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Kommentar: Die Stimmen der Displaced Persons in der Ukraine und Russland | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Die Stimmen der Displaced Persons in der Ukraine und Russland

Prof. Dr. Gwendolyn Sasse

/ 4 Minuten zu lesen

Bis Sommer 2016 registrierte das ukrainische Sozialministerium fast 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge in der Ukraine. Die Meinungen der Displaced Persons innerhalb und außerhalb der Ukraine werden jedoch, so Prof. Dr. Gwendolyn Sasse in seinem Kommentar, nicht ausreichend in den Blick genommen.

Herausgeber der Länderanalysen

Die Ukraine-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde erstellt. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

(© picture-alliance/dpa)

Nach einer ruhigeren Phase verschärfte sich der Krieg in der Donbass-Region im Osten der Ukraine Anfang 2017 wieder und war zwischenzeitlich auch in den Medien wieder präsent. Die Meinungen der Displaced Persons innerhalb und außerhalb der Ukraine wurden jedoch nicht in den Blick genommen. Bis Sommer 2016 registrierte das ukrainische Sozialministerium fast 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge in der Ukraine. Seit 2015 gehört die Ukraine zu den zehn Ländern mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit. Außerdem sind mehr als eine Million Menschen aus der Konfliktzone nach Russland geflohen.

Ukrainische und russische Lokal- und Landesregierungen – und auch der Westen – müssen diese Gruppe der Displaced Persons aufgrund ihrer Anzahl, ihrer räumlichen Verbreitung und ihrer extremen Erfahrungen berücksichtigen. Die Displaced Persons stellen zwar keine geschlossene politische oder soziale Kraft dar, sind jedoch stark politisiert. Viele von ihnen bleiben abhängig von familiärer oder staatlicher Unterstützung und stehen in engem Kontakt mit den Regionen und Menschen, die sie zurückgelassen haben. Außerdem stellen sie einen Extremfall dar, an dem die durch den Krieg verursachte Bildung von Identitäten untersucht werden kann.

Das neu gegründete Zentrum für Osteuropa und internationale Studien (ZOiS) in Berlin hat eine außergewöhnliche zweigeteilte Befragung von Binnenflüchtlingen in der Ukraine und nach Russland geflüchteten Menschen durchgeführt. Die Befragung der Binnenflüchtlinge deckte die Oblaste Donezk, Luhansk, Dnipropetrowsk, Kiew, Lwiw und Kiew Stadt ab. Die Bestimmung der Quoten für in die Auswahl einbezogene Gruppen basierte auf offiziellen Angaben zu den Aufenthaltsorten und dem soziodemographischem Profil der Binnenflüchtlinge: Die meisten von ihnen sind mittleren Alters, zwei Drittel sind Frauen. Das Verhältnis von registrierten und nicht registrierten Binnenflüchtlingen war neun zu eins.

Die Befragung der Displaced Persons in Russland umfasste elf westliche und zentrale Bezirke, in denen sich besonders viele Displaced Persons aufhalten. In dieser Gruppe betrug das Verhältnis von registrierten und nicht registrierten Flüchtlingen 56 zu 44 – hierin kommen die zahlreichen Lagerschließungen zum Ausdruck. Weil es keine Angaben zu den Displaced Persons in Russland gibt, wurden deren Quoten nach dem Sample der Binnenflüchtlinge ausgerichtet.

Das angegebene mittlere Einkommen der Displaced Persons in Russland war (mit 470 Euro beziehungsweise 500 US-Dollar monatlich) höher als das der Binnenflüchtlinge (163 Euro beziehungsweise 173 US-Dollar monatlich). Das kann zumindest teilweise darauf zurückgeführt werden, dass über 70 Prozent der Displaced Persons in Russland angaben, in Vollzeit zu arbeiten, was nur 46 Prozent der Binnenflüchtlinge in der Ukraine angaben.

Verbindungen zu Familie und Freunden waren ein wichtiges Entscheidungskriterium für den Niederlassungsort. Rund 70 Prozent der Displaced Persons in Russland und 60 Prozent derjenigen in der Ukraine hatten an ihren gegenwärtigen Wohnorten bereits vorher Familie oder Freunde. Möglicherweise überraschend für die russischen und ukrainischen Behörden ist, dass die Mehrheit der Displaced Persons dort verbleiben will, wo sie sich zurzeit aufhält – vor allem ist das in Russland der Fall (80 Prozent), aber auch in der Ukraine (etwa 65 Prozent).

