Stille Opfer des Krieges: Umwelt und Klima
Bewaffnete Konflikte hatten schon immer verheerende Auswirkungen auf die Umwelt: Munition vergiftet die Böden der Schlachtfelder, Gewässer werden durch die Zerstörung von Öllagern verseucht, Wälder werden niedergebrannt und die Artenvielfalt beeinträchtigt. Diese Umweltzerstörung wurde lange Zeit von vielen lediglich als Nebeneffekt betrachtet. Das humanitäre Völkerrecht hat nach und nach Umweltschäden in bewaffneten Konflikten anerkannt (vgl. z.B. Hantsche/Reichert 2022).
Das hat sich geändert: Seit Russland am 24. Februar 2022 seine groß angelegte Invasion in der gesamten Ukraine gestartet hat, hat ein Forschungsteam der „Initiative on GHG Accounting of War“ (IGGAW) sechs aufeinanderfolgende Bewertungen des CO₂-Fußabdrucks des Krieges veröffentlicht. Ihre Arbeit, die von der European Climate Foundation sowie deutschen und schwedischen Entwicklungsagenturen unterstützt wird, hat das bislang detaillierteste Bild davon geliefert, welche Auswirkungen ein großer konventioneller Konflikt auf das Klima hat.
Warum wurden diese Emissionen so lange übersehen? Erstens ist Russlands Krieg in der Ukraine ein großer bewaffneter Konflikt, wie wir ihn seit langem nicht mehr gesehen haben. Zweitens sehen sowohl das Kyoto-Protokoll
Dieser Text legt den Schwerpunkt auf Treibhausgasemissionen infolge bewaffneter Konflikte. Militärische Emissionen, d.h. Emissionen von Streitkräften und dem militärischen Komplex „in Friedenszeiten“, bleiben hier unberücksichtigt. Nur eine Zahl hierzu: Die jährlichen Treibhausgas-Emissionen des weltweit vorgehaltenen Militärs und der Rüstungsproduktion werden auf etwa 5,5 % der globalen Treibhausgas-Emissionen geschätzt – vergleichbar mit dem gesamten Luft- und Seeverkehr (Parkinson/Cotrell 2022). Sobald ein Konflikt beginnt, steigt dieser Anteil jedoch massiv an.
Die im Februar 2026 veröffentlichte Bewertung der IGGAW, die sich auf vier Kriegsjahre erstreckt, beziffert die Gesamtmenge an Emissionen auf 311,4 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalent, verteilt auf sechs Wirkungskategorien.
Abbildung 1: Treibhausgas-Emissionen für jede Wirkungskategorie (© Initiative on GHG Accounting of War)
Abbildung 1: Treibhausgas-Emissionen für jede Wirkungskategorie (© Initiative on GHG Accounting of War)
Die Kriegshandlungen selbst sind mit 37 % der Gesamtmenge die größte Quelle. Dies umfasst den Kraftstoffverbrauch von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Kampfflugzeugen und Logistikkonvois auf beiden Seiten sowie den in verbrauchter Munition, zerstörter militärischer Ausrüstung und Befestigungsanlagen gebundenen Kohlenstoff.
Landschaftsbrände machen 23 % der Gesamtmenge aus. Im Jahr 2025 verzeichnete die Ukraine 1,39 Mio. Hektar Naturbrände, weit mehr als vor dem Krieg. Kampfhandlungen und Brandmunition entzünden sie; unzugängliche Frontlinien und gesperrter Luftraum hindern die Feuerwehr daran, sie zu löschen. Die Sommer 2024 und 2025 waren außergewöhnlich heiß und trocken, wahrscheinlich aufgrund des Klimawandels, der einen Teufelskreis schafft, in dem Krieg und Erwärmung sich gegenseitig verschlimmern.
Als Nächstes folgt der gesamte Wiederaufbau. Er schlägt ebenfalls mit 23 % des Kohlenstoffanteils zu Buche, der von der Zement-, Stahl und Glasproduktion über Transporte und Lagerhaltung bis hin zu Reparatur und Wiederaufbau der von Russland zerstörten Wohnungen, Krankenhäuser, Straßen, Kraftwerke usw. emittiert wird.
