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Kommentar: Die Sprachen und die Politik | Ukraine-Analysen | bpb.de

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Kommentar: Die Sprachen und die Politik

Anastasija Kostiučenko Von Anastasija Kostiučenko (Universität Greifswald)

/ 3 Minuten zu lesen

In der Ukraine ist der Umgang mit der Staatssprache umstritten. Was bringt das neue Sprachengesetz?

Herausgeber der Länderanalysen

Gemeinsam herausgegeben werden die Ukraine-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Kinder besuchen ihre erste Unterrichtsstunde im neuen Schuljahr an einer Schule in Avdiivka. (© picture-alliance, ZUMAPRESS.com | Andriy Andriyenko)

Zum Language Regime der Ukraine

Seit dem Ende der Sowjetunion wird in der Ukraine eine explizite, offene und insofern für Außenstehende gut sichtbare Sprachpolitik betrieben. Sie ist ausschließlich auf den Erhalt und die Beplanung des Ukrainischen, das zur Staatssprache erhoben wurde, ausgerichtet. Man rechtfertigt die Politik mit dem Lauf der Geschichte, in der Ukrainisch jahrzehntelang unterdrückt wurde. Was die "Wiederherstellung" ihrer Titularsprache und die Ausklammerung von Zwei- und Mehrsprachigkeit, welche auf gesellschaftlicher Ebene de facto bestehen, angeht, bildet die Ukraine keine Ausnahme im postsowjetischen Raum. So zeigen beispielsweise Heiko F. Marten und Sanita Lazdiņa in einem 2019 erschienenen Beitrag auf, dass eine Sprachpolitik, die einen "Reversal of Language Shift" zum Ziel hat, auch in Lettland seit der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit praktiziert wird. Mit Blick auf die dortige Sprachensituation kann auch die aktuelle Sprachpolitik der Ukraine im Wesentlichen als eine solche Reversing-Language-Shift-Politik bezeichnet werden.

Eine offene, gesetzliche Sprach(en)politik wird in der Regel von oben, d. h. durch staatliche Akteure, betrieben. Dem steht eine Politik von unten gegenüber, die von einer Sprechergemeinschaft, d. h. von "den Betroffenen" selbst, ausgeht und für die insbesondere die Einstellungen der Menschen zu ihren Sprachen zentral sind. In der sprach(en)politischen Forschung besteht ein Konsens darüber, dass es erst dann zu einem harmonischen Miteinander kommen kann, wenn zwischen den beiden Ebenen der Sprach(en)politik kein Widerspruch mehr besteht. Andernfalls sind, das folgert notwendig aus diesen Einsichten, sprachenevozierte Konflikte vorprogrammiert – was im Falle der Ukraine mehr als deutlich ist.

So kam es 2012 im Zuge der Verabschiedung des Sprachgesetzes, das Serhij Kiwalow und Wadym Kolesnitschenko ins Parlament einbrachten, zu ukraineweiten Protestaktionen, die, wie die einflussreiche ukrainische Expertin für Soziolinguistik, Larysa Masenko, herausstellt, damals als Language-Maidan bezeichnet worden seien und die dann zum später weltweit bekannten Euro-Maidan geführt hätten. Daher ist es ein gängiges, länderübergreifendes Narrativ im wissenschaftlichen wie auch im medialen Diskurs, dass der Konflikt im Osten der Ukraine sprachliche Wurzeln hat. Denkbar aus der Sicht der Soziolinguistik ist im Falle der Ukraine aber auch eine diametral entgegengesetzte Wahrnehmung: Erst durch den andauernden, bewaffneten Konflikt, der sich in einen Krieg zwischen der Ukraine und Russland verwandelt hat, wurde die Sprach(en)frage zu einem zentralen Politikum in der heutigen Ukraine.

Eine Neuorientierung in der Sprach(en)politik?

Das umstrittene Sprachgesetz von 2012 wurde im Jahre 2018 durch das ukrainische Verfassungsgericht aufgehoben. An seine Stelle trat 2019 ein neues Sprachgesetz, das "Über die Sicherstellung der Funktion des Ukrainischen als Staatssprache" heißt. Das Gesetz wurde von Präsident Petro Poroschenko kurz vor Ende seiner Amtszeit unterzeichnet und auf diese Weise gab er es als "Erbe" an Wolodymyr Selenskyj weiter. Weil es im Einklang mit der Idee eines Reversing Language Shift steht, sieht das Gesetz eine Fülle von korpus- und statusplanerischen Maßnahmen für das Ukrainische vor. Seine sprachpuristische Ausrichtung erkennt man beispielsweise an der Regelung in §3 Abs. 6 Pkt. г, authentisch ukrainische Wörter, Phrasen oder Begriffe anstelle von zwar geläufigen, aber nicht authentisch ukrainischen Wörtern in denjenigen Fällen zu verwenden, in denen es ukrainische Äquivalente gibt.

Es stellt sich die politisch vielleicht etwas provokative, wissenschaftlich jedoch sehr relevante Frage, inwiefern das neue Sprachgesetz durch diese und ähnliche Regelungen zur Harmonie im Staat beitragen und inwiefern es die beiden Ebenen der Sprach(en)politik miteinander in Einklang bringen wird. Einerseits sichert das neue Gesetz die Verwendung des Ukrainischen im öffentlichen Leben und insbesondere im Dienstleistungssektor ab und fungiert somit als Motor nationaler Identität und gesellschaftlicher Integration, andererseits bedeutet es im Detail eine restriktive Maßnahme, die – wie man aus den Erfahrungen des Baltikums im Umgang mit seinen Minderheiten weiß – die tatsächlichen Einstellungen der Gesamtbevölkerung zu ihren Sprachen und zum Prestige anderer Idiome unzureichend bis kaum berücksichtigt und zusätzlich neue Identitätsfragen für die Bevölkerung mit sich bringt. Es bedarf in der Folge des neuen Sprachgesetzes auf jeden Fall unabhängiger wissenschaftlicher, interdisziplinärer Studien, die seine Auswirkungen in den einzelnen Domänen genauer unter die Lupe nehmen, um populistischer Rhetorik vorzubeugen, die mit Blick auf aktuelle Ereignisse so viel Nährboden wie nie besitzt.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Dr. phil. Anastasija Kostiučenko ist Sprachwissenschaftlerin an den Instituten für Slawistik und Baltistik der Universität Greifswald. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei Sprach(en)politik, Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt.