„Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden“ (UNESCO 1945). Der durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägt Satz aus der Präambel der Verfassung der Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) unterstreicht die Bedeutung von Bildung und Erziehung für die Zurückdrängung von Gewalt und die Förderung von Frieden. Die Gestaltung eines nachhaltigen Friedens ist nicht nur eine Aufgabe der Politik; sie beginnt im alltäglichen Miteinander. Frieden kann erlernt werden, etwa im Klassenzimmer – durch historisches Lernen, kritisches Denken und selbstständiges Reflektieren. Ein wichtiges Lernziel ist die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven. Es geht nicht nur um Vermittlung von Wissen, sondern auch um die Entwicklung friedensfördernder Haltungen und Kompetenzen.
Die Ausgestaltung von Bildungssystemen ist mitentscheidend dafür, ob es gelingt, strukturelle Ungleichheiten zu überwinden und Feindbilder abzubauen. Gleichzeitig gilt es, immer auch die Ambivalenz jeglicher Form von Wissensvermittlung und Erziehung kritisch zu hinterfragen. Denn Schul- und Bildungskontexte werden im positiven wie im negativen Sinne von den vorherrschenden Weltanschauungen und politischen Orientierungen der jeweiligen Gesellschaft sowie mächtiger politischer Akteure beeinflusst.
Schulen sind also nicht automatisch kreative Lernorte für die Friedensbildung; sie können auch Orte personaler, struktureller und kultureller Gewalt sein, die Gewalt normalisieren oder reproduzieren und so beispielsweise zur Verschärfung und Verfestigung von Ungleichheiten, Stereotypen und Diskriminierungen beitragen. Die Gefahr droht z.B. dann, wenn Lehrpläne und Schulbücher auf bestimmte Perspektiven auf Geschichte verengt (und andere ausgelassen) werden oder verkürzte Erklärungsmuster zu den Ursachen von Kriegen und Gewalt vermitteln.
Ein Beispiel dafür, wie die Ausgestaltung eines Schulsystems Spannungen reproduzieren kann, ist das Schulsystem in Bosnien und Herzegowina. In vielen Orten besuchen bosniakische (mehrheitlich muslimische) und kroatische (mehrheitlich katholische) Kinder und Jugendliche zwar dasselbe Schulgebäude, werden aber räumlich und organisatorisch voneinander getrennt. In den „zwei-Schulen-unter-einem-Dach“ sind nicht nur die Lehrpläne unterschiedlich. So wird in Geschichte und Geografie jeweils nur die kroatische oder bosniakische Sicht gelehrt. Die Heranwachsenden der beiden ethnischen Gruppen haben oft auch separate Eingänge und versetzte Pausenzeiten (Freeman-Woolpert 2018). Dadurch wird gemeinsames Spielen, Diskutieren oder Lernen strukturell verhindert und damit auch die mögliche Erfahrung, dass „die Anderen“ ähnliche Hobbys, Interessen und vielleicht sogar gemeinsame Friedensvisionen haben. Jahrzehnte nach Kriegsende trägt diese Praxis weiterhin dazu bei, bereits im Kindesalter ethnisch-politische Differenzlinien wahrnehmbar zu machen und zu stabilisieren.
Wie die Verfestigung von Stereotypen und Feindbildern überwunden werden kann, zeigen die Forschungen des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung (GEI) in Braunschweig.
Die Bestandsaufnahme ist in die Empfehlungen der Unabhängigen Kommission Antiziganismus für die weitere Entwicklung von Lehrplänen und Schulbüchern eingeflossen (Unabhängige Kommission 2021: 237–252). Die Kommission dringt u.a. darauf, Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Ausbildung über antiziganistischen Rassismus zu informieren, um sie über den Unterricht hinaus in die Lage zu versetzen, rassistisches und diskriminierendes Handeln im Kollegium und in der Schülerschaft zu identifizieren und angemessen zu intervenieren. Ein weiterer Punkt betrifft die emanzipatorische Darstellung von Sinti und Roma als aktive Gestalter ihrer eigenen Geschichte und Gegenwart.
