Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Europa und der einheitliche Kapitalmarkt | Europäische Wirtschaftspolitik | bpb.de

Europäische Wirtschaftspolitik Europas Wirtschaft 2026 Europa, die schöne Unvollendete Was bleibt von den Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Russland? Der EU-Beitritt der Ukraine Das China-Dilemma Debatte: Kann die Rüstungsindustrie zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen? Keine nachhaltigen Impulse durch mehr Geld fürs Militär Aufrüstung und Wachstum – worauf es wirklich ankommt Vom Binnenmarkt zur Industriepolitik Wie wettbewerbsfähig ist die EU? Wie die EU bei Forschung und Innovation wieder aufholen kann Europas Weg in die Energiesouveränität Die EZB in der geoökonomischen Zeitenwende Europa und der einheitliche Kapitalmarkt Funktionieren die neuen europäischen Haushaltsregeln besser als die alten? EU-Kohäsionspolitik: Euroskepsis trotz Fördermilliarden Globale Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine Die ukrainische Wirtschaft und ihre Zerstörung Debatte: Wie die Ukraine wiederaufbauen? Die Ukraine als neoliberales Musterland? Ein moderner, nachhaltiger und inklusiver Wiederaufbau Angriff auf Europas Werte Ökonomische Perspektiven des EU-Beitritts der Ukraine Europa wird gebraucht Russland: Was können die EU-Sanktionen bewirken? Russland auf dem Weg in die Kriegswirtschaft Reaktion der BRICS auf den Ukraine-Krieg Wie der Krieg den globalen Süden trifft Die Neuvermessung der Weltwirtschaft Herausforderungen der Europäischen Wirtschaft Wie Europa von russischer Energie abhängig wurde Wie sieht die künftige Energieversorgung Europas aus? Was bedeutet der Green Deal für Europa? Macht der Green Deal Europa nachhaltiger und wettbewerbsfähiger? Nicht nur Chancen, sondern auch Risiken Jetzt erst recht Deutschlands und Europas Abhängigkeit von China Neue Gesetze für Europas "Digitale Dekade" Brexit: Für Großbritannien härter als für die EU Ist der Brexit Fluch oder Segen für Europa? Der ausgleichende Faktor wird fehlen Ein hoffentlich heilsamer Warnschuss Debatten zur Währungsunion Warum steigen Preise – und was kann man dagegen tun? Kann die EZB die Inflation eindämmen? Im Prinzip ja – aber es wird ihr nicht gelingen 2024 wird sich die Geldentwertung normalisieren Führt die Modern Monetary Theory in die Überschuldung? Das Ende der großen MMT-Illusion Staatsschulden sollten Staatsausgaben nicht begrenzen Braucht die Europäische Zentralbank ein neues Mandat? 20 Jahre Euro – eine Erfolgsgeschichte? Erfolgreicher Euro, aber eine Geldpolitik mit Schwächen Die EZB ist endgültig zum politischen Akteur geworden Versprechen erfüllt, aber mit Konstruktionsfehlern Eine durchwachsene Bilanz Ein gemeinsames Finanzministerium für die Eurozone? Es ist nicht die Zeit für einen Magier Das Ende des europäischen Dilemmas Soll der Euro auf alle Länder der EU ausgeweitet werden? Der Euro schafft größeren Wohlstand Ohne klare Richtung keine neuen Mitglieder Wann kommt die Zinswende in Europa? Es gibt kein Menschenrecht auf Zinsen Ein Lamento, das in die Irre führt Ist die Bankenunion ein Erfolg? Eine gute Idee – eigentlich Nur bedingt einsatzbereit Sparen oder Investieren? Ginge es Europa ohne den Euro besser? Es ist nicht der Euro, es ist der Binnenmarkt Eine Währungsunion ist einem System flexibler Wechselkurse überlegen Sollten unterschiedlich starke Volkswirtschaften eine Währungsgemeinschaft bilden? Ökonomische Zwänge und politische Illusionen der Währungsunion Auch die D-Mark galt von Bayern bis Mecklenburg-Vorpommern Ist das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank sinnvoll? Die Konstruktion der Währungsunion fördert Panikattacken Die EZB handelt gegen die Interessen der Bürger Kann eine Vermögensabgabe helfen, die Überschuldung von Staaten zu lindern? Nur eine Staatsinsolvenz ist moralisch vertretbar Die Politik muss es nur wollen Droht der Eurozone die Gefahr einer Deflation? Schon "Lowflation" ist problematisch Eine negative Inflationsrate ist noch lange keine Deflation Ist die Euro-Krise schon vorbei? Noch ist kein Normalzustand erreicht Falsche Medizin, falsche