Die kleineren Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres sind, wie der britische Journalist und Buchautor Tim Marshall schreibt, „Gefangene der Geografie“
Zum anderen haben sich die USA als geostrategisches Hauptziel die Eindämmung der Regional- und Weltmachtambitionen Pekings auf die Fahnen geschrieben. Washington unternimmt massive Anstrengungen, um die wirtschaftlich und militärisch wichtigen Seewege in Südostasien für die internationale Schifffahrt und die eigenen Flottenverbände offenzuhalten. Mit dem Ziel, die geostrategischen Ambitionen Chinas zu konterkarieren, versucht Washington, durch enge Beziehungen und Allianzen möglichst viele Anrainerstaaten an sich zu binden.
Die kleineren Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres haben theoretisch drei Optionen, um nicht im Machtkampf zwischen den USA und China zerrieben zu werden: Sie können sich (1) dem chinesischen imperialen Anspruch regionaler Dominanz und Kontrolle unterwerfen, (2) ein möglichst enges Bündnis mit den USA als politische und militärische Schutzmacht eingehen oder (3) ihr Heil in der Stärkung ihrer eigenen Handlungsfähigkeit und Sicherheit im Rahmen des 1967 gegründeten Verbands südostasiatischer Nationen (ASEAN) suchen, dem alle elf Staaten der Region als Mitglieder
Die ASEAN wurde 1967 als regionale Organisation zur Förderung politischer Stabilität, Zusammenarbeit und Vertrauensbildung in Südostasien gegründet. Im Mittelpunkt standen zunächst sicherheitspolitische und diplomatische Ziele, insbesondere die Wahrung des Friedens und die Stärkung der regionalen Zusammenarbeit. Wirtschaftliche Kooperation gewann erst in den 1990er Jahren stärker an Bedeutung, etwa durch die Einrichtung einer Freihandelszone (AFTA) und Initiativen zur Förderung des Handels und des Wirtschaftswachstums. Heute umfasst die Zusammenarbeit neben wirtschaftlichen Fragen auch Bereiche wie Sicherheit, Kultur, Wissenschaft und gesellschaftliche Entwicklung. Die Vereinigung fungiert nicht zuletzt auch als diplomatische Plattform für Dialog und Zusammenarbeit mit externen Partnern, wie China, Japan und den USA, im Rahmen des Ostasiengipfels.
Von den verfügbaren Ressourcen her betrachtet sind die ASEAN-Staaten mitnichten ein Leichtgewicht. Mit rd. 700 Mio. Einwohnern und einem Territorium von 4,5 Mio. km² übertreffen sie z. B. die EU deutlich (450 Mio. Einwohner und 4,1 Mio. km²). Doch im Vergleich mit China (1,4 Mrd. Einwohner und 9,6 Mio. km²) bringen sie gerade einmal die Hälfte des Gewichts auf die Waage. Auf wirtschaftlichem Gebiet ist die Diskrepanz noch größer: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ASEAN-Staaten machte 2024 mit rd. 4 Bio. US-Dollar nur etwas mehr als ein Fünftel der chinesischen Wirtschaftsleistung (rd. 19 Bio. US-Dollar) aus.
Zudem erschweren die enorme politische und historische Vielfalt der Region, die unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systeme der Mitgliedsländer und ihre historisch gewachsenen Beziehungen zu den Supermächten USA und VR China immer wieder die Verständigung auf eine einheitliche Position. Die Herausforderung besteht deshalb darin, Wege zu finden, wie die südostasiatischen Staaten durch geschlossenes Auftreten ihre Souveränität und Handlungsfähigkeit wahren können. Um die Frage zu beantworten, sollen zunächst die (divergierenden) Interessen und Ziele der Mitgliedsstaaten analysiert werden.
Strategische Positionen und Interessen der ASEAN-Mitgliedsstaaten
Die elf ASEAN-Staaten lassen sich in Bezug auf ihre Politik im Südchinesischen Meer in mehrere Gruppen einteilen. Als „Frontstaaten“ gelten Vietnam und die Philippinen, da sie aufgrund ihrer geografischen Nähe zu den umstrittenen Gebieten die unmittelbaren Folgen chinesischer Expansion tragen. Beide sehen sich regelmäßig mit Aktivitäten der chinesischen Küstenwache und Miliz konfrontiert. Nach einer Phase der Annäherung an Peking sind die Philippinen unter Präsident Ferdinand Marcos Jr. wieder zu einer engeren sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit den USA zurückgekehrt. Grundlage dafür ist das 2014 unterzeichnete Enhanced Defense Cooperation Agreement.