Leitfaden für konfliktsensible Bildungsprogramme
Die Friedensbildung stellt sich die Aufgabe, durch breit gefächerte individuelle und kollektive Lernprozesse eine tragfähige Kultur der konstruktiven Konfliktaustragung und Friedensentwicklung zu fördern. Dafür hat das Inter-Agency Network for Education in Emergencies (INEE) 2013 bisherige Erfahrungen ausgewertet und einen Leitfaden für die Entwicklung und Implementierung konfliktsensibler Bildungsprogramme und -politiken erstellt.
Ein Punkt, der in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist die Gewährleistung von Chancengleichheit für verschiedene ethnische, religiöse und soziale Gemeinschaften und Gruppen. Hilfreich dafür ist eine intersektionale Perspektive, welche die vielfältigen Erfahrungen von Gewalt und Krieg berücksichtigt. So stellt sich etwa die Frage, wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Angehörige von LGBTQIA+-Communities ihre Vorstellungen von Frieden in einem sicheren Raum
Unmittelbare und strukturbezogene Friedensbildung
In der Friedensbildung lassen sich zwei grundlegende Ansätze unterscheiden (vgl. Jäger 2014): Zum einen die direkte, unmittelbare Friedensbildung, die von Lehrkräften, Fachkräften der Sozialen Arbeit und Anleitenden vor Ort auf der Grundlage eigener Erfahrung und Erkenntnisse der Friedensforschung und anderer Disziplinen geleistet wird. Sie konzipiert, implementiert und evaluiert friedenspädagogische Lernarrangements für ausgewählte Zielgruppen (z.B. multiplikatorische Fachkräfte, Jugendliche, Mitarbeitende von Nichtregierungsorganisationen oder Vertretungen von Konfliktparteien) und schafft so Erfahrungsräume für gemeinsames Lernen.
Der zweite Ansatz betrifft die strukturelle Verankerung der Friedensbildung etwa in Curricula oder durch den Aufbau von Institutionen. Wege dazu sind die Entwicklung und Implementierung von Lehrplänen im formalen Bildungsbereich sowie der Aufbau von Bildungseinrichtungen und Netzwerken. Die Berghof Foundation verbindet in ihren friedenspädagogischen Projekten beide Ansätze. So werden beispielsweise neben Workshops auch konzeptionelle Publikationen und Bildungsmaterialien bereitgestellt, die in Curricula integriert werden können. Darüber hinaus ist sie Trägerin der Servicestelle Friedensbildung
Für die Zukunft der strukturellen Friedensbildung und eine nachhaltige Wirksamkeit in der Gesellschaft sind Modellschulen für Friedensbildung ein wichtiger Ansatz. Ein Baustein dafür wäre, die Themen Frieden und Gewalt in zentrale Fächer, wie Sport, Ethik, Physik oder Gemeinschaftskunde, zu integrieren.
Friedensbildung weltweit stärken
Wie vielfältig Friedensbildung in Konflikt- und Krisenregionen sein kann, zeigt eine Studie, die am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg durchgeführt wurde. Mithilfe empirischer Erhebungen in zehn Konfliktländern wurden über 800 Einzelaktivitäten identifiziert. Diese wurden wiederum zu 25 Maßnahmenmustern gebündelt (Lehnhart et al. 2007, 2011). Dazu zählen beispielsweise Austauschprogramme, Curriculum-Entwicklung, Erinnerungsarbeit, Friedensbildung mit Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit, Künste für den Frieden, Sport für den Frieden oder Trauma-Behandlung (ebd.: 19). Die Ergebnisse belegen, dass die Teilnahme an friedenspädagogischen Projekten, einschließlich solcher mit sozialpädagogischer Ausrichtung, die friedfertige Einstellung der Teilnehmenden stärkt.
Zudem zeigte sich länderübergreifend ein signifikanter Unterschied in Bezug auf die einfühlsame Wahrnehmung der Konfliktparteien und die Bereitschaft zur friedlichen Konfliktlösung (ebd.: 5). Belegt ist auch die motivierende Bedeutung der Rolle externer Akteure in verfahrenen Konfliktsituationen (Lenhart et al. 2007: 17-22). Inzwischen stellt auch die Global Campaign for Peace Education – ein informelles, international organisiertes Netzwerk, das Friedensbildung durch öffentliches Bewusstsein und politische Unterstützung weltweit stärken möchte – ein Mapping
Friedensbildung im digitalen Zeitalter
Digitalisierung birgt sowohl große Chancen für Teilhabe und Perspektivenvielfalt in Information, Medien und Bildung als auch erhebliche Risiken und Gefahren, die von Falschinformationen über gezielte Manipulation bis hin zu massiven virtuellen Gewalterfahrungen reichen. Digitale Friedensbildung beschäftigt sich mit den Potenzialen der Digitalisierung für Transformationsprozesse, analysiert die damit verbundenen Chancen und Risiken und untersucht die neuen Handlungs- und Gestaltungsoptionen, die sich für die Friedensbildung im und für den digitalen Raum ergeben (Bieß 2022, 2024a; Jäger/Rieber 2024).
