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Arabischer Raum: Regionale Konflikte aus historischer Perspektive | Kriege und Konflikte | bpb.de

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Arabischer Raum: Regionale Konflikte aus historischer Perspektive

Sebastian Sons

/ 11 Minuten zu lesen

Seit dem Ende der Kolonialherrschaft wechseln im arabischen Raum Aufbruch, Repression, Konflikt und Krieg einander ab. Dabei sehen sich viele Staaten mit regionaler Fragilität und Instabilität konfrontiert, was deren nachhaltige Entwicklung beeinträchtigt.

17.12.2011, Sidi Bouzid, Tunesien: Auf dem Mohamed-Bouazizi-Platz versammeln sich Menschen, um den ersten Jahrestag des Volksaufstands zu feiern, der ihren langjährigen Diktator stürzte. Der Platz ist benannt nach dem Obstverkäufer, dessen Selbstverbrennung die Revolution auslöste. (© picture-alliance, abaca)

Die langen Schatten des Kolonialismus

Der arabische Raum wird bis heute durch die Folgen der Politik der Kolonial- und Mandatsmächte Frankreich und Großbritannien geprägt. London und Paris einigten sich nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen von 1916 auf die Aufteilung ihrer Einflusssphären. Um ihre direkte und indirekte Herrschaft zu sichern, wurden Siedlungsgebiete ethnischer, konfessioneller und sozialer Gruppen willkürlich durchtrennt. So sollten homogene soziokulturelle Strukturen aufgebrochen, angestammte Siedlungsgebiete aufgelöst und damit lokaler Widerstand gegen die Fremdherrschaft untergraben werden. Mit der Vergabe von Posten in den administrativen und wirtschaftlichen Strukturen an eng mit den Mandatsverwaltungen verbundene lokale Eliten schufen die Kolonial- und Mandatsmächte eine ihnen treu ergebene Klasse und schlossen zugleich eine breite Bevölkerungsmehrheit von den Gewinnen und Vorteilen der insgesamt bescheidenen Entwicklungsansätze aus. Die koloniale Herrschaft dauerte in manchen Teilen der arabischen Welt bis in die 1960er und 1970er Jahre. Einige Staaten, wie Saudi-Arabien, kooperierten zwar eng mit den Briten, standen aber nie unter direkter Kolonial- oder Mandatskontrolle.

Angetrieben von den neuen urbanen, z.T. an europäischen Universitäten ausgebildeten Eliten entwickelte sich in der Zwischenkriegszeit (1919-1939) ein arabischer Nationalismus, der sich am europäischen Vorbild dieser Zeit und teilweise sogar – wie im Irak – am deutschen Nationalsozialismus orientierte. Mit der Zuspitzung der sozialen Gegensätze wandten sich in den 1950er bis 1970er Jahren arabische Politiker, Offiziere und Intellektuelle verstärkt der Sowjetunion und ihren Verbündeten sowie sozialistischen Gesellschaftskonzepten zu. In Ägypten, Algerien, Syrien, Irak und Südjemen gelangten sie – meist durch Militärputsche – an die Macht.

Auf der Suche nach einer arabischen Identität: Vom Panarabismus zum Islamismus

Einer dieser jungen, linksgerichteten Offiziere war Gamal Abd al-Nasser, der nach dem Putsch von 1952 zunächst ägyptischer Ministerpräsident und 1954 Staatspräsident geworden war. Er strebte u.a. danach, die lokalen und regionalen Unterschiede innerhalb der arabischen Welt zu überwinden und unter seiner autoritären Führung einen Panarabismus sozialistischer Prägung durchzusetzen. Nasser, der in weiten Teilen der arabischen Welt als Held verehrt wurde, gelang es zwischen 1958 und 1961, Ägypten und Syrien in der „Vereinigten Arabischen Republik“ (VAR) zusammenzuführen. Auch stellte er sich gegen den wachsenden Einfluss der beiden Supermächte USA und Sowjetunion im Kalten Krieg. Sein Ziel war es, möglichst viele ehemalige Kolonialländer in der „Bewegung der Blockfreien“ als eine weitgehend unabhängige politische Größe in der Weltpolitik zusammenzuschließen.

