Soziale Schere, Kluft zwischen Arm und Reich
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Caption: Soziale Schere, Kluft zwischen Arm und Reich

1.10.2021 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Bedeutung und Aktualität der Verteilungsfrage

Eine Gleichverteilung von Einkommen, Vermögen, Lebensbedingungen und gesellschaftlicher Teilhabe kann es in einer Markt- und Leistungsgesellschaft nicht geben. Wer erhält viel und wer wenig? Wie stabil ist die Mitte der Gesellschaft? Ist die Ungleichheit in den zurückliegenden Jahren gewachsen oder hat sie sich verringert?

Demonstration gegen den 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2013. Nicht nur die Bundesregierung und die Bundesländer, sondern auch sehr viele Kommunen erstellen Sozial- bzw. Armuts- und Reichtumsberichte, um empirisch abgesicherte Informationen über den Stand und die Trends der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Lebenslagen zu erhalten.Demonstration gegen den 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2013. Nicht nur die Bundesregierung und die Bundesländer, sondern auch sehr viele Kommunen erstellen Sozial- bzw. Armuts- und Reichtumsberichte, um empirisch abgesicherte Informationen über den Stand und die Trends der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Lebenslagen zu erhalten. (© dpa)

Verteilungsungleichgewichte und -konflikte in einem insgesamt wohlhabenden Land

Das Volkseinkommen in Deutschland liegt bei 2,56 Billionen Euro (2019), das entspricht einem Pro-Kopf-Einkommen von 30.832 Euro im Jahr. Im Jahr 2010 lauteten die entsprechenden Werte noch 1,905 Billionen Euro bzw. 23.729 Euro [1]. Solche Durchschnittswerte sagen jedoch wenig aus. Wie verteilt sich der Wohlstand? Wie sehen die Einkommens- und Lebensbedingungen je nach der sozialen Stellung aus? Ist die Ungleichheit in den zurückliegenden Jahren gewachsen oder hat sie sich verringert? Über die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes in einer Gesellschaft kann nicht "objektiv" entschieden werden. Ausschlaggebend sind sowohl die Verhältnisse auf dem Arbeits- und Kapitalmarkt, als auch die Ergebnisse der Politik. Weil es gegensätzliche Interessen gibt, sind Verteilungskonflikte unvermeidbar.

Im Verlauf der Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg haben sich die Einkommen und Vermögen in Deutschland um ein Mehrfaches erhöht und die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen grundlegend verbessert. Allein das Bruttogeldvermögen (also noch ohne Berücksichtigung von Grundvermögen und Produktivvermögen) liegt 2018 bei 6,0 Billionen Euro [2]. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Welt, insbesondere in der südlichen Hemisphäre, erscheint Deutschland als ein Land des Wohlstands, ja des Überflusses.

Diese Beschreibung ist richtig und falsch zugleich. Richtig ist, dass es rechnerisch noch nie ein so hohes Wohlstands- und Versorgungsniveau in Deutschland gegeben hat wie heute. Irreführend wird diese Beschreibung jedoch dann, wenn damit der Eindruck erweckt wird, dass alle Menschen gleich gut gestellt sind, dass es also keine gravierenden Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen der Bevölkerung gibt. Dies ist aber nicht der Fall. Statistische Mittelwerte ebnen Unterschiede in der Einkommensverteilung rechnerisch ein, machen Ungleichheiten unkenntlich. Und bei der Vermögensverteilung ist es unsinnig, aus der Gesamtsumme der Geldvermögen einen pro-Kopf Wert abzuleiten, denn ein kleiner Teil der Bevölkerung verfügt über ein hohes bis sehr hohes Vermögen, während der größte Teil wesentlich weniger aufweist − bis hin zur Verschuldung.

