Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Klimakosten des Ukraine-Krieges | Kriege und Konflikte | bpb.de

Kriege und Konflikte Geschichte, Definition, Tendenzen Einführung: Paradigmenwechsel im Umgang mit gewaltsamen Konflikten? Definition von Konflikten Ethnopolitische Konflikte Konflikte und Klimawandel ­Formen und Typen von Konflikten Konzepte und Methoden Ideologie und Konflikt Religionskonflikte Ressourcenkonflikte Geschichte innerstaatlicher Konflikte Innerstaatliche Kriege seit 1945 Innerstaatliche Konflikte seit 1989 Internationale Politik Einführung: Zwischen Interessenpolitik und Peacebuilding Die Politik der USA gegenüber innerstaatlichen und regionalen Konflikten Russland und innerstaatliche Konflikte Deutschlands Interessen, Strategien und Politik im Umgang mit innerstaatlichen Konflikten UNO Regionalorganisationen EU und innerstaatliche Konflikte Völkerrecht Zivilgesellschaftliche Akteure Krise des Multilateralismus Handlungsmöglichkeiten der internationalen Gemeinschaft Konflikte seit 1990 Fragile Staatlichkeit Veränderte Konflikte Friedensmissionen Themengrafik: Der Internationale Strafgerichtshof Konfliktporträts Einführung Afghanistan Ägypten Äthiopien Algerien Belarus Berg-Karabach Birma/Myanmar Burkina Faso Burundi China - Tibet China - Xinjiang El Salvador Georgien Haiti Honduras Indien ­Irak Iran ­Jemen Kamerun Kaschmir Kongo Korea Kurdenkonflikt Libanon Libyen Mali Moldau Mexiko Nahost Niger Nigeria Nordkaukasus Pakistan Philippinen - Bangsamoro Simbabwe Somalia Sudan Südsudan Süd-Thailand Syrien Tadschikistan Tschad Tunesien Ukraine Venezuela Zentralafrikanische Republik Konfliktbearbeitung Einführung Bildungsarbeit und Friedenserziehung Demokratisierung Entwicklungszusammenarbeit Evaluierung von Friedensprozessen Geheimdienste Gendersensible Konfliktbearbeitung Identitätsarbeit und -politik Institutionenaufbau Konfliktsensibler Journalismus Menschenrechtsarbeit Militärische Interventionen Humanitäre Hilfe Prävention Reformen im Sicherheitssektor Sanktionen Schutzbegleitung Traumaarbeit Vergangenheitsarbeit Verhandlungen Versöhnung Ziviler Friedensdienst Friedensprozesse in Post-Konfliktgesellschaften Einführung: Friedensförderung in Zeiten des Weltordnungskonflikts Friedenskonsolidierung Aceh Baskenland Bosnien-Herzegowina Guatemala Kambodscha ­Kolumbien ­Kosovo ­Nordmazedonien Mosambik Namibia Nicaragua Nordirland Nord-Uganda Sierra Leone Südafrika Analysen Klimakosten des Ukraine-Krieges Russlands Interessen im Verhandlungsprozess zum Ukraine-Krieg Sahel-Zone: Deutschland und die EU Sahel: Ursachen der Gewalteskalation Sahel: Implikationen und Folgen der Corona-Krise Rojava Die Türkei im Nahen Osten "Neue Türkei" – neue Außen- und Nahost-Politik? Der regionale Aufstieg der Kurden Regionale Brennpunkte Südchinesisches Meer Interessen und Strategien der ASEAN-Staaten angesichts der Machtrivalität zwischen China und den USA im Südchinesischen Meer Post-sowjetischer Raum Russlands Interessen im Verhandlungsprozess zum Ukraine-Krieg Die Ukraine-Hilfe seit 2022 Meinung: Deutsch-ukrainische Beziehungen im Schatten Moskaus Standpunkt: Nur Gegenmachtbildung zähmt revisionistische Mächte Standpunkt: Neutralität als Option Standpunkt: Hätte der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verhindert werden können? Ukraine-Krieg: Szenarien Netzwerke im postsowjetischen Raum Verschleppte Konflikte und hybride Staatlichkeit Historische Ursachen und Hintergründe Russland als dominante Regionalmacht Der Einfluss externer Mächte Mittelamerika Mittelamerika: regionale Akteure Mittelamerika: Konfliktursachen Mittelamerika: Regionale Ansätze der Konfliktbearbeitung und -lösung Mittelamerika: Einfluss und Rolle der organisierten Kriminalität Nördliches Afrika Regionale Ansätze für eine konstruktive Konfliktbearbeitung und -lösung Einfluss und Rolle des Islamismus Regionale Zusammenhänge und Wechselwirkungen aus historischer Perspektive Geostrategische, politische und sozio-ökonomische Interessen und Strategien regionaler Akteure Zentralasiatische Region Geostrategische, politische und sozio-ökonomische Interessen und Strategien regionaler Akteure Historische Ursachen und Hintergründe der regionalen Konflikte Einfluss und Rolle des Islamismus Arabischer Raum Syriens fragiler Übergang Einfluss und Rolle des Islamismus und dschihadistischen Terrorismus Geostrategische, politische und sozio-ökonomische Interessen und Strategien regionaler Akteure Regionale Konflikte aus historischer Perspektive Der Syrien-Konflikt und die Regionalmächte Ursachen und Hintergründe der Krisen und Umbrüche in der arabischen Welt Krisen und ihre Folgen Debatten Meinung: Föderative Strukturen in einem israelisch-palästinensischen Staatenbund sind die bessere Alternative Meinung: Die Zweistaatenlösung nicht vorschnell über Bord werfen Meinung: Das Völkerrecht und der Berg-Karabach-Konflikt Meinung: Berg-Karabach und die Grenzen des Selbstbestimmungsrechts Meinung: Die Afghanistan-Mission des Westens - vermeidbares Scheitern? Meinung: Afghanistan – Mission 2001 – 2021: Vermeidbares Scheitern? Meinung: Die Kurden: Partner – und Opfer westlicher Großmachtsinteressen Meinung: Die Kurden in Syrien – wie immer zwischen allen Stühlen Meinung: Managen, was nicht lösbar ist – Zum Umgang mit vertrackten Konflikten Meinung: Krisen dulden keinen Aufschub – auf die richtigen Instrumente kommt es an Meinung: Der Westen trägt eine Mitverantwortung für die Ukraine-Krise Meinung: Die Ukraine-Krise hätte verhindert werden können Meinung: Staatsaufbau in Afghanistan. Das Ende der Illusionen? Meinung: Die NATO in Afghanistan. Erst politisch gescheitert, dann militärisch verloren Meinung: Reden allein bringt Syrien nicht weiter. Die Passivität des Westens lässt Syrien explodieren Meinung: Eine politische Lösung in Syrien ist in Sicht – aber keine Selbstverständlichkeit Meinung: Der Mali-Konflikt - nicht nur ein Sicherheitsproblem im Norden! Meinung: Möglichkeiten und Grenzen der Krisenprävention – das Beispiel Mali Meinung: Mexiko, Nigeria, Pakistan – Staatszerfall ganz neuen Ausmaßes? Meinung: "Schwellenländer" – Wachstum als Konfliktursache? Meinung: Die NATO-Intervention gegen das Gaddafi-Regime war illegitim Meinung: Militärische Intervention in Libyen ist grundsätzlich zu begrüßen Meinung: Das Engagement der EU im Sahel nach dem Scheitern in Afghanistan Meinung: Zeit für einen Strategiewechsel in Mali und im Sahel? Glossar Redaktion

Klimakosten des Ukraine-Krieges Treibhausgas-Emissionen bewaffneter Konflikte

Lennard de Klerk

/ 11 Minuten zu lesen

Die Emissionen von Treibhausgasen, die durch Rüstung und Kriegsführung verursacht werden, tragen erheblich zur Verschärfung der Klimakrise bei. Aktuelle Forschungen zum Ukraine- und zum Gaza-Krieg ermöglichen erstmals eine systematische Quantifizierung von Klimaschäden.

Ein zerstörter und verbrannter Wald in der Donezk-Oblast im März 2024. (© picture-alliance, Anadolu)

Stille Opfer des Krieges: Umwelt und Klima

Bewaffnete Konflikte hatten schon immer verheerende Auswirkungen auf die Umwelt: Munition vergiftet die Böden der Schlachtfelder, Gewässer werden durch die Zerstörung von Öllagern verseucht, Wälder werden niedergebrannt und die Artenvielfalt beeinträchtigt. Diese Umweltzerstörung wurde lange Zeit von vielen lediglich als Nebeneffekt betrachtet. Das humanitäre Völkerrecht hat nach und nach Umweltschäden in bewaffneten Konflikten anerkannt (vgl. z.B. Hantsche/Reichert 2022). Doch ein Aspekt blieb bis vor kurzem völlig außer Acht: Treibhausgasemissionen (Adolphsen 2025). Intuitiv war vielleicht klar, dass kriegsbedingte Emissionen zur Erwärmung des Planeten beitragen – dies wurde aber bislang nie umfassend und systematisch untersucht und quantifiziert.

Das hat sich geändert: Seit Russland am 24. Februar 2022 seine groß angelegte Invasion in der gesamten Ukraine gestartet hat, hat ein Forschungsteam der „Initiative on GHG Accounting of War“ (IGGAW) sechs aufeinanderfolgende Bewertungen des CO₂-Fußabdrucks des Krieges veröffentlicht. Ihre Arbeit, die von der European Climate Foundation sowie deutschen und schwedischen Entwicklungsagenturen unterstützt wird, hat das bislang detaillierteste Bild davon geliefert, welche Auswirkungen ein großer konventioneller Konflikt auf das Klima hat.

Warum wurden diese Emissionen so lange übersehen? Erstens ist Russlands Krieg in der Ukraine ein großer bewaffneter Konflikt, wie wir ihn seit langem nicht mehr gesehen haben. Zweitens sehen sowohl das Kyoto-Protokoll als auch das Pariser Abkommen Ausnahmen für bestimmte militärische Aktivitäten vor. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen stellte in seinem Emissions Gap Report 2023 fest, dass militärische Emissionen im Rahmen der UNFCCC weiterhin „unzureichend berücksichtigt“ würden.

Dieser Text legt den Schwerpunkt auf Treibhausgasemissionen infolge bewaffneter Konflikte. Militärische Emissionen, d.h. Emissionen von Streitkräften und dem militärischen Komplex „in Friedenszeiten“, bleiben hier unberücksichtigt. Nur eine Zahl hierzu: Die jährlichen Treibhausgas-Emissionen des weltweit vorgehaltenen Militärs und der Rüstungsproduktion werden auf etwa 5,5 % der globalen Treibhausgas-Emissionen geschätzt – vergleichbar mit dem gesamten Luft- und Seeverkehr (Parkinson/Cotrell 2022). Sobald ein Konflikt beginnt, steigt dieser Anteil jedoch massiv an.

Die im Februar 2026 veröffentlichte Bewertung der IGGAW, die sich auf vier Kriegsjahre erstreckt, beziffert die Gesamtmenge an Emissionen auf 311,4 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalent, verteilt auf sechs Wirkungskategorien.

Abbildung 1: Treibhausgas-Emissionen für jede Wirkungskategorie (© Initiative on GHG Accounting of War)

Die Kriegshandlungen selbst sind mit 37 % der Gesamtmenge die größte Quelle. Dies umfasst den Kraftstoffverbrauch von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Kampfflugzeugen und Logistikkonvois auf beiden Seiten sowie den in verbrauchter Munition, zerstörter militärischer Ausrüstung und Befestigungsanlagen gebundenen Kohlenstoff.

Landschaftsbrände machen 23 % der Gesamtmenge aus. Im Jahr 2025 verzeichnete die Ukraine 1,39 Mio. Hektar Naturbrände, weit mehr als vor dem Krieg. Kampfhandlungen und Brandmunition entzünden sie; unzugängliche Frontlinien und gesperrter Luftraum hindern die Feuerwehr daran, sie zu löschen. Die Sommer 2024 und 2025 waren außergewöhnlich heiß und trocken, wahrscheinlich aufgrund des Klimawandels, der einen Teufelskreis schafft, in dem Krieg und Erwärmung sich gegenseitig verschlimmern.

Als Nächstes folgt der gesamte Wiederaufbau. Er schlägt ebenfalls mit 23 % des Kohlenstoffanteils zu Buche, der von der Zement-, Stahl und Glasproduktion über Transporte und Lagerhaltung bis hin zu Reparatur und Wiederaufbau der von Russland zerstörten Wohnungen, Krankenhäuser, Straßen, Kraftwerke usw. emittiert wird.

