Der demografische Wandel gehört inzwischen, bezogen auf praktisch alle Lebens- und Politikbereiche, zu den meistdiskutierten (und meiststrapazierten) gesellschaftlichen Veränderungen. Im Kern versteht man unter demografischem Wandel die Entwicklung von Bevölkerungszahl und -struktur (v. a. hinsichtlich Alter, nationaler bzw. regionaler Herkunft – Stichwort: Migration – und auch Zusammenleben in Haushalten/Familien; letzteres als Problem im Schnittpunkt von demografischem und sozialem Wandel). Wesentliche Einflussfaktoren sind die Geburtenrate, die Lebenserwartung, Wanderungsbewegungen und auch die Bildung bzw. die Auflösung von Haushalten.
Im Gegensatz zu weit verbreiteten Irrtümern ist der demografische Wandel keine neue Erscheinung (die z. B. mit dem so genannten "Pillenknick" eingesetzt hätte), sondern begleitet die Menschheit seit ihrem Bestehen. Ein Beispiel: Die erste Generation von Frauen in Deutschland, die erstmals weniger Kinder geboren hatte als zum natürlichen Bevölkerungserhalt nötig sind, wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts geboren. Ein anderes Beispiel zeigt, Migration, d. h. die Ein- und Auswanderung, begleitet die Geschichte in Europa und in Deutschland über Jahrhunderte.
Zwei Eigenschaften der demografischen Veränderungen müssen berücksichtigt werden:
Demografische Prozesse verlaufen erstens in der Tendenz eher schleichend und bleiben damit, vor allem hinsichtlich ihrer Konsequenzen, oft lange außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Zweitens sind sie nur schwer bzw. allenfalls langfristig zu beeinflussen. Dafür sind demografische Vorausberechnungen – von Sonderfällen wie Kriegen oder Seuchen abgesehen – zumindest auf mittlere Frist gemeinhin wesentlich sicherer/zuverlässiger als z. B. ökonomische Prognosen.
Allerdings: Langfristige Vorausberechnungen über 30 oder gar 50 und mehr Jahre sind ebenfalls höchst unsicher: Letztlich stellen sie immer nur ein mechanistisches Fortschreiben von Trends der Vergangenheit (sog. Stützzeitraum) unter bestimmten Annahmen dar.
Über die Entwicklungen der Vergangenheit gibt es Daten aus vielen Quellen. Spannend ist die Frage, wie sich die Bevölkerung insgesamt und einzelne Gruppen in Zukunft entwickeln werden und welche Prozesse dahinterstehen. Diese Fragen werden heute mit umfangreichen Modellrechnungen angegangen, wobei die Zahl der notwendigen Annahmen und die Einigung auf die Entwicklungstrends einzelner Größen (z.B. Lebenserwartung oder Geburtenrate) von großer Bedeutung für die Ergebnisse sind.
Komponenten der Vorausberechnungen
In Deutschland werden daher amtliche Bevölkerungsvorausberechnungen durchgeführt. Deren Vorgehen, Annahmen und Ergebnisse werden vom Statistischen Bundesamt publiziert. Im kurzfristigen Zeithorizont kann man von Prognosen sprechen. Alle langfristigen Modellrechnungen sollten jedoch immer als solche auch bezeichnet und in ihren Annahmen und Vorgehensweisen transparent gemacht werden.
Alle Ergebnisse sind als "Wenn – dann – Aussagen" zu interpretieren. Die amtliche Statistik arbeitet in Deutschland mit den so genannten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen (kBvb); aktuell ist die 15. kBvb, sie enthält verschiedene Varianten und drei Modellrechnungen. Solche Modellrechnungen werden erstellt, um die isolierten Auswirkungen singulärer Veränderungen – z. B. einer extremen Steigerung der Geburtenrate – als Referenz aufzuzeigen.
Geburten
Die Geburtenziffer liegt 2022 in Deutschland mit einem Wert von 1,46 (Kinder je Frau im gebärfähigen Alter) auf einem niedrigen Niveau und hat sich (nach einem deutlichen Rückgang in der zweiten Hälfte der 60er Jahre) seit 1980 Jahren kaum verändert. Dies gilt für die alten Bundesländer. In den neuen Bundesländern zeigt sich ein anderer Verlauf: Die Geburtenziffer lag vor der Wiedervereinigung deutlich höher als in den alten Bundesländern, ist nach der Wiedervereinigung drastisch abgestürzt und hat sich in den Jahren danach langsam erholt und auf das westdeutsche Niveau eingependelt (vgl. Abbildung "Zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland 1980-2022").
