BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Datenreport 2021.

10.3.2021 | Von:
Jan Goebel, Peter Krause

Einkommensschichtung und relative Armut

Die Zunahme der Ungleichheit geht mit einer Veränderung der Einkommensschichtung einher. Bei der Schichtung der Bevölkerung nach Einkommen werden verschiedene Einkommensklassen in prozentualer Relation zu einem Referenzwert, hier dem mittleren Wert der Einkommensverteilung (Median), betrachtet. Die beiden untersten Einkommensschichten mit weniger als 60 beziehungsweise 50 % der mittleren bedarfsgewichteten Medianeinkommen leben in relativer Einkommensarmut (unter 60 % des Medianeinkommens) oder strenger Einkommensarmut (unter 50 % des Medianeinkommens). Die höchsten Einkommensklassen – ab dem Doppelten der mittleren bedarfsgewichteten Einkommen (also ab 200 % des Medianeinkommens) – kennzeichnen den Bevölkerungsanteil mit ausgeprägtem materiellem Wohlstand. Anhand der relativen Einkommensschichtung lassen sich die bei der Einkommensungleichheit beschriebenen Trends differenzierter abbilden. Es lässt sich ablesen, inwieweit alle Bevölkerungsteile in gleicher Weise an der Wohlstandsentwicklung des Landes teilhaben. Die Bevölkerungsanteile am unteren Rand der Einkommensverteilung erhöhten sich in den letzten Dekaden kontinuierlich. Auch die Bevölkerungsanteile am oberen Rand erhöhten sich bis 2009, sind aber seit 2016 wieder leicht gesunken. Entsprechend gingen die Anteile in den dazwischenliegenden mittleren Einkommensschichten insgesamt zurück. Der Rückgang der mittleren Einkommensgruppen erfolgte aber nicht linear für alle Teilgruppen gleichermaßen.

Der hier verwendete Armutsbegriff beruht auf dem sogenannten relativen Armutskonzept und orientiert sich an der Definition der Europäischen Union. Gemäß den vom Statistischen Amt der EU (Eurostat) empfohlenen Schwellenwerten gilt demnach als arm, wer in einem Haushalt lebt, dessen Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 % des Medians der Einkommen in der gesamten Bevölkerung beträgt. Genau genommen wird ab dieser Schwelle von einem deutlich erhöhten Armutsrisiko gesprochen, da das Einkommen nur einen indirekten Indikator für Armut darstellt. Deshalb wird im EU-Kontext eher der Begriff "Armutsrisikoquote" genutzt; in diesem Kapitel werden die Begriffe "Armutsquote" und "Armutsrisikoquote" synonym verwendet.

Die auf dem Median basierenden Armutsquoten werden anhand des sogenannten FGT-Maßes (nach den Autoren Foster, Greer und Thorbecke) weiter differenziert: Neben der Armutsquote FGT(0), die den Umfang der Armutspopulation in Prozent ausweist, werden dabei auch die Armutsintensität und die Armutsungleichheit berücksichtigt. Die Kennziffer FGT(1) entspricht der Armutslücke, das heißt dem relativen Einkommensbetrag (in Prozent des Schwellenwerts), der erforderlich wäre, um die Armutsgrenze zu überwinden. Die erweiterte Armutsintensität FGT(2) berücksichtigt zudem die Ungleichheit innerhalb der Armutspopulation und gewichtet Personen innerhalb der Armutspopulation stärker, je weiter sie von der Armutsgrenze entfernt sind; besonders niedrige Einkommen fallen also stärker ins Gewicht als Einkommen, die knapp unter der 60-Prozent-Schwelle liegen.
Einkommensschichtung und Einkommensarmut 1995 – 2018 — in ProzentEinkommensschichtung und Einkommensarmut 1995 – 2018 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Im Jahr 2018 lebten auf Grundlage der monatlichen Haushaltsnettoeinkommen 15,8 % der gesamtdeutschen Bevölkerung in relativer Einkommensarmut und bei Verwendung entsprechender Vorjahreseinkommen 15,1 %. Damit sank die Armutsrisikoquote im Vergleich zum Vorjahr (17,3 % bei Monats- und 15,7 % bei Vorjahreseinkommen) seit 2017 jeweils. Die Armutslücke FGT(1) betrug 3,6 % gemessen am Monatseinkommen und 4,0 % bei Zugrundelegen des Jahreseinkommens. Das heißt, im Durchschnitt wäre eine zusätzliche Steigerung der Äquivalenzeinkommen um etwa 4 % erforderlich gewesen, um die Armutsschwelle zu überwinden. Ungeachtet des rückläufigen Armutsrisikos im Jahr 2018 belegt die längerfristige Entwicklung eine deutliche Zunahme des Armutsrisikos gegenüber den zurückliegenden Dekaden. Übereinstimmend weisen Monats- und Jahreseinkommen auch bei Betrachtung der Armutslücke FGT(1) und der erweiterten Armutsintensität FGT(2) innerhalb der letzten 20 Jahre eine deutliche Erhöhung auf.

Alternative Armutsmessungen – zum Beispiel auf Basis der monatlichen Einkommen nach Abzug von Wohnkosten oder auf Basis der Vorjahreseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben oder mit Einkommenszuschlag für selbst genutztes Wohneigentum – wiesen von 2012 bis 2016 mäßige bis deutliche Anstiege auf. Seit 2016 stagnieren diese Indikatoren auf hohem Niveau oder waren leicht rückläufig, blieben aber über dem Niveau von 2012. Ein weiterer Indikator ist die zeitversetzte Armutsrisikoquote, bei der als Armutsschwelle die mittleren Werte der beiden vorausgehenden Armutsschwellen verwendet wurden. Diese zeitversetzten Armutsrisikoquoten stiegen seit 2016 an. Die zuletzt eher stagnierenden Armutsziffern gingen demzufolge einher mit höheren Anteilen an Personen, die auch bereits zurückliegende Armutsschwellen schon nicht mehr erreichten. Der ebenfalls zu beobachtende (leichte) Anstieg an permanenter Armut deutet zudem darauf hin, dass derzeit – ungeachtet der zuletzt stagnierenden und in Teilen sogar eher rückläufigen Armutsziffern – noch keine Anzeichen für eine grundlegende Umkehrung des langfristigen Trends anhaltend hoher Armutsrisiken zu erkennen sind.
Entwicklung der Bevölkerungsanteile in Armut nach ­unterschiedlichen Indikatoren 1992–2018 — in ProzentEntwicklung der Bevölkerungsanteile in Armut nach ­unterschiedlichen Indikatoren 1992–2018 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Peter Krause Jan Goebel für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.