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Wandel und Persistenz: Einfluss islamistischer und dschihadistischer Netzwerke im Nahen Osten und in Nordafrika | Kriege und Konflikte | bpb.de

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Wandel und Persistenz: Einfluss islamistischer und dschihadistischer Netzwerke im Nahen Osten und in Nordafrika

Julius Dihstelhoff und Alexander Lohse

/ 11 Minuten zu lesen

Der Einfluss islamistischer Organisationen und Netzwerke im arabischen Raum hat seinen Höhepunkt der 2010er Jahre überschritten. Doch anstatt zu verschwinden, reagieren Akteure, wie die palästinensische Hamas, die ägyptische Muslimbruderschaft oder die syrische HTS, mit unterschiedlichen Anpassungsstrategien.

7. Dezember 2025, Damaskus, Syrien: Anhänger der islamistischen HTS feiern die Absetzung von Baschar al-Assad vor einem Jahr. Sie schwenken syrische Fahnen und die weiße Fahne des Dschihad, die in der islamistischen Propaganda eine wichtige Rolle spielt, da sie an den Propheten und die Idee der Errichtung eines islamischen Staates erinnern soll. (Vgl. Externer Link: https://ctc.westpoint.edu/militant-imagery-project/0093/) (© picture-alliance, Matrix Images)

Auf die Aufstände des Arabischen Frühlings seit 2011 folgte eine Phase, in der die Muslimbruderschaft und dschihadistische Gruppen, wie der Islamische Staat (IS) und al-Qaida, ihre Positionen stärken konnten. Doch seit einigen Jahren ist ein Prozess der Fragmentierung und Auflösung ihrer regionalen und nationalen Machtstrukturen zu beobachten.

Prägende Zäsuren dieses Niedergangs waren insbesondere:

  • die Zerschlagung des Kalifats des selbsternannten Islamischen Staates (IS) im Nordirak und Nordosten Syriens durch eine US-geführte internationale Koalition in Zusammenarbeit mit lokalen Truppen und Einheiten (2017-2019).

  • das Scheitern der Regierungsbeteiligung islamistischer Parteien sowohl in Ägypten in Folge eines Militärputschs unter General al-Sisi (2013) als auch in Tunesien im Zuge der Autokratisierung des politischen Systems unter Präsident Kais Saied (2021).

  • die Wiederannäherung zwischen den Golfstaaten Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar nach der Phase offener Rivalität (seit 2017) durch das Al-Ula-Abkommen von 2021.

  • die Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten (Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain, Marokko und Sudan) im Rahmen der sogenannten Abraham-Verträge (2020-2021).

Diese Entwicklungen führten dazu, dass islamistische und dschihadistische Akteure die Möglichkeit zur direkten politischen Machtausübung verloren. An die Stelle der Kontrolle über Territorien und der Beteiligung an Regierungen rückten selektive Gewalt, ideologische Zuspitzung und flexible Bündnisse. Wie bereits in früheren Phasen staatlicher Repression zeigt sich diese Verschiebung in einer stärkeren Orientierung auf soziale Mobilisierung, lokale Verwaltungsarbeit, Bildungsinitiativen und digitale Diskurse.

Gazakrieg: Islamistische Akteure im Fokus

Der von langer Hand vorbereitete Angriff der Hamas auf israelisches Territorium vom 7. Oktober 2023 zielte darauf ab, den regionalen Prozess der Normalisierung des Verhältnisses zwischen mehreren arabischen Staaten und Israel gewaltsam zu unterbrechen. Die Hamas wollte den Nahostkonflikt erneut ins Zentrum regionaler und globaler Aufmerksamkeit rücken und sich selbst wieder als unverzichtbaren Akteur in einer polarisierten regionalen Ordnung positionieren (vgl. Asseburg 2025; Valbjørn/Bank/Darwich 2024). Der Fall verdeutlicht exemplarisch, dass islamistische und dschihadistische Netzwerke zwar an institutioneller und territorialer Macht eingebüßt, zugleich aber ihre Fähigkeit bewahrt haben, durch punktuelle Eskalation politische Agenden zu verschieben und Konfliktlinien zu reaktivieren.

