Mit der Bevölkerungsalterung verstärken sich Ressourcenkonflikte zwischen den Generationen. Arbeitsmärkte und Sozialsysteme müssen sich an die ältere Bevölkerung anpassen, um diese Konflikte zu verringern und auch Einkommen und Wohlstand junger Generationen zu schützen.
Europa und insbesondere Deutschland mit der ältesten Erwerbsbevölkerung befinden sich in einer kritischen Phase des demografischen Wandels: Die Babyboomer-Generation geht in Rente, während die Geburtenrate Negativrekorde erreicht.
„Überalterung“ ist dabei weniger ein demografisches, sondern ein institutionelles Problem. Ohne Anpassung könnte sich die Umverteilung zugunsten der Älteren verstärken.
Staatliche Transfers begünstigen die ältere Bevölkerung in hohem Maße und führen zu erhöhten Staatsausgaben.
Eine Anpassung könnte über längere Erwerbstätigkeit erfolgen, etwa durch einen späteren Renteneintritt und eine höhere Vollzeitbeteiligung von Frauen. Weitere Schritte wären reformierte Sozialsysteme, eine Aufwertung der Care-Arbeit und mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse von Kindern.
Überalterung - Ein Clash zwischen Arbeitsmarkt, Sozialsystem und Demografie
Die Bevölkerungsalterung in Europa ist in einer entscheidenden Phase: Die Babyboomer der 1960er Jahre erreichen das Rentenalter. Deutschland ist von dieser Entwicklung besonders betroffen, denn es hat aktuell die älteste Erwerbsbevölkerung Europas: Etwa 24 Prozent der Erwerbstätigen sind zwischen 55 und 64 Jahre alt. Diese Gruppe wird im Laufe der nächsten zehn Jahre den Altersruhestand antreten. Die demografische Entwicklung ist jedoch in vielen anderen europäischen Ländern ähnlich. Aktuell gibt es in der Europäischen Union etwa 38 Personen im Alter von 65 Jahren und älter pro 100 Personen im Haupterwerbsalter von 20 bis 64 Jahren. Diese Zahl wird auf knapp 50 Personen im Jahr 2040 ansteigen.
Der starke Anstieg der älteren Bevölkerung ist allerdings nicht die einzige Herausforderung. Denn gleichzeitig werden jedes Jahr neue Negativrekorde bei der Fertilitätsrate (Anzahl der Kinder pro Frau) und der Gesamtanzahl der Geburten erreicht. Die Fertilitätsrate sank in Deutschland vom Höhepunkt des Babybooms im Jahr 1964 mit 2,5 Kindern pro Frau bis zum Jahr 2024 auf 1,35 Kinder pro Frau. Vorläufige Zahlen für 2025 deuten auf einen weiteren Rückgang hin. Damit liegt sie weit unter dem Wert, der für den langfristigen Erhalt der Bevölkerungsgröße über Geburten notwendig wäre (das sogenannte Bestandserhaltungsniveau). In Deutschland wären aktuell 2,1 Kinder pro Frau nötig, um das zu gewährleisten. Parallel zur Fertilität sank auch die Zahl der Babys von über 1.335.000 in den Jahren 1963/64 auf etwa 650.000 im Jahr 2025.
Der Anteil der älteren Bevölkerung steigt also, während der Anteil der jungen Bevölkerung ebenfalls steigen sollte. Beides erfordert zusätzliche wirtschaftliche Ressourcen, unter anderem in Form von staatlichen Bildungs- und Gesundheitsleistungen, monetären Sozialtransfers, also Geldleistungen des Staates an Haushalte, einschließlich der Pensionen sowie formellen und informellen Betreuungs- und Pflegeleistungen. Doch die dafür notwendigen Ressourcen werden aufgrund des relativen Rückgangs der Erwerbsbevölkerung knapper. Diese Entwicklung erfordert eine Anpassung gesellschaftlicher Strukturen, insbesondere der Arbeitsmärkte, der Organisation von Kinderbetreuung und Bildung sowie des Pensions-, Gesundheits- und Pflegesystems. Aber auch das politische System muss angepasst werden, um die Interessen der jungen Bevölkerung sicherzustellen. Wie lässt sich verhindern, dass die ältere Mehrheit Politik auf Kosten der jüngeren Generation macht?