Symptome Corona-Krise in Europas Wirtschaft Haben die Corona-Soforthilfen gewirkt? Die Corona-Hilfen waren situationsgerecht Unterstützung mit geringer Wirkung Europas neue Wege aus der Krise Europäische Solidarität aus der Not heraus Stürzt Corona Europa in eine neue "Große Depression"? Bedeutet Corona das Ende der Globalisierung? Weiterhin kein Exit der EZB Videos: 4x4 Fragen zur Corona-Krise Wie hat sich die EU in der Corona-Krise bis jetzt geschlagen? Wie wird sich die Pandemie auf Europas Wirtschaft auswirken? Sollte man die Krise nutzen, um die EU klimagerechter umzubauen? Gefährden die Rettungsmaßnahmen die Geldwertstabilität? Zur Lage der Krisenländer in der Eurozone (2014-2017) Kann sich Frankreich von der Krise erholen? Yes, he can Frankreichs europäische Aufgabe Vor der Generalüberholung Frankreich als Zivilisationsthermometer Wird Italien wieder auf die Beine kommen? Der Fall Italien(s) Volk der letzten Minute Je südlicher, desto schlimmer Solider als viele denken Gingen die Reformen in Griechenland zu weit? Ohne Strukturreformen ist alles nichts Der Aderlass hat Griechenland geschadet Was hat Portugal der Sparkurs gebracht? Die Leiden des lusitanischen Musterschülers Sparen unvermeidbar Zeigen Spanien, Irland und Portugal, dass die angebotsorientierte Politik sich auszahlt? Es schmerzt, aber die Reformen wirken Crash-Kurs mit jeder Menge Kollateralschäden Ist Spanien über den Berg? Von Gesundung kann keine Rede sein Rückkehr zum Normalzustand Hat die Sparpolitik Irland aus der Krise geholfen? Via Dolorosa ohne Alternative Die Generation der stillen Verzweiflung Hat die Politik der Troika Griechenland genutzt? Die Schrumpfpolitik ist gescheitert Griechenland hat alle Möglichkeiten Zur Rolle Deutschlands in der Schuldenkrise (2014) Ist Deutschland ein Modell für Europa? Die Mär vom gesunden Staat Marktkonform und doch sozial gerecht Hat Deutschlands Bilanzüberschuss die Krise beschleunigt? Die Eurokrise ist eine Zahlungsbilanzkrise Europa braucht Deutschland, Deutschland braucht Europa Bedrohen unterschiedliche Lohnkosten die Stabilität der Eurozone? Löhne und Produktivität müssen sich gleich entwickeln Konsum und Löhne in Deutschland müssen anziehen Videos: 6x6 Fragen zur Euro-Krise (2015) Hat die Eurozone in ihrer derzeitigen Form eine Zukunft? Sparen oder Investieren - wie sollte die Schuldenkrise überwunden werden? Wie kann Deutschland dazu beitragen, die Euro-Krise zu beenden? Handelt die EZB ohne demokratische Legitimation? In welchen Ländern lauern neue Gefahren für den Euro? Wie kann die Eurozone künftig Krisen besser vermeiden? Didaktische Materialien Einleitung: Ziele und Aufbau der didaktischen Materialien Ökonomische Theorien und gesamtwirtschaftliche Krisen Neoklassik und Keynesianismus Neoklassische Interpretation Keynesianische Interpretation Makroökonomische Grundlagen Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung Sparen und Investieren I: Geschlossene Volkswirtschaft Sparen und Investieren II: Offene Volkswirtschaft Staatliche Haushaltsdefizite Staatsverschuldung und private Vermögen Außenbeitrag und Leistungsbilanzsaldo Löhne als Kostenfaktor und als Nachfragequelle Die Inflationssteuerung durch die Geldpolitik Geld- und Fiskalpolitik in einer Währungsunion Didaktische Anwendungen Nominales und reales BIP BIP Sparen und Investieren Ersparnis, Investitionen und Finanzierungssalden Staatsdefizit Staatsverschuldung Beispiel Spanien Löhne und Lohnstückkosten Geldpolitik und Inflation Arbeitsblätter Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) Sparen oder Investieren? Angebotsorientierte Politik Griechenland Spanien Italien Frankreich Deutschland Lohnkosten Deflation Anleihekaufprogramm Vermögensabgabe Interaktive Grafiken zur Europäischen Wirtschaftspolitik Infografiken zur Europäischen Schuldenkrise Glossar Redaktion

Europa und der einheitliche Kapitalmarkt

Henrik Müller

/ 7 Minuten zu lesen

Ein Grund für die Krise der EU ist der unterentwickelte Kapitalmarkt. Es fehlen gemeinsame Börsenplätze, gemeinsame Regeln - und auch eine gemeinsame Finanzpolitik, meint der Ökonom Henrik Müller.