Die vernichtende Niederlage gegen Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 versetzte den regionalen Ambitionen Ägyptens allerdings einen Dämpfer und entzauberte Nasser als Führer der arabischen Welt. Viele arabische Muslime sahen in der Niederlage ein Zeichen, dass man sich von Gottes Pfad verabschiedet habe. Sie sahen in der Rückbesinnung auf islamische Werte einen Weg, sich endgültig von der Dominanz westlicher Ideologien zu lösen, um eigene Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu finden. Bislang hatte man ausschließlich „fremde“ Ideologien adaptiert, nun wollte man zu den eigenen Wurzeln zurückkehren. Islamistische Ideologien gewannen deutlich an Zuspruch. Bewegungen, wie die ägyptische Muslimbruderschaft, die unter Nasser jahrelang verboten und deren Anhänger verfolgt worden waren, wurden zunehmend populärer.

Das Epochenjahr 1979: die Geburtsstunde des militanten Islamismus

Die Geburtsstunde des militanten Islamismus sehen viele Beobachter im Jahr 1979, das auch als Epochenjahr der arabischen Welt bezeichnet wird. Politische Sichtbarkeit und Wucht entfaltete der Wandel mit der Iranischen Revolution, die 1978 begann. Anfangs wurde sie von unterschiedlichen religiösen, aber auch säkularen und linken Kräften getragen, ehe sie zu einer von Ayatollah Khomeini geführten schiitischen Bewegung wurde. Die Revolution führte vielen Arabern vor Augen, dass verhasste autoritäre prowestliche Regimes, wie das des Schahs, durch die Kraft einer breiten Massenbewegung gestürzt werden können. Zudem erwuchs mit der Islamischen Republik Iran den arabischen Diktatoren und Königen ein neuer Widersacher. Der von Khomeini proklamierte „Export der Revolution“ zielte ganz offen darauf ab, auch die arabische Welt zu erreichen. Als im September 1980 mit einem großangelegten Angriff des Irak gegen den benachbarten Iran der Erste Golfkrieg begann (1980-1988), stellten sich die meisten arabischen Staaten deshalb auf die Seite des irakischen Präsidenten Saddam Hussein.

Militante islamistische Studenten, die die US-Botschaft in Teheran besetzt halten, beim Gebet am 21. Dezember 1979. (© picture-alliance/AP)

Ein zweiter tiefer Einschnitt war die Besetzung der Großen Moschee, eines der wichtigsten Heiligtümer des Islams, im saudi-arabischen Mekka Ende November/Anfang Dezember 1979. Eine Gruppe militanter Islamisten war zur Gebetszeit mit Waffengewalt in die Moschee eingedrungen. Die Aktion erschütterte nicht nur das saudische Königshaus, sondern die gesamte islamische Welt: Ihr Anführer forderte den Sturz des „unislamischen“, dekadenten und korrupten Königshauses, welches als Verbündeter der „heidnischen USA" vom „wahren Glauben“ abgefallen sei. Die saudischen Sicherheitskräfte reagierten mit aller Härte, waren aber erst nach mehreren Wochen und unter hohem Blutzoll in der Lage, die Eindringlinge zu besiegen und die Moschee zurückzuerobern. Die überlebenden Attentäter wurden hingerichtet.

Daraufhin begann das Königshaus, Milliardensummen in den Ausbau des religiösen Bildungssystems zu investieren. Seit 1986 nennt sich der König zudem „Hüter der beiden Heiligen Stätte“ Mekka und Medina. Das Königshaus wollte zeigen, dass es sich den islamischen Werten und der Ideologie des saudischen Wahhabismus verpflichtet fühlt. Das Resultat war eine Re-Islamisierungspolitik im eigenen Land, welche den Klerus aufwertete und gesellschaftliche Freiheiten – vor allem für Frauen – beschnitt. Im Rahmen einer Missionierungskampagne im Ausland wurden mit saudischem Geld aus Öleinnahmen Moscheen in Pakistan, dem Westlichen Balkan und Afrika gebaut, Koranexemplare verteilt und Prediger entsandt. Damit wurde Saudi-Arabien zum einflussreichen Verbreiter einer erzkonservativen und puristischen sunnitischen Islamauslegung.