Gelingt die Anpassung an die alternde Bevölkerung gut, können Deutschland und Europa auch mit einer älteren, aber gesünderen und aktiven Bevölkerung florieren. Dennoch gibt es einen großen Reformbedarf. Eine fehlende institutionelle Anpassung könnte dazu führen, dass die Alterung der Bevölkerung sich selbst verstärkt: Es würde zu einer immer größeren Umverteilung zugunsten der älteren Bevölkerung kommen, was wiederum wirtschaftliche Probleme befördern und einen weiteren Rückgang der Geburten zur Folge haben könnte. Überalterung ist damit kein demografisches, sondern ein institutionelles Problem.
Die Generationenökonomie
Wirtschaftliche Aktivität und Familiengründung hängen eng mit dem Alter zusammen. Insbesondere werden wichtige Lebensphasen wie Bildung und der Renteneintritt über das Alter strukturiert. Sogenannte Nationale Transferkonten bilden Wirtschaftsgrößen nach Alter ab, um bessere Einsichten in diese Zusammenhänge zu gewinnen (Lee & Mason, 2011). Der Ländervergleich zeigt ein universelles Muster: Das Erwerbseinkommen konzentriert sich im Alter von 20 bis etwa 60 Jahren, während der Konsum über alle Altersgruppen konstant ist oder mit dem Alter sogar steigt. In Deutschland belief sich das mittlere jährliche Erwerbseinkommen in der Altersgruppe 30 bis 60 im Jahr 2023 auf über 50.000 Euro (siehe Abb. „Arbeitseinkommen und Konsum pro Kopf“).
Konsumiert wird jedoch auch in den Lebensphasen ohne eigenes Einkommen. Die altersspezifischen Mittelwerte aller privaten und staatlichen Konsumausgaben von Kindern und Jugendlichen lagen im Jahr 2023 bei etwa 20.000 Euro für die jüngste Bevölkerung und etwa 30.000 Euro im Alter von 20 Jahren. Dies umfasst auch die Ausgaben für Bildung und den kollektiven, nicht altersspezifischen Konsum des Staates, wie die Ausgaben für Gesetzgebung, Rechtswesen, Verwaltung oder Polizei. Die altersspezifischen Konsumausgaben der Erwerbsbevölkerung bis zum Alter von etwa 50 Jahren lagen bei 30.000 Euro. Erwerbseinkommen steigen zwar mit dem Alter, ein großer Teil der Haushalte muss aber auch den Konsum ihrer Kinder finanzieren. Ab dem späteren Erwerbsleben steigen die mittleren Konsumausgaben noch einmal an, auf über 40.000 Euro für die Bevölkerung im Alter von 80 und älter. Gründe für den Anstieg ab etwa 50 sind höhere Einkommen der älteren Bevölkerung und sinkende Ausgaben für die dann meist erwachsenen eigenen Kinder. Im höheren Alter kommen Ausgaben für staatliche Gesundheits- und Pflegeleistungen hinzu.
Die altersspezifischen Mittelwerte von Konsum und Erwerbseinkommen unterstreichen nicht nur den Zusammenhang zwischen Alter und Wirtschaft, sondern auch die große Bedeutung von Unterstützungsleistungen und Transfers zwischen Generationen. In der Kindheit und Jugend werden Bedürfnisse vor allem durch die Care-Arbeit der Eltern sowie die von ihnen finanzierten Konsumgüter gedeckt. Dazu kommen Beiträge für Kindergärten und Schulen, die meist über Steuern finanziert werden. Im Altersruhestand werden die meisten ökonomischen Bedürfnisse dann durch die staatliche Rente sowie staatliche Gesundheits- und Pflegeleistungen gedeckt, die ebenfalls über Steuern und Sozialbeiträge finanziert werden. Ändert sich die Bevölkerungsstruktur, beeinflusst das daher nicht nur die gesamte Produktion von Waren und Dienstleistungen sowie das gesamte Einkommen, sondern auch die Umverteilung ökonomischer Ressourcen zwischen den Generationen.