Die Zivilluftfahrt trägt 9 % bei: Das zusätzliche Kerosin, das von Flugzeugen verbraucht wird, die gezwungen sind, den gesperrten Luftraum über der Ukraine und Russland zu umfliegen. Ein Flug von London nach Tokio dauert nun drei Stunden länger als vor dem Krieg.
Abbildung 2: Flugdauer zwischen London und Tokio (© Initiative on GHG Accounting of War)
Abbildung 2: Flugdauer zwischen London und Tokio (© Initiative on GHG Accounting of War)
Schäden an der Energieinfrastruktur machen 6 % aus, verursacht durch brennende Öllager, gebrochene Gaspipelines und das starke Treibhausgas SF₆, das aus zerstörten Umspannwerken austritt. Die Vertreibung von mehr als acht Millionen ukrainischen Flüchtlingen und der damit einhergehende Treibstoffverbrauch für Transportmittel trägt weitere 5 Mio. Tonnen (2 %) bei.
Messung von Kriegsemissionen: Methoden und Daten
Die Berechnung der Emissionen aus einem aktiven bewaffneten Konflikt ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Der „Nebel des Krieges“ (Clausewitz) schränkt die Verfügbarkeit verlässlicher Daten ein, Schlachtfelder sind nicht zugänglich, und die Streitkräfte haben ein Interesse daran, Zahlen zu niedrig anzugeben oder irreführende Informationen zu liefern. Gleichzeitig hat das Aufkommen von Open-Source-Intelligence (OSINT) die Möglichkeiten nichtstaatlicher Akteure revolutioniert, Daten unter anderem mithilfe von Fernerkundung (Satelliten) und sozialen Medien zu sammeln.
Da konfliktbedingte Treibhausgasemissionen zuvor nie systematisch bewertet wurden, entwickelte die IGGAW für jede Wirkungskategorie unterschiedliche Methodiken. Im Jahr 2024 wurden diese spezifischen Methodiken und allgemeinen Leitlinien aus der Arbeit in der Ukraine extrahiert und in den „Leitlinien zur Bewertung konfliktbedingter Treibhausgasemissionen“ (de Klerk/Shlapak/Onopchuk: 2024)
Der Leitfaden enthält Regeln für mehrere kritische Elemente einer Bewertung, wie den Zeitrahmen eines Konflikts (Beginn, Emissionen vor, während und nach dem Konflikt), die geografischen Grenzen sowie die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Emissionen. Direkte Emissionen sind jene, die von den Konfliktparteien kontrolliert werden können. Dazu gehören z.B. der von Panzern verbrauchte Treibstoff, abgefeuerte Munition sowie durch militärische Aktivitäten verursachte Waldbrände. Dagegen sind indirekte Emissionen nicht vollständig vom Militär kontrollierbar. Beispiele sind Umleitungen im zivilen Luftverkehr, die teilweise auf Entscheidungen der Fluggesellschaften zurückzuführen sind, oder der Wiederaufbau nach dem Krieg. Für jede Auswirkungskategorie können abgestufte Berechnungsmethoden verwendet werden, die von groben Schätzungen (Stufe 1) bis hin zu detaillierten Aktivitätsdaten nationaler Behörden (Stufe 3) reichen.
