Datengrundlagen für den demografischen Wandel
Fragen und Antworten
Jan BrülleHarun Sulak
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Um den demografischen Wandel zu erfassen, greifen Behörden und Institute auf Daten zurück, andere werden durch Befragungen erhoben. Zusammen bilden sie einen Überblick über die Bevölkerungsstruktur.
Um den demografischen Wandel nachvollziehbar zu machen, greifen Behörden und Institute auf bereits erfasste Daten zurück. Teilweise werden Daten auch durch Befragungen erhoben.
Die wichtigsten Befragungen sind der Zensus und der Mikrozensus, die jeweils alle zehn bzw. jedes Jahr durchgeführt werden.
Zusätzlich gibt es noch Surveys, die je nach gewähltem Schwerpunkt Daten und Erkenntnisse über die Bevölkerung sammeln.
In Studien und Beiträgen zum Thema Demografischer Wandel werden oft empirische Ergebnisse auf Basis einer Vielzahl an unterschiedlichen Datenquellen präsentiert. Teilweise handelt es sich um administrative Daten, die beispielsweise bei Meldeämtern gesammelt werden. Häufig stammen diese Informationen aber auch aus sogenannten Surveys, wie man Befragungen im sozialwissenschaftlichen Kontext auch nennt. Teils sind diese Befragungen Teil der amtlichen Sozialberichterstattung, teilweise handelt es sich um Umfrageprojekte von Forschungseinrichtungen. Im Folgenden werden einige wichtige Fragen zu diesen verschiedenen Datenquellen beantwortet. Tabelle 1 gibt zudem eine Übersicht über wichtige Datenquellen für die demografische Forschung.
Wer erhebt in Deutschland Bevölkerungsdaten?
Behörden wie Einwohnermeldeämter, die Bundesagentur für Arbeit oder die Ausländerbehörden erheben auf Basis des Bundesmeldegesetzes (BMG), verschiedener Sozialgesetzbücher (z.B. SGB II, SGB III) und des Aufenthaltsgesetz (AufenthG) sogenannte administrative Bevölkerungsdaten. Teile dieser Daten werden dann den statistischen Ämtern des Bundes und der Länder zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus erheben statistische Ämter ebenfalls auf Basis gesetzlicher Grundlagen selbst Bevölkerungsdaten, zum Beispiel im Rahmen des Zensus (große Bevölkerungszählung) oder des Mikrozensus (kleine Bevölkerungszählung). Auch wissenschaftliche Forschungseinrichtungen erheben entweder selbst oder durch beauftragte Unternehmen im Rahmen von Surveys Bevölkerungsdaten.
In den meisten Fällen können die Daten auch von Forschenden anderer Institutionen genutzt werden. So wird beispielsweise der Mikrozensus sehr stark von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen außerhalb der amtlichen Statistik analysiert. Der Zugang erfolgt dabei in der Regel über Datenzentren der jeweiligen Institution und unterliegt je nach Datenquelle unterschiedlichen Regeln hinsichtlich der zugangsberechtigten Personengruppen und Bedingungen. Dabei ist stets die Anonymität der Befragten zu wahren: Je sensibler und genauer die Informationen sind, desto strenger sind die Auflagen für die Datennutzung.
Welche Beispiele gibt es für administrative Bevölkerungsdaten?
Administrative Bevölkerungsdaten sind beispielsweise Daten der Melde- oder Ausländerbehörden. Dort werden unter anderem Daten zu Geburten, Sterbefällen und Umzügen, sowie Aus- und Zuwanderungen mit zusätzlichen Informationen wie Alter, Geschlecht und Staatsangehörigkeit der jeweiligen Personen erfasst. Diese Daten werden in festgelegten Zeitabständen an die statistischen Ämter weitergeleitet und dort aufbereitet. Die statistischen Ämter veröffentlichen sie für verschiedene regionale Ebenen (Gemeinden, Kreise, Bundesländer, Deutschland), in der Regel in zusammengefasster Form. Auf Basis dieser Daten wird auch die Bevölkerungszahl fortgeschrieben.
Der Zensus ist eine Bevölkerungs-, Gebäude- und Wohnungszählung und wird alle zehn Jahre durchgeführt. Vorrangiges Ziel ist es, die offizielle Einwohnerzahl zu ermitteln. In diesem Zusammenhang wird anschriftenbasiert die Zahl der Personen mit grundlegenden persönlichen Merkmalen wie Alter, Geschlecht und Staatsangehörigkeit erfragt, um registerbasierte Ungenauigkeiten zu ermitteln. Ein Teil der Bevölkerung wird zusätzlich zu seiner Bildungs- und Erwerbssituation befragt.
