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Europas Weg in die Energiesouveränität | Europäische Wirtschaftspolitik | bpb.de

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Europas Weg in die Energiesouveränität

Alexander Sicheneder Georg Zachmann

/ 7 Minuten zu lesen

Solange Europa von fossilen Importen abhängt, bleibt es verwundbar. Die Energieexperten Alexander Sicheneder und Georg Zachmann meinen: langfristig hilft nur die Elektrifizierung der Energienachfrage.

Solarfarm im französischen Pardies (© picture-alliance, Hans Lucas | Pierre Larrieu)

Wirtschaftliche Abhängigkeiten in einer multipolaren Welt

Das internationale System verschiebt sich. Nach Jahrzehnten amerikanischer Dominanz entsteht zunehmend eine Ordnung, in der Externer Link: mehrere Staaten gleichzeitig erheblichen Einfluss ausüben. Solche Machtverschiebungen sind Externer Link: potenziell konfliktträchtig.

Für Europa bedeutet das: wirtschaftliche Abhängigkeiten müssen neu bewertet werden. Was in einer stabileren Welt als effiziente Arbeitsteilung erschien, kann unter geopolitischem Druck zur Verwundbarkeit werden.

Besonders deutlich zeigt sich das im Energiesektor. Fast Externer Link: die Hälfte der weltweiten Primärenergie wurde 2024 in China, den Vereinigten Staaten und Russland gewonnen. Russland und die USA können daher große Mengen an Energie exportieren. Die EU dagegen muss mehr als die Hälfte (2023: 58 Prozent) ihres Bedarfs durch Importe decken. Dabei zeigt ein Blick auf folgende Tabelle große Unterschiede zwischen den einzelnen Energieträgern: 90 Prozent der importierten Energie der EU stammt aus Gas und Erdöl. Elektrizität hingegen wird nur zu 3 Prozent importiert.

Warum Energieabhängigkeit ein Risiko ist

Energie ist nicht nur ein Handelsgut, sondern eine Voraussetzung für Produktion, Mobilität, öffentliche Ordnung – und damit ein Kernpfeiler nationaler Sicherheit. Die Geschichte von den Ölkrisen der 70er Jahre über die Eskalation des Ukraine-Krieges 2022 bis hin zum Interner Link: Iran-Konflikt 2026 zeigt die extreme Krisenanfälligkeit der Energieversorgung in politischen Konflikten.

Die Gefahr liegt dabei nicht erst im totalen Lieferstopp: Schon die glaubwürdige Drohung mit einer Energiekrise untergräbt die außenpolitische Handlungsfähigkeit von Staaten.

Zitat

In einer Welt, in der wirtschaftliche Abhängigkeiten als außenpolitisches Druckmittel genutzt werden, ist Energiesouveränität daher kein rein wirtschaftliches Ziel mehr, sondern eine zwingende Voraussetzung für den Erhalt der nationalen Sicherheit und der außenpolitischen Handlungsfreiheit.

Und wie die oben gezeigte Importstrukturen verdeutlicht: Wenn über europäische Energiesouveränität gesprochen wird, stehen vor allem fossile Brennstoffe im Fokus.

Energiekrisen und ihre Folgen

Energiekrise des Jahres 2022

Die Energiekrise des Jahres 2022 hat deutlich gemacht, wie wichtig die Ersetzbarkeit von Energieträgern ist. Vor der russischen Vollinvasion lag der Anteil russischer Gaslieferungen an den EU-Erdgasimporten Externer Link: bei etwa 44 Prozent. Nach Beginn der russischen Vollinvasion stoppte Russland im Frühjahr seine Lieferungen über die Jamal-Europa-Pipeline und im Sommer über die Nord-Stream-Pipeline, auch wurden die Gasflüsse durch die Ukraine Externer Link: deutlich reduziert. Daraufhin stiegen die Gaspreise innerhalb weniger Wochen auf das Fünffache des Vorjahresniveaus. Und obwohl die EU kaum Strom importiert, übertrug sich diese Entwicklung stark auf den Strompreis. Das liegt daran, dass die Nachfrage nach Elektrizität in vielen Stunden nicht ohne Gaskraftwerke bedient werden kann. Der Preis, an dem das Stromangebot die -nachfrage ausgleichen kann, liegt also häufig etwa auf der Höhe der Stromerzeugungskosten von Gaskraftwerken. Steigen die Gaspreise, steigen deswegen in vielen Stunden auch die Strompreise.