Alter und Wirtschaft: Wie lösen wir die Herausforderungen der Bevölkerungsalterung?
Der Altersabhängigkeitsquotient – definiert als die Anzahl der Personen unter 20 Jahren sowie 65 und älter pro hundert Personen im Alter von 20 bis 64 – ist ein rein demografisches Maß, das jedoch ökonomisch interpretiert wird: Die Bevölkerung im Alter über 65 ist ökonomisch abhängig von der Erwerbsbevölkerung. Da der Eintritt in das Erwerbsleben und der Renteneintritt im Durchschnitt tatsächlich bei den Altersgrenzen 20 bzw. 65 Jahren liegen, illustriert der demografische Altersabhängigkeitsquotient gut die wirtschaftlichen Herausforderungen der Bevölkerungsalterung. Aktuell liegt der Altersabhängigkeitsquotient in Deutschland bei etwa 71 und wird innerhalb der nächsten zehn Jahre auf 85 anwachsen.
Die Demografie selbst ist nicht so leicht zu ändern, unser altersspezifisches ökonomisches Verhalten jedoch sehr wohl. Um sich an eine alternde Bevölkerung anzupassen, muss sich sowohl in der Erwerbstätigkeit, im Steuer- und Sozialversicherungssystem als auch bei staatlichen Leistungen etwas ändern.
Erwerbstätigkeit
Bleibt die Beziehung zwischen Erwerbstätigkeit und Alter konstant, sinkt durch die Bevölkerungsalterung der Anteil der Erwerbstätigen in der Bevölkerung, während die ältere Bevölkerung und deren Konsumbedürfnisse stark anwachsen. Doch die Beziehung zwischen Alter und Erwerbstätigkeit verändert sich ständig. Ein höherer Anteil der Bevölkerung im Alter von 65 Jahren und älter bedeutet also nicht notwendigerweise weniger Erwerbstätige.
Ein Ländervergleich der altersspezifischen Erwerbsquoten zeigt, wo in Deutschland Potenzial für eine höhere Erwerbsbeteiligung besteht. Die folgenden Abbildungen zeigen die Erwerbsquoten von Männern und Frauen in Vollzeitäquivalenten für Deutschland, Dänemark, Frankreich und die Schweiz. Generell hat Deutschland, auch im Vergleich mit sehr erfolgreichen Volkswirtschaften wie der Schweiz, eine hohe Erwerbsbeteiligung, einschließlich der älteren Bevölkerung. In den vergangenen Jahren ist die Erwerbstätigkeit Älterer europaweit angestiegen. Noch im Jahr 2010 waren Schweden und die Schweiz mit einer hohen Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung im Alter von 60 bis 64 Jahren Außenseiter. Doch viele Länder haben hier aufgeholt und nun ein ähnlich spätes Renteneintrittsalter, darunter Dänemark, die Schweiz, Deutschland und sogar Italien. Zu den Nachzüglern gehören unter anderem Österreich und Frankreich, was sich auch in den wesentlich höheren Ausgaben für Pensionen in diesen Ländern niederschlägt.
Bei Männern gibt es kaum Länder-Unterschiede in der Erwerbsquote, zumindest im Alter von 25 bis 60 Jahren. Diese liegt bei fast 90 Prozent. Da kein Land mit einer wesentlich höheren Erwerbstätigkeit heraussticht, dürfte es auch nicht einfach sein, diese weiter zu erhöhen. Denn aktuell nimmt die Arbeitslosigkeit zu und damit sinken die Erwerbsquoten sogar wieder. Bei den Frauen gibt es Unterschiede, vor allem im Alter von 35 bis 60, die sich durch unterschiedliche Teilzeitquoten erklären lassen. So liegt die Erwerbsquote in Vollzeitäquivalenten bei Frauen in Deutschland und der Schweiz etwa zehn Prozentpunkte niedriger als in Dänemark und Frankreich. Dieses Potenzial auszuschöpfen, hätte einen ähnlichen Effekt auf die Erwerbsquote wie eine Erhöhung des Rentenalters von Frauen und Männern um etwa anderthalb Jahre.
