In den letzten Jahren ist die Anzahl der Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, stetig gestiegen. Im Dezember 2025 schätzte das Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UN-OCHA), dass rund 239 Mio. Menschen Hilfe benötigten (Externer Link: UN OCHA 2026). Zum Vergleich: kurz nach der Jahrtausendwende waren es noch 40 Mio. und im Jahr 2016 waren es 87 Mio. Menschen (UN OCHA 2015). Hauptursachen für diesen Anstieg sind bewaffnete Konflikte und Kriege wie in Syrien, der Ukraine, dem Gaza-Streifen und dem Sudan. Millionen von Menschen sind in diesen Gebieten Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt oder auf der Flucht.
Tausende lokale und internationale humanitäre Organisationen unterstützen die Bevölkerung in Kriegs- und Konfliktsituationen – etwa bei der Ernährungssicherung, medizinischen Versorgung oder dem Zugang zu sauberem Trinkwasser und sicheren Unterkünften. Zu den wichtigsten Organisationen zählen neben staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren in den Krisengebieten die internationale Rotkreuzbewegung und die zahlreichen nationalen Rotkreuz- und Roter-Halbmond-Gesellschaften. Auch die verschiedenen Hilfswerke der Vereinten Nationen, darunter das Kinderhilfswerk UNICEF, der Flüchtlingsrat UNHCR und das Welternährungsprogramm WFP, leisten wichtige Arbeit. Ferner sind unzählige internationale Nichtregierungsorganisationen (NRO) zu nennen, wie etwa Ärzte ohne Grenzen, Caritas International, Diakonie Katastrophenhilfe, Welthungerhilfe oder Islamic Relief.
Die humanitäre Arbeit in Konfliktgebieten ist anspruchsvoll. Die Hilfe darf nicht in die falschen Hände geraten und muss dort ankommen, wo sie auch wirklich gebraucht wird – bei der notleidenden Bevölkerung. Denn wenn Hilfsgüter von Konfliktparteien zweckentfremdet werden, können Konflikte verschärft oder verlängert werden. Frühe Beispiele dafür waren der Biafra-Konflikt 1967 bis 1970, die große Hungersnot in Äthiopien 1984 und der Genozid in Ruanda 1994. In all diesen Konflikten haben Konfliktparteien humanitäre Hilfe instrumentalisiert, die humanitäre Logistik für ihre Zwecke genutzt und Hilfsgüter „abgezweigt“ (von Pilar 2013).
Aber auch in den meisten gegenwärtigen Konflikten versuchen Konfliktparteien, die Hilfe für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ein Beispiel ist der bewaffnete Konflikt im Gaza-Streifen, wo die israelische Regierung aufgrund der Befürchtung, dass viele Hilfsorganisationen als Deckmantel für feindselige und gewalttätige Aktivitäten dienten und dass Hilfsgüter von der Hamas gestohlen würden, Hilfsgüter wie Lebensmittel, Medikamente und Wasser nicht in den Gaza-Streifen einließ. (Norwegian Refugee Council 2025; Welthungerhilfe 2025; Government of Israel 2025; Tagesschau 2025). Die Blockaden führten nach Angaben von Hilfsorganisationen dazu, dass insbesondere Kinder und alte Menschen an Hunger und eigentlich behandelbaren Krankheiten starben (Aktion gegen den Hunger 2025; Ärzte ohne Grenzen 2025). Die von Israel ersatzweise eingesetzten Hilfsmechanismen wurden von vielen Hilfsorganisationen dafür kritisiert, dass sie politischen und militärischen Zielen dienten und nicht unparteiisch arbeiteten (Oxfam 2025). Darüber hinaus wurde beklagt, dass die Hilfe oft unter dem Schutz und Einsatz bewaffneter privater Sicherheitsfirmen erfolgte und dabei zahlreiche Hilfssuchende ums Leben kamen (Financial Times 2025).
Extrem unübersichtliche und hocheskalierte Situationen in Konflikten stellen Hilfsorganisationen vor schwerwiegende Entscheidungen: Welche Maßnahmen können getroffen werden, um Konflikte durch die humanitäre Hilfe nicht zu befeuern? Ist es besser und ethisch zu verantworten, die humanitäre Hilfe auszusetzen? Wie können, trotz Zugangsbeschränkungen, sinnvolle humanitäre Maßnahmen durchgeführt werden? Eine Orientierung bei der Beantwortung dieser Fragen bieten die Arbeitsgrundsätze humanitärer Organisationen, die teilweise schon anlässlich der Begründung der modernen humanitären Hilfe durch den Gründer der Rotkreuz-Bewegung Henry Dunant im Jahr 1864 formuliert wurden und inzwischen auch im Völkerrecht verankert sind.
Die humanitären Prinzipien
Eine der wichtigsten Arbeitsgrundlagen für viele humanitäre Organisationen in Konflikten sind die sogenannten humanitären Prinzipien – Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität (IFRC). Durch diese Prinzipien soll die bewusste Einflussnahme auf einen Konflikt ausgeschlossen werden und der Zugang zur notleidenden Bevölkerung sichergestellt werden:
Menschlichkeit: Dieses Prinzip beruht auf der grundsätzlichen Würde eines jeden Menschen. Es besagt, dass überall dort, wo Menschen von Katastrophen oder Konflikten betroffen sind, Maßnahmen ergriffen werden sollten, um Leid vorzubeugen oder zu verhindern. Dieses Prinzip hat für humanitäre Organisationen oberste Priorität.
Unparteilichkeit: Hilfe sollte allein nach dem humanitären Bedarf geleistet werden. Ethnische Herkunft, Geschlecht oder religiöse und politische Zugehörigkeit sollten keine Rolle bei der Vergabe spielen. Stattdessen sollte sich die Hilfe auf die Menschen oder Gruppen konzentrieren, die am bedürftigsten sind und sich am wenigsten aus eigener Kraft helfen können.
Unabhängigkeit: Humanitäre Organisationen sollten frei und ohne äußere Einflussnahme ihre Arbeit durchführen können. Viele Organisationen halten eine entsprechende Distanz zu Konfliktparteien für angemessen. Auf finanzieller Ebene versuchen viele humanitäre Akteure, ihre Unabhängigkeit dadurch zu gewährleisten, dass sie möglichst viele private Spender oder möglichst viele unterschiedliche Geber, z. B. Regierungen, internationale Organisationen, Unternehmen, Stiftungen, private Spender, gewinnen.
Neutralität: Humanitäre Organisationen sollten sich nicht in den Konflikt einmischen und sich nicht für oder gegen eine Konfliktpartei aussprechen.
Obwohl diese Prinzipien von den Hilfsorganisationen zum Teil unterschiedlich ausgelegt werden, stimmen sie darin überein, dass nur durch die Befolgung dieser Prinzipien die Akzeptanz für ihre Arbeit und der Zugang zu allen Gebieten und zu den Hilfebedürftigen gewährleistet werden kann. Die humanitären Prinzipien finden sich unter anderem im Code of Conduct der internationalen Rotkreuz- und Roter-Halbmond-Bewegung und der NRO, die in der Not- und Katastrophenhilfe tätig sind, sowie im sogenannten Core Humanitarian Standard (2014).
Die humanitären Prinzipien sind allerdings nicht immer ausreichend, um eine möglichst positive Wirkung von humanitärer Hilfe sicherzustellen. Dies gilt besonders dann, wenn, wie in den oben genannten Fällen, Hilfe von Konfliktparteien bewusst für ihre eigenen Ziele missbraucht und instrumentalisiert wird. Aus diesem Grund verfolgen viele Organisationen inzwischen explizite Regeln für ihr Handeln in bewaffneten Konflikten bzw. konfliktsensitiven Kontexten. Diese Regeln folgen dem Grundsatz „Richte keinen Schaden an“ (englisch: „do no harm“).
