Arbeitsmarktpolitik Dossierbild

1.9.2020 | Von:
Tim Obermeier
Frank Oschmiansky

Vermittlungswege und Marktanteile

Stellenbesetzungsprozesse laufen unterschiedlich ab. Der Anteil der öffentlichen Arbeitsvermittlung hierbei fällt eher gering aus. Im Vordergrund stehen andere Such- und Rekrutierungswege wie informelle Kontakte und Netzwerke, Stelleninserate und Initiativbewerbungen. Dennoch erhöht die öffentliche Arbeitsvermittlung mit ihren Angeboten die Transparenz über die Arbeitsmärkte und reduziert damit Informationsasymmetrien. Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über Marktanteile der Vermittlungsakteure und die erfolgreichsten Vermittlungswege.

Vermittlungsweg, Qualifikation, Berufsabschluss, Ungelernte, Akademiker (© picture-alliance/dpa)

Es ist nicht einfach, Vermittlungswege und Marktanteile der Vermittlungsakteure zu erheben. Im Wesentlichen beruhen die Erkenntnisse auf Befragungen. Die Bundesagentur für Arbeit verzichtet seit dem sog. "Vermittlungsskandal" (Näheres dazu im Text Die öffentliche Arbeitsvermittlung) weitgehend darauf, ihren Marktanteil statistisch zu erfassen. In ihren Analytikreports beziffert die Bundesagentur für Arbeit ihren Einschaltungsgrad bei Besetzungsprozessen bei rund 20 Prozent. Der Einschaltungsgrad misst den Anteil der Abgänge von gemeldeten Arbeitsstellen an allen begonnenen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen und ist ein Näherungswert für die Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung am Vermittlungsgeschehen. Bei der Messung werden nur die Agenturen für Arbeit und die Jobcenter in gemeinsamen Einrichtungen berücksichtigt, die Jobcenter in kommunaler Trägerschaft hingegen nicht.

Arbeitsagenturen und Jobcenter können selbst keine Stellen schaffen, sondern nur auf unterschiedlichste Art und Weise bei der Stellensuche und -besetzung unterstützen und Förderungen anbieten. Es ist deswegen sehr schwierig, die Bedeutung der Arbeitsvermittlung vollständig und isoliert zu erfassen, da bei der erfolgreichen Arbeitssuche häufig unterschiedlichste Faktoren zusammenspielen.

Im § 35 SGB III wird das Vermittlungsangebot konkretisiert. Darin heißt es, dass die Agentur für Arbeit Ausbildungssuchenden, Arbeitsuchenden und Arbeitgebern Ausbildungsvermittlung und Arbeitsvermittlung (Vermittlung) anzubieten hat. Die Vermittlung umfasst alle Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, Ausbildungssuchende mit Arbeitgebern zur Begründung eines Ausbildungsverhältnisses und Arbeitsuchende mit Arbeitgebern zur Begründung eines Beschäftigungsverhältnisses zusammenzuführen. Die Agentur für Arbeit stellt sicher, dass Ausbildungssuchende und Arbeitslose, deren berufliche Eingliederung voraussichtlich erschwert sein wird, eine verstärkte vermittlerische Unterstützung erhalten.

Über die Inanspruchnahme von Vermittlungs- und Förderleistungen bei ihrem erfolgreichen Übergang in Erwerbstätigkeit gibt die Bundesagentur für Arbeit in ihrer Arbeitsmarktstatistik Auskunft. Für den letzten 12-Monats-Zyklus (März 2019 bis Februar 2020), der noch nicht von der Corona-Pandemie beeinflusst war, zeigt sich folgendes Bild:



