Die Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes setzt sich aus sehr vielen Faktoren zusammen – darunter die Infrastruktur, staatliche Förderungen und Auflagen, die Verfügbarkeit von Fachkräften, die Nähe zu spezialisierten Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Märkten oder auch das Lohnniveau.
Bei einem Vergleich der Lohnkosten sollten die Lohnstückkosten betrachtet werden, da hier die Lohnkosten ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität gesetzt werden – hohe Lohnkosten können dabei durch hohe Produktivität ausgeglichen werden.
Laut OECD sind die Lohnstückkosten Deutschlands zwischen dem Jahr 2015 und 2024 um etwa ein Drittel gestiegen – wie auch im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden, in Norwegen, Schweden und den USA.
Im Jahr 2024 lagen die Lohnstückkosten Deutschlands (Index = 100) deutlich höher als beispielsweise in den USA (68) oder Japan (76).
Fakten
Ein Thema, das untrennbar mit dem Globalisierungsprozess verbunden ist, ist der Standortwettbewerb. Aber schon auf die Frage, wie die Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes zu messen ist, besteht keine Einigkeit. Fest steht lediglich, dass bei der Beurteilung der Wettbewerbsfähigkeit mehrere Faktoren berücksichtigt werden müssen. Über die Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes bestimmen unter anderem die infrastrukturellen Voraussetzungen (Kommunikationsnetze, Verkehrswege, Umschlagplätze, Logistiknetzwerke, Transport- und Energiekosten etc.), die Forschungsbedingungen, das allgemeine Ausbildungsniveau, der Aufbau und die Flexibilität der staatlichen Bürokratie, staatliche Förderungen, gesetzliche Auflagen, die Höhe der Steuern und Abgaben sowie das Lohnniveau und andere Kostenfaktoren.
Traditionelle Unternehmens- und Marktverflechtungen, der Zugang und die Nähe zu großen oder neuen Märkten, natürliche Ressourcen bzw. die Verfügbarkeit von Rohstoffen, räumliche Voraussetzungen, die Einkommens- und Vermögensstruktur, politische und rechtsstaatliche Stabilität, Marktzugangsbeschränkungen, das Image eines Standortes sowie das Vorhandensein von spezialisierten Unternehmen und Fachkräften beeinflussen ebenfalls die Investitionsentscheidungen. Und ob wiederum die Fachkräfte an einen Standort gebunden werden können, hängt nicht nur von den ökonomischen Voraussetzungen ab. Auf individueller Ebene entscheidet auch das Wohnumfeld, die Umweltqualität, die medizinische Versorgung sowie das Fürsorge-, Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebot. Bei Personen, die sich auf dem globalen Arbeitsmarkt bewegen, können die politischen Präferenzen – zum Beispiel bezogen auf die eigene Freiheit oder die Staatsform – ein weiterer Faktor sein.
Ob und warum sich Unternehmen an einem Standort niederlassen oder dort investieren, ist von großem Interesse für politische Entscheidungen, da die Standortwahl sowohl unmittelbare als auch langfristige Auswirkungen auf Einkommen, Steuereinnahmen und Innovationen haben kann. Beispielsweise wurde für Deutschland – im Rahmen einer Sonderauswertung der DIHK – eine deutliche Verschiebung bei den Motiven bei Auslandsinvestitionen festgestellt: Der Auf- und Ausbau von Vertrieb und Kundendienst war zwischen 2010 und 2022 das dominierende Motiv für die Investitionen im Ausland und wurde im Mittel von etwa 45 Prozent der Unternehmen genannt. Seit 2022 ist der Wert jedoch drei Jahre in Folge gesunken – von 48 auf 35 Prozent. Während sich das Motiv der Markterschließung relativ stabil um 30 Prozent bewegt, finden sich beim Motiv Kostenersparnis die größten Schwankungen: 2004 gaben mehr als 40 Prozent der Unternehmen die Kostenersparnis als Hauptmotiv für ihre Auslandsinvestitionen an. Bis 2013 halbierte sich der Wert auf 20 Prozent, um dann wieder stetig zu steigen – vor allem zwischen 2022 und 2025 machte der Wert einen Sprung von 26 auf 35 Prozent.
Und bezogen auf die 1.028 Unternehmen (mit mindestens 50 Beschäftigten), die in dem dreijährigen Berichts¬zeitraum von 2018 bis 2020 Unternehmensfunktionen verlagert haben, nannten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 89 Prozent die Verringerung von Lohnkosten als wichtigstes Verlagerungsmotiv. An zweiter Stelle standen mit 75 Prozent andere Kostenvorteile und darauf folgte mit 62 Prozent der Mangel an qualifizierten Fachkräften im Inland.
Bei einer Bewertung der Lohnkosten sollten allerdings nicht allein die Bruttolöhne der Arbeitnehmer verglichen werden, sondern die Lohnstückkosten. Zur Ermittlung der Lohnstückkosten werden die Lohnkosten ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität gesetzt. Die Höhe der Lohnstückkosten ist damit sowohl von der Produktivität als auch von der Höhe der gezahlten Löhne abhängig. Beispielsweise können die Lohnstückkosten eines Standortes mit niedrigen Löhnen und einer geringen Produktivität höher sein als die Lohnstückkosten eines Standortes mit hohen Löhnen und einer hohen Produktivität. Durch den Einsatz neuer Technologien, die effiziente Arbeitsorganisation, eine ausgebaute Infrastruktur und ein hohes Qualifikationsniveau der Beschäftigten wird die Arbeitsproduktivität gesteigert und somit ein Teil der höheren Lohnkosten ausgeglichen.
Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft und auf Basis der Wechselkurse und Preise von 2024 lag Deutschland (Index = 100) bei den Lohnstückkosten von 28 betrachteten Staaten an vierter Stelle. Lediglich in Lettland und Estland (jeweils 109) sowie in Kroatien (107) waren die Lohnstückkosten höher. Auf der anderen Seite der Skala standen neben den USA (68) und Japan (76) auch andere europäische Staaten wie Dänemark (57), Schweden (61), Griechenland (74), die Niederlande (75), die Slowakei (79) und Finnland (82). Auf einem ähnlichen Niveau wie Deutschland bewegten sich im Jahr 2024 das Vereinigte Königreich und Slowenien (99), Österreich und Kanada (97) sowie Frankreich (96).
Laut OECD sind die Lohnstückkosten Deutschlands zwischen 2015 und 2024 um 34,1 Prozent gestiegen – was einer durchschnittlichen Steigerung um 3,3 Prozent pro Jahr entspricht. Besonders stark erhöhten sich die Lohnstückkosten von 2022 auf 2023 (plus 6,9 Prozent) und von 2023 auf 2024 (plus 5,7 Prozent). In 14 von insgesamt 33 betrachteten Staaten fiel die Steigerung der Lohnstückkosten im Zeitraum 2015 bis 2024 höher aus als in Deutschland – an der Spitze standen dabei die Türkei sowie sieben osteuropäische Staaten. Wie in Deutschland steigerten sich die Lohnstückkosten zwischen 2015 und 2024 auch im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden, in Norwegen, Schweden und den USA um insgesamt etwa ein Drittel. Schließlich nahmen in Japan – der weltweit fünfgrößten Exportnation – die Lohnstückkosten zwischen 2010 und 2024 um lediglich 13,7 Prozent zu. Im 1. Quartal 2025 reduzierten sich die Lohnstückkosten sogar deutlich – allerdings ist dieser Rückgang zum 1. Quartal seit mindestens drei Jahrzehnten zu beobachten.
Neben niedrigen Lohnstückkosten und anderen Standortvorteilen hängt die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen auch von der Entwicklung der Wechselkurse ab sowie von produkt- und kundenbezogenen Faktoren wie Produktimage, Produktqualität, Kundenservice, Lieferpünktlichkeit und Innovationsfähigkeit.
Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen
Zur Bestimmung der Lohnstückkosten werden die Lohnkosten je Arbeitnehmer beziehungsweise je Arbeitnehmerstunde ins Verhältnis zur Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen (Personenkonzept) beziehungsweise je Erwerbstätigenstunde (Stundenkonzept) gesetzt. Die Lohnkosten setzen sich aus den Bruttolöhnen und -gehältern der Arbeitnehmer sowie den Sozialbeiträgen der Arbeitgeber zusammen.
Werden die Lohnstückkosten nicht auf Basis der jeweiligen Währung berechnet, sondern in einer einheitlichen Währung abgebildet (z.B. US-Dollar), hängt die internationale Wettbewerbsfähigkeit auch von den Wechselkursänderungen ab. Ein Beispiel: Auf Euro-Basis stiegen in Deutschland die Lohnstückkosten zwischen 1990 und 2002 um 18,2 Prozent, zwischen 2002 und 2010 gingen sie um 5,5 Prozent zurück und zwischen 2010 und 2016 nahmen sie wiederum um 4,2 Prozent zu. Bei einem Vergleich der Lohnstückkosten auf US-Dollar-Basis hat sich die Wettbewerbsposition Deutschlands in allen drei Zeiträumen genau entgegengesetzt entwickelt: Zwischen 1990 und 2002 reduzierten sich die Lohnstückkosten auf US-Dollar-Basis um 8,1 Prozent und zwischen 2002 und 2010 stiegen sie um 32,9 Prozent. Schließlich gingen sie zwischen 2010 um 2016 um 12,9 Prozent zurück. Der Grund dafür sind die Ab- bzw. Aufwertungen des Euro gegenüber dem US-Dollar in den jeweiligen Zeiträumen.
Euroraum (20 Länder): Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern. Weitere Informationen zur Entwicklung des Euroraums erhalten Sie hier: Externer Link: https://www.ecb.europa.eu/euro/intro/html/index.de.html