Der Eindruck, dass der Rückgang der Geburtenziffer erst seit Mitte der 1960er Jahre eingesetzt hat, täuscht aber. Auch hat der Rückgang der Geburten in den 1960er Jahren nicht nur mit der Freigabe der Pille zu tun, sondern auch mit dem Ende des Wirtschaftswunders durch die (kleine) Krise zur Mitte dieses Jahrzehnts. Die übliche Rede vom "Pillenknick" verkennt auch, dass es sich bei der rückläufigen Geburtenhäufigkeit um einen sehr langfristigen Trend handelt, der schon Anfang des letzten Jahrhunderts mit dem Übergang in die Industriegesellschaft eingesetzt hat.
Mit Blick auf die Zukunft spricht − trotz einer momentan zu beobachtenden leichten Entwicklung in dieser Richtung − wenig dafür, dass ein insgesamt grundlegender und dauerhafter Umschwung im generativen Verhalten geschehen wird und künftig absehbar eine Geburtenrate (von etwa 2,1) erreicht wird, die die Konstanz der Bevölkerung sichern würde. Das würde voraussetzen, dass die derzeit hohe Quote der Frauen, die kinderlos bleiben, zurückgeht und dass zugleich die Kinderzahl je Frau ansteigt. Ein internationaler Vergleich zeigt aber auch, dass Deutschland zu den Staaten mit der niedrigsten Geburtenhäufigkeit zählt und dass in einer Reihe von europäischen Ländern höhere Geburtenziffern (z.B. Frankreich mit fast 2 und Dänemark mit 1,7 Kindern je Frau) realisiert werden. Um ein solches Niveau zu erreichen, müssten allerdings die Rahmenbedingungen für die Entscheidung, ein Leben mit Kindern zu führen, verbessert werden. Das gilt vor allem für die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kindererziehung.
Lebenserwartung
Für die demografische Betrachtung der Lebenserwartung bzw. Sterblichkeit sind von Bedeutung sowohl
die durchschnittliche Lebenserwartung (bezogen auf ein neugeborenes Kind) als auch
die fernere Lebenserwartung (durchschnittliche Restlebenserwartung von Personen, die ein bestimmtes Alter bereits erreicht haben).
Die steigende durchschnittliche Lebenserwartung hat wesentlichen Einfluss auf die Einwohnerzahl. Die niedrige Geburtenhäufigkeit wird teilweise kompensiert. Die fernere Lebenserwartung informiert über die im Durchschnitt noch übrigbleibenden Lebensjahre. Die Summe aus erreichtem Alter und fernerer Lebenserwartung steigt mit zunehmendem Alter, da die Risiken, früh zu sterben, überwunden sind. Die wichtigste Maßgröße ist hier die fernere Lebenserwartung der älteren Menschen (ab einer Altersgrenze von 65 Jahren), die also – in der Regel – nicht mehr erwerbstätig sind und Renten gleich welcher Art erhalten. Da diese Gruppe überwiegend von Einkommensübertragungen lebt, bedeutet eine Verlängerung der ferneren Lebenserwartung, dass sich die Dauer der Übertragungen verlängert und die Ausgaben in den Alterssicherungssystemen steigen.
19.3 Fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren 1901 - 2070 (bpb)
Fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren 1901 - 2070 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Die mittlere Lebenserwartung von Neugeborenen liegt 2020/2022 bei 78,3 Jahren (Männer) bzw. 83,2 Jahren (Frauen) (vgl. Abbildung "Lebenserwartung von Neugeborenen "). Die fernere Lebenserwartung (vgl. Abbildung "Fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren 1901-2070") von 65jährigen beträgt 17,6 Jahre (Männer) bzw. 20,9 Jahre (Frauen). Die Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes gehen für die Zukunft von einem weiteren, langsamen Anstieg aus. Dafür sprechen die Trends der zurückliegenden Jahre, die internationalen Vergleiche (die Lebenserwartung in Deutschland liegt im Mittelfeld vergleichbarer Länder) sowie die Erwartungen über die Entwicklung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, des medizinisch-technischen und -pharmakologischen Fortschritts und der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung. Ob dies allerdings so zutrifft bleibt offen, denn die neuen Daten signalisieren, dass der Anstieg aktuell gestoppt und sogar leicht rückläufig ist. Die sog. Übersterblichkeit infolge der Corona-Pandemie dürfte ein Grund dafür sein.
Die Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes (Variante 15") gehen für die Zukunft davon aus, dass sich die fernere Lebenserwartung bis 2070 kontinuierlich erhöhen und zwar bis auf 20,3 Jahre (Männer) bzw. 22,9 Jahre (Frauen) bei den 65jährigen. Damit werden Männer, die das 65. Lebensjahr erreicht haben, dann im Schnitt 85,3 Jahre und Frauen 87,9 Jahre alt.
