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Zahlen und Fakten: Die soziale Situation in Deutschland

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9.11.2013

Krankenstand

Im Jahr 2012 ging knapp ein Viertel der Fehlzeiten auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück. Danach folgten Verletzungen, Atemwegserkrankungen, psychische Erkrankungen, Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems sowie Erkrankungen der Verdauungsorgane.

Krankenstand der Pflichtmitglieder in der GKV.Klicken Sie auf die Grafik, um das PDF zu öffnen. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Fakten

Die Krankenkassen ermitteln jeweils zum 1. des Monats die Zahl der Pflichtmitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die arbeitsunfähig krank sind, dabei einen Anspruch auf Krankengeld haben und für die eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des behandelnden Arztes vorliegt. Der Krankenstand entspricht also dem Anteil der arbeitsunfähig kranken GKV-Mitglieder an allen Mitgliedern mit einem Krankengeldanspruch.

Auch wenn der Krankenstand in Westdeutschland im Durchschnitt der 1970er-Jahre höher war als im Durchschnitt der 1980er-Jahre (5,5 gegenüber 4,9 Prozent), erhöhte sich der Krankenstand zwischen 1983 und 1991 von 4,44 auf 5,21 Prozent (1989: 5,07 Prozent). Erst in den Folgejahren reduzierte sich der Krankenstand wieder: 2002 lag er das erste Mal knapp unter 4 Prozent und fiel dann bis 2007 auf 3,16 Prozent. In Ostdeutschland stieg der Krankenstand zunächst von 4,01 im Jahr 1991 auf 5,09 Prozent 1995. Seitdem ist er aber auch hier tendenziell rückläufig und lag 2006 bei 3,39 Prozent (2007: 3,48 Prozent). Bundesweit erreichte der Krankenstand im Jahr 2007 einen historischen Tiefstand von 3,22 Prozent. 2011 waren 3,82 Prozent der GKV-Mitglieder mit einem Krankengeldanspruch arbeitsunfähig krank, 2012 waren es 3,64 Prozent.

Im Gegensatz zur Ermittlung des Krankenstandes zum 1. des Monats durch die GKV basieren die Auswertungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) auf sämtlichen Arbeitsunfähigkeitsfällen, die der AOK gemeldet werden. Nach diesen Daten lag der Krankenstand der 11 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitglieder in Deutschland im Jahr 2012 bei 4,9 Prozent (Westdeutschland: 4,9 Prozent / Ostdeutschland: 5,1 Prozent). Dabei bestehen nach Angaben des WIdO erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen: Banken/Versicherungen hatten im Jahr 2012 mit 3,4 Prozent einen sehr niedrigen Krankenstand. Auch bei den Branchen Land- und Forstwirtschaft (4,1 Prozent), Handel (4,4 Prozent) und Dienstleistungen (4,7 Prozent) war der Krankenstand unterdurchschnittlich. Hingegen lagen die Krankenstände der Branchen Energie/Wasser/Entsorgung/Bergbau (5,9 Prozent) sowie öffentliche Verwaltung/Sozialversicherung und Verkehr/Transport (jeweils 5,5 Prozent) klar über dem Durchschnitt.

Noch größer als zwischen den Branchen sind die Unterschiede beim Krankenstand bei den verschiedenen Altersgruppen. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen waren im Jahr 2012 die Krankenstände der 25- bis 29-Jährigen sowie der 30- bis 34-Jährigen am niedrigsten (Männer: 3,4 bzw. 3,5 Prozent / Frauen: jeweils 3,1 Prozent). Mit zunehmendem Alter erhöht sich der Krankenstand stetig: In der Gruppe der 45- bis 49-jährigen Frauen lag er im Jahr 2012 bei 5,4 Prozent, bei den 60- bis 64-jährigen Frauen bei 8,0 Prozent. Bei den Männern lagen die entsprechenden Werte bei 5,1 und 9,1 Prozent.