Israel reagierte darauf mit einer breit angelegten Militäroperation, die sich nicht nur gegen die Kommandostrukturen der Hamas im Gazastreifen richtete, sondern auch gegen andere feindlich gesinnte Gruppierungen und Staaten in der gesamten Region. So führten israelische Streitkräfte massive Luft- und Bodenoffensiven im Gazastreifen durch, bei denen eine Vielzahl führender Hamas-Funktionäre getötet und damit wichtige operative Führungsebenen der Organisation zerstört wurden. Gleichzeitig wurden im Südlibanon und Beirut mit gezielten Bombardements Kommandozentralen, Munitionsdepots und Infrastrukturnetze der Hisbollah zerstört, um ihre Schlagkraft nachhaltig zu schwächen. Ähnliche Operationen richteten sich gegen iranische Milizen und islamistische Netzwerke in Syrien, häufig durch Drohnenangriffe und Luftschläge.

Ein weiteres Element der israelischen Strategie war die gezielte Ausschaltung von Schlüsselpersonen und Unterstützern islamistischer Gruppen nicht nur in Gaza, sondern auch im Ausland, darunter der Drahtzieher der Terroranschläge vom 7. Oktober, Yahya Sinwar und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah. Ismail Haniyyeh, politischer Führer der Hamas, wurde im Juli 2024 bei einem Anschlag getötet, während er zur Vereidigung des neuen iranischen Präsidenten in Teheran weilte. Der Angriff auf die Kommandoebene der Hisbollah erfolgte im September 2024 durch die Explosion manipulierter Pager und Walkie-Talkies. Dabei wurden mindestens 37 Personen getötet und ca. 3.000 verletzt (vgl. Asseburg 2025). Im September 2025 flog die israelische Luftwaffe in einer Phase intensiver Waffenstillstandsverhandlungen einen Angriff auf das Haus des Chef-Unterhändlers der Hamas in der katarischen Hauptstadt Doha. Ein ähnliches Muster lässt sich auch im Irankrieg erkennen, der am 28. Februar 2026 begonnen hat. Bereits in den ersten Tagen wurden zahlreiche militärische und politische Führungspersonen, darunter der Oberste Führer Ali Khamenei, durch israelische und US-Angriffe getötet.

Die Wirkung dieser Kombination aus militärischer, nachrichtendienstlicher und digitaler Kriegsführung zeigt sich in der mittlerweile deutlichen Schwächung der „Achse des Widerstands“, die vom Iran finanzierte und/oder politisch unterstützte islamistische Organisationen umfasst. Die Hamas ist im Gazastreifen organisatorisch und personell stark dezimiert und gerät auch international zunehmend unter Druck, da einzelne Staaten – insbesondere Katar, aber auch die Türkei – ihre bisherige Rolle als politische Schutz- und Vermittlungsakteure neu justieren und stärker zwischen humanitärer Unterstützung, diplomatischer Vermittlung und sicherheitspolitischer Distanzierung unterscheiden.

Auch die Hisbollah im Libanon, schiitische Milizen in Syrien und im Irak sowie dschihadistische Netzwerke im Jemen und anderen Ländern der Region sind durch die gezielte Vernichtung von Kommandostrukturen, die Unterbrechung finanzieller und logistischer Netzwerke sowie wachsenden innerstaatlichen Druck deutlich in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Zugleich verstärkte die große Zahl an zivilen Opfern sowie die massive Zerstörung ziviler Infrastruktur die antiisraelische Stimmung in der Region, aus der Organisationen wie Hamas und Hisbollah ihre Unterstützung ziehen.