Das Pariser Banken- und Geschäftsviertel La Défense (© picture-alliance, Daniel Kalker)

Europa steht schwach da. In allen wesentlichen wirtschaftlichen Bereichen fällt der Kontinent zurück, relativ zu anderen Weltregionen – wirtschaftlich, technologisch, militärisch. Mario Draghi, der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat im Herbst 2024 Externer Link: einen schonungslosen Bericht mit eben dieser Botschaft vorgelegt. Die Europäische Union (EU) könne ganz vorn mitspielen, so die Botschaft, auf Augenhöhe mit den USA und China, als einer der großen drei Wirtschaftsräume auf dem Globus mit rund 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern. Jedoch bleibe die EU weit unter ihren Möglichkeiten.

Dieses Zurückfallen lässt sich in Zahlen fassen. Bis zur Eurokrise lagen die USA und die EU in puncto Wirtschaftsleistung in etwa gleichauf. Seit Anfang der 2010er Jahre ist Europa jedoch in eine lange Stagnation abgeglitten. Heute ist die amerikanische Wirtschaft anderthalbmal so groß wie die europäische. China hat währenddessen rapide aufgeholt. 2011, auf dem Tiefpunkt der Eurokrise, war die EU-Volkswirtschaft doppelt so groß wie die chinesische. Heute liegen beide in etwa gleichauf.

Noch krasser ist der Unterschied übrigens beim Wohlstandsniveau: Pro Einwohner erwirtschaften die USA heute doppelt so viel wie die Europäer. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat sich der Abstand drastisch ausgeweitet. Während sich in China das BIP pro Kopf im gleichen Zeitraum verdreifacht hat, ist es in Europa nur um ein Siebtel gestiegen, getrieben vor allem von erfolgreichen mittelosteuropäischen Mitgliedstaaten wie Polen und Rumänien. Deutschland, das größte EU-Land, tritt seit 2020 auf der Stelle und findet nicht aus seiner Strukturkrise heraus.

Europa bleibt fragmentiert

Die EU fällt immer weiter zurück. Und die Frage ist, warum. Der frühere US-Finanzminister Larry Summers hat Europa mal als „Museum“ bezeichnet – als Ansammlung hübsch anzuschauender Städte und Landschaften mit interessanter Geschichte, aber ohne den nötigen Drive, die Zukunft zu gestalten.

Abseits solch psychologisierender Erklärungsansätze stellen sich ökonomische Strukturfragen. Was also unterscheidet die EU zuvörderst von den USA?

Besonders augenfällig ist die Abwesenheit eines europäischen Kapitalmarkts. Die EU ist zwar eine große Volkswirtschaft mit einer gemeinsamen Währung von Weltrang, dem Euro. Aber ihr fehlt die strukturelle Unterfütterung durch gemeinsame Börsenplätze, gemeinsame Regeln und letztlich auch eine gemeinsame Finanzpolitik.

Abseits von Sonntagsreden über europäische Selbstbehauptung in einer Welt, die inzwischen von aggressiven Megamächten dominiert wird, bleibt Europa fragmentiert, in entscheidenden Bereichen zu wenig vereinheitlicht und zu verliebt in nationales Eigenbrötlertum. Deshalb verfügt die Wirtschaft nicht über die Größenvorteile ihrer Konkurrenten.

Während die USA und China als einheitliche Binnenmärkte Firmen von gigantischem Gewicht und großer Machtentfaltung hervorbringen, fehlen solche Champions in der EU. Es gibt keine europäischen Pendants zu Google, Nvidia, Microsoft, Apple, Tesla, Amazon, Alibaba, Tencent oder Meta – alles Firmen, die binnen weniger Jahrzehnte zu extrem leistungsfähigen und technologisch führenden Konzernen mit Billionen-Bewertung herangewachsen sind. Entsprechend läuft derzeit auch das Rennen um die Führungsrolle bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz: Die USA führen, China folgt dicht auf den Fersen – und Europa trottet weit abgeschlagen hinterher.