Bei der Vermittlung nach Auswahl und Vorschlag schlägt die Agentur für Arbeit bzw. das Jobcenter einem Bewerber und dem Arbeitgeber die Besetzung einer konkreten Stelle vor und der Bewerber wird für diese Stelle eingestellt. Dabei kann es dann zusätzlich Unterstützung in Form einer begleitenden Förderung, wie zum Beispiel durch einen Eingliederungszuschuss, geben. Wenn in den drei Monaten vor Beschäftigungsaufnahme eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme durchgeführt wurde, wird der Übergang in diese Kategorie gezählt. Eine geringere Beteiligung der Agentur für Arbeit oder des Jobcenters wäre es, wenn mit dem Arbeitslosen nur eine Eingliederungsvereinbarung (§ 37 SGB III, § 15 SGB II) abgeschlossen wurde und er danach ohne weitere Unterstützung, wie durch eine Maßnahme, eine Beschäftigung aufgenommen hat. Während die Vermittlung nach Auswahl und Vorschlag mit einer zusätzlichen Förderung die höchste Beteiligung an der erfolgreichen Arbeitsuche wäre, ist die Beschäftigungsaufnahme nach dem Erstkontakt der Arbeitslosen in der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter ohne eine förmliche Eingliederungsvereinbarung und nur durch Hilfe von Informationen wie der JOBBÖRSE die geringste Form der Beteiligung.

Die Zahlen zeigen die doch großen Unterschiede zwischen den Rechtskreisen SGB III und SGB II. In der Grundsicherung (SGB II) werden verhältnismäßig deutlich mehr Abgänge mit Unterstützung durch arbeitsmarktpolitische Instrumente erzielt.

Persönliche Kontakte

Bereits 1974 hat der Soziologe Mark Granovetter seine These zur Stärke schwacher Bindungen veröffentlicht ("strength of weak ties"), die u.a. besagt, dass eine erfolgreiche Stellensuche vornehmlich über persönliche Kontakte gelingt. Er wies daraufhin, dass vor allem viele schwache soziale Bindungen (weak ties) hilfreich bei der Stellensuche sind, während enge Bindungen (strong ties) weniger erfolgsversprechend sind. Flüchtige Bekannte (weak ties) bewegen sich häufig in anderen sozialen Zusammenhängen und bieten Informationen über vakante Stellen aus ansonsten unbekannten Bereichen. Enge Bekannte (strong ties) können auch hilfreich sein, jedoch halten sie eher Informationen bereit, die der Stellensuchende aufgrund der engen Bindung bereits selber kennt.

Die große Bedeutung der informellen Suche bei der Einstellung neuen Personals zeigen auch seit Jahren regelmäßig Betriebsbefragungen des IAB. Im Jahr 2016 wurden danach jeder dritte neu Eingestellte über persönliche Kontakte oder Empfehlungen von Mitarbeitern gefunden. Die Vermittlungsdienste der BA wurden zwar bei 34 Prozent aller Neueinstellungen in Anspruch genommen. Aber nur bei fünf Prozent der Neueinstellungen war die Vermittlung durch die BA auch der erfolgreiche Besetzungsweg.

i

Info

Die IAB-Stellenerhebung, eine repräsentative Betriebsbefragung des IAB, gibt regelmäßig Auskunft über das gesamte Stellenangebot am deutschen Arbeitsmarkt. Sie zeigt unter anderem, wie Betriebe neue Mitarbeiter rekrutieren. Die Ergebnisse der Betriebsbefragung werden regelmäßig in den verschiedensten Publikationsreihen des IAB veröffentlicht. Auf einige dieser Veröffentlichungen wird am Ende dieses Textes unter „Zum Weiterlesen“ verwiesen.

Insgesamt beträgt die Summe aller Suchkanäle 340, das heißt im Durchschnitt wurden bei einer Neueinstellung 3,4 Suchwege genutzt. Die Tabelle zeigt auch, wie unterschiedlich und vielfältig die unternommenen und erfolgreichen Wege sind.