Der Sturz des Assad-Regimes in Syrien

Die Bindung militärischer Ressourcen Russlands im Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022 sowie die erhebliche Schwächung des Iran und der Hisbollah infolge israelischer Angriffe im Jahr 2024 veränderten das Kräfteverhältnis zwischen dem Assad-Regime und den militärischen Oppositionskräften in Syrien grundlegend. Davon profitierte insbesondere Hayʾat Tahrir al-Sham (HTS). Die Organisation war 2017 aus dem Zusammenschluss der Al-Nusra-Front, dem syrischen Ableger von al-Qaida und weiteren dschihadistischen Gruppen hervorgegangen. Im Verlauf des Krieges entwickelte sich HTS zur dominierenden militärischen und administrativen Kraft in der Region Idlib und prägte dort maßgeblich die „Regierung der nationalen Rettung“. Von diesem territorialen und institutionellen Rückhalt aus organisierte HTS im November 2024 gemeinsam mit weiteren bewaffneten Gruppen die Offensive, die schließlich zum Sturz des Assad-Regimes führte. Seitdem ist die Organisation als stärkste Kraft innerhalb der Übergangsstrukturen darum bemüht, sich als ordnende und integrierende Autorität für das gesamte Land darzustellen (Haenni/Drevon 2025).

Parallel dazu veränderte sich auch das Handlungsfeld moderater islamistischer Akteure. Netzwerke, die der Muslimbruderschaft nahestehen, hatten während des Bürgerkriegs punktuell politische Erfolge erzielt, etwa durch die Beteiligung an lokalen Verwaltungsräten und Kommunalparlamenten in den nicht staatlich kontrollierten Gebieten oder durch den Aufbau von Bildungs- und Sozialinitiativen in Städten wie Aleppo, Idlib und Vororten von Damaskus. Diese partielle Präsenz in der lokalen Selbstverwaltung ließ sich jedoch kaum in stabile Regierungsoptionen überführen, zumal die Führung der syrischen Muslimbruderschaft bereits seit den 1980er Jahren überwiegend vom Ausland aus operierte. Nach dem Beginn der Aufstände in Syrien 2011 beteiligte sich die Muslimbruderschaft am Syrischen Nationalrat, einem Zusammenschluss von Oppositionsorganisationen, die für sich beanspruchten, das syrische Volk zu vertreten, verlor aber bereits ab Mitte der 2010er Jahre zunehmend an Bedeutung (Wickham 2013; Gunning/Valbjørn 2025).

Nach dem Sturz Assads versuchte die syrische Muslimbruderschaft, sich wieder verstärkt in die syrische Politik einzubringen. Allerdings war die Organisation während des Aufstands gegen das Assad-Regime nur sehr begrenzt an militärischen Auseinandersetzungen beteiligt und hatte die dschihadistischen und salafistisch geprägten Akteure mitunter als „unislamisch“ kritisiert. Die Machtübernahme durch der von Ahmed al-Sharaa geführten HTS konnten die Muslimbrüder deshalb nur von außen verfolgen. Seither gibt es von Seiten der Übergangsregierung keinerlei Ambitionen, die Muslimbruderschaft direkt in den Transitionsprozess einzubinden. Vielmehr setzt Hayʾat Tahrir al-Sham auf eine Kombination aus militärischer Präsenz und administrativer Kontrolle, um die eigene Machtbasis zu stabilisieren und gegenüber rivalisierenden Milizen und anderen Akteuren abzusichern (Human Rights Watch 2024).

Ein Berater des syrischen Übergangspräsidenten riet der Organisation im August 2025 sogar, sich zum Wohle der nationalen Einheit selbst aufzulösen. Die Muslimbruderschaft reagierte wenig später mit einem Aufruf zur „Koexistenz in Syrien“ (Syrian Muslim Brotherhood 2025), in dem sie die Schaffung eines zivilen Staates forderte, der auf Gerechtigkeit und gleichen Rechten für alle basiert – unabhängig von ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit. Eine klare kritische Referenz auf die Gewalttaten gegen Minderheiten in Syrien, die die Übergangsregierung ermöglicht oder zumindest nicht verhindert hat.