Eine Gleichverteilung von Einkommen, Vermögen, Lebensbedingungen und gesellschaftlicher Teilhabe gibt es nicht und kann es in einer Markt- und Leistungsgesellschaft auch nicht geben. Soziale Ungleichheit prägt das Gesicht der modernen Gesellschaft. Die grundlegende Frage ist dabei, wie groß die Unterschiede zwischen "unten" und "oben" sind, wie stark die "Mitte" der Gesellschaft besetzt ist und welche Entwicklung sich im Zeitverlauf zeigt, ob also die Ungleichheit gewachsen ist oder sich verringert hat. Hier stellt sich auch die Frage nach der intra- bzw. intergenerationalen Stabilität.

Bei der Analyse der Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands geht es also nicht nur um die absolute Höhe der Einkommen und Vermögen, sondern vor allem auch um die relative Stellung von einzelnen Personen, Personengruppen oder Haushalten in der Hierarchie der Einkommen und Vermögen wie auch der Lebensbedingungen insgesamt. Untergliedert man die Bevölkerung nach demografischen und sozialen Merkmalen, dann fällt auf, dass es signifikante Unterschiede u.a. zwischen den Geschlechtern, Altersgruppen, Haushaltszusammensetzungen, Nationalitäten und Regionen gibt.

Gleichermaßen signifikante Abweichungen zeigen sich, wenn man nach dem schulischen und beruflichen Bildungsabschluss, dem Erwerbsstatus (Erwerbstätige, Arbeitslose, Rentner), der beruflichen Stellung (Arbeiter, Angestellte, Beamte, Selbstständige) oder den Tätigkeitsanforderungen (Qualifikation) unterscheidet.

Die Einkommens- und Vermögensposition spielt deshalb eine zentrale Rolle bei der Analyse der Sozialstruktur einer Gesellschaft und der Zuordnung der Bevölkerung zu einzelnen sozialen Schichten. Je höher das Einkommen und Vermögen, umso besser ist nicht nur die Versorgung mit materiellen Gütern und mit Dienstleistungen, sondern die Lebensbedingungen insgesamt verbessern sich − so hinsichtlich der Größe und Qualität der Wohnung, der Wohnumgebung, der Freizeit und Urlaubsgestaltung, der Bildungsteilhabe und der sozialen Kontakte. Nicht zuletzt besteht zwischen hohen Einkommen und Vermögen auf der einen Seite und der wirtschaftlichen Macht und politischem Einfluss auf der anderen Seite ein enger Zusammenhang.

Über die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes in einer Gesellschaft kann nicht "objektiv" entschieden werden, ausschlaggebend sind sowohl die Verhältnisse auf dem Arbeits- und Kapitalmarkt, als auch die Ergebnisse der Politik. Weil es gegensätzliche Interessen gibt, sind Verteilungskonflikte strukturell angelegt: So streiten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände über Lohnerhöhungen und oftmals wird ein Kompromiss erst nach einem Streik erzielt. Und in der Politik herrschen höchst unterschiedliche Vorstellungen über die "richtige" Höhe von Steuern auf der einen Seite und von Sozialleistungen auf der anderen Seite. Die Liste der strittigen Themen ist lang.

Auch in der Wissenschaft herrscht keineswegs Einigkeit über den Umgang mit den Problemen Verteilung bzw. Armut und Reichtum. Das beginnt bereits bei der Diagnose (und setzt sich naturgemäß bei der Prognose und Therapie fort). Dazu ein kurzes Beispiel aus dem Jahresgutachten 2019/2020 des Sachverständigenrates für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung (vgl. Kasten).

Quellentext

Verschiedene Positionen bei der Diagnose der Verteilungsentwicklung

So schreibt die Mehrheit des Sachverständigenrates: es habe, "trotz einer relativ hohen Bedeutung des Niedriglohnsektors die Ungleichheit der Nettoeinkommen in Deutschland seit dem Jahr 2005 kaum zugenommen".
Das Minderheitsvotum im Sachverständigenrat stützt sich dagegen auf ein Gutachten des DIW-Berlin: "Seit der Finanzkrise steigt die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen wieder an."

Quelle: Sachverständigenrat für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung 2019, S. 316 und 362.