Die interessantesten Ergebnisse erbrachte die Umfrage in Bezug auf die Angaben zur eigenen Identität der Befragten. Auf die Frage, ob sich ihre Identität im Zuge der Ereignisse von 2013 bis 2016 verändert habe, konstatierten die Displaced Persons in Russland die größten Veränderungen. Etwas mehr als 50 Prozent gaben an, sich nun "russischer" zu fühlen. Interessanter ist aber noch, dass fast 30 Prozent angaben, nun stärker wahrzunehmen, "sowohl russisch als auch ukrainisch" zu sein. Von den befragten Binnenflüchtlingen gaben 50 Prozent an, dass sich ihre Identität verändert habe: Gut 30 Prozent fühlen sich nun "ukrainischer", 14 Prozent nahmen stärker wahr, sowohl russisch als auch ukrainisch zu sein.

Gemischte Identitäten bleiben also wichtig beziehungsweise sind unter den am direktesten vom Krieg Betroffenen sogar wichtiger geworden. Diese Auffälligkeit steht in deutlichem Kontrast zu den Polarisierungen, die die Analyse der Ukraine zu weiten Teilen kennzeichnet.

Die Umfrage zeigt die zahlreichen und starken Verbindungen, die die Displaced Persons in Russland wie in der Ukraine zu Familienmitgliedern und Freunden in den besetzten Gebieten und im restlichen Donbass aufrechterhalten. Zwei Drittel der russischen Displaced Persons haben Verwandte oder Freunde in den von Kiew kontrollierten Gebieten. Von den Binnenflüchtlingen in der Ukraine haben zwei Drittel Freunde oder Verwandte in den besetzten Gebieten. Etwa die Hälfte der Displaced Persons in Russland und der Ukraine sind in täglichem oder wöchentlichem Kontakt mit Verwandten oder Freunden in den besetzten Gebieten. Und eine weitere Art von persönlichen Verbindungen bedeuten einen Schutz vor weiteren Trennlinien: Etwa 40 Prozent der Binnenflüchtlinge in der Ukraine haben Freunde oder Verwandte, die in Russland leben oder arbeiten.

Beim Vertrauen in die politische Führung gibt es deutliche Unterschiede. Eine überwältigende Mehrheit von über 90 Prozent der Befragten in Russland vertraut dem russischen Präsidenten "eher" oder "sehr" – ein scharfer Kontrast zur Ukraine, wo nur etwa ein Drittel der Binnenflüchtlinge dem ukrainischen Präsidenten vertraut. Entscheidend sind hier nicht die unterschiedlichen Vertrauensgrade, sondern dass die Displaced Persons die sie umgebende allgemeine Stimmung annehmen und wiedergeben. Die von der Ukraine nach Russland Geflohenen haben sich ziemlich schnell dem russischen Mainstream angeglichen.

Der kleine Teil der Displaced Persons in Russland, der eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine befürwortet – 17 Prozent – entspricht einem ähnlichen Schema. Dass jedoch 45 Prozent der Binnenflüchtlinge in der Ukraine eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine ablehnen, überrascht wohl stärker. Eine momentan starke Enttäuschung über das Unvermögen der EU, die Situation in der Ukraine zu verändern, der angenommene Zusammenhang zwischen ihrer Situation als Displaced Persons und den Euromaidan-Antiregierungsdemonstrationen sowie die Assoziation der EU mit engeren Verbindungen zur Nato könnten zusammengenommen dieses Ergebnis erklären.

Eine Lösung des Konflikts im Donbass scheint in weiter Ferne zu liegen und die Displaced Persons werden wohl dort bleiben, wo sie sind. Ihre politische und sozioökonomische Integration wird von Relevanz sein – und das noch stärker in der Ukraine als in Russland, wie die Ergebnisse dieser Umfrage nahelegen.

Übersetzung aus dem Englischen: Sophie Hellgardt

Fussnoten

Weitere Inhalte

Prof. Dr. Gwendolyn Sasse ist die wissenschaftliche Direktorin des neu gegründeten Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin sowie non-resident senior fellow von Carnegie Europe. Die englische Originalfassung dieses Beitrags wurde im Februar 2017 im »Carnegie Europe’s Strategic Europe Blog« veröffentlicht: Externer Link: http://carnegieeurope.eu/strategiceurope/67979