Von Muslimbruderschaft und HTS abzugrenzen sind die verbliebenen lokalen IS-Gruppen, die vor allem in Ost-Syrien und in schwer zugänglichen Wüstenregionen zwischen Deir ez-Zor und Raqqa weiter aktiv sind (vgl. Gerges 2016; Hassan/Weiss 2015). Diese Gruppen passen ihre Aktivitäten an das veränderte politische Umfeld an. Um ihre begrenzte territoriale Präsenz, ihre Handlungsspielräume zu erhalten und direkter Repression zu entgehen, integrieren sie sich punktuell in lokale Milizen, erhalten lose transnationale Netzwerke aufrecht und fahren ihre frühere offen radikale Rhetorik taktisch zurück (vgl. Gerges 2016).

Muslimbruderschaft heute: Zwischen Marginalisierung und gesellschaftlicher Präsenz

Trotz der Rückschläge, insbesondere in Ägypten, Tunesien und in Gaza, bleiben die Strukturen der Muslimbruderschaft im Nahen Osten und Nordafrika weitgehend intakt. In Tunesien ist die Ennahda-Bewegung zwar keine Organisation der Muslimbruderschaft, jedoch positioniert sie sich weiterhin als politische Partei im Dienst islamisch-politischer Ziele und nutzt kommunale Netzwerke, um gesellschaftlich präsent zu bleiben. Auf diese Weise kann sie trotz staatlicher Restriktionen und Marginalisierung weiterhin Einfluss ausüben. Ihre Aktivitäten sind dabei hauptsächlich auf lokale Präsenz und Netzwerkpflege ausgerichtet.

Ein besonders anschauliches Beispiel für die über Jahrzehnte praktizierte Anpassungsfähigkeit liefert die ägyptische Muslimbruderschaft. Nach dem Verbot der Organisation operiert sie überwiegend im Untergrund oder im Exil. Dabei setzt sie auf eine Kombination aus sozialer Arbeit, religiöser Missionierung (Daʿwa) und digitalen Kommunikationskanälen, um politische Sichtbarkeit und ideologische Relevanz zu erhalten (vgl. Aboushady 2023: 165-170; Wickham 2013: S. 205-210). Die Daʿwa-Arbeit umfasst Bildungsprojekte, religiöse Beratung, karitative Initiativen sowie die Unterstützung von Familien in prekären Lebenssituationen. Parallel dazu nutzen die Muslimbrüder exilbasierte Medienkanäle, wie Al Sharq oder Rabea TV, um ihre Botschaften zu verbreiten und die Bindung an ihre Basis zu stärken. Dies zeigt, wie sich das Vorgehen des politischen Islam von direkter Machtübernahme hin zu sozialer und diskursiver Einflussnahme verschiebt.

Die palästinensische Hamas versucht seit Beginn der mit Israel vereinbarten Waffenruhe, ihre Herrschaft im Gazastreifen zu sichern, indem sie sich zunächst darauf konzentriert, die öffentliche Versorgung und Infrastruktur wiederherzustellen. Bereits seit ihrer Machtübernahme in Gaza 2007 beruhte ihre Legitimation unter anderem darauf, dass sie Schulen, Gesundheitszentren und Wohlfahrtsprogramme betrieb und dadurch die lokale Bevölkerung versorgte. Hierfür nutzte die Hamas ihre langfristigen Beziehungen zu regionalen Unterstützerstaaten, insbesondere Katar und der Türkei, um Ressourcen, Schutz und diplomatische Rückendeckung zu sichern. Im Rahmen der Waffenruhe musste die Hamas zwar zustimmen, die Macht an eine technokratische Übergangsregierung abzugeben. Solange diese jedoch ihre Arbeit noch nicht aufgenommen hat, arbeitet die Hamas gezielt daran, ihre Position in Gaza wieder zu festigen. So ging sie bereits im Oktober 2025 gegen konkurrierende Kräfte in Gaza vor und tötete angebliche „Kollaborateure und Gesetzesbrecher“ (Asseburg 2025; Valbjørn/Bank/Darwich 2024). Angesichts der umfassenden Zerstörung im Gazastreifen und der unsicheren Lage in Gaza ist es äußerst fraglich, wie die Entwaffnung und Machtübergabe der Hamas umgesetzt werden kann.