Es muss politisch entschieden werden, wie hoch das sozialkulturelle Existenzminimum, d.h. die Grundsicherung, sein soll. Kontrovers ist die Frage nach der Besteuerung von Vermögen und Erbschaften. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Es zeigt sich: Parteien kämpfen mit ihren verteilungspolitischen Konzepten um politische Mehrheiten; Verbände aller Art suchen ihre Interessen zur Geltung zu bringen.

Die Verteilungsproblematik steht oben auf der öffentlichen Agenda

Es ist erstaunlich, mit welcher Vehemenz sich die Auseinandersetzung mit verteilungspolitischen Fragestellungen seit der Jahrtausendwende ausgebreitet hat. Dies gilt für die Politik, die Medien und auch für die Wissenschaft. Die Frage, ob es in Deutschland "gerecht" zugeht, bewegt die Menschen. Sie ist aber in Deutschland – denkt man z.B. an die "Gelbwesten-Bewegung" in Frankreich – bisher nicht zu einer größeren Bewegung im Sinne sichtbarer Proteste geworden.

Ins Zentrum der Debatte ist vor allem die Armutsproblematik gerückt. Es geht um die Lebenslage der Bevölkerung eines Landes am untersten Ende der Einkommens- und Wohlstands"pyramide" im Verhältnis zum allgemeinen Einkommens- und Wohlstandsniveau. Ins Blickfeld geraten ist aber zunehmend auch die andere Seite der Medaille – kritisch diskutiert wird über die stärkere Konzentration von Vermögen und Reichtum auf das obere Ende der Bevölkerung. Und wenn Armut und Reichtum zunehmen, so stellt sich dann das Problem, dass die "Mittelschicht" schrumpft. Welche Ursachen stehen hinter dieser Entwicklung, welche sozialen, politischen und ökonomische Folgen sind absehbar?

Eine Reinigungskraft wischt den Boden vor Chanel am Berliner Kurfürstendamm. Wenn Armut und Reichtum zunehmen, dann schrumpft die Mittelschicht.Eine Reinigungskraft wischt den Boden vor Chanel am Berliner Kurfürstendamm. Wenn Armut und Reichtum zunehmen, dann schrumpft die Mittelschicht. (© picture-alliance/dpa)

Dies hat dazu geführt, dass nicht nur die Bundesregierung und praktisch alle Bundesländer, sondern inzwischen auch sehr viele Kommunen Sozial- bzw. Armuts- und Reichtumsberichte erstellen, um empirisch abgesicherte Informationen über den Stand und die Trends der Verteilung von Einkommen, Vermögen und Lebenslagen zu erhalten. Auch in anderen Arenen ist das Thema Verteilung bzw. die Armutsvermeidung stärker in den Vordergrund getreten, so z. B. in der EU als Ziel in der "Europa 2020"-Strategie unterlegt durch eine inzwischen ausgebaute Verteilungs- und Sozialberichterstattung.

Die Formen, inhaltliche Breite und Tiefe der Berichte werden dabei zunehmend heterogener. So gibt es für die Bundesebene mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen und regionalen Differenzierung nicht nur inzwischen fünf, bald sechs Armuts- und Reichtumsberichte, sondern seit langem die so genannten Datenreports, die offiziell als "Sozialberichte für Deutschland" in etwa zweijährigem Abstand publiziert werden. Sie werden vom Statistischen Bundesamt, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung getragen, das vor allem das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) einbringt. Daneben gibt es u.a. einen Teilhabebericht, einen Bericht zur Gleichwertigkeit von Lebensbedingungen im Raum und diverse einschlägig relevante Berichte der Ressorts und nachgeordneter Bundesbehörden.

Auf Länderebene stehen Ländern mit einer langen Tradition von Sozialberichten (z.B. NRW und Bayern) solche mit erst spätem Einstieg in solche Berichtssysteme gegenüber (z.B. Baden-Württemberg). Neueren Datums sind auch regionalisierte Landesberichte zum Sozialraummonitoring bzw. Sozialstrukturatlanten. Ähnliches gilt auf der kommunalen Ebene, wobei hier oft thematisch engere Berichte oder Analysen speziell zur sozialräumlichen kleinteiligen Segregation vorzufinden sind.