Der „Do no harm“-Ansatz
Der Do no harm-Ansatz beruht auf der Grundidee, dass humanitäre Hilfe – trotz bester Absichten – nicht automatisch neutral ist. Jegliche Intervention von außen setzt neue Impulse für das Konfliktgeschehen. Laut Do no harm-Ansatz ist es deshalb wichtig, strikt darauf zu achten, dass diese Einflüsse nicht konfliktverschärfend wirken. Im Do no harm-Ansatz geht es deshalb darum herauszufinden, wie sich negative, konfliktfördernde Praktiken vermeiden und positive, konfliktreduzierende Einflüsse im Rahmen der Hilfe stärken lassen.
Der Ansatz wurde in den 1990er Jahren unter der Leitung von Mary B. Anderson auf der Basis von Erfahrungen hunderter humanitärer Helfer entwickelt (Anderson 1999). Er wird heute von fast allen großen humanitären Organisationen im Rahmen ihrer Arbeit angewandt. Was sich wie eine Selbstverständlichkeit anhört, ist in Wahrheit ein hoch anspruchsvolles Projekt. Denn die Voraussetzung ist eine äußerst genaue Kenntnis und Analyse der Konfliktsituation vor Ort und des gesamten Konfliktkontextes.
Die Konflikt- und Kontextanalyse soll sich besonders darauf konzentrieren, trennende und verbindende Faktoren innerhalb des jeweiligen Konfliktkontextes zu identifizieren. Der Ansatz geht davon aus, dass in jedem Krieg bzw. gewaltsam ausgetragenen Konflikt auch ein gewisses Maß an Alltag stattfindet, in dem sich Menschen begegnen können. Zu den verbindenden Elementen gehören zum Beispiel Märkte, die trotz Konflikt und Gewalt weiter abgehalten werden, aber auch gemeinsame Werte, eine gemeinsame Sprache oder Erfahrungen, die geteilt werden, beispielsweise Arbeitserfahrungen in verschiedenen Bereichen.
Zu den trennenden Faktoren gehören unter anderem historisch gewachsene Strukturen von Diskriminierung, Rechtlosigkeit und Exklusion, die mit ungleichem Zugang zu Ressourcen einhergehen. Ebenfalls trennend wirken unterschiedliche Werte und Interessen oder Systeme und Institutionen, die Gewalt reproduzieren, wie zum Beispiel bewaffnete Gruppen und Armeen, Waffenproduktionssysteme und Propagandaapparate (Anderson 1999).
Auf der Basis der Erkenntnisse, die aus dieser Analyse gewonnen werden, soll die humanitäre Hilfe so ausgerichtet werden, dass sie trennende Faktoren nicht weiter verstärkt und verbindende Faktoren unterstützt. Auf diese Weise sollen nicht intendierte Nebenwirkungen vermieden werden. Jede Intervention muss also kontextspezifisch vorbereitet und durchgeführt werden.
Weitergehend als der Do no harm-Ansatz, der eine Verschärfung von Konflikten durch humanitäre Hilfe verhindern soll, ist der sogenannte Triple Nexus Ansatz. Er ist darauf ausgerichtet, Synergien zwischen den drei Aufgabenbereichen humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit sowie Konfliktbearbeitung und Friedensförderung herzustellen (DuBois 2020).
Der „Triple Nexus“
In den meisten Konfliktregionen arbeiten zahlreiche Akteure mit unterschiedlichen Zielsetzungen nebeneinander. Schon seit den achtziger Jahren gibt es daher Ansätze, die die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren und die Verknüpfung von friedens- und entwicklungspolitischen Zielen und humanitärer Hilfe befördern sollen. Zunächst als dualer Nexus von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit mit der Vorstellung eines zeitlich gestaffelten Übergangs von humanitärer Hilfe zu Entwicklungszusammenarbeit entwickelt, entstand schnell die Erkenntnis, dass die idealtypische Vorstellung eines Kontinuums in der Realität nicht existierte. Spätere Überlegungen unterstrichen stärker den Gedanken der Gleichzeitigkeit oder eines Kontinuums der Arbeitsbereiche (Südhoff et al. 2020).
