Datenreport 2021.

10.3.2021 | Von:
Uta Brehm

Berufsprestige im Lebensverlauf

Die sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen entlang einer geschlechtsspezifischen innerfamiliären Arbeitsteilung wirken sich auch auf die beruflichen Positionen von Frauen und Männern im Lebensverlauf aus. Um diese abzubilden, lohnt ein Rückgriff auf das Berufsprestige, gemessen über die Standard International Occupational Prestige Scale (SIOPS). Ein SIOPS-Wert reflektiert das soziale Ansehen eines Berufs. Dieses korreliert stark mit dem für den jeweiligen Beruf benötigten Qualifikationsniveau und erzielbaren Einkommen. Um den Einfluss der geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen infolge der Familiengründung zu beschreiben, wird das Berufsprestige bei Arbeitsmarkteinstieg und bei 45-jährigen Personen beobachtet, da zu letzterem Zeitpunkt der berufliche Höhepunkt und das Ende des Familiengründungsalters meist erreicht ist. Bei Müttern und Vätern werden diese beiden Zeitpunkte ergänzt um eine Betrachtung des Berufsprestiges ein Jahr vor Familiengründung und im ersten Job nach dem letzten Kind. Für die Gegenüberstellung von Kinderlosen und Eltern werden die Daten des NEPS für 1.052 kinderlose Frauen, 1.421 kinderlose Männer, 2.601 zweifache Mütter und 2.296 zweifache Väter herangezogen, die jeweils zwischen 1944 und 1973 geboren wurden und zu allen beobachteten Zeitpunkten berufstätig waren.

Abbildung 3 verdeutlicht, dass das durchschnittliche Berufsprestige von zweifachen Müttern nach ihrer Familiengründung nahezu stagniert. Diese Stagnation steht im scharfen Kontrast zum kontinuierlichen Anstieg des Berufsprestiges bei kinderlosen Männern und Frauen sowie Vätern und zur ebenfalls positiven Entwicklung bei den Frauen vor ihrer Familiengründung. Zwischen dem Erwerbseinstieg und dem Alter von 45 Jahren gewinnen kinderlose Männer 3,7 zusätzliche Prestigepunkte, kinderlose Frauen 4 Punkte und zweifache Väter 4,2 Punkte. Zweifache Mütter bekommen hingegen mit 1,8 Prestigepunkten weniger als die Hälfte im selben Zeitverlauf dazu, wobei der Zugewinn fast ausschließlich vor der ersten Geburt verzeichnet wird. Auch nach der Familienphase stellt sich kein erneuter Anstieg des beruflichen Erfolgs ein und die Mütter müssen langfristig mit einer sehr flachen Entwicklung des beruflichen Prestiges rechnen, während Kinderlose und Väter in ihrer beruflichen Position zunehmend soziale Anerkennung erfahren.
Entwicklung des beruflichen Prestiges zwischen 1944 und 1973 Geborener im Lebensverlauf — Mittelwerte nach SIOPSEntwicklung des beruflichen Prestiges zwischen 1944 und 1973 Geborener im Lebensverlauf — Mittelwerte nach SIOPS Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Zusammengefasst zeigen die Untersuchungen, wie mit der Familiengründung die innerfamiliäre Arbeitsteilung von Müttern und Vätern auseinanderdriftet, wie dies mit familienpolitischen Rahmenbedingungen einhergeht und welche langfristigen beruflichen Auswirkungen sich zeigen. Es wird deutlich, dass trotz jüngerer familienpolitischer Maßnahmen, die auf eine stärker egalitäre Arbeitsteilung abzielten, der weit überwiegende Teil der betreuungsbedingten Erwerbsunterbrechungen und -reduktionen von Müttern eingeräumt werden. Dies hat kurz-, mittel- und langfristig Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit, einerseits beruflich, andererseits aber auch familiär.

Hinsichtlich der beruflichen Position und damit der ökonomischen Unabhängigkeit hat die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung stark negative Konsequenzen für Mütter: Kinderbetreuung und Haushalt sind Tätigkeiten, die eine gesellschaftliche (und monetäre) Wertschätzung vermissen lassen und damit eine ökonomische Abhängigkeit vom Partner oder staatlichen Leistungen begründen. Die Nachteile, die sich aus dieser Abhängigkeit ergeben, zeigen sich auch langfristig darin, dass das mittlere Lebensentgelt ebenso wie der Rentenanspruch der Frauen danach nur etwa die Hälfte von dem der Männer beträgt.

Demgegenüber investieren Mütter jedoch etwa 14.700 Stunden mehr Zeit in ihre Kinder bis zu deren Volljährigkeit (41.601 gegenüber 26.952 Stunden bei den Vätern), was zu deutlich engeren familiären Bindungen bis ins hohe Alter führt. Eine gleichberechtigtere innerfamiliäre Arbeitsteilung kann daher für beide Geschlechter mit positiven Zugewinnen in einerseits der beruflichen, andererseits der familiären Sphäre einhergehen.

Für die weitere Einordnung zur Lage der Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland siehe Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB): Geschlechtergerechtigkeit als anhaltende Herausforderung. Strukturelle Hindernisse abbauen und kulturelle Spielräume erweitern, Wiesbaden 2019 (Policy Brief).

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