Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

1.9.2020 | Von:
Wenke Klingbeil-Döring

Digitalisierung und der Arbeitsmarkt

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt aus?

Wir erleben Digitalisierung als eine dynamische, offene und vielseitig beeinflusste Entwicklung, die sich schwer fassen und prognostizieren lässt. Das gilt umso mehr bei der Frage, wie sich die Digitalisierung auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirkt. Zu den vielfältigen Einflüssen kommt hinzu, dass die Corona-Krise die Digitalisierung in Deutschland weiter beschleunigt und gerade hier auch Chancen und Risiken offengelegt.

Digitalisierung in der Flugzeugindustrie am Beispiel des Einsatzes einer DatenbrilleEinsatz einer Datenbrille im Flugzeugbau (© picture-alliance/dpa)


Die Basis eines digitalisierten Arbeitsmarkts

Die Digitalisierung in Deutschland schreitet voran: Inzwischen nutzen 86 Prozent der Bundesbürger*innen das Internet; mit steigender Tendenz auch beruflich. Der Umgang mit digitalen Technologien gehört für viele Beschäftigte mittlerweile ganz selbstverständlich zu ihrem Arbeitsalltag, dennoch ist Arbeit in Deutschland längst nicht vollständig digitalisiert. Als direkte Folge der Digitalisierung haben im Wesentlichen vier Entwicklungen Einfluss auf den Arbeitsmarkt: (1) die Technisierung von Arbeit, die Veränderung von (2) Geschäftsmodellen und (3) Arbeitsorganisation sowie (4) der Wandel der benötigten und gefragten Kompetenzen und Qualifikationen. Wie sich die Digitalisierung konkret auf den Arbeitsmarkt auswirkt, hängt vor allem von ihrer Ausgestaltung ab, wie weit sie Wirtschaft und Arbeit durchdringt, außerdem von den Besonderheiten der deutschen Wirtschaft und des deutschen Arbeitsmarkts.

Verschiedene Studien zeigen, dass Deutschland als Wirtschaftsstandort für den digitalen Wandel gut gerüstet ist. Nach einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom begreifen neun von zehn Unternehmen die Digitalisierung als Chance. Der Digital-Index der Initiative D21 e. V. gibt an, dass 39 Prozent der Beschäftigten in der Digitalisierung Potenzial für neue Jobentwicklungen in ihrem Arbeitsumfeld sehen. Auch einer Beschäftigten-Befragung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zufolge stehen Erwerbstätige in Deutschland der Digitalisierung und der durch sie verursachten Veränderungen in ihrem Arbeitsalltag sehr offen gegenüber. Die Qualifikation sowie die Lern- und Entwicklungsbereitschaft der Beschäftigten und die Aufgabenkomplexität sind im Allgemeinen über alle Branchen hinweg im internationalen Vergleich hoch. Wenngleich Deutschland nicht als Vorreiter in Sachen Digitalisierung gilt, spricht doch Vieles dafür, dass sich gerade eine beschleunigte Digitalisierung positiv auf Wachstum und Beschäftigung auswirken wird, sofern entsprechende Investitionen in Technologie und Innovationen sowie eine entsprechende Bildungs- und Infrastrukturpolitik umgesetzt werden.


Fachkräftemangel statt technischer Arbeitslosigkeit

Vor dem Hintergrund aktueller Arbeitsmarktprognosen ist derzeit nicht der häufig befürchtete Abbau von Beschäftigung zu erwarten. Auch wenn Maschinen und Computer immer mehr Aufgaben und Tätigkeiten übernehmen und dadurch vermeintlich weniger menschliche Arbeitskräfte benötigt werden, bedingt der digitale Wandel aller Voraussicht nach keinen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Nach einer Prognose des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) zur Entwicklung der digitalisierten Arbeitswelt wird sich der zukünftige Arbeitsmarkt zwar um mehr als 16 Prozent aller Arbeitsplätze vom heutigen unterschieden, dem gegenüber steht jedoch ein Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung von 58,9 Millionen Personen im Jahr 2019 auf 55,4 Millionen Personen im Jahr 2035 sowie ein Älterwerden der Belegschaften. Diese Entwicklung gleicht den Rückgang des Arbeitskräfteangebots zahlenmäßig nicht nur aus, sondern sie lässt eine Arbeitskräftelücke entstehen. Insbesondere im MINT- und im Gesundheitsbereich wird sogar eine Verschärfung des Fachkräftemangels erwartet.