Um die Jahrtausendwende – besonders sichtbar während des Einsatzes der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan – wurde humanitäre Hilfe enger mit sicherheitspolitischen Maßnahmen der Stabilisierung und des Wiederaufbaus verknüpft. Zahlreiche Geberregierungen entwickelten „whole of goverment“-Ansätze, deren Ziel die bessere Koordination und Integration der Arbeit verschiedener Ministerien war (etwa Verteidigung, Entwicklungszusammenarbeit, äußere Angelegenheiten). Diese Integration wurde von zahlreichen humanitären Akteuren kritisiert, u.a. weil die Politisierung der humanitären Hilfe die humanitären Prinzipien unterminierte. Die Einhaltung der Neutralität war unter diesen Bedingungen kaum möglich (Südhoff et al. 2020).
Einen weiteren Anlauf, einen besser abgestimmten Übergang zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zu erreichen, hat der World Humanitarian Summit unternommen, der 2016 in Istanbul stattgefunden hat. Sowohl im Bericht des UN-Generalsekretärs für den Gipfel als auch in der Agenda for Humanity wird die Bedeutung der Verbindung beider Bereiche betont. Unter dem Eindruck der massiven humanitären Folgen bewaffneter Konflikte und Kriege und sinkender Mittel wurde die Notwendigkeit einer effizienteren und effektiveren integrierten Arbeitsweise betont und der duale Nexus um ein drittes Element – Konfliktprävention und Friedensförderung – ergänzt. Seitdem spricht man vom Triple- oder HDP-Nexus (Humanatarian Development Peace Nexus) (Südhoff et al. 2020).
Doch während die meisten humanitären Organisationen grundsätzlich anerkennen, dass die Förderung von Frieden und die Bearbeitung von Konflikten als eine der Hauptursachen der gegenwärtigen humanitären Krisen wichtige Ziele sind, verläuft die Integration der Ansätze schleppend. Unterschiedliche Arbeitskulturen, administrative Barrieren, verteilte Zuständigkeiten und mangelnde Koordinierung und nicht zuletzt die Befürchtung vieler humanitärer Akteure, ihre Neutralität zu verlieren, sind nur einige der Barrieren, die dafür verantwortlich sind (VOICE 2019; DuBois 2020; Hövelmann 2020).
Neue Herausforderungen
Angesichts der massiven Kürzungen der Mittel für humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensarbeit, die insbesondere, aber nicht ausschließlich auf die von der Trump-Regierung 2025 beschlossene Suspendierung der US Agency for International Development (USAID) zurückgehen, und auch wegen des für 2025 projizierten Rückgangs der weltweiten staatlichen Entwicklungshilfe (Official Development Assistance – ODA) um 26 % steht die Arbeit in Krisen- und Konfliktländern vor beinahe unlösbaren Aufgaben.
Die aus der finanziellen Not heraus entstandene „Hyperpriorisierung“ von humanitärer Hilfe (IASC 2025) soll so viele Menschenleben wie möglich retten. Sie fokussiert verstärkt auf akute Krisen. Chronische Krisen und die Verknüpfung der humanitären Arbeit mit Überlegungen für einen verbesserten Wiederaufbau und mit Resilienz-Strategien treten in den Hintergrund (Solidarités International 2025). Obwohl diese Verknüpfungen nicht nur nachhaltiger, sondern langfristig auch kostengünstiger sind, geraten sie aus dem Blick. Es steht zu befürchten, dass auch das Ziel, humanitäre Hilfe, Entwicklung und Friedensförderung enger zu verknüpfen und aufeinander abzustimmen, auf der Strecke bleiben wird.
Gerade deshalb ist eine der wichtigsten Aufgaben für humanitäre Organisationen in der Zukunft, die Beziehungen der zahlreichen Akteure im Kontext von Krisen besser zu gestalten und damit die Zusammenarbeit und Partnerschaft zu stärken. Dazu gehört auch, dass die notleidende Bevölkerung stärker in die Gestaltung von Nothilfeaktivitäten einbezogen wird und in allen Phasen der Hilfe Einfluss ausüben kann. Ein Schlüssel dazu bleibt die Stärkung der führenden Rolle von lokalen Organisationen und nationalen Institutionen in der humanitären Hilfe.