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Arbeitsmarkttheorien und -konzepte

Frank Oschmiansky

/ 11 Minuten zu lesen

Neben den beiden „Basistheorien“ (Keynesianisches und Neo-Klassisches Modell), welche eher zur grundlegenden Wirtschaftstheorie gehören, gibt es Theorien und Ansätze, die sich speziell auf den "Arbeitsmarkt" und seine Besonderheiten beziehen. Das Angebot an ökonomischen und soziologischen Arbeitsmarkttheorien ist so vielfältig, dass auf diesen Seiten nur einige ausgewählte vorgestellt werden können. Für weitergehend Interessierte sei auf die weiterführende Literatur verwiesen.

(© Public Domain)

Die Neoklassik

Die Metapher von der unsichtbaren Hand geht auf den Ökonomen Adam Smith zurück. (© Public Domain, Radierung von Cadell and Davies (1811), John Horsburgh (1828) oder R.C. Bell (1872). Ursprüngliche Darstellung von James Tassie (1787))

Das neoklassische Basismodell des Arbeitsmarkts folgt der Annahme, dass die "unsichtbare Hand" (invisible hand) des Wettbewerbs zu optimalen Allokationsergebnissen führt, solange die "richtigen" Rahmenbedingungen das freie Spiel der Marktkräfte zulassen und der Wettbewerb sich voll ausgewirkt hat. Unerwünschte Zustände auf dem Arbeitsmarkt werden durch Einschränkungen des freien Wettbewerbs erklärt.

In der neoklassischen Theorie wird davon ausgegangen, dass es sich beim Arbeitsmarkt um einen Markt wie jeden anderen Gütermarkt handelt. Ein Marktgleichgewicht zwischen Angebot (potentielle Arbeitnehmer) und Nachfrage (potentielle Arbeitgeber) wird wesentlich durch den Preismechanismus, also die Lohnhöhe, hergestellt. Arbeitslosigkeit kann daher nur in Folge überhöhter Reallöhne entstehen und kann auch nur durch Anpassung dieser zu hohen Löhne nach unten abgebaut werden (Markträumung). Konsequenz dieser Denkweise ist, dass es demzufolge keine dauerhafte, unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben kann. Wollen die Arbeitslosen tatsächlich arbeiten, müssen sie nur ihre Lohnforderungen nach unten schrauben. Arbeitslosigkeit kann demnach nur durch ein kurzfristiges Ungleichgewicht entstehen.


Neoklassische Empfehlungen zur Senkung der Arbeitslosigkeit sind in der Regel:

  • Zurückhaltende Lohnpolitik bzw. Senkung des Lohnniveaus

  • Stärkere Differenzierung der Lohnsätze zwischen Branchen und den Regionen

  • Aufhebung von Lohnrigiditäten nach unten in Tariflöhnen, ortsüblichen Entgelten und Mindestlohnregeln

  • Einhaltung des Lohnabstandsgebotes (Arbeitslosen- oder Sozialgelder sollen so bemessen sein, dass sich die Annahme von Arbeit lohnt)

  • Deregulierung der Arbeitsmärkte (insbesondere ein abgeschwächter Kündigungsschutz und vereinfachte Möglichkeiten, befristete Arbeitsverträge abzuschließen)

  • Reduzierung der Staatsquote (Anteil der Staatsausgaben am Bruttosozialprodukt)

Das Keynesianische Modell

Der Börsencrash von 1929 veränderte die Weltwirtschaft grundlegend. Die folgende Weltwirtschaftskrise zog einen Rückgang der Produktion, soziales Elend und vor allem Massenarbeitslosigkeit nach sich. Dies führte auch dazu, dass die neoklassische Theorie mit ihrem Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes in Frage gestellt wurde. Die theoretische Kritik fand ihren stärksten Ausdruck in der "General Theory of Employment, Interest and Money", welche der britische Ökonom John Maynard Keynes 1936 veröffentlichte.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946). (© AP)

Die auf Keynes zurückgehende Theorie erklärt die Arbeitslosigkeit aus den Unternehmensentscheidungen auf den Güter-, Geld- und Kapitalmärkten im internationalen Zusammenhang. Im gesamtwirtschaftlichen Resultat der einzelwirtschaftlichen Entscheidungen ist die volle Ausschöpfung der Produktionsmöglichkeiten mangels effektiver Nachfrage nicht gesichert. Daraus folgt die Notwendigkeit einer koordinierten Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik, um die potenziell ausschöpfbare, jedoch brachliegende Nachfrage nach Arbeitskräften zu erhöhen.