Der Mikrozensus ist eine jährliche Mehrthemenbefragung, die Fragen unter anderem zur Person selbst sowie zum Haushalts- und Familienkontext umfasst. Einen Schwerpunkt im Mikrozensus bildet der sogenannte Labour-Fource-Survey, der einen umfangreichen Fragenkatalog zur Erwerbstätigkeit beinhaltet und in den Mikrozens integriert ist. Ebenfalls in den Mikrozensus integriert ist die EU Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen, kurz EU-SILC (engl. European Union Statistics on Income and Living Conditions) genannt, die zum Beispiel Fragen zu Einkommen und Lebensbedingungen umfasst.
Sowohl für den Zensus als auch für den Mikrozensus sind die statistischen Landesämter und das Statistische Bundesamt gemeinschaftlich verantwortlich.
Warum braucht es sozialwissenschaftliche Surveys für die demografische Forschung?
Der Begriff Survey (von engl. survey, eigentlich: Überblick) bezeichnet verschiedene Arten von Befragungen, bei denen Personen Auskunft über ihre Situation, ihre Meinung oder ihr Wissen geben. Surveys sind eine zentrale Datenquelle für die demografische Forschung, da viele Informationen nur über diesen Weg verfügbar sind. Administrative Daten enthalten in der Regel nur wenige Angaben zu sozioökonomischen Merkmalen und keine Angaben zu politischen oder gesellschaftlichen Einstellungen oder zur Lebenszufriedenheit. Die amtliche Geburtenstatistik stellt beispielsweise Informationen zur Zahl der Geburten bereit. Aussagen zu Kinderwünschen und dem Zusammenhang zwischen Kinderwünschen und tatsächlichen Geburten erfordern jedoch Befragungsdaten. So wird im Deutschen Familiendemografischen Panel (FReDA) beispielsweise nicht nur nach der tatsächlichen, sondern auch der geplanten und der als ideal angesehenen Kinderzahl gefragt.
Wer wird in Surveys befragt?
In Surveys werden häufig nur bestimmte Personengruppen befragt. Der Survey „AID:A Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ soll beispielsweise Aussagen über Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ermöglichen. Deshalb werden hier Informationen spezifisch für diese Altersgruppen gesammelt – für Kinder im Alter von 0 bis 11 Jahren beantworten die Eltern den Fragebogen. Das Familiendemographische Panel (FReDA) zielt dagegen auf Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren, weil dies eine besonders wichtige Lebensphase für demografische Ereignisse wie die Familiengründung ist. Ältere Personen werden im Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) sowie im Deutschen Alterssurvey (DEAS) befragt.
Die zu befragenden Personen werden dabei in den meisten Fällen auf Basis einer Zufallsauswahl oder eines anderen Verfahrens ausgewählt (auch Stichprobenziehung genannt). Das heißt, man kann sich in der Regel nicht freiwillig für diese Befragungen anmelden oder aus eigener Initiative teilnehmen.
Welche Fragen beantworten die Teilnehmenden in solchen Surveys?
Die Fragen in den Surveys richten sich danach, welche Erkenntnisse schwerpunktmäßig ermittelt werden sollen. So werden in der German Longitudinal Election Study (GLES) Informationen zum Wahlverhalten detailliert erhoben. In FReDA stehen beispielsweise stärker Fragen zum Thema Partnerschaft oder Single-Sein im Vordergrund. Beim Deutschen Alterssurvey (DEAS) steht die Lebenssituation von Personen ab 40 Jahren im Fokus. Dabei gibt es aber auch Fragen, die sich in vielen Surveys in gleicher oder ähnlicher Weise wiederfinden. Dazu gehört die sogenannte Soziodemografie, also bestimmte Angaben zu Person, Geschlecht, Alter oder Bildung: Diese Merkmale sind häufig für Forschende interessant, um Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen und zu erklären.
Wie werden die Befragungen durchgeführt?
Grundsätzlich lassen sich Befragungen unterscheiden, bei denen die Befragten den Fragebogen selbst ausfüllen, und Befragungen, bei denen Interviewerinnen oder Interviewer die Fragen vorlesen und die Antworten registrieren. Selbstadministrierte Befragungen, die die Personen selbst ausfüllen, können dabei mit einem Fragebogen auf Papier oder online durchgeführt werden. In den letzten Jahren sind Online-Befragungen immer wichtiger geworden. Darüber hinaus können Befragungen auch telefonisch oder vor Ort durchgeführt werden. Bei der Face-to-Face-Befragung kommt eine Person zu den Befragten nach Hause. Auch wenn der Anteil in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat, ist der Mikrozensus beispielsweise weiterhin eine Erhebung, in der auch Face-to-Face-Befragungen stattfinden.
Sind mit solchen Surveys auch internationale Vergleiche möglich?