Die Zivilluftfahrt trägt 9 % bei: Das zusätzliche Kerosin, das von Flugzeugen verbraucht wird, die gezwungen sind, den gesperrten Luftraum über der Ukraine und Russland zu umfliegen. Ein Flug von London nach Tokio dauert nun drei Stunden länger als vor dem Krieg.

Abbildung 2: Flugdauer zwischen London und Tokio (© Initiative on GHG Accounting of War)

Schäden an der Energieinfrastruktur machen 6 % aus, verursacht durch brennende Öllager, gebrochene Gaspipelines und das starke Treibhausgas SF₆, das aus zerstörten Umspannwerken austritt. Die Vertreibung von mehr als acht Millionen ukrainischen Flüchtlingen und der damit einhergehende Treibstoffverbrauch für Transportmittel trägt weitere 5 Mio. Tonnen (2 %) bei.

Messung von Kriegsemissionen: Methoden und Daten

Die Berechnung der Emissionen aus einem aktiven bewaffneten Konflikt ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Der „Nebel des Krieges“ (Clausewitz) schränkt die Verfügbarkeit verlässlicher Daten ein, Schlachtfelder sind nicht zugänglich, und die Streitkräfte haben ein Interesse daran, Zahlen zu niedrig anzugeben oder irreführende Informationen zu liefern. Gleichzeitig hat das Aufkommen von Open-Source-Intelligence (OSINT) die Möglichkeiten nichtstaatlicher Akteure revolutioniert, Daten unter anderem mithilfe von Fernerkundung (Satelliten) und sozialen Medien zu sammeln.

Da konfliktbedingte Treibhausgasemissionen zuvor nie systematisch bewertet wurden, entwickelte die IGGAW für jede Wirkungskategorie unterschiedliche Methodiken. Im Jahr 2024 wurden diese spezifischen Methodiken und allgemeinen Leitlinien aus der Arbeit in der Ukraine extrahiert und in den „Leitlinien zur Bewertung konfliktbedingter Treibhausgasemissionen“ (de Klerk/Shlapak/Onopchuk: 2024) festgehalten – dem ersten strukturierten Rahmenwerk dieser Art, das die Instrumente des IPCC und des GHG-Protokolls an die spezifischen Bedingungen des Krieges anpasst. Auf der Klimakonferenz COP29 in Baku im November 2024 wurde der Leitfaden veröffentlicht.

Der Leitfaden enthält Regeln für mehrere kritische Elemente einer Bewertung, wie den Zeitrahmen eines Konflikts (Beginn, Emissionen vor, während und nach dem Konflikt), die geografischen Grenzen sowie die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Emissionen. Direkte Emissionen sind jene, die von den Konfliktparteien kontrolliert werden können. Dazu gehören z.B. der von Panzern verbrauchte Treibstoff, abgefeuerte Munition sowie durch militärische Aktivitäten verursachte Waldbrände. Dagegen sind indirekte Emissionen nicht vollständig vom Militär kontrollierbar. Beispiele sind Umleitungen im zivilen Luftverkehr, die teilweise auf Entscheidungen der Fluggesellschaften zurückzuführen sind, oder der Wiederaufbau nach dem Krieg. Für jede Auswirkungskategorie können abgestufte Berechnungsmethoden verwendet werden, die von groben Schätzungen (Stufe 1) bis hin zu detaillierten Aktivitätsdaten nationaler Behörden (Stufe 3) reichen.

Speziell für den Krieg in der Ukraine stammen die Daten aus verschiedenen Quellen: Um beispielsweise Schäden an militärischer Ausrüstung zu erfassen, stützt sich die Bewertung auf das Oryx-Projekt, das Ausrüstungsverluste auf beiden Seiten erfasst; für den Wiederaufbaubedarf wird die Schadensdatenbank der Kyiv School of Economics herangezogen; Copernicus-Satellitenbilder dienen der Erkennung von Waldbränden, und Flugdaten wurden von FlightRadar24 abgerufen. Der geografische Geltungsbereich ist auf die Ukraine, Belarus und die Russische Föderation beschränkt. Alle verschiedenen Treibhausgase werden unter Verwendung der 100-jährigen globalen Erwärmungspotenziale des IPCC in CO₂-Äquivalenten ausgedrückt.