Das beste Gegenmittel gegen Arbeitslosigkeit wie allgemein gegen Wirtschaftsflauten ist danach eine Stärkung der (Binnen-)Nachfrage, so dass die Wirtschaft in Schwung kommt und neue Arbeitsplätze entstehen. Die Folgerungen sind teilweise diametral jenen der reinen neoklassischen Theorie entgegengesetzt, denn zur Stärkung der Nachfrage sollte der Staat sich gerade in der Wirtschaftsflaute verschulden (um selbst Investitionen zu tätigen) und ferner darauf achten, dass Löhne nicht zu stark sinken und Arbeitslosengeld oder auch Kurzarbeitergeld gezahlt wird (weil dies ansonsten weitere Nachfrageausfälle zur Folge hätte).

Die Suchtheorie

Weil die Neoklassik im Idealfall von homogenen, vollständig informierten und mobilen Arbeitskräften ausgeht, sieht sie in der Anpassung der Löhne einen hinreichenden Ausgleichsmechanismus zwischen Angebot und Nachfrage. In einem solchen Modell hat Arbeitsmarktpolitik daher auch gar keinen Platz. In der informationstheoretischen Weiterentwicklung der Neoklassik erhält die Arbeitsmarktpolitik wenigstens eine Vermittlerrolle: In der Suchtheorie wird der Arbeitsmarkt mit einer Menge von Inseln verglichen, zwischen denen Kommunikations- und Transportprobleme bestehen. Informationen von den anderen "Inseln" zu beschaffen kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit, in der gearbeitet werden könnte. Arbeitslose oder Arbeitsuchende, die ihren Arbeitsplatz verbessern wollen, finden ihren neuen Job erst nach einiger Zeit, und Unternehmen, die wegziehende oder in Rente gehende Beschäftigte ersetzen oder neue Jobs besetzen wollen, finden nicht sofort die beste Arbeitskraft. Arbeitslosigkeit und offene Stellen werden daher immer in einem gewissen Umfang nebeneinander existieren. Die Aufgabe der Arbeitsmarktpolitik ist es, bei der wechselseitigen Informationsbeschaffung Vermittlungsfunktionen zu übernehmen und die so genannte friktionelle Arbeitslosigkeit (siehe Interner Link: hier) auf ein Minimum zu senken. Hier findet jedoch schon ein erster Filterungsprozess statt. Die öffentlichen Arbeitsverwaltungen kennen meist nur ein Segment der offenen Stellen (im internationalen Vergleich erfahrungsgemäß bis zu einem Drittel), während ein Großteil der Suchprozesse über Anzeigen bzw. Online-Jobbörsen oder soziale Beziehungen läuft. Auf dem offenen Markt oder in Netzwerken haben jedoch die formal besser qualifizierten (Signalwirkung von Zertifikaten) und mobilen Arbeitskräfte größere Chancen als die formal weniger oder nur betriebsspezifisch qualifizierten Arbeitskräfte, zumal wenn letztere noch durch Familienpflichten (oder örtlich) gebunden sind.

Die Bundesagentur für Arbeit bemüht sich mittels Arbeitsvermittlung, Stellenbörsen, Betriebsinformationen, in Berufsinformationszentren und mit dem virtuellen Arbeitsmarkt die Suchzeiten und -kosten für Arbeitsuchende zu verringern. Gleiches gilt für die Betriebe, die kostenlos den Arbeitgeberservice, Vermittlungen auf Vorschlag, Vorauswahl von Bewerbern und Sonderleistungen für Großkunden beanspruchen können. Alle diese Dienstleistungen werden aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung finanziert.

