Europa steht schwach da. In allen wesentlichen wirtschaftlichen Bereichen fällt der Kontinent zurück, relativ zu anderen Weltregionen – wirtschaftlich, technologisch, militärisch. Mario Draghi, der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat im Herbst 2024 Externer Link: einen schonungslosen Bericht mit eben dieser Botschaft vorgelegt. Die Europäische Union (EU) könne ganz vorn mitspielen, so die Botschaft, auf Augenhöhe mit den USA und China, als einer der großen drei Wirtschaftsräume auf dem Globus mit rund 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern. Jedoch bleibe die EU weit unter ihren Möglichkeiten.
Dieses Zurückfallen lässt sich in Zahlen fassen. Bis zur Eurokrise lagen die USA und die EU in puncto Wirtschaftsleistung in etwa gleichauf. Seit Anfang der 2010er Jahre ist Europa jedoch in eine lange Stagnation abgeglitten. Heute ist die amerikanische Wirtschaft anderthalbmal so groß wie die europäische. China hat währenddessen rapide aufgeholt. 2011, auf dem Tiefpunkt der Eurokrise, war die EU-Volkswirtschaft doppelt so groß wie die chinesische. Heute liegen beide in etwa gleichauf.
Noch krasser ist der Unterschied übrigens beim Wohlstandsniveau: Pro Einwohner erwirtschaften die USA heute doppelt so viel wie die Europäer. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat sich der Abstand drastisch ausgeweitet. Während sich in China das BIP pro Kopf im gleichen Zeitraum verdreifacht hat, ist es in Europa nur um ein Siebtel gestiegen, getrieben vor allem von erfolgreichen mittelosteuropäischen Mitgliedstaaten wie Polen und Rumänien. Deutschland, das größte EU-Land, tritt seit 2020 auf der Stelle und findet nicht aus seiner Strukturkrise heraus.
Europa bleibt fragmentiert
Die EU fällt immer weiter zurück. Und die Frage ist, warum. Der frühere US-Finanzminister Larry Summers hat Europa mal als „Museum“ bezeichnet – als Ansammlung hübsch anzuschauender Städte und Landschaften mit interessanter Geschichte, aber ohne den nötigen Drive, die Zukunft zu gestalten.
Abseits solch psychologisierender Erklärungsansätze stellen sich ökonomische Strukturfragen. Was also unterscheidet die EU zuvörderst von den USA?
Besonders augenfällig ist die Abwesenheit eines europäischen Kapitalmarkts. Die EU ist zwar eine große Volkswirtschaft mit einer gemeinsamen Währung von Weltrang, dem Euro. Aber ihr fehlt die strukturelle Unterfütterung durch gemeinsame Börsenplätze, gemeinsame Regeln und letztlich auch eine gemeinsame Finanzpolitik.
Abseits von Sonntagsreden über europäische Selbstbehauptung in einer Welt, die inzwischen von aggressiven Megamächten dominiert wird, bleibt Europa fragmentiert, in entscheidenden Bereichen zu wenig vereinheitlicht und zu verliebt in nationales Eigenbrötlertum. Deshalb verfügt die Wirtschaft nicht über die Größenvorteile ihrer Konkurrenten.
Während die USA und China als einheitliche Binnenmärkte Firmen von gigantischem Gewicht und großer Machtentfaltung hervorbringen, fehlen solche Champions in der EU. Es gibt keine europäischen Pendants zu Google, Nvidia, Microsoft, Apple, Tesla, Amazon, Alibaba, Tencent oder Meta – alles Firmen, die binnen weniger Jahrzehnte zu extrem leistungsfähigen und technologisch führenden Konzernen mit Billionen-Bewertung herangewachsen sind. Entsprechend läuft derzeit auch das Rennen um die Führungsrolle bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz: Die USA führen, China folgt dicht auf den Fersen – und Europa trottet weit abgeschlagen hinterher.
Unternehmen finden nicht genug Mittel, um zu wachsen
Eine wichtige Ursache dafür: Weil der europäische Kapitalmarkt unterentwickelt ist, finden aussichtsreiche Unternehmen in Europa nicht die nötigen Mittel, um rasch in wettbewerbsfähige Größenordnungen wachsen zu können. Technologischer Fortschritt und gelingender Strukturwandel bleiben so auf der Strecke, obwohl Europa beides dringend nötig hätte.