Laut Fehlzeiten-Report 2013 waren die rund 11 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitglieder im Jahr 2012 durchschnittlich 18,1 Kalendertage krankgeschrieben. Die durchschnittliche Zahl an Arbeitsunfähigkeitstagen schwankte dabei zwischen 3,6 Tagen bei Berufen in der Hochschullehre und -forschung und 29,4 Tagen bei Berufen in der Ver- und Entsorgung. Berufe im Bereich der Softwareentwicklung (6,3 Tage), in der technischen Forschung und Entwicklung (6,6 Tage) sowie Ärzte/Ärztinnen (6,7 Tage) hatten ebenfalls sehr wenige Arbeitsunfähigkeitstage je AOK-Mitglied. Bei Berufen in der industriellen Gießerei (27,5 Tage) sowie bei Bus- und Straßenbahnfahrern (25,4 Tage) war die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage hingegen mit am höchsten. Der Anteil der Beschäftigten, die im Jahr 2012 überhaupt nicht krankgeschrieben waren, lag bei 46,8 Prozent.

Das Fehlzeitengeschehen wird von sechs Krankheitsarten dominiert. Im Jahr 2012 ging knapp ein Viertel der Fehlzeiten auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück (22,9 Prozent). Danach folgten Verletzungen (11,8 Prozent), Atemwegserkrankungen (11,4 Prozent), psychische Erkrankungen (10,1 Prozent), Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems sowie Erkrankungen der Verdauungsorgane (6,6 bzw. 5,5 Prozent). Im Vergleich zu den anderen Krankheitsarten kommt den psychischen Erkrankungen eine besondere Bedeutung zu: Seit 2001 haben die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um knapp 67 Prozent zugenommen. Psychische Erkrankungen dauern mit 24,9 Tagen je Fall mehr als doppelt so lang wie der Durchschnitt (11,8 Tage je Fall).

Neben den psychischen Erkrankungen verursachen insbesondere Herz- und Kreislauferkrankungen (19,3 Tage je Fall), Verletzungen (17,2 Tage) und Muskel- und Skeletterkrankungen (16,6 Tage) lange Ausfallzeiten. Auf diese vier Erkrankungsarten entfielen 2012 rund 49 Prozent der Fehlzeiten, die durch Langzeitfälle verursacht wurden – also Erkrankungen mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen. Langzeiterkrankungen verursachten 2012 rund zwei Fünftel der Arbeitsunfähigkeitstage (41,9 Prozent). Ihr Anteil an den Arbeitsunfähigkeitsfällen betrug jedoch nur 4,3 Prozent.

Neben den Veränderungen in der Beschäftigtenstruktur, einer verbesserten Gesundheitsvorsorge in den Betrieben und dem medizinischen Fortschritt beeinflussen auch andere Faktoren die Entwicklung des Krankenstandes: Nach den Ergebnissen einer vom WIdO beauftragten Befragung gaben 2009 gut sieben von zehn Beschäftigten an, dass sie im vergangenen Jahr zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie sich "richtig krank" fühlten (71,2 Prozent / 2007: 61,8 Prozent / 2003: 70,8 Prozent). Fast jeder Dritte erschien sogar mit gesundheitlichen Beschwerden am Arbeitsplatz, obwohl der Arzt davon abgeraten hatte (29,9 Prozent). Gut zwei Drittel gaben an, mit der Genesung bis zum Wochenende gewartet zu haben (70,2 Prozent / 2007: 65,7 Prozent / 2003: 61,8 Prozent) und etwa jeder achte Befragte nahm sich Urlaub, um eine Krankheit auszukurieren (12,8 Prozent). Frauen gehen dabei eher krank zur Arbeit als Männer (75,6 gegenüber 68,0 Prozent). Frauen, die in einer leitenden Position beschäftigt sind, gaben sogar zu 80,0 Prozent an, dass sie trotz einer Krankheit arbeiten gehen. Bei den Männern waren es lediglich 64,0 Prozent – allerdings nehmen sich Männer öfter Urlaub, um eine Krankheit auszukurieren.