Neue Qualität, neue Bedarfe

Insgesamt wird sich weniger die Quantität als die Qualität und der Charakter von Erwerbsarbeit verändern, und zwar in allen Branchen, Berufen und auf allen Anforderungsniveaus. Statt einer technischen und unvermeidbaren Arbeitslosigkeit sind eher eine Verschiebung von Tätigkeitsfeldern und ein beruflicher und dann auch arbeitsmarktlicher Strukturwandel zu erwarten, der ganz besonders auch die berufliche Bildung betrifft. Wo moderne Informations- und Kommunikationtechnologien (IKT), Vernetzung und das Zusammenbringen menschlicher und technischer Fähigkeiten neue Geschäftsmodelle und Produkte ermöglichen, entstehen neue Berufs- und Tätigkeitsfelder. Andere verschwinden oder werden ab- oder aufgewertet. Wo an einer Stelle Tätigkeiten durch Technologien ersetzt werden, wächst an anderer Stelle der Arbeitskräftebedarf.



Das Substituierbarkeitspotenzial der einzelnen Berufssegmente – wie stark diese also voraussichtlich infolge des technologischen Wandel ersetzbar werden – lässt sich im Ansatz prognostizieren: So haben nach einer Modellrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus dem Jahr 2019 Fertigungs- und Fertigungstechnische Berufe vor unternehmensbezogenen Dienstleistungen, Tätigkeiten in der Unternehmensführung und -organisation sowie Verkehrs-, Logistik- und Handelsberufen das größte Substituierbarkeitspotenzial. Berufe in den Bereichen Bau, Gesundheit und Sicherheit, aber auch soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe sind dagegen kaum betroffen. Generell stärkt die Digitalisierung den Dienstleistungssektor und beschleunigt den bereits laufenden Strukturwandel von Wirtschaft und Arbeitsmarkt in diese Richtung; insbesondere auf der Basis neuer Geschäftsmodelle wie Sharing-Plattformen oder produktergänzende oder -erweiternde Serviceleistungen (den sogenannten Smart Services).

Weniger Routine, höhere Anforderungen

Abnehmen wird der Anteil von Routinetätigkeiten oder solchen, die monoton oder körperlich besonders belastend sind. Betroffen ist hier insbesondere das produzierende Gewerbe: Während der Wertschöpfungsanteil der Industrie auf einem hohen Niveau bleibt, sinkt ihr Beschäftigungsanteil. Einerseits lassen sich hier besonders viele Tätigkeiten durch den Einsatz von Maschinen oder IKTs substituieren, andererseits zwingt der internationale Wettbewerb die Unternehmen, die Möglichkeiten von Digitalisierung und Automatisierung so weit wie möglich auszuschöpfen. Betroffen sind etwa Hilfs- und kaufmännische Tätigkeiten oder Arbeiten zur Steuerung und Wartung von Maschinen und Anlagen. Ein Wachstum des Online-Handels wirkt sich den Prognosen zufolge dagegen kaum auf die Beschäftigtenzahlen im Einzelhandel oder in den Transportberufen aus. Zuwächse werden vor allem bei qualifizierten, komplexen oder sozialen Tätigkeiten erwartet, die sich nicht durch Technologien ersetzen lassen, bei denen genuin menschliche Kompetenzen gefragt sind und die direkt mit der Bewältigung der neuen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen in Verbindung stehen. In Techniknähe entstehen neue, hochqualifizierte Berufsbilder, etwa in den Bereichen Digital Engineering, Digital Management, Data Science, E-Commerce und Online-Marketing. Mit der Informationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, also mit der Verbreitung von Technologien, die neue und umfassendere Wege der Vermittlung von Informationen und Wissen erschließen, wächst neben den IT- und naturwissenschaftlichen Berufen auch der Bedarf in den mediennahen sowie in geistes- und sozialwissenschaftlichen Berufsfeldern. Der demografische Wandel, Migration und die Dynamisierung beruflicher Kompetenzentwicklung stärken außerdem Gesundheits-, Sozial- und Lehrberufe, weil mit ihnen Bedarf von Leistungen zu Qualifizierung, Integration, Inklusion und Betreuung wächst.