Energiekrise des Jahres 2026

Die Schließung der Straße von Hormus – über die 2025 Externer Link: rund ein Fünftel des globalen Seehandels mit Öl und Flüssigerdgas (LNG) abgewickelt wurden – löste im März 2026 eine massive Angebotsverknappung auf dem Weltmarkt aus. Europa bezieht selbst kaum Gas und Öl durch diese Meerenge. Doch weil beides global gehandelt wird, sind die Preisfolgen hier trotzdem spürbar. Die meisten Öl- und Gaslieferverträge mit und innerhalb der EU sind an Preisindizes wie ‚Brent‘ für Öl und ‚TTF‘ für Erdgas gekoppelt. Diese Preisindizes spiegeln die globale Marktdynamik wider – und entsprechende Anstiege tauchen dann auch an europäischen Tankstellen, in unseren Heizungsrechnungen und schließlich bei Stromrechnungen und in den Inflationsstatistiken auf.

Die EU reagiert auf das Dilemma fossiler Energieimporte inzwischen mit einer De-Risking-Strategie: Risiken sollen reduziert werden, Externer Link: ohne sich vollständig von globalen Märkten abzukoppeln. Die Schließung der Straße von Hormus verdeutlicht aber: Solange Europa auf fossile Importenergie angewiesen ist, bleibt es gegenüber externen Schocks verwundbar. Deswegen steht dem De-Risking die Denkschule der Entkopplung (De-Coupling) gegenüber, die etwa im US-amerikanischen Denken Einzug erhalten hat. Diese Sichtweise versteht Energiesouveränität als konsequente Entkopplung von ausländischen Energiequellen hin zu einer möglichst autarken Eigenversorgung (Erneuerbare Energien, einheimische Gasförderung, Atomkraft). In der politischen Realität verschmelzen diese Ansätze meist zu einer hybriden Strategie. So will die EU-Kommission mit ihrem AccelerateEU 2026-Programm mehr „Externer Link: heimische saubere Energien“ sowie gleichzeitig den Import von Gas aus „Partnerländern“ sowie Mechanismen zur Risikoverteilung unterstützen.

Da die Europäische Union nur über begrenzte eigene Öl- und Gasvorkommen verfügt, ist eine vollständige Unabhängigkeit von Energieimporten wenig realistisch. Kurzfristig kann die Verwundbarkeit vor allem durch eine stärkere Diversifizierung der Lieferländer und eine stärkere Beachtung des Konzepts der Ersetzbarkeit verringert werden. Doch mittel- bis langfristig lässt sich die strukturelle Importabhängigkeit Europas nur verringern, wenn der Anteil fossiler Energieträger sinkt.

Diversifikation und Ersetzbarkeit: Bewusst mit unserer Abhängigkeit umgehen

Dies erfordert einen tiefgreifenden Umbau des Energiesystems. Dazu sind grundsätzlich drei Maßnahmen nötig. Die Energiekrise 2022 zeigte grundsätzlich den folgenden Mechanismus: Je stärker Europa von einem einzelnen Lieferland abhängt, desto größer ist das Risiko bei einem Ausfall. Diversifikation, also die Streuung von Energieimporten über verschiedene Länder, Regionen und Transportwege, reduziert dieses Risiko und ist eine zentrale Voraussetzung europäischer Energiesouveränität.

Seit 2022 hat Europa seine Abhängigkeit von Russland verringert: von etwa 45 Prozent bei Beginn der russischen Vollinvasion Externer Link: auf etwa 12 Prozent im Jahr 2025 bei Gas und von 27 Prozent auf zwei Prozent bei Öl. Gleichzeitig stieg die Externer Link: Abhängigkeit von US-amerikanischem Flüssiggas (LNG) von 15 auf 27 Prozent. 2019 hatte der Anteil noch bei vier Prozent gelegen. Die LNG-Importe der EU haben im März 2026 einen neuen Höchststand von etwa 14 Milliarden Kubikmetern Erdgas erreicht - im März 2020 lagen diese bei 8 Milliarden Kubikmetern.