Zwei unübersehbare Trends in der gesamten Szene der Sozial- bzw. Verteilungsberichterstattung der letzten Jahre sind hier für die Ebene der Länder und Kommunen noch anzuführen:
Einerseits mehren sich die (zunehmend von den Administrationen mit "Bordmitteln" selbst erstellten) Berichte mit thematischer Fokussierung/engeren Schwerpunktsetzung wie Kinderarmut oder Altersarmut.

Andererseits gibt es eine Tendenz zu einem "Ranking". Solche Rangreihungen sind zwar insofern sinnvoll, dass sie in der Öffentlichkeit (Medien, Politik) am leichtesten Aufmerksamkeit erzeugen. Allerdings besteht dabei die Gefahr, dass ein kritischer Blick auf die Vielfalt von Problemursachen und -lagen dabei zu kurz kommt, von einer komplexen Ursachenanalyse bleiben diese eher betriebswirtschaftlichen, handwerklichen Denkweisen entspringenden Rankings meist meilenweit entfernt.

Die hohe Bedeutung der Verteilungsproblematik spiegelt sich auch in der Wissenschaft wider. Es zeigen sich neue Trends in der Forschung und in den entsprechenden Veröffentlichungen: Einschlägige Bücher wie "Der Preis der Ungleichheit" von Joseph Stiglitz (2012) haben nicht nur zu Nobelpreisehren des Autors geführt, sondern sich sogar international als Bestseller erwiesen. Gleiches gilt für die Studie von Wilkinson und Pickett (2012) sowie "Das Kapital im 21. Jahrhundert" von Thomas Piketty (2014). Das im März 2016 veröffentliche Buch von Marcel Fratzscher − Präsident des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) − wurde damals im Spiegel vorab vorgestellt. Der Klappentext dieses Buches enthält einen kurzen Abschnitt (vgl. Kasten), der das komplexe Spektrum der sich stellenden Fragen exemplarisch aufspannt.

Quellentext

Verteilungskampf: Warum Deutschland immer ungleicher wird

"Wohlstand für alle" – das ist seit Ludwig Erhard das Credo der deutschen Politik. Doch Deutschland ist an seinem Ideal gescheitert: In unserer Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt.
In kaum einem Industrieland herrscht eine so hohe Ungleichheit – in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen. Die Investitionen sinken, die Abhängigkeit vom Staat nimmt zu, die soziale Teilhabe nimmt ab. Der Verteilungskampf wird härter. Verantwortlich dafür ist primär die hohe Chancenungleichheit, die Menschen davon abhält, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Fratzscher zeigt, wie die Politik die Chance der Zuwanderungswelle nutzen kann und was sie tun muss, um die Spaltung der Gesellschaft abzuwenden.

Quelle: Klappentext des Buches von Marcel Fratzscher 2016.

Die Problematik einer "angemessenen" oder "gerechten" Verteilung ist allerdings keineswegs neu. Verteilungsfragen sind so alt wie die Geschichte der Menschheit. Die Aufteilung des Erwirtschafteten war schon immer konflikthaft und hat zur Suche nach Regeln für die Verteilung geführt. Das hat sich von der Antike [3] bis in die Neuzeit hinein fortgesetzt. Allerdings gibt es auch immer wieder Phasen, in denen das Thema in den Hintergrund gedrückt wurde. Ein Beispiel dafür ist der Stellenwert der Verteilungsfragen in der (west)deutschen Politik nach dem 2. Weltkrieg. Abgesehen von der Zeit der Überwindung der Not durch Krieg und Vertreibung (wobei damit wichtige Verteilungsfragen und Weichenstellungen verbunden waren) wurde das Thema Verteilung dann im "Wirtschaftswunder" als weitgehend unwichtig erachtet.