Neue Erwerbsverläufe

Trotz veränderter Anforderungen an und von Unternehmen sowie Erwerbstätigen und einer allgemeinen Flexibilisierung wandeln sich die Beschäftigungsformen unter dem Einfluss der Digitalisierung kaum. Seit Mitte der 2000er-Jahre steigt der Anteil atypischer Beschäftigungsformen wie Zeit-, Leih- und Teilzeitarbeit oder geringfügiger und befristeter Beschäftigung im Vergleich zu klassischen Vollzeit- als Normalarbeitsverhältnissen kaum noch. Auch Solo-Selbstständigkeit und das Phänomen des Crowdworkings sind deutlich weniger weit verbreitet als man angesichts der breiten Diskussion darüber annehmen könnte. Sie stehen jedoch dafür, dass in einer flexibilisierten Arbeitswelt Mehrfachbeschäftigung, unterbrochene oder hybride Erwerbsverläufe, d. h. solche, die bestimmt sind von mehrfachen Wechseln zwischen selbstständiger und abhängiger Beschäftigung, zunehmen. Hier birgt der digitale Wandel ein Risiko hinsichtlich der individuellen Absicherung, weil die sozialen Sicherungssysteme noch immer auf kontinuierliche und insbesondere auf abhängige Beschäftigung ausgerichtet sind.

Neue Arbeitsbedingungen

Die Entwicklung der materiellen Arbeitsbedingungen, d. h. von Lohnhöhen, der Gestaltung von Entgeltsystemen und Beschäftigungssicherheit, lässt sich gegenwärtig kaum absehen, denn hier nehmen Konjunktur und Arbeitsmarktpolitik besonders stark Einfluss. Die Digitalisierung selbst stellt durch Effizienz- und Produktivitätssteigerung auch ein Wachstum von Wertschöpfung und Löhnen in Aussicht. Dabei haben Hochqualifizierte nach wie vor bessere Einkommensaussichten als Geringqualifizierte, insbesondere in den MINT-Berufen. Offen ist, ob sich ein Fachkräftemangel in einem bestimmten Bereich zukünftig positiv auf die Entlohnung auswirken wird.

Die Neuausrichtung der Arbeitsbedingungen im direkten Arbeitsumfeld, wie die Nutzung digitaler Technologien ist für die meisten Beschäftigten das sicht- und spürbarste Element des digitalen Wandels. Je nach Digitalisierungsgrad finden die arbeitsgestalterischen Neuerungen in Unternehmen oder Branchen gegenwärtig mehr oder weniger stark Anwendung. Neben Digitalunternehmen und Start-ups sind digitale und flexible Arbeits- und Organisationsformen aktuell vor allem in Unternehmen der Wirtschaftszweige Verkehr und Logistik sowie in Banken und Versicherungen am weitesten verbreitet, außerdem bei wirtschaftsnahen Diensten, den Medien und im Zusammenhang mit Informations- und Kommunikationstechnologien. Entsprechend wirkt sich die Digitalisierung hier bereits stark auf den Arbeitsalltag aus, während in den meisten Branchen digitale Technologien zunächst in erster Linie zur Kundenkommunikation, Auftragsgewinnung oder Informationsbeschaffung und -vermittlung genutzt werden; so etwa im Handwerk, in der Baubranche oder den Sozial- und Lehrberufen. Digitale Tools oder Robotik sind längst noch nicht flächendeckend Teil des Arbeitshandelns: Der Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz (KI) ist in der Industrie schon relativ weit fortgeschritten, andernorts, etwa in der Pflege, im Handwerk oder in der Baubranche, wird er aktuell in verschiedenen Pilotprojekten erprobt.

Flexibel, effizient und bedürfnisorientiert

Mit den Möglichkeiten digitaler Technologien und im Zusammenbringen veränderter wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und individueller Ansprüche kann Arbeit zugleich effizienz- und bedürfnisorientiert gestaltet werden. Unternehmens-, Kunden- und Mitarbeiterinteressen lassen sich so aneinander ausbalancieren. Hierbei liegt die Annahme zugrunde, dass der digitale Wandel nur gelingen kann, wenn die Beschäftigten ihn mittragen und mitgestalten, wenn sie veränderungs- und innovationsbereit und -fähig sind und auch Raum und Möglichkeiten haben, sich kreativ, formend oder fordernd einzubringen. Somit könnte ausgerechnet die Technisierung von Arbeit den Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken und bewirken, dass auch Unternehmenskulturen sich entsprechend wandeln: weg von starren Organisationsstrukturen, Hierarchien und einer Präsenzkultur, hin zu individuellen Lösungen, Teamarbeit und einer offenen Anerkennungs- und Ergebniskultur. Mit dem vernetzten und mit dem Internet verbundenen Computer als wichtigstem Arbeitsmittel lässt sich Arbeit zeitlich, örtlich und inhaltlich variabel gestalten und individuellen oder unternehmerischen Bedürfnissen anpassen. Wo es möglich ist, rücken Gleitzeitmodelle oder Arbeitszeitkonten, Telearbeit im Homeoffice oder Coworkingspaces nach und nach an die Stelle fester Arbeitszeiten und -orte. Im Arbeitsalltag führt die Digitalisierung dazu, dass Kommunikation und Informationsaustausch sich intensivieren und verdichten. Einerseits können so Arbeitsprozesse beschleunigt werden, andererseits fühlen viele Beschäftigte sich hierdurch stark belastet. Daneben werden auch Kooperationsformen neu organisiert.