7.5 Durchschnittl. Rentenzugangsalter und Rentenbezugsdauer nach Geschlecht 1980 - 2022 (bpb)
Durchschnittl. Rentenzugangsalter und Rentenbezugsdauer nach Geschlecht 1980 - 2022 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Die Zunahme der Lebenserwartung wirkt sich – bei gegebenem Rentenzugangsalter – unmittelbar auf die Systeme der Alterssicherung aus. Ob in kapitalgedeckten oder umlagefinanzierten Systemen – die Renten müssen länger gezahlt werden. Die Daten der Rentenversicherungsstatistik weisen auf das Problem hin (vgl. Abbildung "Durchschnittliches Rentenzugangsalter und Rentenbezugsdauer 1980 − 2022"): So betrug die durchschnittliche Bezugsdauer einer Versichertenrente im Jahr 1980 in den alten Bundesländern 11 Jahre (Männer) bzw. 13,8 Jahre (Frauen). Demgegenüber liegen die Werte im Jahr 2022 bei 18,8 Jahren (Männer) und 22,2 Jahren (Frauen).
Zuwanderung
Die zu erwartenden Veränderungen im Umfang und in der Altersstruktur der Bevölkerung hängen sehr stark von der Nettozuwanderung (Zuwanderung nach Deutschland abzüglich von Ab- bzw. Rückwanderungen) ab. In der Vergangenheit haben die Zuwanderungen die jährlichen Geburtendefizite (Saldo von Sterbefällen und Geburten) mehr als ausgeglichen, so dass die Einwohnerzahl in Gesamtdeutschland von 78 Mio. (1970) auf etwa 84,5 Mio. (2022) gestiegen ist. Die zukünftige Einschätzung der Nettozuwanderung erweist sich als besonders schwierig. Der Trend der Zuwanderung wird nämlich durch die politischen Entwicklungen in der Welt, aber auch durch die wirtschaftlichen, arbeitsmarktlichen und sozialen Rahmenbedingungen in Deutschland bestimmt. Die empirischen Befunde zeigen, dass die Nettozuwanderung in Zeiten eines eklatanten Arbeitsmarktungleichgewichts mit hoher Arbeitslosigkeit und schwacher konjunktureller Entwicklung rückläufig ist. Bei einem Beschäftigungszuwachs und einer Kräfteknappheit in bestimmten Sektoren, Berufen und Tätigkeitsprofilen nimmt dieser Trend verzögert aber wieder zu. Vor allem hängt die Zuwanderung von der Situation in den Krisen- und Bürgerkriegsländern wie Syrien, Irak, Afghanistan und Afrika ab.
19.4 Wanderungen zwischen Deutschland und dem Ausland 1992 – 2022 (bpb)
Wanderungen zwischen Deutschland und dem Ausland 1992 – 2022 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de
Die Entwicklung seit 2010 weist darauf hin, dass eine hohe Zahl von Bürger:innen aus der EU (im Rahmen der Personenfreizügigkeit) in Deutschland eine Beschäftigung gesucht hat. Die schlechte wirtschaftliche Lage in den südlichen bzw. östlichen Ländern der EU einerseits und die günstige Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland andererseits, haben zu einer hohen EU-Binnenwanderung geführt.
Zwar ist es völlig ungewiss, wie sich die Migrationsentwicklung in den nächsten Jahren zeigt und wie hoch der Netto-Zuwanderungseffekt (also abzüglich der Rückwanderungen) sein wird. Angesichts eines im hohen Maße schwankenden Wanderungssaldos von 1,1 Mio. in 2015, 0,2 Mio. in 2020 und 1,5 Mio. in 2022 werden die längerfristigen Vorausberechnungen unsicher bleiben. Dieser steile Anstieg im Jahr 2022 ist vor allem Folge der Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, wobei offenbleiben muss, ob und in welchem Maße auch wieder eine Rückwanderung einsetzt. Insgesamt weisen aber alle Anzeichen darauf hin, dass der positive Wanderungssaldo nicht abbrechen wird; eher ist das Gegenteil wahrscheinlich.
Allerdings: Selbst bei einem hohen und dauerhaften Wanderungssaldo werden die Zuwanderungsgewinne das Geburtendefizit nicht ausgleichen können. Rückgang und Alterungsprozess der Bevölkerung werden gebremst, nicht aber gestoppt.
Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.
Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee, verstorben 2021, war Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.