Klimawirkung verschiedener Treibhausgase

Um die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase miteinander vergleichbar zu machen, werden sie in sogenannte CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet. Als internationaler Standard dient dabei das globale Erwärmungspotenzial (Global Warming Potential - GWP). Es definiert auf der Grundlage einschlägiger Forschungen, wie viel Wärme eine bestimmte Masse eines Treibhausgases im Vergleich zu CO₂ in der Atmosphäre speichert.[1]

Dabei wird das globale Erwärmungspotenzial jeweils für einen Zeithorizont (GWP100) von 100 Jahren erhoben. In der internationalen Klimapolitik (wie z.B. dem Kyoto-Protokoll) ist der Zeitraum von 100 Jahren der etablierte Standard. [2]

Für die verschiedenen Klimagase gelten z.B. folgende Grenzwerte. Der angegebene Wert steht für den Grad der Klimaschädlichkeit des jeweiligen Gases:

  • Kohlendioxid (CO₂): 1

  • Methan (\(CH4): ca. 27 bis 30

  • Lachgas (\(N2O\)): ca. 265 bis 273

  • Fluorierte Gase (F-Gase, z.B. SF6): bis zu Tausende Mal.

Methan-Emissionen führen also in einem Zeitraum von 100 Jahren dazu, dass die Atmosphäre im Vergleich zu CO2 bis zu 30-mal mehr Wärme speichert.

[1] Externer Link: https://www.carboncare.org/klima-wandel/treibhaus-effekte [2] Externer Link: https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/WG1AR5_Chapter08_FINAL.pdf, Appendix 8.A, S. 73-79.

Ein Blick hinter die Zahlen: Die einzelnen Emissionskategorien im Detail

Kriegsführung

Die Emissionen aus der Kriegsführung, die sich über vier Jahre auf 114 Mio. Tonnen belaufen, werden vor allem durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe verursacht. Panzer, Kampfflugzeuge, gepanzerte Fahrzeuge und die riesigen Logistiknetze, die sie versorgen, werden fast ausschließlich mit Diesel und Kerosin betrieben; diese Kraftstoffe machen 90 % der Gesamtemissionen der Kriegsführung aus. Der Rest stammt aus der Produktion von Munition und Ausrüstung.

Intuitiv würde man erwarten, dass Explosionen oder Emissionen von Raketen die meisten Treibhausgasemissionen verursachen. Da Sprengstoffe oder Raketentreibstoff jedoch nicht auf fossilen Brennstoffen basieren, geht die größte Belastung von der Stahlproduktion für Munition und Ausrüstung aus, den sogenannten eingebetteten Emissionen. Diese Emissionen können daher auch außerhalb der Ukraine oder der Russischen Föderation entstanden sein.

Abbildung 3: Treibhausgas-Emissionen aus der Kriegführung (© Initiative on GHG Accounting of War)

Wald- und Landschaftsbrände

Von Waldbränden, aber auch von Bränden in anderen natürlichen Landschaften, stammten 70 Mio. Tonnen CO2. Diese Wirkungskategorie erfordert eine sorgfältige Zuordnung, da natürliche Brände auch ohne Krieg auftreten. Für die Bewertung wurde die Ukraine in drei Zonen unterteilt: (1) die Kriegszone, in der die Brandintensitäten direkt mit ähnlichen Landschaften unter Regierungskontrolle verglichen werden; (2) von der Regierung kontrollierte Gebiete, in denen ein partieller Zuordnungsfaktor die verminderte Brandbekämpfungskapazität und den gesperrten Luftraum widerspiegelt; sowie (3) die von Russland besetzten Gebiete, die analog behandelt wurden.

In den Jahren 2024 und 2025 zeigten Satellitendaten in den Frontgebieten eine Brandaktivität, die mehr als das Zwanzigfache des historischen Durchschnitts der Jahre 2006–2021 betrug. Fünf Vegetationstypen – Nadelwälder, Laubwälder, Ackerland, Feuchtgebiete und sonstige Vegetation – wurden unter Berücksichtigung unterschiedlicher Biomassebestände und Emissionsfaktoren separat berechnet.