Häufig interessieren sich Forschende nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Situation in anderen Ländern. Unterschiede zwischen Ländern können dabei besonders interessant sein, weil sie Rückschlüsse auf unterschiedliche gesellschaftliche Institutionen erlauben. Damit ein solcher Vergleich möglich ist, müssen in verschiedenen Ländern die gleichen Informationen verfügbar sein, zum Beispiel auf Basis standardisierter Surveys, in denen gleichlautende Fragen gestellt werden. Die hier beschriebenen Befragungen sind deshalb teilweise mit Befragungen in anderen Ländern koordiniert (z.B. das SOEP im Rahmen des Cross-National Equivalent Files) oder Teil von internationalen Projekten (z.B. SHARE, oder FReDA im Rahmen des Generations and Gender Survey (GGS)).
Das Sozio-oekonomische Panel
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Längsschnittstudie privater Haushalte in Deutschland, die seit 1984 vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführt wird.
Bei der Erhebung geht es darum, Personen-, Haushalts- und Familiendaten zu erfassen. Der Fokus liegt auf den Bereichen Erwerbs- und Familienbiografie, Erwerbsbeteiligung und berufliche Mobilität, Einkommensverläufe, Gesundheit und Lebenszufriedenheit.
Aktuell werden jedes Jahr rund 30.000 Menschen, sowohl deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger als auch Ausländerinnen und Ausländer sowie Zugewanderte, in etwa 20.000 Haushalten vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft befragt. Das Besondere daran ist, dass jedes Jahr dieselben Menschen befragt werden. Zusätzlich erfasst das SOEP Informationen über die in denselben Haushalten lebende Kinder. Dadurch können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends erforscht, sondern auch Analysen erstellt werden, die Aufschlüsse über das Zusammenwirken unterschiedlicher Generationen geben.
Weltweit nutzen mehr als 18.000 Forschende die SOEP-Daten, um ganz unterschiedliche Themen des sozialen Wandels zu analysieren, beispielsweise Fragen zu sozialer Ungleichheit, Diskriminierung, zum Arbeitsmarkt, zur Familien- und Bildungspolitik oder Migration.
Das SOEP ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitpanelstudie in Deutschland.
In der Forschung werden Informationen, die sich auf einen einzelnen Zeitpunkt beziehen, als Querschnittsdaten bezeichnet. Längsschnittdaten hingegen decken mehrere Zeitpunkte ab und ermöglichen damit die Nachverfolgung zeitlicher Entwicklungen. So kann etwa die Forschung die Entwicklung der Lebenszufriedenheit nachverfolgen, wenn Personen wiederholt hierzu befragt werden. Wenn dabei die Entwicklung in der Gesamtbevölkerung oder einer bestimmten Personengruppe im Vordergrund steht, lassen sich diese Informationen aus sogenannten wiederholten Querschnittsbefragungen ziehen. Das bedeutet, dass es zwar mehrere Befragungszeitpunkte gibt, zu denen jedoch immer unterschiedliche Personen befragt werden, die jeweils repräsentativ für die entsprechende Personengruppe stehen. Besonders aufschlussreich sind sogenannte Paneldaten, bei denen dieselben Personen oder Haushalte über mehrere Zeitpunkte hinweg befragt werden. Dadurch lassen sich individuelle Lebensverläufe untersuchen und die Auswirkungen von Lebensereignissen wie der Geburt eines Kindes oder einer Trennung analysieren.
Die am längsten laufende Panelstudie in Deutschland ist das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), das seit 1984 jährlich dieselben Personen und Haushalte befragt. Damit können beispielsweise Forschungsfragen dazu beantwortet werden, wie sich die Bedingungen im Familienhaushalt in der Kindheit auf die weitere Karriere und den weiteren Lebensverlauf auswirken.
Amtliche Bevölkerungsdaten und wissenschaftsgetragene sozialwissenschaftliche Surveys
Bezug öff. Transferleistungen u. Arbeitsmarktsituation
Fußnote: 1 In der BRD wurde der erste Zensus, damals noch Volkszählung genannt, 1950 und als Vollerhebung durchgeführt, im wiedervereinigten Deutschland wurde der erste Zensus 2011 als registergestützter Zensus durchgeführt
Fußnote: 2 In der BRD wurde der erste Mikrozensus 1957 durchgeführt, ab 1991 in Gesamtdeutschland
Quelle: Eigene Zusammenstellung in Anlehnung an Bujard/Wagner (2023). Die Zukunft Sozialwissenschaftlicher Surveys. In: WISTA 6/2023. Statistisches Bundesamt.
Dr. Jan Brülle ist seit 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden, wo er dem Forschungsbereich „Familie und Fertilität“ angehört. Er wurde 2017 mit einer Arbeit zu Armutstrends in Deutschland und Großbritannien promoviert, die mit dem zweiten Preis des Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung ausgezeichnet wurde. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Einkommensungleichheit und Armut, Arbeitsmarktsoziologie sowie Sozialpolitik im europäischen Vergleich.
Harun Sulak ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden, wo er seit 2012 im Forschungsbereich „Alterung, Mortalität und Bevölkerungsdynamik“ tätig ist. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Binnenwanderung, regionale Bevölkerungsdynamiken sowie die Entwicklung von Lebensarbeitszeiten in Deutschland.