Neue Kompetenzen

Generell werden im digitalen Wandel – angesichts von dessen Dynamik und Offenheit – Kompetenzentwicklung und Qualifizierung für Unternehmen wie für Arbeitnehmende zum Erfolgskriterium. Für die einen geht es um Wettbewerbs-, für die anderen um Beschäftigungsfähigkeit. Nach Vorgabe der Grundlagen, Kennzeichen und Richtung des digitalen Wandels verändern sich Kompetenzanforderungen und -profile: Gefragt sind neben digitalen und sozialen Kompetenzen in erster Linie solche, die sich nicht durch Technikeinsatz substituieren lassen oder die Personen befähigen, mit der Komplexität und Dynamik des Wandels umzugehen. So fordert der digitale Wandel auf zu fortlaufender, interdisziplinärer Qualifizierung und zu lebenslangem Lernen. Die neuen Technologien bieten zugleich neue Möglichkeiten dafür, etwa durch online-basierte Lerngruppen, eLearning oder die Integration von Robotern, unter deren Anleitung neue Fähigkeiten und Techniken erworben werden können. In den Unternehmen werden diese indes noch selten, aber zunehmend genutzt.

Chancen und Risiken eines digitalisierten Arbeitsmarktes

Insgesamt, so wird klar, wirkt sich der digitale Wandel unterschiedlich und höchst ambivalent auf Arbeit und den Arbeitsmarkt aus. Vordergründig birgt er die Chance, dass Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitsmarkt die neuen Ansprüche und Herausforderungen aufnehmen und bewältigen. Er ermöglicht, die wirtschaftliche Wertschöpfung zu steigern und die globale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten, zugleich Beschäftigte zu entlasten und Arbeit gesundheits- und lernförderlich zu gestalten. Voraussetzung dafür sind eine zügige Umsetzung der Digitalisierung, eine ergonomische Technik sowie eine bedürfnisgerechte Arbeitsgestaltung; insgesamt also eine Sicherung der Qualität von Arbeit.

Denn: Gerade die Offenheit und die vielfachen Gestaltungs- und Aneignungswege des digitalen Wandels bergen die Gefahr, dass aus Chancen Risiken für Unternehmen, Beschäftigte und für die Arbeitsgesellschaft als Ganzes werden. So ist das Potenzial vieler Technologien oder Geschäftsmodelle noch schwer abzuschätzen und das unternehmerische Risiko für Fehlinvestitionen relativ hoch. Auch besteht die Gefahr, dass die neuen Geschäftsmodelle, die der digitale Wandel aussichtsreich insbesondere im Mittelstand ermöglicht, zu Lasten der Beschäftigten gehen. Den Chancen des digitalen Wandels, Wirtschaft und Arbeit etwa durch die Virtualisierung von Produkten und Dienstleistungen ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig zu gestalten, stehen außerdem die Risiken für Datensicherheit und Datenschutz gegenüber.

Auf den ersten Blick selbstbestimmte Arbeitsformen können ohne rechtliche Regulierung und Teilhabe an den sozialen Sicherungssystemen Lebensbedingungen verschlechtern. Die Folge wäre, dass Arbeit nicht mehr verlässlich für soziale Absicherung sorgt, einzelne Personen unternehmerische Risiken unverhältnismäßig stark allein zu tragen haben und Menschen trotz umfänglicher Erwerbstätigkeit auf Sozialleistungen angewiesen sind. Insgesamt kann die Flexibilisierung und Mobilisierung von Arbeit einerseits für gute Arbeitsgestaltung, mehr Arbeitszufriedenheit und eine bessere Work-Life-Balance sorgen. Andererseits besteht bei unklaren Grenzen von Arbeit auch die Gefahr, Beschäftigte zu überfordern und dass Arbeit zum Gesundheitsrisiko wird. Technische Assistenzsysteme und Roboter können Fachkräftelücken schließen, körperlich schwere Arbeiten erleichtern und älteren oder physisch eingeschränkten Beschäftigten länger die Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen, bergen aber auch das Risiko, dass Persönlichkeit, Menschlichkeit und Kooperativität abhandenkommen, die Arbeit und die mit ihr verbundenen Beziehungen wesentlich ausmachen. Auch die Steigerung der Aufgabenkomplexität und Notwendigkeit des lebenslangen Lernens lassen sich als Chance begreifen, weil sich Beschäftigte hierdurch auch persönlich weiterentwickeln können, allerdings nur, sofern diese nicht in erster Linie selbst für ihre Beschäftigungsfähigkeit verantwortlich sind.

