Das Russland-Paradoxon
Russland ist eine Atommacht mit einer Wirtschaftsleistung, die zehnmal größer ist als die der Ukraine, einer mehr als dreimal so großen Bevölkerung und dem weltweit größten Staatsgebiet. Laut SIPRI gibt Russland nominal deutlich mehr als doppelt so viel wie die Ukraine für sein Militär aus. Rund ein Drittel des russischen Staatshaushalts fließt in die Finanzierung des Krieges (vgl. Kluge 2025). Dennoch scheitert es bislang daran, die Ukraine militärisch zu besiegen. Dieser Widerspruch ist der Ausgangspunkt der Debatte: Je nachdem, wie man ihn erklärt, kommt man zu völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen über Russlands Ziele, Fähigkeiten und Verhandlungsbereitschaft.
Welche Interessen verfolgt der Kreml? In der deutschen Debatte über Ziele Russlands in seinem Krieg gegen die Ukraine bestehen unterschiedliche implizite Annahmen nebeneinander, die selten ausbuchstabiert werden. Die Betrachtung derselben Tatsachen – auf dem Schlachtfeld wie innerhalb Russlands – führt daher zu stark divergierenden, mitunter konträren Schlussfolgerungen. Auch Fachleute mussten seit 2022 zahlreiche Fehlannahmen korrigieren. Überschätzt wurden die Fähigkeiten der russischen Invasionstruppen, die Wirksamkeit westlicher Sanktionen und die Umsetzbarkeit einer dauerhaften Isolation Russlands. Unterschätzt wurden dagegen die langfristige Bereitschaft der russischen Führung, hohe Kosten zu tragen, die Widerstandsfähigkeit der russischen Wirtschaft sowie die politische Loyalität weiter Bevölkerungsteile – solange der Kreml auf Zwangsmobilisierung verzichtet und makroökonomische Stabilität sichert.
Seitdem schwankt die Debatte: Nach der Prigoschin-Revolte 2023 schien ein Kollaps des Regimes möglich; nach dem Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive kam die Angst vor einem erstarkten Russland, das bald NATO-Territorium angreifen könne. Inzwischen setzt sich – nicht zuletzt nach weitreichenden europäischen verteidigungspolitischen Entscheidungen zur Finanzierung und Ausrüstung eigener Armeen – eher die Erwartung durch, Russland durch langfristige Unterstützung der Ukraine und innere Zermürbung zum Einlenken zu bewegen.
Die Debatte ist so verworren, weil häufig vier analytische Dimensionen vermischt werden: Fähigkeiten (militärische Stärke und wirtschaftliche Leistung), Intentionen (schwer zu ermitteln, da offizielle Aussagen nicht verlässlich sind), Opportunitäten (situative Gelegenheitsfenster) und die innenpolitische Schmerzgrenze des Regimes. Je nach Gewichtung fallen Diagnose und Handlungsempfehlungen grundverschieden aus.
Das Koordinatensystem im nächsten Abschnitt knüpft an diese Unterscheidung an: Es ordnet vor allem unterschiedliche Annahmen über Russlands Fähigkeiten (Aufstieg oder Niedergang) und die Handlungslogik (strategisch oder opportunistisch). Diese Vereinfachung hilft, die Dimensionen auseinanderzuhalten und die Ausgangsannahmen sichtbar zu machen – gerade mit Blick auf die Einschätzung der laufenden Verhandlungen.
Vier Deutungen russischer Kriegsziele
Die horizontale Achse fragt, ob Russland als Macht im Aufstieg oder im Niedergang zu verstehen ist. Die vertikale Achse unterscheidet, ob sein Handeln eher langfristig-strategisch oder kurzfristig-opportunistisch erfolgt. Aus der Kombination ergeben sich vier Deutungsrichtungen, in denen sich die meisten Positionen der Debatte verorten lassen.
Das Schema vereinfacht bewusst. In der Realität finden sich häufig Mischpositionen, und die politischen Schlussfolgerungen sind nicht zwingend – sie dienen hier der Anschaulichkeit.
Wer Russland als strategisch handelnde Macht im Niedergang versteht, deutet den Angriff auf die Ukraine als Abwehrreaktion eines schrumpfenden, unsicheren (Ex-)Imperiums. Der Krieg erscheint dann teilweise auch als Reaktion auf sicherheitspolitische Verschiebungen nach 1990, etwa die NATO-Osterweiterung. Daraus folgt häufig die Forderung: Nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland müsse künftig sicherheitspolitische Garantien erhalten, um weitere Eskalationen zu verhindern.