Die Humankapitaltheorie

Die Humankapitaltheorie räumt mit der Annahme homogener Arbeitskräfte auf und stellt das Risiko von Bildungsinvestitionen in Rechnung. Investitionen in Humankapital sind ein Abwägungsproblem: Einerseits verursacht Ausbildung direkte Kosten und während der Ausbildungszeit muss auf Einkommen weitgehend verzichtet werden; andererseits besteht die Erwartung, im Verlauf des Erwerbslebens ein höheres Einkommen zu erzielen. Diese Rendite ist jedoch aus zwei Gründen unsicher: Rationale Einzelentscheidungen können wegen ihrer Wechselwirkung kollektiv irrational werden; wenn etwa alle in die vermeintlich sicheren Berufe investieren, sinken die Renditen. Darüber hinaus ist der technische Strukturwandel nicht voraussehbar, so dass Berufe bzw. Berufsabschlüsse schnell obsolet werden können. Änderungen verfehlter Bildungsinvestitionen brauchen jedoch Zeit, so dass Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage auf der Tagesordnung stehen. Es besteht daher die Gefahr sowohl zu geringer als auch falscher Investitionen in Humankapital.

Die Humankapitaltheorie betrachtet bei der Analyse des Produktionsfaktors Arbeit die Angebotsseite. Damit bleibt sie eng an der neoklassischen Perspektive. Die Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt können aus humankapitaltheoretischer Sicht nur dadurch beseitigt werden, dass alle un- oder fehlqualifizierten Arbeitskräfte sich durch eine der Nachfrage entsprechenden Ausbildung oder Weiterbildung konkurrenzfähig machen.

Arbeitsmarktpolitik kann auch hier Vermittlerfunktionen durch systematische und umfassende Bereitstellung von Informationen über die Zukunft des Arbeitsmarkts übernehmen. Sie kann das Risiko der individuellen Investitionsentscheidung mindern, indem sie einen Teil der Kosten mit übernimmt, der später auf Grund externer Effekte auch der Gesamtheit und nicht nur der einzelnen Person zugutekommt. Es liegt nahe, dass hier ein zweiter Filterprozess zuungunsten der weniger Qualifizierten stattfindet, die sich laufende Bildungsinvestitionen nicht leisten können, oder zuungunsten der Älteren, deren Investitionen sich langfristig nicht mehr auszuzahlen scheinen. Darüber hinaus legen Investitions- und Lerntheorie nahe, dass mit zunehmender Dauer des Nichtgebrauchs von Qualifikationen nicht nur diese Fähigkeiten buchstäblich "erodieren", sondern auch Selbstvertrauen, Mut und Motivation der betroffenen Menschen zerstören. Solche Prozesse können schließlich zu "Teufelskreisen" führen, d.h. zu sich selbstverstärkender Arbeitslosigkeit, in der ökonomischen Fachterminologie auch "Hysteresis" genannt. Inwieweit die Arbeitsmarktpolitik in dieses Strukturproblem korrigierend eingreifen kann, hängt stark von ihrer Professionalität sowie von der politischen Rückendeckung ab. Beispiele sind das Nachholen eines Schulabschlusses, die Anerkennung ausländischer Schul- und Ausbildungsabschlüsse, Umschulung, Aus- und Weiterbildung.

Die Vertragstheorie (oder Kontrakttheorie)

Die Annahme unbegrenzter Lohnflexibilität wird vor allem von der Vertragstheorie bestritten. Viele Arbeitnehmer sind risikoscheu, so die Annahme. Statt stark schwankenden Löhnen bei wechselhaften Marktbedingungen bevorzugen sie eine immer gleich gefüllte Lohntüte. Dafür nehmen sie einen niedrigeren Durchschnittslohn in Kauf als den auf dem Markt erzielbaren. Auf Grund dieser "Risikoprämie" haben Arbeitgeber bei einer Konjunkturverschlechterung zunächst einen Spielraum, die Beschäftigung zu halten, bis die Grenzproduktivität an den tatsächlich gezahlten Lohn heranreicht. Danach werden sie jedoch zu Entlassungen greifen, um die Löhne für diejenigen zu halten, mit denen sie ebenfalls einen meist stillschweigenden (impliziten) Vertrag geschlossen haben, die jedoch für das Wohl und Wehe der Firma von großer Bedeutung sind.

