Zentralasien umfasst heute die Territorien der postsowjetischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Die UNESCO fasst die Definition deutlich weiter. Sie bezieht auch die angrenzenden Regionen mit ein – insbesondere
Das „Große Spiel"
Russlands systematische Eroberung Zentralasiens begann in den 1830er/1840er Jahren mit der Errichtung befestigter Linien und Forts im kasachischen Steppengebiet. Nach der Niederlage im Krimkrieg 1853/56 gegen eine alliierte Koalition
Eine Schlüsselrolle kam dabei Afghanistan zu, das zwischen den Machtbereichen beider Mächte lag. Während Russland eine mögliche Landverbindung zu eisfreien Häfen am Indischen Ozean sah, wollten die Briten ein weiteres Vordringen der Rivalen unter allen Umständen verhindern. Zwischen 1839 und 1879 versuchten Truppen der britischen Ostindien-Kompanie, Afghanistan zweimal zu erobern. Der zweite anglo-afghanische Krieg (1878/79) schwächte die afghanischen Truppen so sehr, dass der Emir Abdur Rahman Khan sich gezwungen sah, für das afghanische Königreich den Status als halbautonomes Protektorat Britisch-Indiens anzuerkennen.
Nachdem es 1885 beinahe zu einer offenen Konfrontation zwischen russischen und britischen Einheiten gekommen war, forcierte London die Idee, Afghanistan als von Großbritannien kontrollierte Pufferzone zwischen Russland und Britisch-Indien zu etablieren. 1893 unterzeichnete das Königreich Afghanistan auf britischen Druck einen bilateralen Vertrag, in dem die Grenze zwischen Afghanistan und Britisch-Indien festgeschrieben wurde. Durch die rund 2.400 km lange „Durand-Linie“ verlor Afghanistan nicht nur fast ein Drittel seines Territoriums, die neue Grenze teilte auch die Stammesgebiete der Paschtunen, die seitdem auf beiden Seiten der Grenze leben. Im Vertrag von Sankt Petersburg (1907) erkannte Russland den Status Afghanistans als britisches (De-facto-)Protektorat an. Mit dem Friedensvertrag von Rawalpindi entließ Großbritannien Afghanistan 1919 schließlich in die Unabhängigkeit.
Die Sowjetunion tritt das zaristische Erbe an
Nach der Oktoberrevolution (1917) und der Gründung der Sowjetunion (1922) wurden die Führer der islamischen Staatswesen in Zentralasien abgesetzt. Bis Mitte der 1930er Jahre wurde die politische Neuordnung Zentralasiens weitgehend abgeschlossen. Tadschikistan wurde 1924 zu einer autonomen Republik innerhalb der Usbekischen SSR und 1929 zu einer eigenen Sowjetrepublik. Außerdem entstanden vier weitere zentralasiatische Sowjetrepubliken: Kasachstan, Kirgisien (Kirgisistan), Turkmenistan und Usbekistan. Die Mongolei blieb unabhängig, war de facto aber ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Ostturkestan (auch Uiguristan oder Xinjiang) wurde – abgesehen von zwei kurzen Episoden der Unabhängigkeit (1933/34 und 1945-49) – von China beansprucht. Dennoch wahrte die Sowjetunion bis zum Anschluss von Xinjiang an die VR China (1949) dort ihren wirtschaftlichen und militärischen Einfluss.
Obwohl die sowjetische Führung nach 1917 offiziell den zaristischen Imperialismus verurteilte, hielt sie an dem geopolitischen Streben nach stabilen und sicheren Zugängen zu „warmen Gewässern“ bzw. eisfreien Häfen fest. Unter Josef Stalin und seinen Nachfolgern wurde dieses traditionelle Ziel ideologisch als „Ausweitung des Sozialismus auf weitere Staaten“ oder als Unterstützung verbündeter Regierungen und Befreiungsbewegungen gerechtfertigt. Die russische Führung unter Wladimir Putin sieht Zentralasien nach wie vor als strategisches Vorfeld („nahes Ausland“) und Afghanistan als potenzielle Landbrücke zum Indischen Ozean.
Indien und Pakistan – das Trauma erbitterter Feindschaft
Am 15. August 1947 wurde Indien von Großbritannien unabhängig. Am selben Tag spalteten sich die mehrheitlich von Moslems besiedelten Regionen im Nordwesten und Osten ab und bildeten den neuen Staat Pakistan. West- und Ost-Pakistan waren durch das indische Territorium und 1.600 Kilometer Entfernung getrennt. Die willkürliche Grenzziehung, der übereilte Abzug der britischen Streitkräfte und der hochkochende religiös gefärbte Nationalismus auf beiden Seiten stürzten die ganze Region in erbitterte innen- und zwischenstaatliche Konflikte, die bis heute nachwirken. Rund 15 Millionen Hindus, Muslime und Sikhs flohen aus Dörfern, Städten und Regionen, wo sie in der Minderheit waren, auf die andere Seite der neu gezogenen Grenze. Hunderttausende kamen ums Leben.