Allerdings dürfte auch das Potenzial bei der Erwerbsquote von Frauen nicht so leicht zu heben sein. Zum einen verschwindet ein Teil der Unterschiede, wenn man die tatsächliche Arbeitszeit berücksichtigt. Zudem ist auch eine Verschiebung von Frauen zu Männern möglich. In Dänemark ist die Erwerbsquote von Frauen zum Beispiel höher, die von Männern niedriger. Zum anderen hängt das Maß an Erwerbstätigkeit mit der Organisation der Care-Ökonomie zusammen. Länder mit einer höheren Erwerbstätigkeit geben entweder mehr für die Kinderbetreuung aus (Dänemark, Frankreich), oder sie haben eine wesentlich niedrigere Geburtenrate (Polen).
Der Großteil der Anpassung an eine ältere Bevölkerung muss also über einen späteren Renteneintritt erfolgen. Deutschland ist bei der Erwerbsbeteiligung älterer Personen vorne dabei, müsste aber aufgrund der stärker ausgeprägten Bevölkerungsalterung eine Vorreiterrolle übernehmen. Potenzial besteht bei einer höheren Vollzeiterwerbsbeteiligung von Frauen. Dies erfordert aber entsprechende Anpassungen am Arbeitsmarkt, der staatlichen Kinderbetreuung, den Normen bezüglich außerfamiliärer Kinderbetreuung und der Aufteilung zwischen Müttern und Vätern.
Staatliche Transfers
Staatliche Transfers durch Steuern und Sozialleistungen sind in erster Linie eine intergenerationelle Umverteilung, vor allem zugunsten der Bevölkerung im Ruhestand. Der Wert der gesamten staatlichen Transferleistungen (Geld- und Sachleistungen) für Kinder im Pflichtschulalter entspricht etwa 12.000 Euro pro Kopf und Jahr, wobei Bildung den wichtigsten Teil darstellt (siehe Abb. „Staatliche Transferleistungen sowie Steuern & Abgaben nach Alter“). Mit dem Übergang in das Erwerbsleben sinken die erhaltenen Leistungen, und die Beiträge zum staatlichen Transfersystem steigen. Im Alter von 20 bis 55 Jahren belaufen sich die erhaltenen Transfers auf durchschnittlich 9.000 Euro pro Kopf und Jahr und umfassen neben kollektivem Konsum vor allem Gesundheits- und Familienleistungen. Die geleisteten Abgaben pro Person im Haupterwerbsalter entsprechen 20.000 bis 30.000 Euro pro Jahr. Bei einem erheblichen Teil dieser Abgaben handelt es sich um Steuern auf Arbeitseinkommen.
Staatliche Transferleistungen sowie Steuern & Abgaben nach Alter (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Hauptleistungsempfänger staatlicher Transfers ist die ältere Generation. Ab dem Rentenalter liegen die durchschnittlichen Leistungen aus dem Transfersystem des Staates bei über 20.000 Euro pro Kopf und Jahr und steigen auf über 30.000 Euro im Alter von über 80 Jahren. Die staatlichen Transfers nach Alter sind ein Grund, warum viele europäische Länder mit steigenden Staatsausgaben und Defiziten kämpfen. Beim Übertritt in den Altersruhestand fällt nicht nur ein Steuerzahler oder eine Steuerzahlerin weitgehend weg, es kommt gleichzeitig ein Hauptempfänger oder eine Hauptempfängerin staatlicher Leistungen hinzu. Um die Konsequenzen der Alterung der Gesellschaft für den Staat abzufedern, reicht es nicht aus, Erwerbsquoten im Haupterwerbsalter zu erhöhen. Dadurch würden zwar kurzfristig die Steuereinnahmen wachsen, die Ausgaben würden aber nicht sinken.