Arbeitsmarktpolitische Handlungsfelder

Die gezeigten Chancen und Risiken des digitalen Wandels für den Arbeitsmarkt lassen sich in verschiedene, miteinander verbundene politische Handlungsfelder übersetzen. Bei vielschichtigen Wertvorstellungen in Bezug auf Arbeit und Aneignungsweisen sind auch die Erwerbstätigen in die Gestaltung von Arbeitsmarktpolitik einzubeziehen. Bei einem komplexen, vielgestaltigen und offenen Wandel müssen außerdem wissenschaftliche Expertisen und die Sozialpartner berücksichtigt werden. Tatsächlich wird die Arbeitsmarktpolitik im digitalen Wandel eng von einem breiten gesellschaftspolitischen Dialog begleitet. Im Rahmen verschiedener Projekte wie den Dialogprozessen „Arbeiten 4.0“ (2015-2016) und „Neue Arbeit – Neue Sicherheit“ des BMAS, der „Plattform Industrie 4.0“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), dem Projekt „Zukunft der Arbeit“ der Bertelsmann-Stiftung und dem „Zukunftsdialog“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) werden Netzwerke geschaffen, außerdem die Herausforderungen sowie mögliche Bewältigungsstrategien des digitalen Wandels unter Einbeziehung von Studien, Forschungs-, Kommunikations- und Informationsprojekten evaluiert und diskutiert. Als die aktuell wichtigsten Handlungsfelder gelten Beschäftigungsfähigkeit und Qualifizierung, Arbeitszeit, Dienstleistungen und Arbeitsbedingungen, Gesundheit, Arbeits- und Datenschutz, Mitbestimmung, Teilhabe, Selbstständigkeit und Sozialstaatlichkeit. Ziel ist es, die gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass Deutschland die Wertschöpfungspotenziale der Digitalisierung bei guter Arbeit, Teilhabe und verlässlicher Sozialstaatlichkeit nutzen kann und seine internationale Wettbewerbsfähigkeit erhält.

Das „Qualifizierungschancengesetz“ (2018) und das „Arbeit-von-Morgen-Gesetz“ (2020) nehmen die im digitalen Wandel wachsende Bedeutung von Qualifizierung und die neuen Anforderungen an die Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit auf. Beide zielen auf die Förderung und Stärkung betrieblicher Weiterbildungsmaßnahmen [an HB: hier Link setzen zu Kapitel 5.3. Berufliche Weiterbildung]. Das „Arbeit-von-Morgen-Gesetz“ regelt zusätzlich die Digitalisierung der Prozesse der Bundesagentur für Arbeit (BA). Das im Rahmen des Migrationspakts erlassene „Ausländerbeschäftigungsförderungsgesetz“ (2019) soll die Integration von Ausländer*innen in den Arbeitsmarkt erleichtern, um sich verändernde Arbeitskräftebedarfe zu decken und den Arbeits- und Fachkräftemangel abzumildern. Die neuen Anforderungen an den betrieblichen Datenschutz regeln IT-Sicherheitsgesetz (2015) und EU-Datenschutzgrundverordnung (DU-DSGVO) (2018).

Regulierungsbedarf besteht außerdem angesichts der Flexibilisierung von Beschäftigung und Beschäftigungsformen, die zum Teil mit einer Prekarisierung von Lebensverhältnissen und einem Ausschluss aus sozialer Absicherung einhergeht. Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns (2015) wirkt hier nur bedingt, weil dieser längst nicht für alle Beschäftigungsformen greift. Gleiches gilt für die Sozialversicherungssysteme, die die Absicherung der neuen Erwerbsformen noch nicht oder nur bedingt vorsehen oder nicht ausreichend absichern, etwa im Falle von Solo-Selbstständigkeit, bei hybriden Erwerbsformen oder brüchigen Erwerbsbiografien. Mit dem „Paketboten-Schutz-Gesetz“ (2019) wurde in einem ersten Schritt eine entsprechende Regelung für die Paketbranche erlassen, für andere Bereiche steht sie noch aus.

Literatur

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