Besonders folgenreich war die Auseinandersetzung um den Fürstenstaat Jammu und Kaschmir. Aufgrund der überwiegend muslimischen Bevölkerung sollte Kaschmir aus Sicht der pakistanischen Staatsführung Pakistans angegliedert werden, während die indische Regierung das Territorium mit dem hinduistischen Herrscher Maharadscha Hari Singh als Teil Indiens sah. Die Folge waren drei indisch-pakistanische Kriege (1947-1949, 1965, 1999). Der Kaschmir-Konflikt bestimmt bis heute maßgeblich die Außen- und Sicherheitspolitik beider Staaten – angefangen mit der massiven militärischen Aufrüstung über die Entwicklung nuklearer Waffen bis hin zur Unterstützung militanter und terroristischer Gruppen, die den Konflikt nicht selten anstelle der Armeen austragen.
Die indisch-pakistanische Rivalität wirkt sich bis heute auf die gesamte zentralasiatische Region aus. In Konflikten positionieren sich beide Staaten auf unterschiedlichen Seiten. Das erklärt z. B., warum Indien und Pakistan seit Jahrzehnten verschiedene Gruppierungen in Afghanistan nutzten, um sich gegeneinander auszuspielen. Da Neu Delhi und Islamabad den Transit von Waren der jeweils anderen Seite über ihr Territorium verbieten, ist der direkte Landweg zwischen dem postsowjetischen Zentralasien und Indien blockiert. Schließlich werden Kooperation und Problemlösung regionaler Organisationen und Zusammenschlüsse durch die Obstruktionspolitik beider Regierungen erheblich erschwert.
Um sich Vorteile in ihrem Konflikt zu verschaffen, waren Indien und Pakistan von Anfang an bemüht, strategische Beziehungen zu mächtigen globalen Bündnispartnern anzubahnen. Während sich die indische Regierung der Sowjetunion zuwandte, konzentrierte sich die pakistanische Führung in erster Linie auf den Aufbau strategischer Beziehungen zu den USA. Damit öffneten sie die Tür für die Ausweitung des Ost-West-Konflikts auf Zentral- und Südasien. So unterstützte die Sowjetunion Neu Delhi im indisch-pakistanischen Krieg um die staatliche Unabhängigkeit Bangladeschs (1971). Sie blockierte Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat und sorgte dafür, dass die VR China und die USA nicht zugunsten Pakistans in den Krieg eingriffen (Prott 2023).
Die Volksrepublik China betritt die regionale Bühne
Im Osten erwuchs mit der VR China, die 1949 als neuer Staat auf die Weltbühne getreten war, für Indien ein neuer, potenziell deutlich stärkerer Rivale. Die neue kommunistische Führung in Peking versuchte, in der gemeinsamen Grenzregion Tatsachen schnell zu schaffen. Im Oktober 1950 marschierte die chinesische Volksbefreiungsarmee mit rund 40.000 Soldaten in Ost-Tibet (Chamdo) ein. Die weit unterlegene tibetische Armee wurde innerhalb weniger Wochen geschlagen. 1954 unterzeichneten die Ministerpräsidenten beider Länder, Jawaharlal Nehru und Tschou En-lai, ein Abkommen, in dem Indien das chinesische Tibet anerkannte.
In der Folge hatte es die VR China vor allem auf das Gebiet Aksai Chin abgesehen, das eine geopolitisch wichtige Verbindung zwischen Xinjiang und Tibet darstellt, aber zum indischen Jammu-Kaschmir gehört. China baute in den 1950er Jahren heimlich eine strategische Straße durch Aksai Chin, um Xinjiang mit Tibet zu verbinden. Als Indien die Straße entdeckte, kam es zu schweren diplomatischen Spannungen, die im Oktober 1962 in einen offenen Krieg eskalierten. Die aus Indiens Sicht völlig unerwartete schmachvolle Niederlage prägt bis heute das Verhältnis zwischen beiden Staaten.
Ausgelöst durch dieses Trauma hat Indien seinen Glauben an die Verbrüderung der asiatischen Nationen („Hindi-Chini Bhai Bhai“) und eine Politik der strikten Blockfreiheit aufgegeben. Stattdessen sah es sich angesichts der De-facto-Allianz zwischen Peking und Pakistan plötzlich der Gefahr eines Mehrfronten-Krieges gegenüber. Um Chinas Macht und Ambitionen etwas entgegenzusetzen, startete Indien eine massive Aufrüstung und Modernisierung seiner Armee und Geheimdienste. Außerdem verstärkte sich die politische, militärische und wirtschaftliche Hinwendung Indiens zur Sowjetunion. Beide Staaten verband das Interesse, den Einfluss Chinas in Asien einzudämmen.
Neuauflage des „Großen Spiels“
1979 intervenierte die Sowjetunion in Afghanistan unter dem Vorwand, eine zeitlich begrenzte „brüderliche Hilfe“ für die regierende kommunistische Partei angesichts eines drohenden Bürgerkriegs zu leisten.