Einkommen
Die Einkommensentwicklung trägt momentan nicht dazu bei, die Effekte der alternden Bevölkerung abzuschwächen. In Deutschland stagnieren oder sinkt die Kaufkraft der Einkommen seit dem Jahr 2019, in vielen westeuropäischen Ländern wie Osterreich, Frankreich, Italien und Spanien bereits seit 2007.
Die Stagnation der Einkommen pro Kopf wird zum Teil mit der hohen Einwanderung erklärt. Zwar wird die Alterung der Bevölkerung durch Immigration stark gebremst. So ist der Anteil der nicht in Deutschland geborenen Bevölkerung im Alter von 30 bis 34 Jahren von 20 Prozent im Jahr 2014 auf 30 Prozent im Jahr 2024 angewachsen. Allerdings haben Immigranten im Durchschnitt ein niedrigeres Bildungsniveau. Hinzu kommt, dass im Ausland erworbene Qualifikationen in Deutschland häufig nicht gleichermaßen anerkannt und zudem am deutschen Arbeitsmarkt geringer entlohnt werden. Das Resultat sind wesentlich niedrigere Einkommen von Immigranten im Vergleich zur in Deutschland geborenen Bevölkerung. Der steigende Anteil der jungen Bevölkerung mit Migrationserfahrung wird unter anderem in Zusammenhang gebracht mit dem Rückgang der Schülerleistungen in den PISA-Vergleichsstudien seit 2012. Auch die Lesekompetenz von Eingewanderten ist laut der PIAAC-Studie, die Kompetenzen bei Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren misst („Erwachsenen-Pisa“), in Deutschland niedriger als in anderen Ländern und zudem im Zeitverlauf stärker zurückgegangen als bei den in Deutschland Geborenen. Das schlechte Abschneiden Deutschlands hinsichtlich Einkommen und Bildung von Immigranten, auch im Ländervergleich, deutet auf verbesserungsfähige strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt und im Bildungssystem hin. Das verdient große Aufmerksamkeit der Politik. Denn so müssen die erfahrenen Babyboomer nicht nur durch weniger, sondern auch durch teilweise weniger gebildete Arbeitskräfte ersetzt werden.
Technologische Innovationen werden trotz der Bevölkerungsalterung und des Fachkräftemangels in Zukunft dazu beitragen, den Lebensstandard in vielen Bereichen zu erhöhen. Künstliche Intelligenz wird beispielsweise zu Leistungsverbesserungen im Gesundheitsbereich führen und älteren Personen helfen, länger autonom und selbstbestimmt leben zu können.
Doch diese Innovationen führen auch zu steigendem Druck auf bestehende Wirtschaftsmodelle und könnten für manche mit einem Jobverlust und Einkommenseinbußen einhergehen. Gerade für eine ältere Bevölkerung ist die Anpassung und das Erlernen neuer Technologien eine große Herausforderung. Zudem werden die zentralen Konsequenzen der Bevölkerungsalterung durch technologische Innovationen nicht unbedingt abgefedert: Künstliche Intelligenz macht die Kindererziehung nicht billiger und reduziert auch nicht die staatlichen Ausgaben für Pensionen. Zudem erhöhen die rasanten technologischen und geopolitischen Entwicklungen die Notwendigkeit, in neue Wirtschaftsmodelle zu investieren, wodurch Ressourcenkonflikte noch verstärkt werden.