Effizienzlohntheorien

Im Gegensatz zur Kontrakttheorie begründen Effizienzlohnmodelle das Interesse an festen und nichtmarkträumenden Lohnsätzen aus Unternehmensinteressen. Ein solches Interesse kann verschiedene Gründe haben: Vermeidung von Transaktionskosten (Einstellungs-, Einarbeitungs- oder Entlassungskosten), die Kontrolle von "Bummelanten", Reputation, Leistungsanreiz. In all diesen Fällen erhöhen sich für die Arbeitnehmer die Opportunitätskosten einer Entlassung oder Kündigung, so dass sich ihre loyale Betriebsbindung verstärkt und damit ihre Produktivität erhöht.

Ein weiterer Aspekt der Effizienzlohntheorie ist die Auslesefunktion. Das Unternehmen reagiert auf die Lohnforderungen des Bewerbers. Falls diese niedriger sind als ein intern vom Unternehmen angesetztes Niveau, wird der Bewerber abgelehnt, weil die Firma davon ausgeht, dass qualifizierte Bewerber eine entsprechend hohe Selbsteinschätzung besitzen.

Die Insider-Outsider-Theorie

Die Insider-Outsider-Theorie stellt eine Erweiterung zum neoklassischen Arbeitsmarktmodell dar und erklärt Arbeitslosigkeit mit einem Konflikt zwischen arbeitslosen und beschäftigten Arbeitnehmern. Die Insider-Outsider-Theorie zeigt, wie die Insider aufgrund von Einstellungs- und Entlassungskosten gegen eine marginale Unterbietung durch die Outsider geschützt werden. Dabei gründet sich die Machtposition der Insider hauptsächlich auf Kostenvorteilen gegenüber den Outsidern, die nicht voll ausgeschöpft sind. Die Ersparnis, die sich durch Nichtaustausch der Beschäftigten ergibt, kann von den Insidern in Lohnverhandlungen abgeschöpft werden. Dadurch wird das Lohnniveau so stark über den markträumenden Gleichgewichtslohn angehoben, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit entsteht. Die Outsider können durch Unterbieten der herrschenden Löhne ihre Ausgangssituation nicht verbessern, denn die Insider sind durch kooperatives strategisches Handeln in der Lage, sowohl gegenüber den Unternehmen als auch gegenüber den Outsidern die Anstellung von Arbeitslosen für die Unternehmen so kostspielig zu machen, dass die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit kein wirkungsvolles Druckmittel auf die Beschäftigten (Insider) darstellt. Die Theorie unterstellt, dass bei kollektiven Lohnverhandlungen die Gewerkschaften bei ihren Lohnforderungen allein die Interessen der Insider vertreten.

Regulationstheorie

Regulationstheorien behaupten, dass die Arbeitsmärkte in Europa durch gesetzliche (z.B. Kündigungsschutz) und tarifliche (z.B. Flächentarife) Regelungen eingeschnürt werden, so dass die Anpassungsfähigkeit der europäischen (insbesondere der deutschen) Arbeitsmärkte an den Strukturwandel erheblich eingeschränkt ist (Eurosklerose). Daher können nach der Regulationstheorie neue und sichere Arbeitsplätze nicht durch mehr, sondern durch weniger arbeitsrechtliche Schutzvorschriften geschaffen werden.

Dieser Ansatz fand in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Koalitionswechsel 1982 (Helmut Kohl wurde Bundeskanzler einer CDU-FDP-Koalition) eine große politische Anhängerschaft. Unter dem Eindruck des angeblichen "amerikanischen Beschäftigungswunders" gerieten u.a. die rigiden Lohnstrukturen, starre Arbeitszeitregelungen und der hoch entwickelte Bestandsschutz der Arbeitsverhältnisse ins Zentrum der Kritik. Die Regulationstheorie setzt stärker auf Deregulierung des Arbeitsrechts als auf Änderungen der Arbeitsmarktpolitik. Aktive Arbeitsmarktpolitik hat im Rahmen der Regulationstheorie kaum eine Bedeutung.

Segmentationstheorien

Wie die Insider-Outsider-Ansätze beschäftigen sich auch die Segmentationstheorien mit einzelnen Subgruppen des Arbeitsmarktes. Während traditionelle Arbeitsmarkttheorien nach Berufen, Industriezweigen und Regionen differenzieren, sind der duale Arbeitsmarkt sowie interne und externe Arbeitsmärkte ihre zentralen Konzepte. Die Grundgedanken des Segmentationskonzeptes wurden in den USA bereits in den 1950er Jahren entwickelt und Anfang der 1970er Jahre dort weiterentwickelt. In den 1970er Jahren wurden auch in Deutschland Segmentationskonzepte aufgegriffen und fortentwickelt.