Vietnam verfolgt dagegen eine Politik der Balance zwischen Kooperation und Abschreckung gegenüber Peking. Historisch durch lange Phasen chinesischer Dominanz geprägt und belastet durch militärische Konflikte, wie 1979 und 1988, versucht Hanoi, seine traditionell stabilen Wirtschaftsbeziehungen zu China zu verbinden mit einer vertieften Partnerschaft mit den USA und anderen internationalen Akteuren, wie Japan, Südkorea und der EU. Oberstes Ziel bleibt die Wahrung seiner Souveränität gemäß der „Vier-Nein-Politik“
Malaysia und Brunei lassen sich als „taktische Anspruchsteller“ bezeichnen. Beide haben Gebietsansprüche auf einige der im Südchinesischen Meer gelegenen Spratly-Inseln, vermeiden jedoch eine offene Konfrontation und entkoppeln Territorialfragen bewusst von ihren intensiven Wirtschaftsbeziehungen zu China. Malaysia kombiniert ökonomische Integration, etwa durch Großprojekte, wie der Bahnstrecke East Coast Rail Link, mit einer vertieften sicherheitspolitischen Kooperation mit den USA und anderen Partnern, um seine maritimen Überwachungs- und Abschreckungsfähigkeiten gegenüber den chinesischen „Grauzonen“-Taktiken
Indonesien und Singapur verfolgen keine eigenen Gebietsansprüche, lehnen aber die sogenannte Neun-Striche-Linie
Als „china-nahe Staaten“ gelten Kambodscha und Laos. Beide sind wirtschaftlich stark von China abhängig und erheben keine eigenen maritimen Ansprüche im Südchinesischen Meer. Kambodscha fungiert innerhalb der ASEAN häufig als diplomatischer Gewährsmann Pekings. So blockierte Kambodscha 2012 als Vorsitzland ein gemeinsames Kommuniqué zum Südchinesischen Meer. Die von China ausgebaute Ream Naval Base
Thailand und Myanmar können als „nach innen gerichtet“ charakterisiert werden. Thailand versucht als traditioneller US-Bündnispartner, seine sicherheitspolitische Kooperation mit Washington mit engen Wirtschafts-, Infrastruktur- und Rüstungsbeziehungen zu China auszubalancieren. Bangkok vermeidet daher eine exponierte Rolle im Südchinesischen Meer und konzentriert sich auf die Absicherung seiner innenpolitischen und wirtschaftlichen Stabilität. Myanmar ist seit dem Militärputsch von 2021 international isoliert, und die bewaffneten Konflikte im Innern haben für die herrschende Militärjunta eindeutig Priorität. Zugleich ist das Land wirtschaftlich und sicherheitspolitisch stark von China abhängig. Als Gegenleistung konnte China im Rahmen des Projekts „neue Seidenstraße“ eine strategische Landbrücke (Eisenbahntrasse und Öl- und Gaspipeline) zum Tiefseehafen Kyaukpyu am Indischen Ozean bauen. Damit hat sich China eine geostrategisch wichtige Möglichkeit geschaffen, den maritimen Engpass der Straße von Malakka zu umgehen.
Auch Timor-Leste (Osttimor) verfolgt als jüngstes ASEAN-Mitglied eine hybride Strategie. Es verbindet wirtschaftliche Offenheit gegenüber chinesischen Investitionen mit einer historisch gewachsenen sicherheitspolitischen und normativen Westorientierung. Aufgrund eigener Erfahrungen mit Seegrenzverhandlungen tritt das Land entschieden für die Einhaltung des UN-Seerechtsübereinkommens ein und zeigt in regionalen Debatten deutlich Solidarität mit den Frontstaaten, auch mit dem Ziel, seine Rolle als verantwortungsbewusstes Mitglied der ASEAN zu festigen.