Unternehmen finden nicht genug Mittel, um zu wachsen

Eine wichtige Ursache dafür: Weil der europäische Kapitalmarkt unterentwickelt ist, finden aussichtsreiche Unternehmen in Europa nicht die nötigen Mittel, um rasch in wettbewerbsfähige Größenordnungen wachsen zu können. Technologischer Fortschritt und gelingender Strukturwandel bleiben so auf der Strecke, obwohl Europa beides dringend nötig hätte.

Nun bemüht sich die Europäische Kommission, das Projekt einer Savings and Investment Union (SIU) voranzutreiben: einer Kapitalmarktunion, damit die Ersparnisse der Bürgerinnen und Bürger in Europa produktiv eingesetzt werden können – anstatt in den Rest der Welt abzufließen. Ein längst überfälliges Reformvorhaben.

In puncto Kapitalmarkt hat die EU vor allem drei Defizite:

  • Ein gemeinsamer Kapitalmarkt ist quasi nicht vorhanden, siehe das SIU-Vorhaben.

  • Die nationalen Kapitalmärkte haben traditionelle Strukturen, die sich vor allem auf Banken stützen.

  • Risikokapitalmärkte für Startups sind in den meisten Ländern unterentwickelt.

Deutschland steht übrigens besonders schlecht da. Eine Analyse des Wirtschaftssachverständigenrats („Wirtschaftsweise“) Externer Link: zeigt die großen Unterschiede. Die an Deutschlands Börsen gehandelten Firmen haben zusammen einen Wert von gerade mal der Hälfte der nationalen Wirtschaftsleistung. Die EU insgesamt steht kaum besser da. Immerhin: Schweden kommt mit einer Börsenkapitalisierung in Höhe von etwa dem 1,5-fachen Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf Werte, die in etwa den US-amerikanischen entsprechen. Frankreich erreicht immerhin knapp 100 Prozent des BIP.

Es fehlen die Finanziers

Was die Finanzierung von jungen, schnell wachsenden Unternehmen angeht, sind die großen EU-Länder weit abgeschlagen. Die USA dominieren dieses Feld in erschreckendem Ausmaß. Erfolgversprechende Firmen brauchen nicht selten zehn Jahre und länger, bis sie in profitable Größenordnungen hineinwachsen und dann richtig durchstarten. Dazu aber benötigen sie Finanziers, die bereit und in der Lage sind, großvolumige Finanzierungsrunden in fortgeschrittenem Stadium mitzumachen, wenn es nämlich um Milliardenbeträge geht. Europäische Firmen sind dann häufig auf US-amerikanisches Venture Capital („Wagniskapital“) angewiesen. Nicht selten werden sie später von US-Firmen übernommen. Und wenn es an den Börsengang geht, zieht es sie typischerweise an die US-Tech-Börse Nasdaq. So wie der Mainzer Impfspezialist Biontech, Entwickler des ersten mRNA-Corona-Impfstoffs, der 2019 in New York Milliarden einsammelte.

Die Kapitalmärkte in Europa sind immer noch extrem bankenlastig. Das ist ein Problem. Denn Startups, die einen Kredit benötigen, um zu investieren, bekommen bei der Bank Geld nur gegen Sicherheiten. Wer eine Maschine anschafft oder eine Produktionshalle errichtet, kommt damit leichter zurecht: Falls Zahlungsschwierigkeiten eintreten, kann die Bank immer noch die beliehenen Vermögensgegenstände einbehalten. Es ist ein Finanzierungsmodell für die Old Economy. Wer aber in neue Technologien investieren, eigene Verfahren oder Software entwickeln und dafür fähige Leute einstellen will, kommt mit einem Bankkredit nicht weit. Kreditinstitute können und wollen so etwas nicht finanzieren. Denn im Fall einer Firmenpleite ist das Geld einfach weg. Die Bank bleibt auf ihren Forderungen sitzen.

Wachsende Technologieunternehmen brauchen deshalb entwickelte Kapitalmärkte, und zwar nicht nur in der Gründungsphase, sondern auch später, wenn es um die Skalierung, also die Erweiterung des Geschäftsmodells geht.

Ähnliches gilt für etablierte mittelgroße Unternehmen, die in neue Branchen und Technologien vordringen wollen. Das typisch kontinentaleuropäische Modell des mittelgroßen Familienunternehmens, verbreitet gerade im industriellen deutschen Mittelstand, finanziert solche Entwicklungen zwar aus eigenen Gewinnen, doch die Mittel sind begrenzt. Diese Strategie ist solide, aber langsam – häufig zu langsam gemessen am Tempo der Wettbewerber in den USA und in China.