Generationenkonflikte und Überalterungs-Falle
Jede Gesellschaft muss sich dem Ressourcenkonflikt zwischen den Generationen stellen. Das Einkommen der Erwerbsbevölkerung muss schließlich deren eigenen Konsum finanzieren, aber auch Investitionen, staatliche und private Transfers an die Kinder sowie die überwiegend staatlichen Transfers an die Bevölkerung im Altersruhestand. Die Bevölkerungsalterung verschärft diesen Konflikt, weil plötzlich für mehrere dieser Funktionen zusätzliche Ressourcen benötigt werden, zum Beispiel mehr Gesundheits- und Pflegeleistungen für Ältere und mehr Betreuungsleistungen für Kinder. Die Herausforderung besteht darin, in diesem Generationenkonflikt eine ausgewogene und nachhaltige Balance zu finden. Gelingt dies nicht, könnten die Jungen und nächsten Generationen unter die Räder kommen, denn es werden immer noch weniger Ressourcen für sie vorhanden sein.
Daten für Österreich zeigen, dass die gesamten Leistungen für Kinder und Jugendliche etwa den Wert der Transfers an die ältere Bevölkerung entsprechen, auch wenn man unbezahlte Care-Arbeit mitberücksichtigt (Hammer & Prskawetz, 2022). Die Ergebnisse sind in der untenstehenden Abbildung zusammengefasst: Private Transfers werden von der Bevölkerung zwischen 30 und 50 Jahren vor allem an Kinder und Jugendliche geleistet (links), staatliche Transfers hingegen von der Erwerbsbevölkerung an Ältere. Diesen Generationenkonflikt spüren insbesondere Familien sehr direkt. Es ist ein ständiger Kraftakt, Kinderbetreuung, Erwerbsarbeit sowie Ausgaben für Eltern, Kinder und oft auch noch Rückzahlungen für einen Hauskredit unter einen Hut zu bringen. Aber auch die aktuellen gesamtgesellschaftlichen Diskussionen in Deutschland über eine Rentenreform, die Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Erbschaftssteuer oder Teilzeitmodelle beruhen auf diesem Konflikt um knappe Ressourcen. Der Staat sucht nach Möglichkeiten, seine Aufgaben und Versprechen an die ältere Generation zu erfüllen, während parallel aufgrund der Alterung die Ressourcen dafür knapper werden, insbesondere die Arbeitskräfte.
Junge und künftige Generationen haben im Generationenkonflikt schlechte Karten. Die überwiegend staatlichen Transfers an die ältere Generation sind gesetzlich verankert und lassen sich nur schwer anpassen. Individuen können jedoch auf wirtschaftliche Schwierigkeiten reagieren, indem sie private Ausgaben und Transfers reduzieren, insbesondere dann, wenn sie weniger Kinder bekommen oder ganz auf Kinder verzichten. Dies kann eine höhere Erwerbstätigkeit ermöglichen und Ausgaben reduzieren – was wiederum die Bevölkerungsalterung zusätzlich verstärkt.
Die aktuelle Gestaltung unserer gesellschaftlichen Institutionen ist mit dem Generationenvertrag nicht vereinbar. Dieser beschreibt die Leistungen, die zwei aufeinanderfolgende Generationen füreinander erbringen. Der Generationenvertrag sichert die Ansprüche der älteren Bevölkerung durch das Einkommen der jüngeren Erwerbsbevölkerung. Zugleich erfordert er von jeder Generation, während des Erwerbslebens Kinder zu haben und entsprechende Ressourcen für sie bereitzustellen. Damit wird deutlich, wie sehr die Forderungen der älteren Bevölkerung und die Bedürfnisse der jüngeren Generation auseinanderklaffen. Die wirtschaftlichen Probleme der Bevölkerungsalterung beruhen auf einem Missverhältnis zwischen den Ansprüchen der alternden Baby-Boomer an Pensionen, Gesundheitsleistungen und Pflege und der geringen Zahl an Boomer-Kindern, die diese Ansprüche kaum erfüllen können.
Alterung erfordert Anpassung der gesellschaftlichen Institutionen
Menschen in Deutschland bleiben länger im Bildungssystem, werden zugleich immer älter und bleiben länger gesund. Dennoch ist Erwerbsarbeit und Familienleben in eine relativ kurze Lebensphase gepresst. In dieser kurzen Phase sollen sie für Kinder sorgen und eine Immobilie erwerben. Gleichzeitig wird die junge Bevölkerung mit hohen Steuern und Abgaben belastet, welche die Bedürfnisse der wachsenden Bevölkerung im Ruhestand finanzieren.
Ein wichtiges Ziel muss es daher sein, eine weitere Steigerung der Staatsausgaben und damit eine noch stärkere Belastung der Erwerbsbevölkerung zu verhindern. Dazu ist es erforderlich, die ältere Bevölkerung länger im Erwerbsleben zu halten. Diese Gruppe verfügt über wichtige berufliche Erfahrung und Kenntnisse und hat meist nur noch geringe Betreuungspflichten für eigene Kinder. Im Gegensatz zur höheren Erwerbsbeteiligung der jüngeren Bevölkerung wird die Care-Ökonomie durch die höhere Erwerbsbeteiligung der älteren Bevölkerung wenig beeinträchtigt.
Eine weitere institutionelle Anpassung sollte die Integration der Care-Ökonomie in unser Konzept von Wirtschaft und in das Sozialsystem sein. Mütter leisten den Großteil der unbezahlten Arbeit, wie Kinderbetreuung und Hausarbeit. Dies bedeutet für sie oft eine längere Unterbrechung oder Reduzierung der Erwerbsarbeit, was langfristig negative Auswirkungen auf das Einkommen und die Höhe der Rente hat und zu Altersarmut führen kann. Die Care-Arbeit für Kinder und damit für zukünftige Beitragszahlerinnen und Beitragszahler muss im Rentensystem belohnt werden, nicht bestraft.
Um zu vermeiden, dass die Geburtenrate weiter sinkt und noch weniger Kinder geboren werden, ist es außerdem notwendig, die Bedürfnisse von Kindern bei politischen Entscheidungen stärker zu berücksichtigen. Ein Beispiel ist die Raum- und Verkehrsplanung: In diesen Bereichen werden die Bedürfnisse von Kindern und ihre Möglichkeiten noch zu sehr ignoriert. Das Fehlen öffentlicher Räume als Aufenthaltsorte sowie die fehlende Möglichkeit zur sicheren, autonomen Mobilität beeinträchtigt nicht nur die Lebensqualität der Kinder, sondern auch die ihrer Eltern. Sie werden dadurch dazu gezwungen, eine ständige Beaufsichtigung und Taxidienste zu gewährleisten, was es aufwendig macht, Kinder zu haben, und es zugleich erschwert, mehr zu arbeiten.
In der Lohn- und Tarifpolitik bedeutet Gleichstellung vor allen Dingen, geschlechterspezifische Entgeltungleichheiten abzubauen. Nach wie vor besteht hier erheblicher Handlungsbedarf.
Die Höhe der Renten in Deutschland ist sehr stark äquivalent zu den Einkommen während des Erwerbslebens. Die Folge für Frauen ist, dass ihre geringere Erwerbsbeteiligung und ihr geringeres…
Eine alternde Gesellschaft kann Konflikte zwischen Generationen, Fragen politischer Repräsentation und die Auswirkungen ungleicher Einflussmöglichkeiten auf politische Entscheidungen aufwerfen.
Um den demografischen Wandel zu erfassen, greifen Behörden und Institute auf Daten zurück, andere werden durch Befragungen erhoben. Zusammen bilden sie einen Überblick über die Bevölkerungsstruktur.
Dr. Bernhard Binder-Hammer ist Bevölkerungsökonom am Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der TU Wien. Sein zentraler Forschungsschwerpunkt ist die Generationenökonomie: die Analyse von Zusammenhängen zwischen demografischen Merkmalen und wirtschaftlicher Aktivität sowie die Messung intergenerationeller Transferströme. Zudem setzt er sich mit Fragen der Bevölkerungsalterung und Generationengerechtigkeit auseinander.