Wer den Krieg dagegen vor allem als taktische Ablenkung interpretiert und russische Außenpolitik aus der Logik autoritären Machterhalts erklärt, sieht die Kriegsführung als Instrument innenpolitischer Stabilisierung. Der Krieg erleichtere das Durchgreifen gegen Opposition, halte die Eliten zusammen, ermögliche strengere Zensur und erzeuge patriotischen Rückhalt. Aus dieser Perspektive wird häufig argumentiert, das Regime Putins werde ohne den permanenten Ausnahmezustand kaum mehr bestehen können. Der Westen müsse sich daher darauf konzentrieren, Russland eine strategische Niederlage zuzufügen, denn sonst drohten weitere russische Angriffskriege in der europäischen Nachbarschaft.
Eine dritte Deutung sieht Russland dagegen im geopolitischen Aufwind – als eine federführende despotische Macht, die gemeinsam mit anderen autoritären Staaten, wie China, Iran, Nordkorea und anderen, darauf hinarbeite, die bestehende internationale Ordnung zu überwinden und durch ein neues Konzert der Mächte zu ersetzen. Der Krieg gegen die Ukraine gilt hier als Auftakt eines globalen Systemkonflikts. Verbunden wird dies mit Verweisen auf eine imperiale Weltanschauung innerhalb der russischen Führung. Die Ukraine erscheint in dieser Lesart nicht nur als geopolitische Frontlinie, sondern – als demokratische Gesellschaft – zugleich als Verteidigerin der westlichen Ordnung selbst.
Eine vierte Perspektive sieht Russland dagegen als opportunistischen Akteur, der sein Wiedererstarken nach den Turbulenzen der postsowjetischen Transformation nutzt, um aus wahrgenommener westlicher Schwäche Vorteile zu ziehen. Russland erscheint hier weniger als ideologischer Systemgegner denn als Spoiler-Akteur, dem vor allem mit glaubwürdiger Abschreckung begegnet werden müsse. Vertreter dieser Denkschule sehen Russland als einen Schurkenstaat, der innen- wie außenpolitisch zu mafiaähnlichen Methoden greift. Eine erneuerte europäische Abschreckungspolitik, kombiniert mit gestärkter gesellschaftlicher Resilienz gegenüber hybriden Risiken, könnte demnach langfristig eine neue Form der Koexistenz ermöglichen.
Die hier skizzierte Typologie knüpft an unterschiedliche Stränge der Forschung zur russischen Außenpolitik an – etwa an realistische Sicherheitsdilemma-Argumentationen (Mearsheimer 2022) sowie Analysen russischer strategischer Kultur, die Verwundbarkeitsnarrative und Großmachtanspruch als zentrale Antriebskräfte identifizieren (Götz/Staun 2022), an Theorien, die den Ukrainekrieg als Ablenkungsversuch von internen Problemen erklären (Treisman 2022), an Analysen revisionistischer Großmachtpolitik in historisch-komparativer Perspektive (Radchenko 2024) und des Putinismus als Ideologie (Snegovaya/Kimmage/McGlynn 2023) sowie an Deutungen opportunistischer und adaptiver Außenpolitik (Galeotti 2022).
Das Raster trägt dazu bei, Ausgangsprämissen der entsprechenden Analysen offenzulegen. Gerade weil die empirischen Zugänge zu Russland seit 2022 schwieriger geworden sind, gewinnen solche Grundannahmen an Gewicht: Je nachdem, welche man für plausibel hält, fallen Diagnose und politische Handlungsempfehlungen – zur Definition russischer Interessen, zur Abschreckung, zur Ukraine-Unterstützung, zu Verhandlungen – grundverschieden aus.
Handelt der Kreml rational?
Für die weitere Betrachtung russischer Interessen ist eine Festlegung wichtig: Der Kreml handelt nicht irrational. Die russische Führung formuliert Ziele, bewertet Machtmittel und wägt Kosten und Risiken ab – immer mit Blick auf die innenpolitische Schmerzgrenze. Dafür sprechen zwei Beobachtungen:
Die Zentralbank und Schlüsselministerien wurden nicht politisch gleichgeschaltet; fachlich qualifiziertes Personal blieb im Amt (vgl. Prokopenko 2023; Yakovlev/Dubrovskiy/Danilov 2025).
Staatliche Repression wird selektiv und kalkuliert angewandt: Einzelne geringfügige Vergehen werden mitunter drakonisch bestraft, während andere Formen offener Kritik ohne unmittelbare Konsequenzen bleiben. Gerade die Unklarheit über die tatsächlichen „roten Linien“ erzeugt eine kosteneffektive Abschreckungswirkung, ohne den Sicherheitsapparat massiv aufzurüsten.