Der angestoßene Re-Islamisierungsprozess wurde durch den Einmarsch der „gottlosen Sowjets“ Ende Dezember 1979 in das muslimisch geprägte „Bruderland“ Afghanistan noch verstärkt: Mit Unterstützung der USA rüstete Saudi-Arabien in den 1980er Jahren die sunnitischen „arabischen Afghanen“ auf, die als „heilige Krieger“ (Mudschaheddin) gegen die Sowjetunion kämpften. Darunter befand sich auch der spätere Al-Qaida-Führer Osama bin Laden. Al-Qaida war zunächst ein loser Zusammenschluss, gegründet im August 1988. Von der sudanesischen Hauptstadt Khartum aus unterstützte bin Laden dschihadistische Gruppen in mehreren arabischen Ländern und organisierte Attentate (z.B. Jemen, Algerien, Libanon und Saudi-Arabien). Nach seiner Ausweisung ging bin Laden nach Afghanistan. Von dort aus initiierte al-Qaida die Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon.

Der „Arabische Frühling“: Enttäuschte Hoffnungen

Mit dem Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ 2010/2011 wurden die seit Jahrzehnten existierenden Bruchlinien zwischen korrupten, repressiven und erratischen Machtstrukturen auf der einen Seite und weiten Teilen der marginalisierten und sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungen auf der anderen Seite deutlich. Der Aufstand begann mit der „Jasminrevolution" in Tunesien. Nach landesweiten Protesten musste der autokratische Herrscher, Zine el-Abidine Ben Ali, nach 23 Jahren Herrschaft im Januar 2011 das Land verlassen. Die Proteste sprangen auf weitere arabische Staaten über. Besonders betroffen waren Ägypten, Libyen, Jemen und Syrien.

In einigen Ländern folgte eine Phase der wirtschaftlichen und politischen Transformation. Ägypten erlebte nach dem Ende der jahrzehntelangen Herrschaft von Hosni Mubarak eine kurze demokratische Öffnung und dann eine Islamisierung, ehe die Machtübernahme von General Abd al-Fattah as-Sisi im Juli 2013 – mit Unterstützung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) – die vorrevolutionären Zustände de facto wiederherstellte.

In Tunesien schien sogar ein von einer breiten Koalition getragener demokratischer Wandel einzusetzen. Führende Kraft in Parlament und Regierung war lange die gemäßigt islamistische Ennahda, der tunesische Ableger der Muslimbrüder. Vor dem Hintergrund massiver sozioökonomischer Probleme, dem raschen Wechsel der Regierungen und der Verschlechterung der Sicherheitslage steuerte der 2019 neugewählte Präsident Kais Saied das Land wieder Schritt für Schritt in Richtung einer offen autokratischen Herrschaft. Er nutzte dafür gezielt die Einschränkungen während der Corona-Pandemie. 2021 suspendierte Saied das Parlament und entließ den Regierungschef. Seitdem stützt er sich hauptsächlich auf den Sicherheitsapparat und das Militär.

Im Jemen führte die Übergangsperiode nach dem Sturz des Präsidenten Ali Abdullah Saleh nicht zu einer politischen Demokratisierung, sondern zu einer Eskalation der Gewalt. Die nordjemenitischen Huthis nutzten die Destabilisierung, um im September 2014 die Hauptstadt Sanaa einzunehmen und weiter bis in den Südjemen vorzudringen. Daraufhin intervenierte ab März 2015 eine von Saudi-Arabien geleitete Militärkoalition mit dem Ziel, die Huthis mit Luftschlägen zu bekämpfen und die international anerkannte Regierung (international Presidential Council – PLC) bei der Rückeroberung des gesamten Territoriums zu unterstützen. Doch der Jemen ist bis heute ein geteiltes Land, in dem keine Kraft die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet ausübt. Neben den Huthis ringen auch noch andere tribale Gruppen sowie Al-Qaida und der lange Zeit von den VAE unterstützte Südliche Übergangsrat um politische Macht und territoriale Kontrolle.