Ein zweidimensionales Modell des Gesamtarbeitsmarktes. Quelle: Sengenberger, Werner (1987): Struktur und Funktionsweise von Arbeitsmärkten. Die Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich; Frankfurt/M.; New York; S. 212. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de

Gemeinsames Kernstück der ansonsten recht heterogenen Segmentationstheorien ist die Vorstellung, dass sich der Gesamtarbeitsmarkt in eine Reihe von Teilmärkten aufgliedert, die eine innere Struktur aufweisen, mehr oder weniger gegeneinander abgeschirmt sind, mit unterschiedlichen Anpassungsformen und –instrumenten verknüpft sind und unterschiedliche Beschäftigungschancen aufweisen. Die Mobilitätsmöglichkeiten zwischen ihnen sind eingeschränkt; die Zugangschancen zu ihnen sind unterschiedlich hoch.

Nach dem zweidimensionalen Konzept von Werner Sengenberger (1987; siehe Literaturangabe unter zum Weiterlesen) lassen sich die Organisations- und Funktionsformen des jeweiligen Teilarbeitsmarktes mit den Qualitäten der Beschäftigungsverhältnisse kombinieren. Hierzu zählen neben der Lohnhöhe und den Lohnnebenkosten, der Arbeitsbelastung und –umgebung, der Chance der beruflichen Entwicklung etc. auch die Arbeitsplatzsicherheit. Danach lassen sich folgende vier Teilarbeitsmärkte unterscheiden:

  1. Der berufsfachliche Teilarbeitsmarkt setzt standardisierte, relativ breite Qualifikationen der Arbeitskräfte voraus, die in regulären, mehrjährigen Ausbildungsgängen erworben und die durch überbetriebliche Instanzen über Zertifikate kontrolliert werden. Die Arbeitgeber sparen bei der Neueinstellung von Arbeitskräften mit den geforderten zertifizierten Qualifikationen Informationsaufwand sowie Anlern- und Einarbeitungskosten.

  2. Auf dem betriebsinternen Teilarbeitsmarkt befinden sich Arbeitskräfte, die betriebsintern qualifiziert sind, aber keine oder nur geringe überbetriebliche Qualifikationen aufweisen und daher wenig Transfermöglichkeiten zwischen Betrieben haben. Innerbetrieblich haben sie jedoch relativ hohe Mobilitätschancen und werden bei Anpassungsvorgängen Außenstehenden gegenüber bevorzugt.

  3. Der unstrukturierte ("Jedermanns-")Teilarbeitsmarkt ohne wechselseitige Bindung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern besteht aus Arbeitskräften mit Allgemeinkenntnissen, jedoch ohne fachliche und betriebsspezifische Qualifikationen. Unstrukturierte Märkte entwickeln sich fast ausschließlich für einfache, unqualifizierte oder wenig qualifizierte Tätigkeiten. Die Fluktuationsraten sind hoch aufgrund fehlender vertikaler Mobilitätschancen und niedriger Kosten infolge eines Arbeitsplatzwechsels.

  4. Der abhängige externe „Puffermarkt“: Die Beschäftigungsverhältnisse sind qualitativ minderwertig wie beim unstrukturierten Teilarbeitsmarkt, die Arbeitsplätze und Arbeitskräfte stehen hier jedoch mit Beschäftigungsverhältnissen in anderen Segmenten in Beziehung. Puffermärkte dienen der Abwälzung von Kosten und Risiken und stabilisieren damit andere Beschäftigungsverhältnisse. Der Anlass kann in Nachfrageschwankungen, in der Entwicklung neuer Techniken und Verfahren, aber auch in bestimmten Kosten und Risiken der Arbeitskräftenutzung bestehen. Die „Abpufferung“ kann innerbetrieblich organisiert werden; bestimmte Arbeitskräfte sind dann von Beschäftigungsrisiken betroffen oder im Rahmen zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung werden bestimmten Betrieben oder Betriebstypen die Beschäftigungsrisiken aufgebürdet.