TabelleAbbildung: Such- und Besetzungswege bei Neueinstellungen nach Betriebsgröße


Persönliche Netzwerke spielen vor allem bei der Besetzung von Stellen eine Rolle, für die kein Berufsabschluss benötigt wird. Bei Stellen für Fachhochschul- oder Hochschulabsolventen ist die Bedeutung wesentlich geringer. Hier sind es vor allem Stellenangebote im Internet, die bei der Suche der Betriebe nach Akademikern zum Erfolg führen. Auch der Vermittlungsweg über die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter unterschiedet sich nach Qualifikationsanforderung der Stellen. Vergleichsweise am höchsten ist die erfolgreiche Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung bei Stellen mit Berufsabschluss. Bei Stellen für Ungelernte ist die erfolgreiche Beteiligung der öffentlichen Arbeitsvermittlung schon seltener. Bei Akademikern spielt die öffentliche Arbeitsvermittlung kaum eine Rolle. Auf betrieblicher Ebene besetzen Kleinbetriebe ihre Stellen insbesondere über persönliche Kontakte, während dieser Vermittlungsweg bei Großbetrieben ein deutlich unwichtiger ist.

Informelle Netzwerke über persönliche Kontakte sind also der entscheidende Vermittlungsweg bei der Besetzung von Stellen. Auf diesem Weg können Betriebe häufig schon vorab wichtige Informationen wie Teamfähigkeit oder Pünktlichkeit über den Bewerber einholen. Gerade bei Kleinbetrieben entfällt durch die persönlichen Kontakte der Mitarbeiter ein aufwändiger Stellenbesetzungsprozess. Damit werden auch die Theorien von Mark Granovetter bestätigt, der schon früh auf die Bedeutung dieses Weges hingewiesen hat.

Zum Weiterlesen

Bossler, Mario / Kubis, Alexander / Moczall, Andreas (2017): Neueinstellungen im Jahr 2016: Große Betriebe haben im Wettbewerb um Fachkräfte oft die Nase vorn. IAB-Kurzbericht 18/2017; Nürnberg.

Brenke, Karl; Zimmermann Klaus F. (2007): Erfolgreiche Arbeitsuche weiterhin meist über informelle Kontakte und Anzeigen. DIW Wochenbericht 20/2007: 325-331.

Brenzel, Hanna; Czepek, Judith; Kubis, Alexander; Moczall, Andreas; Rebien, Martina; Röttger, Christof; Szameitat, Jörg; Warning, Anja; Weber, Enzo (2016): Neueinstellungen im Jahr 2015: Stellen werden häufig über persönliche Kontakte besetzt. IAB-Kurzbericht Nr. 4.

Bundesagentur für Arbeit (verschiedene Jahrgänge): Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Analytikreport der Statistik, Analyse der gemeldeten Arbeitsstellen, Nürnberg.

Jaehrling; Karen; Mesaros, Leila; Slomka, Christine (2012): Evaluation des Modellprojekts „Aufbau, Erprobung und Weiterentwicklung von Angebotsformen des Selbstvermittlungscoachings im SGB II“. Endbericht. Duisburg.

Dietz, Martin; Röttger, Christof; Szameitat, Jörg (2011): Betriebliche Personalsuche und Stellenbesetzungen: Neueinstellungen gelingen am besten über persönliche Kontakte. IAB-Kurzbericht 26/2011. Nürnberg.

Giesecke, Johannes; Heisig, Jan Paul; Allmendinger, Jutta (2009): Einstiegswege in den Arbeitsmarkt. WZB Discussion Paper P 2009-002. Berlin.

Granovetter, Mark (1974): Getting a Job. A Study of Contacts and Careers. Cambridge.

Klinger, Sabine; Rebien, Martina (2009): Betriebsbefragung: Soziale Netzwerke helfen bei der Personalsuche. IAB-Kurzbericht 24/2009. Nürnberg.

Müller, Anne; Rebien, Martina; Stops, Michael (2011): Einschaltungspotenzial für den Arbeitgeber-Service der Bundesagentur für Arbeit. Ergebnisse aus der IAB-Erhebung des Gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots. IAB-Stellungnahme 10/2011. Nürnberg.