Die innenpolitische Schmerzgrenze bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, Belastungen der Kriegsführung zu absorbieren, ohne dass daraus existenzielle Risiken für den Machterhalt entstehen – entscheidend ist nicht die absolute Höhe der Kosten, sondern ihre politische Verarbeitung. In autoritären Systemen ist diese Grenze formbarer: Kosten können räumlich und sozial ungleich verteilt, institutionell abgefedert oder propagandistisch verschleiert werden. Dissens lässt sich durch selektive Repression begrenzen, das Verhindern von freien Wahlen reduziert Risiken für die Machthaber.
Im russischen Fall wird ein „Gesellschaftsvertrag“ im Sinne eines Tauschverhältnisses beschrieben: politische Passivität gegen materielle Stabilität und einen großen informellen Alltagsspielraum (vgl. Greene/Robertson 2020; Frye 2021). Individuelle Freiheit wird primär wirtschaftlich und konsumtiv definiert, Politik als Vorrecht der Elite verstanden.
Auch die Kriegsführung selbst folgt dieser Logik. Zwangsbasierte Mobilisierung würde den Gesellschaftsvertrag brechen; stattdessen setzt das Regime auf monetäre Rekrutierung – hohe Soldzahlungen und Entschädigungen für Familien halten die gesellschaftliche Sichtbarkeit der Kriegskosten gering, engen aber auch den militärischen Handlungskorridor des Kremls ein.
Gewiss entstehen mit zunehmender Kriegsdauer kumulative Belastungen: Die wirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern sich, besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Der föderale Haushalt kommt ohne ständige Korrekturen, Steuererhöhungen und den Ölhandel mit der Schattenflotte (einem Netz von Tankschiffen, das westliche Sanktionen umgeht) nicht mehr aus (vgl. Kluge 2024; Yakovlev 2025), die Regierung forciert eine konservativere Familien- und Geburtenpolitik (vgl. Boll-Palievskaya 2024). Trotzdem gelingt es dem Regime, eine weitgehende Abtrennung der Frontrealität vom Alltag der allermeisten Bewohner des Landes aufrechtzuerhalten, wenn auch mit immer mehr Aufwand und Mühe.
Daraus ergibt sich ein Paradox: Je besser das Regime die Kriegskosten abfedert und steuert, desto länger kann es durchhalten. Doch dasselbe rationale Kalkül erzeugt auch einen Anreiz zu verhandeln – sobald sich zentrale Kriegsziele auf politischem Weg schneller und kostengünstiger erreichen lassen als auf dem Schlachtfeld.
Was sind Moskaus Interessen?
Die hier vertretene Lesart verortet Russland im Quadranten „strategisch + Niedergang" – also weder als bloßen Opportunisten noch als aufstrebende Systemgegenmacht. Dafür sprechen zwei Befunde: Russlands langfristige wirtschaftliche und demografische Schwäche ist real, wird aber durch Krisenmanagement überdeckt; und die außenpolitischen Ziele folgen einer konsistenten Logik, die weit vor 2022 angelegt wurde. Die anderen drei Deutungen erfassen jeweils einen Teil der Realität, unterschätzen aber entweder die strategische Kontinuität oder die strukturellen Grenzen russischer Macht.
Moskau verfolgt dabei eine Hierarchie von Zielen auf drei Ebenen: die Entsouveränisierung der Ukraine, eine regelsetzende Rolle Russlands in Europa und – als übergeordnetes Ziel – die Anerkennung durch die USA (und China) als Großmacht auf Augenhöhe im entstehenden multipolaren System. Der Kreml versucht, Russland als eigenständigen Pol der internationalen Ordnung zu etablieren. Der Anspruch wird sowohl historisch als auch kulturell begründet. Historisch wird er auf den Jahrhunderte währenden Großmachtstatus des Zarenreichs, der Sowjetunion und des heutigen Russlands zurückgeführt. Als Beispiele werden oft das „Great Game“ mit dem britischen Empire, die führende Rolle der Sowjetunion in der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg und der Systemkonfrontation mit den USA im Kalten Krieg sowie die aktuelle Rivalität Russlands mit dem (von Russland so bezeichneten) „kollektiven Westen“ genannt.