Nun bemüht sich die Europäische Kommission, das Projekt einer Savings and Investment Union (SIU) voranzutreiben: einer Kapitalmarktunion, damit die Ersparnisse der Bürgerinnen und Bürger in Europa produktiv eingesetzt werden können – anstatt in den Rest der Welt abzufließen. Ein längst überfälliges Reformvorhaben.
In puncto Kapitalmarkt hat die EU vor allem drei Defizite:
Ein gemeinsamer Kapitalmarkt ist quasi nicht vorhanden, siehe das SIU-Vorhaben.
Die nationalen Kapitalmärkte haben traditionelle Strukturen, die sich vor allem auf Banken stützen.
Risikokapitalmärkte für Startups sind in den meisten Ländern unterentwickelt.
Deutschland steht übrigens besonders schlecht da. Eine Analyse des Wirtschaftssachverständigenrats („Wirtschaftsweise“) Externer Link: zeigt die großen Unterschiede. Die an Deutschlands Börsen gehandelten Firmen haben zusammen einen Wert von gerade mal der Hälfte der nationalen Wirtschaftsleistung. Die EU insgesamt steht kaum besser da. Immerhin: Schweden kommt mit einer Börsenkapitalisierung in Höhe von etwa dem 1,5-fachen Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf Werte, die in etwa den US-amerikanischen entsprechen. Frankreich erreicht immerhin knapp 100 Prozent des BIP.
Es fehlen die Finanziers
Was die Finanzierung von jungen, schnell wachsenden Unternehmen angeht, sind die großen EU-Länder weit abgeschlagen. Die USA dominieren dieses Feld in erschreckendem Ausmaß. Erfolgversprechende Firmen brauchen nicht selten zehn Jahre und länger, bis sie in profitable Größenordnungen hineinwachsen und dann richtig durchstarten. Dazu aber benötigen sie Finanziers, die bereit und in der Lage sind, großvolumige Finanzierungsrunden in fortgeschrittenem Stadium mitzumachen, wenn es nämlich um Milliardenbeträge geht. Europäische Firmen sind dann häufig auf US-amerikanisches Venture Capital („Wagniskapital“) angewiesen. Nicht selten werden sie später von US-Firmen übernommen. Und wenn es an den Börsengang geht, zieht es sie typischerweise an die US-Tech-Börse Nasdaq. So wie der Mainzer Impfspezialist Biontech, Entwickler des ersten mRNA-Corona-Impfstoffs, der 2019 in New York Milliarden einsammelte.
Die Kapitalmärkte in Europa sind immer noch extrem bankenlastig. Das ist ein Problem. Denn Startups, die einen Kredit benötigen, um zu investieren, bekommen bei der Bank Geld nur gegen Sicherheiten. Wer eine Maschine anschafft oder eine Produktionshalle errichtet, kommt damit leichter zurecht: Falls Zahlungsschwierigkeiten eintreten, kann die Bank immer noch die beliehenen Vermögensgegenstände einbehalten. Es ist ein Finanzierungsmodell für die Old Economy. Wer aber in neue Technologien investieren, eigene Verfahren oder Software entwickeln und dafür fähige Leute einstellen will, kommt mit einem Bankkredit nicht weit. Kreditinstitute können und wollen so etwas nicht finanzieren. Denn im Fall einer Firmenpleite ist das Geld einfach weg. Die Bank bleibt auf ihren Forderungen sitzen.
Wachsende Technologieunternehmen brauchen deshalb entwickelte Kapitalmärkte, und zwar nicht nur in der Gründungsphase, sondern auch später, wenn es um die Skalierung, also die Erweiterung des Geschäftsmodells geht.
Ähnliches gilt für etablierte mittelgroße Unternehmen, die in neue Branchen und Technologien vordringen wollen. Das typisch kontinentaleuropäische Modell des mittelgroßen Familienunternehmens, verbreitet gerade im industriellen deutschen Mittelstand, finanziert solche Entwicklungen zwar aus eigenen Gewinnen, doch die Mittel sind begrenzt. Diese Strategie ist solide, aber langsam – häufig zu langsam gemessen am Tempo der Wettbewerber in den USA und in China.