Warning, Anja (2017): Warum die kluge Auswahl von Suchstrategien bei der Personalrekrutierung wichtig ist. IAB-FORUM 25. September 2017; Nürnberg.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht. Autoren/-innen: Tim Obermeier, Frank Oschmiansky für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-SA 4.0 und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Rentenpolitik

Die Alterssicherung stellt, egal wie sie organisiert ist, in allen modernen Gesellschaften einen erheblichen Anteil an der Verwendung des Sozialprodukts dar. Sie ist quantitativ der Kernbereich des Sozialstaats.

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen

Dossier

Familienpolitik

Die deutsche Familienpolitik ist ein zentraler Bestandteil der Gesellschaftspolitik. Sie versucht das Zusammenleben von Paaren, das Leben mit Kindern und den Generationenzusammenhang zu unterstützen. Das Dossier skizziert die Maßnahmen, Institutionen, Akteure und Ziele der Familienpolitik, gibt einen Überblick über den Wandel von Familie und bildet die aktuelle Reformdebatte ab.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen hat deutlich zugenommen. Während noch vor wenigen Jahren nur Experten über die Finanzierbarkeit und Qualitätssicherung des Gesundheitssystems nachdachten, suchen heute viele Bürgerinnen und Bürger nach Antworten.

Mehr lesen

Aus Politik und Zeitgeschichte

Symbolbild: Ein zerknüllter Ein-Dollar-Schein liegt auf einer Rot-Weiß karierten Tischdecke und wird mit einem gelben Bügeleisen geglättet.

Care-Arbeit

Die Debatte um immer noch hauptsächlich von Frauen geleistete, un- oder unterbezahlte "Care-Arbeit"...

Zwei Gebäudereiniger putzen in 27 Metern Höhe das gewölbte Glasdach des World Trade Centers in Dresden

Mindestlohn

Zum 1. Januar 2015 wurde in Deutschland ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn eingeführt. ...

Demonstration gegen Hartz IV am 2.10.2004 in Berlin

Hartz IV

Vor fast 15 Jahren trat das Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt in Kraft. Mi...

Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

Pflege

Zurzeit gibt es eine breite Debatte um einen "Pflegenotstand" in Deutschland. Das liegt am erheblich...

Mitarbeiter von Google arbeiten an ihren Schreibtischen in den Büros im Internationalen Finanzcenter des Unternehmens in Schanghai, China.

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik versucht den Rahmen zu setzen, in dem wir arbeiten. Dass sie dabei nicht immer a...

dpa, Digitalisierung, 1985

Arbeit und Digitalisierung

Was haben Uhrmacher, Models und Immobilienmaklerinnen gemeinsam? Ihre Berufe könnte es gemäß eine...

OP-Schwester im Operationssaal einer Augenklinik

Arbeiten in Europa

Die EU-Kommission will "Neue Impulse für Arbeitsplätze, Wachstum und Investitionen" geben. Derzeit...

Grundeinkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Arbeitsmarktpolitik

Vollbeschäftigung?

Mitten in Krisenzeiten hält das deutsche "Jobwunder“ an, Vollbeschäftigung wie in den 1960er Jah...

Humanisierung der Arbeit

"Hauptsache Arbeit!" lautet oft der Ruf – die Qualität der Arbeitsplätze rückt dabei in den Hin...

Gewerkschaften

Mit dem Übergang vom wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus setzte ein Ein...

Arbeitslosigkeit

2003 verkündete Gerhard Schröder ein umfassendes Reformprogramm für Deutschland: die "Agenda 2010...

Arbeitsmarktpolitik

Die Instrumente der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik haben sich im Laufe der Jahre ständig ...

Migration und Arbeitsmarkt

Durch den demografischen Wandel droht der deutschen Gesellschaft nicht nur die Überalterung, sonder...

Abstieg - Prekarität - Ausgrenzung

Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Die aktuelle ...

Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen

Der Verlust der eigenen Arbeit kann kann zu psychischen Beeinträchtigungen führen, die den Betroff...

Entgrenzung von Arbeit und Leben

Die Ansprüche der Arbeitswelt wachsen, dabei bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Aber wie l...

Grundeinkommen?

Seit einiger Zeit diskutiert Deutschland über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ist e...

Zum Shop