Die neuen Möglichkeiten digitaler Friedensbildung profitieren dabei von den veränderten Formen öffentlicher Kommunikation und Interaktion. Geografische Entfernungen verlieren durch die digitale Vernetzung an Bedeutung. Digitale Plattformen ermöglichen es, friedenspädagogische Inhalte global und niedrigschwellig zu verbreiten. Menschen in Konfliktregionen oder abgelegenen Gebieten können auf Bildungsressourcen zugreifen, die ansonsten unerreichbar wären. Sie können sich in Echtzeit vernetzen und über Ländergrenzen hinweg in Kontakt treten, sich aktiv an (globalen) gesellschaftlichen Diskursen beteiligen sowie (transnationale) Petitionen initiieren und Kampagnen gestalten (Bieß 2024b).
Die Grenzen zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verschwimmen. Durch interaktive Formate und Augmented Reality können Lernende virtuelle Zeitreisen in die Vergangenheit unternehmen und dabei beispielsweise Zeitzeug/-innen zuhören und befragen, wodurch historische Ereignisse unmittelbar zugänglich und emotional erfahrbar werden. Solche digitalen Formen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eröffnen neue Zugänge zur Aufarbeitung des kollektiven Gedächtnisses und kollektiver Traumata (vgl. Zembylas/Bekerman 2008; Bekerman/Zembylas 2011). Theorie und Praxis können dadurch in einen lebensweltnahen Transfer treten. Wenn historische Geschehnisse näher rücken, fällt es leichter, daraus Einsichten und Schlussfolgerungen für die Überwindung von Gewalt und die Gestaltung eines friedlichen gesellschaftlichen Miteinanders im Hier und Heute abzuleiten. Lernende können so ihr Wissen unmittelbar anwenden und sich als handelnde und selbstbewusste Subjekte wahrnehmen und Frieden mitgestalten (Jäger 2019: 137).
Sobald sich Lernende im Internet bewegen, tauchen sie häufig in die hochambivalente Welt der sozialen Medien ein. Friedensbildung zielt daher darauf ab, Menschen, die in mediatisierten Gesellschaften aufwachsen, sowohl Wissen über die Ursachen und Folgen von Gewalt- und Konfliktdynamiken in sozialen Medien lebensweltnah zu vermitteln als auch ihre friedensfördernden Kompetenzen im digitalen Zeitalter zu stärken. Dazu zählen z.B. digitale Zivilcourage, Gegenredetrainings, gewaltfreie Kommunikation oder konstruktive digitale Konfliktbearbeitung (Bieß 2022; 2023).
Durch das mediatisierte Aufwachsen verändert sich auch die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden; sie wird horizontaler und interaktiver. Auf der Seite der Lernenden sind nicht selten mehr digitale Fähigkeiten und Fertigkeiten vorhanden als bei den Lehrenden. Vor dem Hintergrund der beschleunigten Kommunikation und Interaktion von Inhalten, die einerseits relevant und gemeinschaftsbildend, andererseits potenziell irreführend und gefährlich sein können, ist eine kritische Begleitung der Lernprozesse durch fachlich kompetente (friedens-)pädagogische Akteure unverzichtbar (Arshad-Ayaz 2020; Bieß 2024b; Fournier-Sylvester 2020; Wolinska/Büssing 2023). Die Rolle der Lehrkräfte wandelt sich dabei stärker von Wissensvermittler/-innen hin zu Lerncoaches.
Für die digitale Friedensbildung liefern einschlägige Institutionen und Netzwerke hilfreiche Handreichungen und digitale Formate. So erstellte das Projekt „Creating Peace“