Es gibt mehrere Gründe für den sogenannten Präsentismus, also das Arbeiten trotz gesundheitlicher Beschwerden: Von den im Jahr 2009 befragten Personen nannten 29,3 Prozent als Grund, dass die Arbeit sonst liegen bleibt. Jeder Fünfte gab die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes an (19,6 Prozent) und jeder Zehnte wollte Ärger mit den Kollegen vermeiden (10,1 Prozent). Insgesamt erlebten knapp 21 Prozent der Befragten die Entlassung eines Mitarbeiters aufgrund von Krankheit. Von den Befragten, die berufliche Nachteile bei Krankmeldungen fürchten, sind laut Fehlzeiten-Report 2012 fast vier Fünftel in den letzten zwölf Monaten krank zur Arbeit gegangen (78,3 Prozent). Bei den Personen, die bei einer Krankmeldung keine beruflichen Nachteile fürchten, war es lediglich die Hälfte (52,8 Prozent).

Datenquelle

Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Gesetzliche Krankenversicherung: Krankenstand; Wissenschaftliches Institut der AOK (www.wido.de)/Badura, Ducki, Schröder, Klose, Meyer (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2012 und 2013; Schmidt, Schröder: Präsentismus – Krank zur Arbeit aus Angst vor Arbeitsplatzverlust

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen

Da die Stichtagserhebung zur Erfassung der Arbeitsunfähigkeit bei den Pflichtmitgliedern der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) den Anspruch auf Krankengeld sowie eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des behandelnden Arztes voraussetzt, kann es zu einer statistischen Untererfassung kommen. Andererseits bescheinigt der Arzt nur die voraussichtliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit; tritt jedoch vorher Arbeitsfähigkeit ein, erhält die Krankenkasse auch in diesen Fällen nur selten eine Meldung. Bis zum Jahresende 2006 wurde der Krankenstand anhand der Pflichtmitglieder ohne Rentner, Studenten, Jugendliche und Behinderte, Künstler, Wehr-, Zivil- und Dienstleistende bei der Bundespolizei, landwirtschaftliche Unternehmer, Bezieher von Arbeitslosengeld II sowie Vorruhestandsgeldempfänger ermittelt.

Tabelle: Krankenstand

Anteil der arbeitsunfähig kranken GKV*-Pflichtmitglieder an allen Mitgliedern (mit Anspruch auf Krankengeld) in Prozent, jeweils am 1. des Monats, 1970 bis 2012

Westdeutschland Ostdeutschland Deutschland
1970 5,6
1971 5,3
1972 5,5
1973 5,86
1974 5,55
1975 5,30
1976 5,32
1977 5,39
1978 5,53
1979 5,65
1980 5,67
1981 5,27
1982 4,65
1983 4,44
1984 4,54
1985 4,66
1986 4,75
1987 4,83
1988 4,95
1989 5,07
1990 5,20
1991 5,21 4,01 4,89
1992 5,09 4,16 4,85
1993 4,85 4,39 4,73
1994 4,85 4,57 4,78
1995 5,06 5,09 5,07
1996 4,68 4,96 4,74
1997 4,12 4,38 4,18
1998 4,07 4,29 4,11
1999 4,20 4,48 4,26
2000 4,18 4,31 4,21
2001 4,16 4,25 4,18
2002 3,99 4,06 4,00
2003 3,58 3,65 3,60
2004 3,37 3,41 3,38
2005 3,62 3,85 3,66
2006 3,29 3,39 3,31
2007 3,16 3,48 3,22
2008 3,37
2009 3,40
2010 3,69
2011 3,82
2012 3,64

* Gesetzliche Krankenversicherung

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Gesetzliche Krankenversicherung: Krankenstand

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