Nationale Rivalitäten spielen eine Rolle

Die EU ist in einer kuriosen Situation: Sie verfügt über eine vielfältige Forschungslandschaft, die jede Menge wirtschaftlich verwertbares Knowhow hervorbringt. Sie ist auch als Lebensstandort attraktiv für gut ausgebildete Spezialisten, die Startups dringend brauchen. Mehr noch: Die EU hat jede Menge überschüssiger Ersparnisse von Bürgern und Unternehmen, die eigentlich für Investitionszwecke zur Verfügung stünden. Aber das wird nicht genutzt, weil die dafür nötigen Märkte fehlen. Mehr als eine halbe Billion Euro an europäischem Sparvermögen fließt so jedes Jahr ins Ausland ab, insbesondere in die USA, einfach weil es dort vielfältigere und bessere Anlagemöglichkeiten findet.

Die SIU soll diese Lücke schließen.

Es ist nicht leicht zu beantworten, warum das nicht längst geschehen ist. Nationale Rivalitäten spielen eine Rolle, aber auch das Zögern Deutschlands und anderer nord- und osteuropäischen Staaten, finanzielle Risiken in größerem Umfang zu vergemeinschaften.

Vereinheitlichung bedeutet auch Konsolidierung. Dabei gibt es Verlierer, kurzfristig gesehen jedenfalls. Aktuelles Beispiel: Aus europäischer Sicht wäre es vorteilhaft, wenn einige transkontinentale Großbanken von globalem Gewicht entstünden. Entsprechend wäre es aus dieser Warte eine gute Sache, dass die italienische Unicredit die deutsche Commerzbank übernimmt. Aus der nationalen Perspektive sehen die Dinge oft anders aus. Konkret sind in diesem Fall deutsche Bundesregierungen dagegen. Sie fürchtet um Arbeitsplätze, die infolge des Zusammenschlusses verloren gehen. Oder: Weil es seit dem Brexit keinen dominierenden europäischen Börsenplatz mehr gibt – zuvor war London traditionell in dieser Rolle –, gibt es kein natürliches Finanzzentrum. Paris wäre ein Kandidat. Aber dafür müssten Deutschland (Frankfurt), Italien (Mailand) oder die Niederlande (Amsterdam) auf ihre Ambitionen verzichten.

Ähnliches gilt für den finanzpolitischen Rahmen. In den USA fußt das Finanzsystem auf einer einheitlichen Gattung von staatlichen Wertpapieren, nämlich US-Bundesanleihen („Treasuries“). Sie gelten als sichere Basis und werfen die niedrigsten Zinsen ab, an denen sich wiederum alle anderen Zinssätze und Kurse orientieren. In Europa gibt es nichts Vergleichbares – weil es keine gemeinsame Finanzpolitik gibt. Jeder EU-Staat haftet für seine eigenen Schulden. Hilfen gibt es im Krisenfall, aber nicht als Dauerzustand. Deswegen herrschen in der EU unterschiedliche Finanzierungsbedingungen. Das ist gerade in Krisenzeiten ein Problem, wenn höher verschuldete Staaten mit Zinsaufschlägen („Spreads“) zu kämpfen haben und gleichzeitig deren Banken in die Knie gehen.

Nach der Finanzkrise von 2008 und der Eurokrise ab 2010 hat Europa zwar seine Institutionen weiterentwickelt . Aber das betrifftvor allem die Vorbeugung und Bearbeitung von akuten Finanzmarktmarktproblemen. So gibt es seither eine Finanzmarktaufsicht für Großbanken, Instrumente zur Abwicklung von Pleitebanken, den Eurorettungsschirm ESM, ein erweitertes Instrumentarium der EZB, um ein Auseinanderdriften des Euroraums zu verhindern. Aber es gibt weder ein „gemeinsames sicheres Asset“ noch eine gemeinsame Einlagensicherung für Bankguthaben.

Solange die Fragmentierung der Kapitalmärkte anhält, wird die EU ihr ökonomisches Gewicht kaum zur Geltung bringen können.

Weitere Inhalte

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der TU Dortmund. Der promovierte Volkswirt arbeitete lange als Wirtschaftsjournalist, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift manager magazin. Für den SPIEGEL schreibt er seit 2013 eine wöchentliche Kolumne („Externer Link: Müllers Memo“). Müller ist Autor diverser Bücher (zuletzt erschien Externer Link: Challenging Economic Journalism. Covering Business and the Economy in an Age of Uncertainty, Palgrave Macmillan 2023).

An der TU Dortmund leitet Müller den Bachelor-Studiengang "Externer Link: Wirtschaftspolitischer Journalismus".