Verteilung aus einem stark wachsenden Kuchen ist einfacher und weniger konfliktträchtig als eine Umverteilung des Bestandes. Sogar am Ende der Wirtschaftswunderzeit war es politisch nicht mehrheitsfähig, das Verteilungsziel zu einem der "magischen" Ziele des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft von 1967 zu machen. Bei aktuellen Überlegungen zur Reaktivierung dieses geltenden, von der Politik aber jahrzehntelang geradezu ignorierten Gesetzes könnte das Thema Verteilung wohl nicht mehr als allenfalls zweitrangig behandelt werden.

Das hängt naturgemäß auch damit zusammen, dass sich die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen in Deutschland und in vielen anderen Ländern tatsächlich erhöht hat (vgl. zu ausführlichen Belegen "Gesamtwirtschaftliche Einkommensverteilung" und "Vermögensverteilung"). Das wird in der Bevölkerung auch wahrgenommen.

Am Beispiel der Altersarmut als einem der oben genannten Kristallisationspunkte der Armuts-/Verteilungsdebatte zeigt sich, welch hohe Bedeutung dieser Fragestellung im Denken der Menschen zukommt. Die Ergebnisse entstammen der OECD-Studie "Risks that matter" vom Jahr 2019 (vgl. Abbildung "Wichtigste langfristige Sorgen in der Bevölkerung 2018").

Die Abbildung enthält im Vergleich Deutschland versus Durchschnitt aller OECD-Länder das Ergebnis zu den von den Befragten in langfristiger Perspektive (10 Jahre und mehr) gesehenen Sorgen. Mit Abstand rangiert das Thema der finanziellen Absicherung im Alter vor den anderen Sorgen, in Deutschland noch etwas deutlicher als im OECD-Durchschnitt (76,4 versus 72,1 Prozent). Die Sorge um die finanzielle Absicherung im Alter ist dabei in Deutschland auch bei der jüngsten Bevölkerungsgruppe sehr hoch (18- bis 29-Jährige: 68 Prozent; nur noch übertroffen von den Jungen in Österreich). Bei den 30- bis 54-Jährigen sind es 81 Prozent und bei den 55- bis 64-Jährigen 74 Prozent.
Wichtigste Sorgen in der Bevölkerung 2018Wichtigste Sorgen in der Bevölkerung 2018 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Dabei rangieren abgesehen von zwei baltischen Staaten und Slowenien nur noch das krisengequälte Griechenland und Österreich – wo die finanzielle Absicherung im Alter bisher noch wesentlich besser ist als hierzulande – im Länderranking vor Deutschland. Konsequent ist auch die von den Befragten artikulierte Forderung an die Politik, mehr für die finanzielle und soziale Absicherung zu tun. In Deutschland ist das nochmals verbreiteter als im ohnehin schon sehr hohen OECD-Durchschnitt.

73 Prozent der Erwachsenen äußerten in einer anderen repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2013, dass die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich ihnen große Sorgen mache. Das ist der höchste Wert aus einer langen Liste von abgefragten gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen (vgl. Abbildung "Bevölkerungsanteil mit Sorgen im gesellschaftlichen Leben 2012").
Bevölkerungsanteil mit Sorgen im gesellschaftlichen Leben 2012Bevölkerungsanteil mit Sorgen im gesellschaftlichen Leben 2012 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die seit der Jahrtausendwende in Deutschland verstärkt einsetzende Verteilungsdebatte und -forschung zeigt in der zeitlichen Abfolge unterschiedliche Schwerpunkte auf: Anfangs wurde mit sehr starkem sozialpolitischem Impetus der Aspekt Armut diskutiert: Wer wird, ist, bleibt arm? Wie kann diesen Menschen durch Sozialleistungen und Förder-, Qualifikations- und Integrationsmaßnahmen am besten geholfen werden? Wie kann die Entstehung von Armutslagen präventiv vermieden werden? Danach geriet stärker die gesamte Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Gesellschaft in den Blick und entsprechend das andere Ende des Verteilungsspektrums − der Reichtum.

Die stark sozialpolitische Orientierung der Diskussion trat dabei etwas in den Hintergrund und eine eher funktionale Sichtweise hat an Bedeutung gewonnen:
  • Welche Folgen hat eine wachsende Ungleichverteilung: Verliert die Gesellschaft an Humankapital, wenn Kinder wegen Armut unterhalb ihrer individuellen Bildungsmöglichkeiten bleiben?
  • Hat eine zu starke Ungleichheit negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung, also auf das Wirtschaftswachstum, die Produktivität und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage?
  • Hat die hohe Krisenanfälligkeit der internationalen Wirtschaft etwas mit dem Überangebot an spekulativem Kapital zu tun?
  • Wirkt eine zunehmende Ungleichheit der Einkommen und Vermögen gerade nicht leistungssteigernd sondern im Gegenteil demotivierend?
  • Führen das Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich und die Erosion der Mittelschicht zu einer Akzeptanzkrise des Modells der sozialen Marktwirtschaft?
  • Werden dadurch der gesellschaftlichen Zusammenhalt, die politische Stabilität und die demokratische Ordnung des Landes gefährdet?
Reichtum wird also weniger als solcher problematisiert, sondern die wachsende Ungleichheit wird auf ihre Effekte hin betrachtet. Es geht also nicht um eine "Neiddebatte", wie oft unterstellt wird um das Verteilungsproblem zu tabuisieren.

Solche Fragen werden in den letzten Jahren nicht nur von kapitalismus- bzw. regierungskritischen Institutionen und Organisationen wie z.B. OXFAM (2019, 2020) oder dem Wirtschaftsforum in Davos [4]. Auch von der Bertelsmann Stiftung werden inzwischen kritische Studien zu diesen Fragen veröffentlicht [5], ebenso von internationalen Organisationen wie der OECD und sogar der Europäischen Union).

Allerdings: Geradezu befeuert worden ist die Verteilungsdebatte durch die extrem hohen Vergütungen und Bonuszahlungen der Vorstandsvorsitzenden der im DAX notierten Aktiengesellschaften. Hinzu kommen die vielfältigen Skandale der letzten Jahre: Steuerhinterziehungen im großen Stil durch die Verlagerung von Einkommen in die Schweiz oder durch die Gründung von Briefkastenfirmen in Panama werfen die Frage auf, ob die "normalen" Arbeitnehmer*innen, denen die Lohnsteuer automatisch abgezogen wird, nicht die Dummen sind, während auf der anderen Seite die finanziell wirklich Leistungsstarken sich ihren Verpflichtungen entziehen können.

Quellentext

Wie viel verdienen Deutschlands Topmanager?
Experten haben es ausgerechnet

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz erarbeitet in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München jährlich einen Bericht zur Vergütung in den Vorständen der Vorstände in den deutschen DAX und MDAX-Unternehmen.
Aus dem neuesten vorliegenden Bericht (2019) geht für das Jahr 2018 unter anderem hervor, dass
  • die mittlere (Median) Gesamtvergütung in den Vorständen der DAX-Unternehmen – ohne Pensionsrückstellungen – im Jahr 2018 bei 3,290 Millionen Euro lag. Das ist zwar ein Rückgang gegenüber vom Vorjahreswert um 2,9 Prozent, aber immer noch ein erheblicher Betrag;
  • die durchschnittliche Gesamtvergütung (ebenfalls inklusive der Vorstandsvorsitzenden) im Jahr 2018 um das 52-fache über dem Personalaufwand pro Mitarbeiter*in in den jeweiligen Unternehmen lag. Spitzenreiter war Volkswagen mit einem solchen so genannten Vertikalitätswert vom 97-fachen und steigender Tendenz, trotz Dieselbetrugs und angeblicher Autokrise;
  • die durchschnittliche Gesamtvergütung der Vorstandsvorsitzenden der DAX-Unternehmen bei 5,415 Millionen Euro lag und die der Finanzvorstände bei 2,981 Millionen Euro.
Quelle: Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Technische Universität München 2019.


Fußnoten

1.
Vgl. Statistisches Bundesamt 2020.
2.
Vgl. Deutsche Bundesbank 2019, S. 57.
3.
Vgl. Knoch 2010.
4.
Vgl. World Economic Forum 2020.
5.
Vgl. Bertelsmann Stiftung
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