Nationale Rivalitäten spielen eine Rolle
Die EU ist in einer kuriosen Situation: Sie verfügt über eine vielfältige Forschungslandschaft, die jede Menge wirtschaftlich verwertbares Knowhow hervorbringt. Sie ist auch als Lebensstandort attraktiv für gut ausgebildete Spezialisten, die Startups dringend brauchen. Mehr noch: Die EU hat jede Menge überschüssiger Ersparnisse von Bürgern und Unternehmen, die eigentlich für Investitionszwecke zur Verfügung stünden. Aber das wird nicht genutzt, weil die dafür nötigen Märkte fehlen. Mehr als eine halbe Billion Euro an europäischem Sparvermögen fließt so jedes Jahr ins Ausland ab, insbesondere in die USA, einfach weil es dort vielfältigere und bessere Anlagemöglichkeiten findet.
Die SIU soll diese Lücke schließen.
Es ist nicht leicht zu beantworten, warum das nicht längst geschehen ist. Nationale Rivalitäten spielen eine Rolle, aber auch das Zögern Deutschlands und anderer nord- und osteuropäischen Staaten, finanzielle Risiken in größerem Umfang zu vergemeinschaften.
Vereinheitlichung bedeutet auch Konsolidierung. Dabei gibt es Verlierer, kurzfristig gesehen jedenfalls. Aktuelles Beispiel: Aus europäischer Sicht wäre es vorteilhaft, wenn einige transkontinentale Großbanken von globalem Gewicht entstünden. Entsprechend wäre es aus dieser Warte eine gute Sache, dass die italienische Unicredit die deutsche Commerzbank übernimmt. Aus der nationalen Perspektive sehen die Dinge oft anders aus. Konkret sind in diesem Fall deutsche Bundesregierungen dagegen. Sie fürchtet um Arbeitsplätze, die infolge des Zusammenschlusses verloren gehen. Oder: Weil es seit dem Brexit keinen dominierenden europäischen Börsenplatz mehr gibt – zuvor war London traditionell in dieser Rolle –, gibt es kein natürliches Finanzzentrum. Paris wäre ein Kandidat. Aber dafür müssten Deutschland (Frankfurt), Italien (Mailand) oder die Niederlande (Amsterdam) auf ihre Ambitionen verzichten.
Ähnliches gilt für den finanzpolitischen Rahmen. In den USA fußt das Finanzsystem auf einer einheitlichen Gattung von staatlichen Wertpapieren, nämlich US-Bundesanleihen („Treasuries“). Sie gelten als sichere Basis und werfen die niedrigsten Zinsen ab, an denen sich wiederum alle anderen Zinssätze und Kurse orientieren. In Europa gibt es nichts Vergleichbares – weil es keine gemeinsame Finanzpolitik gibt. Jeder EU-Staat haftet für seine eigenen Schulden. Hilfen gibt es im Krisenfall, aber nicht als Dauerzustand. Deswegen herrschen in der EU unterschiedliche Finanzierungsbedingungen. Das ist gerade in Krisenzeiten ein Problem, wenn höher verschuldete Staaten mit Zinsaufschlägen („Spreads“) zu kämpfen haben und gleichzeitig deren Banken in die Knie gehen.
Nach der Finanzkrise von 2008 und der Eurokrise ab 2010 hat Europa zwar seine Institutionen weiterentwickelt . Aber das betrifftvor allem die Vorbeugung und Bearbeitung von akuten Finanzmarktmarktproblemen. So gibt es seither eine Finanzmarktaufsicht für Großbanken, Instrumente zur Abwicklung von Pleitebanken, den Eurorettungsschirm ESM, ein erweitertes Instrumentarium der EZB, um ein Auseinanderdriften des Euroraums zu verhindern. Aber es gibt weder ein „gemeinsames sicheres Asset“ noch eine gemeinsame Einlagensicherung für Bankguthaben.
Solange die Fragmentierung der Kapitalmärkte anhält, wird die EU ihr ökonomisches Gewicht kaum zur Geltung bringen können.