Durch massiven Widerstand in Afghanistan wurde ein „Heiliger Krieg“ gegen die sowjetischen Besatzer ausgelöst, der u.a. von den USA, Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt wurde. 1994 formierten sich von der Provinz Kandahar ausgehend die Taliban, die 1996 in Kabul die Macht übernahmen. Angestoßen durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 intervenierte im Oktober 2001 eine von den USA geführte Militärkoalition, die versuchte, eine moderate Regierung in Kabul zu etablieren. Doch der Abzug der internationalen Truppen im Sommer 2021 führte zu einem raschen Zusammenbruch der afghanischen Regierung. Die Taliban übernahmen im August 2021 erneut die Macht.
Die Emanzipation des postsowjetischen Zentralasiens
Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurden aus inner-sowjetischen Verwaltungsgrenzen Staatsgrenzen. Die fünf zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan waren fortan zwar formal souverän, blieben wirtschaftlich, militärisch und politisch jedoch eng mit Russland verflochten. Die von Moskau initiierte Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) sollten den Einfluss Russlands auch institutionell absichern.
Obwohl Russland nach 1991 die dominante externe Macht in der regionalen Ordnung Zentralasiens blieb, vermieden die zentralasiatischen Regierungen feste Bündnisse, knüpften Beziehungen zu mehreren Machtzentren und versuchten, wirtschaftliche Vorteile zu nutzen, ohne ihre außenpolitische Entscheidungsfreiheit aufzugeben. Beziehungen zu Russland wurden aufrechterhalten, gleichzeitig Verbindungen zu China, Europa, den USA, der Türkei, Iran und anderen Staaten ausgebaut. Besonders Kasachstan und Usbekistan betrieben und betreiben eine solche Politik der Mehrfachorientierung.
Die Interessenlage nutzend, begann Peking, seinen Einfluss in der Region zu erweitern. Das bilaterale Handelsvolumen, das 1995 noch im niedrigen dreistelligen Millionenbereich lag, betrug 2025 106,3 Milliarden US-Dollar.
Auch geopolitisch treten die zentralasiatischen Staaten heute selbstbewusster auf als in den ersten Jahrzehnten ihrer Unabhängigkeit. Der schwindende Einfluss Russlands wurde durch seinen Krieg gegen die Ukraine, die westlichen Sanktionen und die daraus folgenden militärischen und wirtschaftlichen Belastungen beschleunigt (Huterer et al: 2024). Inzwischen ist der russische Einfluss und Handlungsspielraum in Zentralasien deutlich geschwächt. Das neue Selbstbewusstsein Zentralasiens zeigt sich auch in der regionalen Zusammenarbeit. Es gibt Fortschritte bei der Lösung lange umstrittener Grenzfragen. Das Abkommen zwischen Kirgisistan und Tadschikistan von März 2025
Die VR China als regionale Ordnungsmacht?
Das chinesische Interesse gilt insbesondere dem Schutz der eigenen Grenzen, hier v.a. der muslimisch geprägten Provinz Xinjiang, vor extrem-islamistischen Gruppen, die direkt oder indirekt nach China eindringen könnten. Mit Tadschikistan besteht beispielsweise seit 2016 eine Kooperation zur Bekämpfung von Terrorismus (Stanzel 2018). Nicht minder wichtig ist der Ausbau der v.a. im Rahmen der „neuen Seidenstraße“ etablierten Verkehrs- und Energieverbindungen sowie der Absatzmärkte in Zentralasien. Um seinen politischen Einfluss abzusichern, hat Peking zudem ein Netz zwischenstaatlicher Institutionen aufgebaut. 2023 wurde der China-Zentralasien-Gipfel etabliert.
Dass China dabei zunehmend eine Rolle als regionale Ordnungsmacht anstrebt, zeigt sich gegenwärtig am Beispiel Afghanistans: Als 2025 die grenzüberschreitenden Auseinandersetzungen zwischen Afghanistan und Pakistan eskalierten, engagierte sich Peking als Vermittler. Zum ersten Mal steuerte China zudem die Beratungen und Verhandlungen zur Afghanistan-Frage im UN-Sicherheitsrat. Am 15. Juni 2026 wurde einstimmig das Mandat der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) verlängert (Forti/Gowan 2026).
Indien reagiert auf den chinesischen Einfluss- und Machtgewinn in Zentralasien mit einer Mischung aus Intensivierung der politischen Beziehungen, dem Aufbau alternativer Verkehrsrouten und verstärkter Sicherheitskooperation. Die traditionell engen Beziehungen zu Russland werden nicht aufgegeben, aber durch eine gezielte Politik der Diversifizierung der strategischen Partner flankiert. So wurde im November 2017 mit demokratischen Staaten des Pazifikraums – USA, Australien und Japan – der „Vierseitige Sicherheitsdialog“ (Quad) wiederbelebt. Im Januar 2025 unterzeichnete Indien mit der Europäischen Union sowohl ein umfassendes Freihandelsabkommen (FTA) als auch einen Vertrag über die Zusammenarbeit in den Bereichen Rüstung und Verteidigung.