Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Melanie Booth

Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland

Ältere Arbeitslose sind seit Jahren eine besondere Zielgruppe der öffentlichen Arbeitsmarktpolitik. Mehr als ein Viertel aller Arbeitslosen ist über 50 Jahre alt. Bei Jugendlichen unter 25 Jahren liegt der Anteil nur bei 10 Prozent. Als besonders problematisch erweist sich, dass fast 40 Prozent der älteren Erwerbslosen als Langzeitarbeitslos gelten. Das Arbeitslosigkeitsrisiko älterer Arbeitskräfte ist wiederum in Ostdeutschland erheblich höher als in den alten Bundesländern. In Westdeutschland weicht die Arbeitslosenquote Älterer nur marginal von der Durchschnittsquote ab (vgl. Tabelle "Arbeitslosigkeit Älterer in Ost- und Westdeutschland im August 2009").

Neben Geschlecht und Alter ist die Qualifikation ein weiterer wichtiger Indikator für Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt. Ein hohes Ausbildungsniveau schützt prinzipiell besser vor (langfristiger) Arbeitslosigkeit. Gerade wer keinen Berufs- bzw. Schulabschluss aufweisen kann, läuft Gefahr, aus dem Arbeitsmarkt herauszufallen. Nach Angaben der BA war im August 2008 mehr als ein Drittel aller Arbeitslosen ohne Berufsabschluss. Fast 16 Prozent aller Arbeitslosen hatten keinen Schulabschluss – 6,5 Prozent im Förderbereich des SGB III und 22 Prozent im SGB II [2].

Entscheidend für die individuellen Folgen von Arbeitslosigkeit ist vor allem deren Dauer. Aus diesem Grund wird der Langzeitarbeitslosigkeit besondere Aufmerksamkeit zuteil. Je nach Berechnungsgrundlage wird der Umfang dieser Betroffenengruppe unterschiedlich hoch eingeschätzt. Nach Angaben der BA beträgt der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen gegenwärtig fast 38 Prozent. Damit ist mehr als jeder dritte Arbeitslose länger als 12 Monate ohne Arbeit. Seit der Einigung ist diese Zahl stark gestiegen. Anfang der 1990er lag die Quote noch bei 25 Prozent. Im Durchschnitt ist ein Arbeitsloser in Deutschland derzeit 56 Wochen ohne Arbeit. Je nach Zielgruppe unterscheidet sich die Dauer jedoch. So übersteigt bspw. bei älteren Arbeitslosen dieser Wert mit über 80 Wochen den Durchschnitt beträchtlich. Auch Frauen sind überproportional häufig von längerfristiger Arbeitslosigkeit betroffen: Während die Langzeitarbeitslosenquote der Männer bei 26,1 Prozent liegt, bleiben 32,1 Prozent aller erwerbslosen Frauen länger als ein Jahr ohne Arbeit.
Entwicklung der Arbeitslosigenquote in den Jahren 1991 bis 2008.Entwicklung der Arbeitslosigenquote in den Jahren 1991 bis 2008. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Aktuelle Entwicklungen – Die Arbeitsmarktreformen von 2003-2005

In den vergangenen Jahren ist im Zuge der Einführung des Sozialgesetzbuches II – im Volksmund auch als Hartz IV bekannt – die Arbeitsmarktpolitik umfassend reformiert worden. Unter dem Credo der "Aktivierung" wurden seither insbesondere im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit die Bedingungen für den Bezug von Arbeitslosengeld verschärft. Die Abkehr von der Status- zur Existenzsicherung bei Langzeitarbeitslosigkeit soll ausdrücklich arbeitsmotivierende Anreize setzen. Inwieweit die Reformen jedoch tatsächlich positive Effekte auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit ausüben, ist umstritten.

Im Zuge der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe stieg die Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 zunächst sprunghaft um mehr als 600.000 Arbeitslose auf 4,9 Mio. an. Obgleich die Zahl der Arbeitslosen in der Folgezeit in Ost- wie Westdeutschland zurückging und im Jahr 2008 erstmals die Drei-Millionen-Grenze wieder unterschritten hat – zuletzt wurden derartige Zahlen in den Anfängen der 1990er erreicht - müssen bei der Frage nach dem (Miss)Erfolg der Reform drei Aspekte berücksichtigt werden:

Ungeklärt ist zunächst, inwieweit der Rückgang der Arbeitslosen tatsächlich auf reformbezogene Einflüsse zurückzuführen ist oder doch als Ergebnis des wirtschaftlichen Aufschwungs seit 2005 bewertet werden muss.