Speziell für den Krieg in der Ukraine stammen die Daten aus verschiedenen Quellen: Um beispielsweise Schäden an militärischer Ausrüstung zu erfassen, stützt sich die Bewertung auf das Oryx-Projekt, das Ausrüstungsverluste auf beiden Seiten erfasst
Klimawirkung verschiedener Treibhausgase
Um die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase miteinander vergleichbar zu machen, werden sie in sogenannte CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet. Als internationaler Standard dient dabei das globale Erwärmungspotenzial (Global Warming Potential - GWP). Es definiert auf der Grundlage einschlägiger Forschungen, wie viel Wärme eine bestimmte Masse eines Treibhausgases im Vergleich zu CO₂ in der Atmosphäre speichert.[1]
Dabei wird das globale Erwärmungspotenzial jeweils für einen Zeithorizont (GWP100) von 100 Jahren erhoben. In der internationalen Klimapolitik (wie z.B. dem Kyoto-Protokoll) ist der Zeitraum von 100 Jahren der etablierte Standard. [2]
Für die verschiedenen Klimagase gelten z.B. folgende Grenzwerte. Der angegebene Wert steht für den Grad der Klimaschädlichkeit des jeweiligen Gases:
Kohlendioxid (CO₂): 1
Methan (\(CH4): ca. 27 bis 30
Lachgas (\(N2O\)): ca. 265 bis 273
Fluorierte Gase (F-Gase, z.B. SF6): bis zu Tausende Mal.
Methan-Emissionen führen also in einem Zeitraum von 100 Jahren dazu, dass die Atmosphäre im Vergleich zu CO2 bis zu 30-mal mehr Wärme speichert.
[1] Externer Link: https://www.carboncare.org/klima-wandel/treibhaus-effekte [2] Externer Link: https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/WG1AR5_Chapter08_FINAL.pdf, Appendix 8.A, S. 73-79.
Ein Blick hinter die Zahlen: Die einzelnen Emissionskategorien im Detail
Kriegsführung
Die Emissionen aus der Kriegsführung, die sich über vier Jahre auf 114 Mio. Tonnen belaufen, werden vor allem durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe verursacht. Panzer, Kampfflugzeuge, gepanzerte Fahrzeuge und die riesigen Logistiknetze, die sie versorgen, werden fast ausschließlich mit Diesel und Kerosin betrieben; diese Kraftstoffe machen 90 % der Gesamtemissionen der Kriegsführung aus. Der Rest stammt aus der Produktion von Munition und Ausrüstung.
Intuitiv würde man erwarten, dass Explosionen oder Emissionen von Raketen die meisten Treibhausgasemissionen verursachen. Da Sprengstoffe oder Raketentreibstoff jedoch nicht auf fossilen Brennstoffen basieren, geht die größte Belastung von der Stahlproduktion für Munition und Ausrüstung aus, den sogenannten eingebetteten Emissionen. Diese Emissionen können daher auch außerhalb der Ukraine oder der Russischen Föderation entstanden sein.
Abbildung 3: Treibhausgas-Emissionen aus der Kriegführung (© Initiative on GHG Accounting of War)
Abbildung 3: Treibhausgas-Emissionen aus der Kriegführung (© Initiative on GHG Accounting of War)
Wald- und Landschaftsbrände
Von Waldbränden, aber auch von Bränden in anderen natürlichen Landschaften, stammten 70 Mio. Tonnen CO2. Diese Wirkungskategorie erfordert eine sorgfältige Zuordnung, da natürliche Brände auch ohne Krieg auftreten. Für die Bewertung wurde die Ukraine in drei Zonen unterteilt: (1) die Kriegszone, in der die Brandintensitäten direkt mit ähnlichen Landschaften unter Regierungskontrolle verglichen werden; (2) von der Regierung kontrollierte Gebiete, in denen ein partieller Zuordnungsfaktor die verminderte Brandbekämpfungskapazität und den gesperrten Luftraum widerspiegelt; sowie (3) die von Russland besetzten Gebiete, die analog behandelt wurden.
In den Jahren 2024 und 2025 zeigten Satellitendaten in den Frontgebieten eine Brandaktivität, die mehr als das Zwanzigfache des historischen Durchschnitts der Jahre 2006–2021 betrug. Fünf Vegetationstypen – Nadelwälder, Laubwälder, Ackerland, Feuchtgebiete und sonstige Vegetation – wurden unter Berücksichtigung unterschiedlicher Biomassebestände und Emissionsfaktoren separat berechnet.