Kulturell wird auf die globale Sonderrolle verwiesen: In der Außenpolitischen Konzeption von 2023 bezeichnet sich Russland erstmals offiziell als „Staat-Zivilisation" – mit einer besonderen Verantwortung für die globale Ordnung und einem eigenständigen Platz neben anderen Zivilisationspolen. In diesem Selbstbild überlagern sich zwei Elemente: einerseits der Anspruch, Mitgestalter internationaler Ordnung zu sein, und andererseits die Erfahrung phasenweiser – zuletzt in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts – struktureller Rückständigkeit in Wirtschaft und Technologie. Daraus resultiert ein vergleichsweise stabiler Eliten- und Gesellschaftskonsens mit den Eckpfeilern eines außenpolitischen Exzeptionalismus‘ und eines „russischen Sonderwegs“ (vgl. Greene/Robertson 2020; Frye 2021; Tsygankov 2016).
Dieses Selbstverständnis ist eng mit einem sicherheitspolitischen Verwundbarkeitsnarrativ verbunden. Aus Moskauer Sicht ist vollwertige Souveränität faktisch nur Großmächten vorbehalten; nukleare und konventionelle Abschreckung fungieren als zentrale Absicherung. Jüngste amerikanische Aggressionen gegen Venezuela und Iran sowie frühere Beispiele westlicher Interventionspolitik werden in diesem Kontext als Bestätigung dieser Sicht interpretiert – ein Narrativ, das sich über zweieinhalb Jahrzehnte loyalistischer Elitenauslese um Putin herum von möglicherweise kalkulierter Rhetorik zu einem tatsächlichen Glaubenssatz verdichtet zu haben scheint. Zugleich herrscht in außenpolitischen Kreisen Moskaus die Meinung vor, dass die sogenannte regelbasierte Ordnung den Status Russlands als eigenständiger Machtpol strukturell untergraben habe. Während Ordnungen, wie der Wiener Kongress 1815 oder Jalta/Potsdam 1945, als akzeptabel verstanden werden, weil das Zarenreich bzw. die Sowjetunion als bestimmende Akteure beteiligt waren, wird die nach 1990 entstandene europäische Ordnung – verkörpert durch die Schlussakte von Helsinki 1975 und die Pariser Charta 1990 – als Ergebnis einer Phase historischer russischer Schwäche interpretiert und damit als revisionsbedürftig betrachtet (vgl. Trenin 2026).
Daraus ergibt sich auf globaler Ebene ein zentrales Interesse: Russland will als eigenständiger Machtpol neben den USA und China anerkannt werden – und eine strukturell untergeordnete Position gegenüber beiden mit vorhandenen Machtmitteln abfedern. Hinzu tritt eine strukturelle Zukunftsangst: Im sich abzeichnenden postfossilen Zeitalter – in dem KI, Biomedizin und Weltraumtechnologie die Machtgrundlagen neu verteilen – droht Russland von den Technologiemächten USA und China marginalisiert zu werden. Eine wirtschaftliche Diversifizierung ist trotz jahrelanger Ankündigungen weitgehend ausgeblieben; die Abhängigkeit von Öl- und Gasexporten bleibt strukturell (vgl. Etkind 2023). Moskaus globales Interesse lässt sich daher auch als Versuch lesen, noch vor diesem Übergang einen gesicherten Platz als eigenständiger Akteur in der entstehenden multipolaren Ordnung zu erzwingen – und nicht als nachgeordneter Juniorpartner Chinas zu enden.
Moskau setzt auf eine doppelte Strategie: den Ausbau alternativer Formate (etwa BRICS+) und die gezielte Erosion bestehender Institutionen der „liberalen regelbasierten Ordnung“. Aufgrund begrenzter ökonomischer und ideologischer Attraktivität setzt Russland vor allem auf militärische und hybride Instrumente, wie Hackerangriffe, Desinformation und Sabotage, die geringe Kosten verursachen und zugleich Druck in gegnerischen Gesellschaften erzeugen. Das Ziel: Durch kontrollierte Eskalation ein Zugehen auf Moskau unumgänglich machen und so eine Neuverhandlung des internationalen Status erzwingen.
Mit Blick auf die EU setzt sich diese Logik fort. Europa erscheint aus Moskauer Perspektive nicht als strategisch autonomer Akteur, sondern als Bestandteil einer US-geprägten Ordnung. Für den Kreml gilt eine Nullsummenlogik: Staaten im postsowjetischen Raum gehören entweder zur westlichen Ordnung oder zu Russlands Einflusszone – stabile Zwischenpositionen hält Moskau für illusorisch. Das zentrale Interesse Russlands besteht deshalb darin, eine regionale Ordnung zu etablieren bzw. wiederherzustellen, in der seine unmittelbare Einflusssphäre nicht durch externe Regeln begrenzt wird und westliche Institutionen in ihrer Prägekraft und Reichweite relativiert werden.