Auf den ersten Blick wirkt diese Entwicklung wie ein reiner Tausch der Hauptlieferanten. Doch nicht jede Abhängigkeit ist gleich riskant. Entscheidend ist, wie schnell und zu welchen Kosten ein Lieferant oder ein Energieträger ersetzt werden kann. Je leichter die Ersetzbarkeit, desto geringer ist die politische Verwundbarkeit. Und mit der Erhöhung der LNG-Importe aus den USA hat die EU ihre Flexibilität in der Vergangenheit tatsächlich gestärkt.

Pipelines werden üblicherweise nahe an der Kapazitätsgrenze betrieben. Wenn eine andere Lieferung ausfällt, können bestehende Pipelines dies nicht ausgleichen. LNG jedoch kann per Schiff weltweit transportiert werden. Zwar ist das in der Regel teurer, doch lässt sich dafür der Lieferant relativ schnell wechseln. Würde also die USA als Lieferant an Europa ausfallen, könnten Externer Link: andere Anbieter einspringen.

Hierbei muss beachtet werden: Investitionen in LNG-Infrastruktur können dazu führen, dass Europa langfristig an Gas gebunden bleibt (“Lock in”). Die Betreiber haben ein finanzielles Interesse, die Anlagen auszulasten, weitere Investitionen ins Energiesystem (Kraftwerke, Verbraucher) orientieren sich an freien Gasimportkapazitäten und der Staat Externer Link: macht sich weiter abhängig vom Gas. In anderen Worten: Investitionen von heute beeinflussen die Handlungsoptionen von morgen. Zu hohe Investitionen in LNG-Importkapazitäten und vertragliche Strukturen, die eine hohe Auslastung derselben für entscheidende Akteure attraktiv machen, können unsere Gasabhängigkeit zementieren.

Zur Begrenzung unumgänglicher kurzfristiger politischer Erpressbarkeiten bieten sich strategische Speicher an. Diese dürfen aber nicht zur Marktsteuerung, sondern nur als temporäre geopolitische Rückversicherung und als ‚letzte Reserve‘ genutzt werden.

Ob spekulative energietechnische Lösungen in (quasi-)staatlichen Energiesystemplanungen bei der Lösung des Problems helfen werden, ist noch nicht absehbar. Welchen Beitrag neue (kleine) Atomkraftwerke, Fusionsreaktoren oder substanzielle Wasserstoffimporte zu unserer Energieversorgung leisten könnten, können wir erst deutlich nach 2030 überhaupt sinnvoll abschätzen. Schnelle Investitionen in die einheimische Stromerzeugung bergen daher vorerst das größte Potenzial, um sich von Gasimporten unabhängig zu machen.

Elektrifizierung und Effizienzmaßnahmen: unsere Abhängigkeit auslaufen lassen

Von Energieimporten gänzlich unabhängig zu werden, ist unrealistisch - solange unser Wirtschaftssystem von Öl und Gas abhängig ist. Neben angebotsseitigen Maßnahmen ist es deswegen entscheidend, nachfrageseitige Instrumente einzusetzen, die den Gas- und Ölverbrauch reduzieren. Energieeffizienzmaßnahmen und gezielte Elektrifizierung senken unmittelbar den Bedarf an Gas und Öl.

Energieeffizienzmaßnahmen in Gebäude, Industrieprozesse und Verkehr ermöglichen es, direkte Gas- und Ölverbräuche zu reduzieren und Versorgungslücken zu verkleinern. Parallel dazu ermöglicht die Elektrifizierung bislang gas- und ölbasierter Prozesse, etwa in der industriellen Wärmeerzeugung oder der Mobilität, den Ersatz fossiler Energieträger durch Strom, der zunehmend aus erneuerbaren Quellen stammt. Ein integriertes Stromnetz ermöglicht es, regionale Produktionsüberschüsse grenzüberschreitend zu nutzen, Engpässe auszugleichen und Preisspitzen zu dämpfen. Durch koordinierte Marktregeln und internationale Stromnetzverbindungen sinkt die Notwendigkeit, zur Deckung kurzfristiger Spitzen auf Gaskraftwerke zurückzugreifen.