Regionale Mächte

In Abhängigkeit von ihren regionalen Machtinteressen verfolgen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Katar, die Türkei und der Iran unterschiedliche Strategien im Umgang mit islamistischen und dschihadistischen Organisationen und Netzwerken, die jeweils eng mit ihren regionalen Machtinteressen verknüpft sind.

Saudi-Arabien konzentriert sich darauf, seine Rolle als islamische Führungs- und Schutzmacht zu behaupten und zu stärken, die sich u.a. darauf gründet, dass sich die saudische Herrscherfamilie als Hüterin der wichtigsten heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina versteht. Saudi-Arabien nutzt seine politischen und finanziellen Hebel, um die Aktivitäten der Muslimbruderschaft, die sie als politische Konkurrenz und Bedrohung der Monarchie sehen, sowohl innerhalb des Landes als auch im gesamten arabischen Raum einzuschränken. (vgl. Steinberg 2025; Hamid 2016).

Die VAE verfolgen eine noch aktivere Politik der Eindämmung und Bekämpfung. Sie unterstützen Regierungen, die islamistische Netzwerke isolieren, fördern konkurrierende lokale Akteure und nutzen diplomatische Kanäle, um die Muslimbruderschaft in allen Ausprägungen regional einzudämmen und zu zerschlagen.

Katar setzt hingegen vorrangig auf die politische Einbindung islamistischer Gruppen. So vermittelte das Emirat während des Gaza-Krieges zwischen der Hamas einerseits sowie Israel und den USA andererseits, um den Konflikt einzuhegen und seine Rolle als unabhängiger, regionaler Mediator zu stärken. Diese Rolle sichert dem kleinen Emirat regelmäßig einen Platz am Tisch der mächtigsten Staaten der Welt (vgl. Ulrichsen 2020; Lynch 2020).

Die Türkei nutzt der Muslimbruderschaft nahestehende Organisationen in Syrien und Nordafrika gezielt, um politischen und gesellschaftlichen Einfluss für sich zu sichern. Konkret werden Bildungs- und Sozialprojekte unterstützt, lokale Verwaltungsstrukturen vernetzt und diplomatische Initiativen genutzt, um eigene strategische Interessen durchzusetzen und gesellschaftliche Präsenz auszubauen (vgl. Human Rights Watch 2024; Valbjørn/Bank/Darwich 2024).

Der Iran wiederum setzt seit Jahren auf ein Netzwerk verbündeter schiitischer Milizen, darunter die Hisbollah im Libanon, verschiedene staatliche und nicht-staatliche Akteure in Syrien und im Irak sowie die Huthi-Bewegung im Jemen. Ziel ist es, strategische Tiefe zu gewinnen, Allianzen zu festigen und die eigene Machtposition gegenüber rivalisierenden Staaten, wie Saudi-Arabien und Israel, zu sichern. Die militärischen Rückschläge seit 2023 und interne Spannungen innerhalb der unterstützten Gruppen haben die „Achse des Widerstands“ allerdings stark geschwächt (vgl. Posch 2025; Lynch 2022).

Weitere Inhalte

sind Wissenschaftliche Mitarbeiter und Lehrbeauftragte im Fachgebiet Politik des Nahen und Mittleren Ostens am Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) und am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Zwischen 2012 und 2015 haben sie an der Schnittstelle zwischen Politikberatung und Grundlagenforschung in drei aufeinander folgenden Transformations-Partnerschaftsprojekten gearbeitet, die durch Mittel des Auswärtigen Amtes finanziert wurden. Hierbei ging es um die Erforschung der Handlungslogiken ausgewählter Akteure des Islamismus in unterschiedlichen systemischen Übergangsprozessen und ihre Konsequenzen für deutsche Außenpolitik sowie die Analyse des Einflusses des Politischen Islams auf die regionale Neuordnung. Zu ihren gemeinsamen Forschungsschwerpunkten gehören die Rolle des moderaten Islamismus in der MENA-Region und die deutsch-arabischen Beziehungen.