In einer Werkshalle in Niederbayern steht eine hochmoderne Fräsmaschine – entwickelt von einem mittelständischen Weltmarktführer, exportiert das Unternehmen in alle Kontinente. Es handelt sich um eine jener Firmen, die als „Hidden Champions“ den Ruf der deutschen Industrie prägen: hochspezialisiert, technologisch führend, weltweit begehrt.
Noch vor wenigen Jahren galten Maschinen wie diese als kaum kopierbar. Doch heute steht sie in Konkurrenz mit einem ähnlichen chinesischen Produkt. Es ist schneller verfügbar, technisch erstaunlich nah dran – vor allem aber günstiger. Für zahlreiche deutsche Hersteller ist das inzwischen die neue Normalität. Was lange als ihre sichere Domäne galt, ist plötzlich zu einem umkämpften Terrain geworden: Die Technologieführerschaft des einstigen „Exportweltmeisters“ ist in vielen Sektoren dahin. Und der wichtigste Herausforderer kommt ausgerechnet aus dem Land, dessen Wirtschaft die Deutschen einst selbst maßgeblich mit aufbauten: der Interner Link: Volksrepublik China.
Anders als beim ersten China-Schock zu Beginn der 2000er-Jahre, als vor allem die USA durch billige Importe und Produktionsverlagerungen unter Druck gerieten, richtet sich die Konkurrenz heute direkt gegen die industriellen Kernbereiche Deutschlands. Maschinenbau, Chemie und Automobil – lange Zeit das Rückgrat des deutschen Exportmodells – stehen unter massivem Wettbewerbsdruck aus Fernost. Der zweite China-Schock trifft damit ins Zentrum der deutschen Wirtschaft, und damit auch Europa, da fast die Hälfte der europäischen Exporte nach China aus Deutschland stammen.
Abhängigkeit wird immer größer
Und mehr noch: China ist nicht nur zum schärfsten Konkurrenten der Deutschen geworden. Gleichzeit wächst die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von der Volksrepublik. Zum einen ist China für viele Unternehmen der wichtigste Absatzmarkt. Zum anderen steigt die Abhängigkeit von zentralen Gütern und Rohstoffen – und das ausgerechnet in den Bereichen, die die Bundesregierung in ihrer China-Strategie von 2023 als besonders kritisch eingestuft hat.
Das zeigt auch eine Externer Link: aktuelle Studie der Interner Link: Friedrich-Naumann-Stiftung. Demnach ist Chinas Anteil an den Importen wiederaufladbarer Lithium-Batterien von knapp 50 Prozent im Jahr 2023 auf 66,5 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Bei Solarpanels liegt der Anteil inzwischen bei über 92 Prozent, bei Antibiotika bei 73 Prozent. Besonders gravierend ist die Abhängigkeit bei Seltenen Erden, die für nahezu alle modernen Technologien unverzichtbar sind und bei denen China über ein Quasimonopol verfügt.
Damit ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Verwundbarkeit entstanden. „Ausgerechnet in kritischen Bereichen diversifiziert Deutschland nicht, sondern wird noch abhängiger und damit noch verletzlicher“, bemängelt Studienautor Frederic Spohr, der die Büros der FDP-nahen Stiftung in Taiwan und Südkorea leitet.
Wie konnte es so weit kommen? Was ist Ergebnis eigener Leistung – und wo hat China unfair gespielt? Welche Rolle spielen Fehlentscheidungen? Und warum wachsen die Abhängigkeiten weiter, obwohl Politik und Regierung seit Jahren Interner Link: „De-Risking“, also die Minimierung ökonomischer Risiken fordern?
Der Aufstieg Chinas ist beispiellos
Ein Teil der Antwort liegt zweifellos in Chinas eigener Leistung. Der Aufstieg von einem armen und rückständigen Land zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ist historisch beispiellos. Er basiert auf der Arbeit von Hunderten Millionen Menschen, die über Jahrzehnte hinweg zu niedrigen Löhnen den Rest der Welt mit günstigen Waren zu versorgten. Chinas kommunistische Staatsführung unterstützte und lenkte diese Entwicklung. Sie ließ Fabriken, Straßen, Schienen, Häfen und Datennetze bauen.
Über Jahrzehnte hat das Land auf diese Weise systematisch industrielle Fähigkeiten aufgebaut. Es hat sich nicht mehr mit dem Status als Werkbank der Welt zufrieden gegeben, sondern sich gezielt technologisch immer weiter nach oben gearbeitet.