Damit diese Transformation gelingt, ist ein in sich schlüssiger politischer Instrumentenkasten entscheidend: Mit einem integrierten Ansatz aus wirksamen Sparanreizen, Elektrifizierung und Marktintegration kann Europa seinen Öl- und Gasverbrauch auf der Nachfrageseite senken. Auf diese Weise verlagert sich die geopolitische Relevanz von Gas- und Ölimporten zu Stromflüssen innerhalb eines gemeinsamen Marktes. Der nächste Schritt besteht darin, die Resilienz dieser Infrastruktur zu stärken.

Resilienzmaßnahmen: Für ein robustes, zukünftiges Stromsystem

Eine zunehmende Elektrifizierung des Energiesystems wird dazu führen, dass Stromflüsse geopolitisch an Bedeutung gewinnen und wichtiger werden als Brennstoffflüsse. Die Strominfrastruktur ist hierbei weniger exklusiv als die Infrastruktur für den Export und Import von Gas und Öl. Im europäischen Stromverbund sind fast alle verbundenen Länder zu bestimmten Stunden des Jahres sowohl, Export-, Import- als auch Transitland. Das macht die Nutzung von Externer Link: Strom als politisches Druckmittel untereinander deutlich schwerer.

Gleichzeitig zeigt die Sensibilität des Stromsystems, wie wichtig Resilienzmaßnahmen sind. Resilienz beschreibt die Fähigkeit des Energiesystems nach dem Schock, nicht zu kollabieren, sondern in einen gewünschten Zustand der Stabilität zurückzupendeln.

Der Strom-Blackout von 2025, der Spanien, Portugal und teilweise Frankreich betraf, verdeutlichte, wie kleine Netzstörungen innerhalb von Sekunden zu großflächigen Stromausfällen führen können. Auch der Vorfall im Januar 2026, der aufgrund einer technischen Störung an zwei Stromleitungen zwischen Rumänien, Moldawien und der Ukraine zu großflächigen Stromausfällen in der Region führte, unterstreicht die potentielle Verwundbarkeit des Systems.

Strom ist nur begrenzt speicherbar, fließt in Lichtgeschwindigkeit über Ländergrenzen hinweg, und Angebot und Nachfrage müssen jederzeit ausgeglichen sein. Um Energiesicherheit zu garantieren, müssen diese Eigenschaften bei der Planung des Stromsystems, dem Systembetrieb mit Millionen Anschlussstellen, und der Aktivierung eventueller Fehlerbehebungsmaßnahmen berücksichtigt werden.

In einem sich dynamisch entwickelnden Stromsystem braucht es hier vor allem eine den neuen Herausforderungen (hoher Erneuerbarenanteil, wachsender grenzüberschreitender Stromaustausch, bösartige Akteure) Externer Link: angemessene ‚Governance‘, worunter wir insbesondere die passende Zuordnung von Verantwortlichkeiten und Fähigkeiten verstehen.

Strategische Speicher, Maßnahmen zur Härtung unseres Energiesystems gegen Angriffe und die weitere Diversifikation von Energielieferanten werden kurzfristig finanzielle Belastungen für Haushalte und Unternehmen mit sich bringen. Dennoch sind diese geboten, denn die politischen Kosten im falschen Moment von den falschen Lieferanten abhängig zu sein, wären im schlimmsten Fall langfristig spürbar.

Mittel- und langfristig kann das ressourcenarme Europa eigentlich nur auf die weitgehende Elektrifizierung der einheimischen Energienachfrage setzen, wenn es politisch autonom agieren können möchte. Die dafür notwendigen Investitionen sind signifikant. Dennoch sollte bei der richtigen Kalibrierung von Geschwindigkeit und Kosten dieses Umbaus berücksichtigt werden, dass ein zu langsamer Umbau die Verwundbarkeit des Energiesystems gefährlich verlängert.

Weitere Inhalte

Alexander Sicheneder ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB) und Mitglied des Green Deal Ukraïna Teams. Er ist Experte für nachhaltige Energiewendeprozesse.

Georg Zachmann ist Experte für den europäischen Strommarkt am Brüsseler Thinktank Bruegel. Außerdem ist er wissenschaftlicher Leiter des Green Deal Ukraїna-Projektes am Helmholtz-Zentrum Berlin.