Zusammenfassend beschreiben die Segmentationstheorien, dass zwischen den Arbeitsmarktsegmenten kein oder nur ein gestörter Ausgleich besteht, so dass der Gesamtarbeitsmarkt nicht zum Ausgleich, sondern zum Ungleichgewicht tendiert. Arbeitslosigkeit ist nach dieser Theorie hauptsächlich ein Problem der Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung bzw. der instabilen Randbelegschaft. Arbeitsmarktpolitik kann demnach nur erfolgreich sein, wenn die vorhandene Segmentierung des Arbeitsmarktprozesses berücksichtigt wird.

Die Theorie der Übergangsarbeitsmärkte

Erweitert man den Arbeitsbegriff und dehnt ihn weit über das Verständnis von sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigung, so kann sich ein neues Verständnis von Beschäftigung und Vollbeschäftigung ergeben, das neue strategische Optionen eröffnen könnte. Es geht dann um „Brücken“ bzw. Schnittstellen zwischen verschiedenen Arbeitsformen, um die Verbindung von Arbeit, Einkommen und sozialer Sicherung.

Übergangsarbeitsmärkte. Quelle: Schmid, Günther (1993): Übergänge in die Vollbeschäftigung. Formen und Finanzierung einer zukunftsgerechten Arbeitsmarktpolitik. Berlin (Discussion Paper FS I 93-208, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de

Ausgangspunkt des lebenszyklusorientierten Konzeptes der Übergangsarbeitsmärkte waren zwei Befunde: Zum einen die fortschreitende Abnahme des so genannten „Normalarbeitsverhältnisses“, also der abhängigen, unbefristeten Vollzeitbeschäftigung. Zum anderen die Stagnation der Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau.

Die Konzeption verknüpft beide Befunde und empfiehlt, die Flexibilisierung der Erwerbsformen und die Pluralisierung der Lebensformen zu nutzen, um die Barrieren zwischen den dauerhaft Vollzeitbeschäftigten einerseits und den Arbeitslosen, Langzeitarbeitslosen und den vielen Personen in prekären Beschäftigungsverhältnissen andererseits zu senken und auf diese Weise für alle Erwerbspersonen die Zugänge zu den Arbeitsmärkten zu öffnen. Es geht darum, die Variabilität der Erwerbsverhältnisse zu fördern und für alle Erwerbspersonen (für die „Outsider“ und die „Insider“) flexible, aber auch sozialstaatlich gesicherte Übergänge zwischen verschiedenen Erwerbs- und Arbeitszeitformen sowie zwischen Erwerbsarbeit und anderen gesellschaftlichen oder persönlich nützlichen Aktivitäten (wie Bildung und Weiterbildung, Kindererziehung, unbezahlter kultureller, politischer und sozialer Arbeit) zu schaffen.

Kernpunkt des Konzeptes der Übergangsarbeitsmärkte ist der Gedanke, Flexibilität und soziale Sicherheit miteinander zu verbinden. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich im Sinne der Strategie der Übergangsarbeitsmärkte auflösen, wenn sie folgende Bedingungen erfüllt:

  • die Kombination bezahlter mit unbezahlter Arbeit, die gleichwohl nützliche Werte schafft wie z.B. Eigenarbeit, Weiterbildung, Erziehen, Pflegen, kulturellem Gestalten, politischer Betätigung und sozialem Engagement,

  • die Kombination von Löhnen mit Transferzahlungen aus solidarischen Beiträgen oder Steuermitteln oder mit Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen,

  • den Erwerb von Rechtsansprüchen auf Nutzung von Übergängen unter Bedingungen, die durch Betriebsvereinbarungen, Tarifverträge oder Gesetz festgelegt und daher verhandelbar und einklagbar sind,

  • die Finanzierung von Beschäftigung oder nützlichen Aktivitäten statt der Finanzierung von Arbeitslosigkeit mit Geldern, die sonst für Lohnersatzleistungen genutzt werden müssten.

Systematisch unterscheidet die Konzeption fünf Arbeitsmarktübergänge, die durch die Arbeitsmarktpolitik zu dauerhaften und in beide Richtungen begehbaren Beschäftigungsbrücken ausgebaut werden sollen.

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