Kritisch lässt sich zum anderen anmerken, dass die Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt an der eigentlichen Zielgruppe der Reformen, den Langzeitarbeitslosen, größtenteils vorbeigehen: Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen resultiert maßgeblich aus einer Verringerung der Kurzzeitarbeitslosigkeit. Im Bereich der Langzeitarbeitslosen liegen die Zahlen weiterhin über dem Ausgangsniveau von 2005.

Drittens zeigt der Blick auf die Gesamtzahl der Leistungsbezieher, dass eine allzu überschwängliche Beurteilung der "Hartz-Reformen" als Erfolg an der Realität vorbei geht: Den aktuell knapp 3,4 Mio. in der Arbeitslosenstatistik geführten Erwerbslosen – 1,2 Mio. im ALG I und 2,2 Mio. im ALG II – stehen weitere 2,7 Mio. Personen gegenüber, welche aufgrund von (Qualifizierungs-)Maßnahmen, Vorruhestandsregelungen oder niedrig entlohnter Erwerbsarbeit zwar aus der offiziellen Arbeitslosenrechnung herausfallen, aber dennoch auf staatliche Leistungen angewiesen sind.

Seit dem Einsetzen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 steigt die Arbeitslosigkeit erneut. Auch wenn die anfangs entworfenen Krisenszenarien – zum Jahresbeginn 2009 erwarteten Wirtschaftsexperten den Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf fast 5 Millionen – sich bislang nicht bewahrheitet haben, trifft die aktuelle Krise wahrscheinlich vor allem jene Gruppen, welche vom vorangegangenen Aufschwung am wenigsten profitiert haben. Beispielsweise zeigt sich das an der Zahl der älteren Arbeitslosen, die seit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise überdurchschnittlich angestiegen ist. Ihre Arbeitslosigkeit stieg 2009 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 14 Prozent (Bundesagentur für Arbeit 2009). Wie der Krisenbericht der BA zeigt, gilt gleiches für gering Qualifizierte, Menschen mit Migrationshintergrund und Jugendliche.

Abschließend sei noch darauf verwiesen, dass eine ausschließliche Betrachtung der Probleme nach Ost-West-Unterschieden zu kurz greift. So existieren neben der eingangs erwähnten Stadt Demmin auch in Ostdeutschland so genannte "Leuchttürme" mit hohen Beschäftigungszahlen. In Städten wie Jena, Potsdam und Suhl liegen die Arbeitslosenzahlen mit Werten um die 8 Prozent deutlich unter denen vieler westdeutscher Regionen, wie Bremerhaven (15,3 Prozent), Gelsenkirchen (15,1 Prozent) und Duisburg (13,2 Prozent). Vor diesem Hintergrund wird in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit regionalspezifischer Arbeitslosigkeit seit einigen Jahren der Fokus stärker auf eine Nord-Süd-Differenzierung gelegt

Die Arbeitslosigkeit Älterer in Ost- und Westdeutschland im August 2009
Angaben in Prozent
Westdeutschland Ostdeutschland
Arbeitslosenquote Gesamt 7,1 12,8
Arbeitslosenquote 50-65 7,0 13,4
Arbeitslosenquote 55-65 7,0 13,9
Quelle: Bundesagentur für Arbeit (Berichtsmonat August 2009)

Fußnoten

2.
Im Rechtskreis des SGB III (= Sozialgesetzbuch) werden alle Arbeitslosen verwaltet, die Anspruch auf ALG I haben. Diesen Anspruch erhält, wer innerhalb von einer Rahmenfrist von 2 Jahren mindestens 12 Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt war. Trifft dies nicht zu, werden Arbeitslose dem Rechtskreis des SGB II zugeordnet und beziehen ALG II (im Volksmund oft auch als Hartz IV bezeichnet).
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