Der Aufstieg der Golfstaaten: Das Entstehen neuer Machtzentren

Für die Status-quo-Kräfte am Golf – insbesondere Saudi-Arabien und die VAE – waren die Aufstände ein Warnsignal. In den betroffenen Ländern unterstützten sie aktiv die Kräfte der Gegenrevolution, indem sie u.a. Proteste im Bahrain niederschlagen ließen und den Militärputsch von General as-Sisi in Ägypten politisch und finanziell absicherten. Sie scheuten auch nicht vor militärischem Engagement zurück, wie die saudische Intervention im Jemen oder die militärische Unterstützung von unterschiedlichen Gruppen in Libyen oder Syrien zeigten. Damit wollten sie ihre Machtposition sichern, trugen zugleich aber auch zur Verschärfung der Krisen bei.

Gleichzeitig präsentieren sich die Herrscher in den Golfstaaten – vor allem Saudi-Arabien unter dem einflussreichen Kronprinzen Muhammad bin Salman (MbS) seit 2016 sowie die VAE und Katar – als Modernisierer der traditionellen ölabhängigen Rentenökonomien. Sie sehen ihre Länder als Drehscheiben des internationalen Handels, investieren in Künstliche Intelligenz, Bildung, Unterhaltung und Sport, fördern die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt und möchten damit ihre Position als aufstrebende Mittelmächte manifestieren. Allerdings nahm auch die politische Repression deutlich zu. Insbesondere die Ermordung des saudischen Journalisten Dschamal Khashoggi im Oktober 2018 zeigte, wie kompromisslos gegen Kritiker des politischen Kurses vorgegangen wurde, und beschädigte zeitweise die Reputation von MbS in Europa und den USA.

Den Golfstaaten ist es gelungen, ihre autoritäre Herrschaft mit wirtschaftlicher Strahlkraft, globalen Partnerschaften, Mediationsbemühungen in regionalen Krisen sowie der Ausrichtung von internationalen Großveranstaltungen, wie der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar 2022 und der für 2034 in Saudi-Arabien geplanten WM, zu konsolidieren. Um dieses Geschäftsmodell erfolgreich aufrechterhalten und weiter stärken zu können, benötigen sie regionale Stabilität. Das ist die wichtigste Voraussetzung für die Sicherung ihrer Attraktivität als lukrative Investitionsstandorte und Touristenziele.

Der Nahostkonflikt: Zwischen Normalisierung und Eskalation

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, den Konflikt mit Israel militärisch zu entscheiden (1948, 1967 und 1973), setzten immer mehr arabische Staaten auf eine politische und wirtschaftliche Annäherung an Israel. So schlossen Ägypten 1979 und Jordanien 1994 Frieden mit Israel, während die VAE, Bahrain und Marokko 2020 die sogenannten Abraham-Abkommen unterzeichneten und ihre Beziehungen zu Israel normalisierten.

Der verheerende Angriff der palästinensischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat eine Gewaltspirale ausgelöst, die den Nahostkonflikt wieder ins Zentrum der internationalen Politik rückte. Der Gaza-Krieg ist auf mehreren Ebenen als Zäsur zu betrachten. Auf lokaler Ebene führte das militärische Vorgehen Israels gegen die Hamas im Gazastreifen zu einer extrem zugespitzten humanitären Lage. Interner Link: Auch im Westjordanland ist seit dem 7. Oktober die Gewalt – nicht zuletzt durch gewalttätige Siedler – weiter eskaliert. Regional schwächte das israelische Vorgehen nicht nur die Hamas und die Hisbollah im Libanon, sondern auch die Islamische Republik Iran und die von ihr unterstützte „Achse des Widerstands“. Die wichtigste Zäsur war der Sturz des langjährigen syrischen Diktators Bashar al-Assad im Dezember 2024.

