Bei der Beantwortung dieser Frage ist zu berücksichtigen, dass vor allem die Sozialsysteme in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich finanziert werden. Wir kennen auf der einen Seite Systeme, die weitgehend über Steuern finanziert werden, und auf der anderen Seite Systeme, die auf der Beitragsfinanzierung beruhen. Dies gilt auch in den Ländern der Europäischen Union (vgl. "Finanzierung der Sozialleistungen nach Arten"). So weist Dänemark einen Steueranteil bei der Finanzierung der Sozialleistungen von nahezu 80 Prozent auf, Deutschland finanziert die Sozialleistungen zu rund 64 Prozent über Beiträge der Versicherten und ihrer Arbeitgeber.
Steuern und Beiträge im internationalen Vergleich Einkommensumverteilung durch Steuern und Beiträge
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Um dem grundgesetzlichen Postulat "Sozialstaat" gerecht zu werden, brauchen der Staat bzw. die Sozialversicherung unbestreitbar viel Geld. Sind die Abgabenquoten in Deutschland im internationalen Vergleich besonders hoch?
Deswegen macht es Sinn, die Abgabenquoten in der EU insgesamt zu vergleichen, also Sozialversicherungsbeiträge und Steuern zusammenzufassen. An dieser Stelle kann allerdings nicht berücksichtigt werden, wie die nationalen Steuersysteme im Einzelnen ausgestaltet sind, welchen Tarifverlauf sie aufweisen und welche Verteilungswirkungen von ihnen ausgehen. Das gleiche gilt für die Abweichungen innerhalb der Beitragsfinanzierung. Auch ist es nicht möglich, alle Mitgliedsstaaten aufzulisten; dargestellt werden zentrale Staaten ("Abgabenquoten in ausgewählten EU-Ländern 2011 und 2021").
Abgabenquoten in ausgewählten EU-Ländern 2011 und 2021 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
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Setzt man die Höhe des Gesamtaufkommens aus Steuern und Beiträgen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt, errechnen sich die Steuer- und Abgabenquoten, die sich wiederum zur Gesamtabgabenquote addieren. Die höchste Gesamtabgabenquote in der EU hatte im Jahr 2021 Dänemark mit 46,9 Prozent vorzuweisen, gefolgt von Frankreich (45,1 Prozent) und Schweden (42,6 Prozent). Dagegen verzeichneten Irland (21,1 %) und Lettland (31,2 %) verhältnismäßig niedrige Abgabenquoten. Deutschland liegt mit 39,5 Prozent im unteren Mittelfeld.
Bei den Sozialabgaben dominieren Slowenien (16,4 %), Deutschland (14,9 %), Frankreich (14,8 %) und Spanien (13,7 %). Die Sozialabgabenquote liegt auch bei den weiteren ausgewählten Ländern bei mindestens 9 %, lediglich in Dänemark (<0,1 %) und Irland (3,2 %) spielt sie keine bzw. nur eine untergeordnete Rolle. Bei der Sonderstellung Irlands ist zu beachten, dass Irland bzgl. des BIP als Ausreißer anzusehen ist. Daher sind Quoten, die sich auf das BIP beziehen, für Irland grundsätzlich sehr niedrig.
Im Vergleich zum Jahr 2011 ist die Abgabequote insgesamt in den meisten Ländern – bis Irland, Slowenien und Schweden – zumindest moderat gestiegen. Dabei haben sich in allen Ländern entweder beide Abgabenquoten oder zumindest eine von beiden im Zeitverlauf erhöht. Fast überall ist jedoch die Steuerquote deutlich stärker gestiegen als die Sozialabgabenquote.
Eine – aber auch nur sehr begrenzte – Erklärung für die nur mittleren Abgabenquoten ist in der Unternehmensbesteuerung zu suchen. Diese ist definiert als die tarifliche Besteuerung des Gewinns von Kapitalgesellschaften und wird in Prozent von Körperschaftsteuer, Gewerbe- und ähnlichen Steuern des Bundes und der Gebietskörperschaften gemessen (vgl. "Unternehmensbesteuerung 2022 im internationalen Vergleich"). In Deutschland addieren sich diese verschiedenen Steuern nominal auf 29,9 Prozent im Jahr 2022.
Unternehmensbesteuerung 2022 im internationalen Vergleich
in Prozent
| Staaten | Gesamtbelastung |
|---|---|
| Belgien | 29,0 |
| Bulgarien | 10,0 |
| Dänemark | 22,0 |
| Deutschland | 29,9 |
| Estland | 20,0 |
| Finnland | 20,0 |
| Frankreich | 25,0 |
| Griechenland | 22,0 |
| Irland | 12,5 |
| Italien | 27,9 |
| Kroatien | 18,0 |
| Lettland | 20,0 |
| Litauen | 15,0 |
| Luxemburg | 24,9 |
| Malta | 35,0 |
| Niederlande | 25 |
| Österreich | 25,8 |
| Polen | 19,0 |
| Portugal | 22,5 |
| Rumänien | 16,0 |
| Schweden | 20,6 |
| Schweiz | 19,2 |
| Slowakei | 21,0 |
| Slowenien | 19,0 |
| Spanien | 25,0 |
| Tschechien | 19,0 |
| Ungarn | 10,8 |
| Vereinigtes Königreich | 19,0 |
| Zypern | 12,5 |
Quelle: Eigene Darstellung nach BMF 2023, S. 27.
Mit einer Gesamtbelastung der Gewinne der Kapitalgesellschaften von 29,9 Prozent liegt Deutschland auf Rang 3 der betrachteten Länder, hinter Malta (35 Prozent) und Frankreich (32,02 Prozent). Mit 10 Prozent weist Bulgarien den geringsten Wert aus; sehr ähnlich auch Ungarn mit 10,82 Prozent.
Fasst man die Befunde dieses internationalen Vergleichs von Steuern und Abgaben im Jahr 2021/22 für Deutschland zusammen, so ist festzuhalten:
Deutschland hat eine eher niedrige Steuerquote von 24,4 Prozent (Anteil der Steuern in Prozent des Bruttoinlandsprodukts),
Unter Einbeziehung der Sozialversicherungsbeiträge ergibt sich eine gesamte Abgabenquote von 42,2 Prozent, Auch das ist nur ein mittlerer Wert,
bei der Unternehmensbesteuerung – gemessen als tarifliche Belastung des Gewinns von Kapitalgesellschaften durch die Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer und ähnliche Steuern – ist die nominale Belastung mit zusammengenommen 29,9 Prozent hoch. Deutschland liegt hier auf Rang drei der Vergleichsländer.
Betrachtet man als weiteren Indikator den Höchststeuersatz der Lohn- und Einkommensteuer, so liegt dieser in Deutschland bei 47,48 Prozent und damit nur im mittleren Bereich der Vergleichsländer. Zu bedenken ist dabei, dass der Spitzensteuersatz eine rein tarifliche Größe ist – die effektive Belastung ist mit dem Durchschnittssteuersatz zu messen!
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Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.
Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee, verstorben 2021, war Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.