Massive Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Forschung spielten dabei eine zentrale Rolle. Ingenieure und Fachkräfte wurden in großer Zahl ausgebildet, staatliche Programme förderten Schlüsselindustrien, Unternehmen konnten in einem riesigen Binnenmarkt schnell skalieren, also in großen Mengen kosteneffizient produzieren. Diese Kombination aus staatlicher Steuerung und marktwirtschaftlichem Wettbewerb hat viele chinesische Firmen hochgradig wettbewerbsfähig gemacht.
Deutschland profitierte von Chinas Aufstieg ganz besonders
Von dieser Entwicklung haben auch andere Länder profitiert. Schließlich entstand mit Chinas Aufstieg ein neuer gigantischer Absatzmarkt, dessen wachsende Mittelschicht Produkte aus aller Welt nachfragte. Ein Land ist besonders wohlhabend durch die Nachfrage aus China geworden: Deutschland. Denn die Deutschen lieferten genau das, was Chinas Industrie brauchte: Maschinen, Anlagen und hochwertige industriellen Vorprodukte. Für die Deutschen wurde China zum größten und wichtigsten Markt. Und sie stießen auf dankbare Abnehmer. „Made in Germany“ war ein Gütesiegel, deutsche Technik hoch angesehen. Von Deutschland übernahmen die Chinesen zugleich technisches Know-how und Managementmethoden, industrielle Standards. In vielerlei Hinsicht war dies eine klassische Win-Win-Konstellation.
Doch diese Phase ist vorbei. Spätestens seit gut einem Jahrzehnt verfolgt China das Ziel, nicht nur aufzuholen, sondern selbst zur technologischen Führungsmacht zu werden. Und zwar auf höchst strategische Weise. Staatliche Industrieprogramme wie „Made in China 2025“ zielen darauf ab, in genau jenen Branchen führend zu werden, die Deutschland dominierte.
Dabei kommen auch Instrumente zum Einsatz, die den Wettbewerb verzerren. Staatliche Subventionen stützen gezielt bestimmte Industrien, etwa in der Solar- oder Stahlproduktion. China sorgt auf diese Weise auch für erhebliche Überkapazitäten, die einen massiven Preisdruck auf den Weltmärkten auslösen. In einem solchen Umfeld setzen sich vor allem Unternehmen durch, die in großer Stückzahl und damit kosteneffizient produzieren können. Diese Interner Link: Mischung aus staatlicher Steuerung und marktwirtschaftlichen Elementen hat viele chinesische Firmen nicht nur enorm wettbewerbsfähig gemacht. Viele westliche Firmen können angesichts des starken Staates im Rücken der chinesischen Konkurrenz gar nicht mehr mithalten – und zwar weltweit nicht.
Hinzu kommen weitere Kritikpunkte: eingeschränkter Marktzugang und regulatorische Hürden sowie – zumindest in der Vergangenheit – erzwungene Technologietransfers für die westliche Firmen. Während europäische Märkte vergleichsweise offen für chinesische Unternehmen sind, bleibt der Zugang zum chinesischen Markt für ausländische Firmen selektiv und strategisch gesteuert.
Deutsche Fehler
Der zweite große Faktor für die Abhängigkeit von China ist allerdings hausgemacht. Über Jahre hinweg hat sich die deutsche Wirtschaft stark auf China ausgerichtet. Für viele DAX-Konzerne wurde das Land zum wichtigsten Absatzmarkt. Gleichzeitig wurden Lieferketten immer stärker auf China ausgerichtet – aus Effizienzgründen und wegen niedriger Kosten. Diese Strategie war lange erfolgreich, führte jedoch zu einseitigen Abhängigkeiten.
Ein weiterer Fehler war eine gewisse Selbstzufriedenheit. Viele Unternehmen unterschätzten die Geschwindigkeit des technologischen Aufholprozesses Chinas. Man vertraute darauf, dauerhaft überlegen zu bleiben. Während China jedoch gezielt in Zukunftstechnologien investierte, agierte Deutschland in zentralen Bereichen zögerlich – etwa bei Digitalisierung, Batterietechnologie oder Plattformökonomien. Noch um 2010 galt Deutschland als digital überlegen, wenige Jahre später war Gleichstand erreicht. Heute liegt China in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz zusammen mit den USA vorn, während Europa nur eine Nebenrolle spielt.
Trotz wachsender Risiken nehmen die Abhängigkeiten weiter zu. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch zwischen Politik und Wirtschaft. Während die Bundesregierung seit Jahren „De-Risking“ fordert, handeln vor allem die großen Dax-Unternehmen nach einer anderen Logik. Für sie bleibt China ein zentraler und unverzichtbarer Markt.
Auch sie sprechen von Risikoreduzierung. Statt sich aber von China zurückzuziehen, setzen sie umso mehr auf die Volksrepublik und weiten ihre Investitionen sogar unter dem Motto „In China für China“ aus. Produktionsstätten, Forschung und Entwicklung werden zunehmend vor Ort aufgebaut. Das soll geopolitische Risiken reduzieren. Unternehmen wie Volkswagen oder BASF argumentieren, dass sie ohne starke Präsenz in China global nicht konkurrenzfähig bleiben können. Der chinesische Markt sei wie eine Art „Fitness-Club“, argumentiert etwa BASF. Wer dort besteht, kann auch weltweit mithalten. Das erklärt, warum BASF für mehr als zehn Milliarden Euro in ein neues Werk im südchinesischen Zhanjiang investiert, während im Stammwerk in Ludwigshafen Tausende Arbeitsplätze abgebaut werden. Gleichzeitig produziert VW mit seinen über 30 Werken in der Volksrepublik zunehmend nur auf den dortigen Markt zugeschnittene kostengünstige E-Fahrzeuge.
Auswege aus dem Dilemma
Ein vollständiger Rückzug aus China ist für die meisten Unternehmen keine realistische Option; zu groß wären die wirtschaftlichen Verluste. Nötig ist deshalb kein harter Schnitt, sondern eine strategische Neujustierung. Dazu gehört vor allem, die wirtschaftlichen Beziehungen breiter aufzustellen und Interner Link: neue Partnerschaften in Indien, Südostasien, Lateinamerika und besonders im Interner Link: Globalen Süden aufzubauen.
Genau hier kann die EU mit ihrer Interner Link: Global-Gateway-Initiative ansetzen: Sie will massive Investitionen in Infrastruktur, Energie, Digitalisierung, Gesundheit und Bildung ermöglichen und damit eine transparente, nachhaltige Alternative zur chinesischen „Neuen Seidenstraße“ bieten. Für viele Länder des Globalen Südens ist das attraktiv, weil sie nicht nur Kapital und Technologie suchen, sondern Partner, die auf lokale Wertschöpfung, verlässliche Finanzierung und höhere Standards setzen. Für Europa eröffnet sich damit die Chance, in diesen Regionen neue wirtschaftliche Beziehungen zu knüpfen, Risiken zu streuen und zugleich die eigene Abhängigkeit von China schrittweise zu reduzieren.
Zugleich muss die eigene industrielle Basis gestärkt werden. Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, erneuerbare Energien, Batterien und künstliche Intelligenz sind entscheidend, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Hier kann Europa von China lernen. Strategischer zu denken und industriepolitisch entschlossener zu handeln.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Resilienz in Lieferketten. Kritische Abhängigkeiten – etwa bei Rohstoffen oder Medikamenten – müssen reduziert werden. Das kann durch strategische Reserven, alternative Bezugsquellen oder eigene Produktion geschehen.
Nicht zuletzt kommt der europäischen Ebene eine zentrale Rolle zu. Einzelne Staaten sind gegenüber China oft zu schwach, um ihre Interessen wirksam durchzusetzen. Eine koordinierte europäische China-Politik kann hier deutlich mehr Gewicht entfalten, etwa bei Handelsregeln oder Investitionskontrollen.
Der zweite China-Schock ist mehr als nur ein plötzlicher Einschnitt, sondern vielmehr Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels der deutschen Wirtschaft. Für Deutschland und Europa geht es darum, sein über Jahrzehnte erfolgreiches Modell neu auszurichten – ohne in Protektionismus zu verfallen, aber auch ohne die Risiken weiterer Abhängigkeiten zu ignorieren. Wie gut dieser Balanceakt gelingt, wird entscheidend dafür sein, welche Rolle die europäische Wirtschaft in einer Welt spielt, die nicht mehr allein vom Westen geprägt sein wird, sondern eben auch von China, der schon bald größten Volkswirtschaft der Welt.