Die Angriffe der Hamas auf Israel zielten u.a. darauf ab, die mit den Abraham-Abkommen eingeleitete Normalisierung mit den arabischen Staaten zu torpedieren. Möglicher Anlass war die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel, die nach der Wiederwahl von Donald Trump sichtbare Fortschritte machte. In diesem Punkt hatte die Hamas zumindest kurzfristig Erfolg. Seit dem Beginn des Gaza-Krieges präsentierte sich Saudi-Arabien wieder als Unterstützer der palästinensischen Sache, forderte die Gründung eines palästinensischen Staates und initiierte gemeinsam mit Frankreich und anderen internationalen Partnern die Globale Allianz für die Zwei-Staaten-Lösung. Auch andere arabische Staaten sahen das militärische Vorgehen Israels kritisch und betrachteten die Politik der Netanjahu-Regierung als Risiko für ihre Sicherheitsinteressen.

Nach einigen erfolglosen Verhandlungen über einen Waffenstillstand gelang es 2025 Donald Trump und regionalen Kräften, einen mehrstufigen Friedensplan für den Nahen Osten zu vereinbaren. Doch trotz einer gewissen Deeskalation blieb die Situation in der Region fragil. Der Waffenstillstand wurde mehrfach gebrochen, und im Juni 2025 attackierten die USA und Israel im „Zwölf-Tage-Krieg“ iranische Ziele, wie Anlagen des Atomprogramms sowie hochrangige Mitglieder der iranischen Militärführung, woraufhin Iran mit Vergeltungsschlägen reagierte. Auch in Syrien kam es unter Interimspräsident Ahmad al-Sharaa wieder zu Kämpfen zwischen der Zentralregierung und ethnischen und religiösen Minderheiten. Gleichzeitig versuchen Israel, die Golfstaaten und die Türkei, ihren Einfluss in Syrien auszuweiten.

Am 28. Februar 2026 begann mit dem Angriff Israels und der USA gegen den Iran eine neue Eskalationsspirale in der Region. Dabei blieben die US-Kriegsziele zunächst unklar; sie reichten von der Zerstörung des iranischen Atomprogramms und seines ballistischen Raketenarsenals bis hin zu einem Regimewechsel. Im Zuge der Angriffe wurde u.a. Irans Revolutionsführer Ali Khamenei getötet. Das Teheraner Regime hatte seit Januar 2026 die Repression deutlich verstärkt, was sich u.a. in der Tötung von Demonstranten, Massenverhaftungen und der Abschaltung des Internets niederschlug. Das staatliche Fernsehen sprach von 3.117 Toten, Menschenrechtsgruppen gingen von 16.000 Toten aus, in Medienberichten war u.a. von 30.000 Toten die Rede.

Die iranische Führung antwortete auf die Angriffe mit Drohnen- und Raketenattacken auf Israel sowie auf alle arabischen Golfstaaten. Die Angriffe zielten dabei nicht nur auf US-Militärbasen auf deren Territorium, sondern auch auf kritische Infrastruktur wie Flughäfen, Öl- und Gasraffinerien und Meerwasserentsalzungsanlagen. Die iranische Blockade der Straße von Hormus, die als wichtiger Seeweg für den Transport von fossilen Ressourcen fungiert, sorgte für massive Erschütterungen der Weltwirtschaft.

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Sebastian Sons studierte Islamwissenschaften, Neuere Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin und Damaskus und absolvierte die Ausbildung zum Redakteur an der Berliner Journalisten-Schule. Er arbeitete als wissenschaftlicher Abteilungsleiter beim Deutschen Orient-Institut und war Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift "Orient" (2009-2014). Im Anschluss war er als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter im Programm Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Politik (DGAP) in Berlin beschäftigt und ist derzeit dort Associate Fellow. Er promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema "Arbeitsmigration von Pakistan nach Saudi-Arabien". Im November 2016 erschien im Propyläen-Verlag das politische Sachbuch "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter".