie die Corona-Pandemie Kinderwünsche, Familienplanung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie beeinflussen.