Alterssicherungssysteme im empirischen Vergleich
Alterssicherungssysteme in Europa
Gerhard BäckerErnst Kistler
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Zwar dominieren in allen EU-Ländern die Ausgaben für die Alterssicherung die Sozialsysteme. Aber die Spannweite ist groß. Das zeigt sich auch daran, dass das Risiko der Altersarmut unterschiedlich hoch ausfällt.
Menschen entspannen auf einer Bank mit Blick auf den Ammersee. Zwar dominieren in allen EU-Ländern die Ausgaben für die Alterssicherung die Sozialsysteme. Aber die Spannweite ist groß.
In allen Ländern der Europäischen Union stellt die Alterssicherung den Kern des Wohlfahrtsstaates und des Systems der sozialen Sicherung dar. Das wird deutlich, wenn man die finanziellen Dimensionen betrachtet (vgl. Abbildung "Sozialleistungen nach Funktionen in ausgewählten EU-Ländern 2020"):
Die Ausgaben für die Alterssicherung machen nahezu durchgängig das Schwergewicht der Sozialausgaben insgesamt aus. Die Anteile schwanken 2020 in den meisten Ländern der EU zwischen 40 und 50 Prozent.
Deutschland liegt 2020 trotz der im internationalen Vergleich starken Alterung der Bevölkerung mit einem Anteil von 37,3 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der 27 EU-Staaten (42,1 %).
Betrachtet man die Bedeutung der Ausgaben für die Alterssicherung (hier jeweils ohne Absicherung der Hinterbliebenen) bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, werden ebenfalls große Abweichungen zwischen den EU-Ländern sichtbar (vgl. Abbildung "Sozialausgaben Funktion Alter (ohne Invalidität) EU-Mitgliedsstaaten, 2020": Die Spannweite reicht von 15,5 Prozent (Griechenland) bis 4,1 Prozent (Irland). Deutschland liegt mit 11,2 Prozent im Mittelfeld der Länder und auch unterhalb der EU-27-Durchschnittsquote (12,0 Prozent).
Entscheidend für die Einkommens- und Versorgungslage der älteren Generation sind aber nicht allein die institutionellen Ausgestaltungsvarianten der Alterssicherung und die Höhe der getätigten Ausgaben. Es kommt darauf an, ob und inwieweit die jeweiligen nationalen Systeme im Zusammenwirken ihrer Komponenten die Ziele der Alterssicherung erreichen. Dabei sollen drei grundlegende Zieldimensionen unterschieden werden:
Vermeidung von Altersarmut.
Sicherung des Lebensstandards in der nachberuflichen Lebensphase.
Verringerung von intragenerationalen Einkommensdisparitäten.
Vermeidung von Altersarmut
Die Ergebnisse der vergleichenden Armutsforschung zeigen, dass es in Europa extreme Unterschiede hinsichtlich der Betroffenheit von Altersarmut gibt (und zwar immer bezogen auf das Einkommensniveau in den einzelnen Ländern! ). Viele der mittel- und südosteuropäischen EU-Mitgliedsländer weisen für die ältere Bevölkerung Armutsrisikoquoten von weit über 30 Prozent auf. Die Extreme werden durch Lettland (44,6 Prozent) und Estland (40,6 Prozent) markiert. Am unteren Ende der Skala liegen vermehrt die west- und nordeuropäischen Staaten. In Deutschland sind 16,8 Prozent der Älteren armutsgefährdet. Der EU-27 Durchschnitt liegt bei 16,8 Prozent.
Auch im Grad der Lebensstandardsicherung lassen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern erkennen. Die Tabelle "Nettoersatzquoten nach Verdienstniveau" erlaubt dies zumindest in einer Annäherung.