Innerhalb dieser Logik ist die Ukraine ideengeschichtlich zentral für die Konstruktion russischer Großmachtidentität und strategisch ausschlaggebend dafür, ob Russland seine Rolle als eigenständiger Pol behaupten kann. Das Instrumentarium russischer Politik gegenüber der Ukraine reicht weit in die 1990er Jahre zurück – von wirtschaftlichen Integrationsangeboten und energiepolitischem Druck über die Einbindung politischer Eliten in russische Netzwerke bis zur Unterstützung separatistischer Strukturen und letztlich offenen militärischen Invasion. Das zentrale Interesse besteht nicht primär in territorialer Expansion, sondern in der dauerhaften Begrenzung ukrainischer Souveränität – insbesondere mit Blick auf westliche Integration und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit dem Westen. Moskau fordert Neutralität und Entmilitarisierung der Ukraine – zumal die ukrainische Armee inzwischen zur kampferprobtesten auf dem europäischen Kontinent gehört und mit eigenen Drohnen und Marschflugkörpern ein dauerhaftes Risiko für russisches Territorium darstellen kann. Die in westlichen Hauptstädten diskutierten Obergrenzen für ukrainische Streitkräfte werden in Moskau daher genau verfolgt (vgl. RBK, 31. Dezember 2025).
Implizit – und von Außenminister Lawrow mitunter explizit formuliert – ist damit auch die Forderung nach einem Machtwechsel in Kyjiw verbunden: Moskau formuliert als Ziel eine „freundliche Ukraine" – nicht notwendigerweise verbündet, aber neutral und wohlgesonnen –, verbunden mit der Achtung von Sprache, Bildung und Religion sowie verfassungsmäßig garantierten Minderheitenrechten. Im Kriegsverlauf ist das Interesse hinzugetreten, zumindest die faktische Anerkennung der territorialen Gewinne und Annexionen Russlands zu erreichen, auch wenn diese – analog zur westlichen Nichtanerkennung der sowjetischen Annexion des Baltikums 1940 – nicht de jure erfolgen.
Verhandlungen erscheinen aus dieser Perspektive für Moskau dann rational, wenn sie zentrale Elemente dieser Zielhierarchie zu geringeren Kosten als die Fortsetzung des Krieges absichern können. Sie sind daher weder automatisch Ausdruck von Schwäche noch bloßes Täuschungsmanöver, sondern Teil einer Kalkulation, in der militärische und politische Mittel komplementär eingesetzt werden, sofern sie denselben Zweck erfüllen. Die eigentliche analytische Frage lautet deshalb nicht, ob Russland „wirklich verhandeln will", sondern welche seiner Interessen es auf globaler, europäischer und ukrainischer Ebene in einem Verhandlungsprozess als hinreichend gesichert ansehen kann. Erst von dort aus lassen sich russische Angebote, Maximalforderungen oder Blockaden sinnvoll einordnen. Dabei sollte nicht vergessen werden: Die Russland-Debatte ist – sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch unter Fachleuten – nicht allein eine analytische, sondern immer auch eine politisch-normative Auseinandersetzung. Welche Deutung man für plausibel hält, entscheidet mit darüber, welche Politik man befürwortet.
Aus der hier vertretenen Position – Russland ist eine strategisch handelnde Macht im Niedergang – folgt eine nüchterne Einschätzung: Moskau setzt kalkuliert ein, was es hat – nukleares Drohpotenzial, Energieabhängigkeiten von Drittländern, Einflussoperationen und hybride Mittel –, unterschätzt dabei aber strukturell die eigenen Grenzen, wie es in einem personalistischen, geheimdienstlich geprägten und damit nur sehr beschränkt selbstkritikfähigen System kaum anders zu erwarten ist. Und indem die russische Führung den Krieg gewählt hat, hat sie sich selbst, ihrer Gesellschaft und ihrer Wirtschaft die Kapazität entzogen, die eigentlichen strategischen Fragen überhaupt zu stellen: Welche Rolle kann Russland im 21. Jahrhundert spielen? Auf welches Wirtschaftsmodell will es sich stützen? Wie soll es seine Nachbarschaftsbeziehungen gestalten? – Und welche gesellschaftlichen Werte können es jenseits des für den Krieg verordneten Staat-Zivilisation-Narrativs zusammenhalten?