Nettoersatzquoten nach Verdienstniveau (Pflichtsysteme) 2020
Individuelles Arbeitsentgelt, Vielfaches des Durchschnittsverdiensts für Männer (Frauen falls abweichend); Lesehilfe 0,5 = Hälfte des Durchschnittsverdiensts, 1 = Durchschnittsverdienst, 2 = doppelter Durchschnittsverdienst
Lesehilfe 0,5 = Hälfte des Durchschnittsverdiensts, 1 = Durchschnittsverdienst, 2 = doppelter Durchschnittsverdienst
OECD-Länder
Renteneintrittsalter
0.5
1
2
Österreich
65
84,4
87,1
67,6
Belgien
67
83,0
61,9
43,9
Tschechische Republik
65
100,0
65,2
45,7
Dänemark
74
124,7
84,0
71,4
Estland
71
52,0
33,7
23,5
Finnland
68
63,8
63,2
64,3
Frankreich
66
71,3
74,4
64,5
Deutschland
67
57,9
52,9
41,9
Griechenland
66
94,1
83,6
77,5
Ungarn
65
94,0
94,0
94,0
Irland
66
67,5
39,9
24,0
Italien
71
78,4
81,7
84,6
Lettland
65
55,4
55,3
52,9
Littauen
65
44,0
30,7
22,8
Luxemburg
62
98,9
88,7
80,2
Niederlande
69
94,3
89,2
87,0
Polen
65 (60)
39,1
36,5
36,8
Portugal
68
88,5
90,3
89,7
Slowakische Republik
64
76,2
69,4
64,3
Slowenien
62
87,3
63,3
59,2
Spanien
65
80,1
80,3
74,7
Schweden
65
65,1
56,2
75,3
Quelle: OECD (2021), S. 107.
Deutschland liegt mit den Nettoersatzquoten unter dem Durchschnitt der EU-Länder und weist wegen der Dominanz des Äquivalenzprinzips und der nachrangigen Bedeutung der Umverteilung zwischen den Niedrigeinkommensbeziehern und den Besserverdienern nur geringe Unterschiede bei den Nettoersatzquoten auf.
Allerdings "stehen und fallen" diese vergleichenden Berechnungen mit ihren Annahmen: Welche Alterssicherungsleistungen werden in den Vergleich einbezogen: Nur die gesetzliche Altersrente einschließlich oder ausschließlich der Hinterbliebenenrente oder auch obligatorische bzw. sehr weit verbreitete (wo setzt man da die Grenze?) betriebliche und private Altersvorsorge? Man kann über die Aussagekraft dieser Indikatoren und die Berechnungsweisen der OECD zweifellos trefflich streiten. Als Belege gegen die verbreitete Meinung, in Deutschland seien die Renten besonders opulent und der soziale Ausgleich durch die und innerhalb der Sozialsysteme besonders ausgeprägt, sind die vorstehenden Ergebnisse jedoch hilfreich und tragfähig.
Einkommensdifferenzen innerhalb der Gruppe der Alten
Diese Differenzierungen leiten über zur dritten Zieldimension, der Frage nach den Einkommensdifferenzen innerhalb der Gruppe der Älteren. Die Antwort auf diese Frage hängt sehr von der Konstruktion des jeweiligen Alterssicherungssystems ab. Grundsicherungselemente oder im Umfang meist kleinere und meist mit hohen Zuführungen aus Steuermitteln versehene staatliche Basisrentensysteme haben eher Rentenzahlungen mit geringen Unterschieden in ihrer Höhe zur Folge (so z. B. in der Schweiz und in den Niederlanden). Daneben existierende betriebliche und private Alterssicherungssysteme als 2. bzw. 3. Säule (bzw. äquivalenzbasierte Versicherungssysteme überhaupt) kehren das Ergebnis teilweise geradezu um. Die Einkommensverteilung im Rentenalter hängt – neben den Einkommensdifferenzen im Erwerbsalter – also stark von der jeweiligen Mischung dieser Strukturelemente ab. Als Grundregel ist festzuhalten, dass die Ungleichverteilung unter den Älteren umso höher ausfällt, je gewichtiger die privaten bzw. äquivalenzbasierten Elemente sind.
Weitere Indikatoren für die Leistungsfähigkeit von Alterssicherungssystemen sind aber z. B. auch der Rechtsstatus der Rentner:innen (der bei bedürftigkeitsgeprüften Leistungen niedrig ist), die Vertrauenswürdigkeit und Sicherheit der Systeme (die z.B. auch in einer Anpassungsdynamik zum Ausdruck kommt), die Anfälligkeit der Renten bzw. ihrer Armutsfestigkeit bei Wirtschaftskrisen, Akzeptanz und Finanzierungsgerechtigkeit.
Dass es in Deutschland keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit gibt, zeigt ein Blick auf den Gender Pension Gap (vgl. Interner Link: Ausbau der Alterssicherung von Frauen) im europäischen Vergleich. Deutschland weist danach mit einer Lücke von 42,1 Prozent den fünfschlechtesten Wert unter den Ländern der EU im Jahr 2016 auf.
Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.
Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee, verstorben 2021, war Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.