Abbildung 4: Wald- und Landschaftsbrände im Jahr 2025 (© Initiative on GHG Accounting of War)

Energieinfrastruktur

Schäden an der Energieinfrastruktur verursachten 19 Mio. Tonnen Emissionen aus drei verschiedenen Quellen. Die erste ist Methan, das 30-mal klimaschädlicher ist als CO₂ und aus beschädigten Pipelines und Speicheranlagen austritt, wobei die Sabotage an drei von vier Pipelines der NordStream-Leitung das mit Abstand größte Emissionsereignis darstellte (Reum/Marshall/Bittig 2025). Die zweite Quelle ist die Verbrennung von Brennstoffen bei Angriffen auf Öldepots und Raffinerien sowohl in der Ukraine als auch in der Russischen Föderation. Die dritte Emissionsquelle ist Schwefelhexafluorid (SF₆), das als Isoliergas in Hochspannungsumspannwerken verwendet wird und 24.500-mal wirksamer ist als CO₂.

Abbildung 5: Treibhausgas-Emissionen, die aus Schäden an der Energieinfrastruktur resultieren (© Initiative on GHG Accounting of War)

Wiederaufbau

Die Emissionen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau sind Prognosen für die Zeit der Erholung nach dem Krieg und keine aktuellen Emissionen; sie machen jedoch 74 Mio. der insgesamt 311 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent über vier Jahre aus. Die Kyiv School of Economics erfasst die physischen Schäden an verschiedenen Arten ziviler Infrastruktur wie Wohngebäuden, Straßen, Fahrzeugen, Industrieanlagen und Versorgungsunternehmen. Für jede dieser Kategorien wird der in künftigen Wiederaufbaumaßnahmen enthaltene Kohlenstoff anhand durchschnittlicher Kohlenstofffaktoren für die jeweilige Art von Gebäude, Straße, Fahrzeug oder Fabrik geschätzt. Es wird erwartet, dass Beton und Stahl fast 80 % dieser Emissionen ausmachen werden. Die Schadensbilanz für Versorgungsunternehmen stieg im vierten Jahr erneut an, da Russland im Winter 2025/26 seine Angriffe auf die Strom- und Heizungsinfrastruktur der Ukraine eskalierte.

Abbildung 6: Treibhausgas-Emissionen aus dem künftigen Wiederaufbau nach dem Krieg. Die Grafik zeigt die Kriegsjahre, in denen der Schaden entstanden ist, nicht die für den Wiederaufbau geschätzten Emissionen. (© Initiative on GHG Accounting of War)

Verantwortlichkeit für Kriegsemissionen

Die politische Dimension rückte beim Klimagipfel COP30 im November 2025 in Belém, Brasilien, in den Fokus. Die Ukraine kündigte Pläne an, eine Klimaschadensklage gegen Russland einzureichen – die weltweit erste ihrer Art. Unter Zugrundelegung sozialer CO₂-Kosten von 185 US-Dollar pro Tonne CO₂ beläuft sich die Gesamtsumme der Forderung laut einer vierjährigen Bewertung auf über 57 Mrd. US-Dollar.

Der rechtliche Mechanismus für eine solche Klage wird derzeit eingerichtet. Im November 2022 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution, in der ein internationaler Entschädigungsmechanismus für alle durch die russische Invasion verursachten Schäden gefordert wurde, darunter beschädigte Wohnhäuser von Privatpersonen, Einkommensverluste von Unternehmen, aber auch Umweltschäden. Der daraus resultierende Internationale Entschädigungsmechanismus, der unter der Schirmherrschaft des Europarats umgesetzt wird, erfolgt in drei Schritten: ein Schadensregister, eine Internationale Entschädigungskommission und ein Entschädigungsfonds. Das Register nahm im April 2024 erstmals Anträge von Privatpersonen entgegen, und das Antragsformular für die Kategorie B3.1 „Umweltschäden“ wurde im Februar 2025 veröffentlicht. Umweltschäden sind weit gefasst definiert: jede nachteilige Auswirkung auf Fauna, Flora, Boden, Wasser, Luft und die Ökosysteme (wobei das Klimasystem eines der wichtigsten Ökosysteme der Erde ist).

Schadensersatzansprüche im Umweltbereich und die Verwendung etwaiger Entschädigungszahlungen lassen sich in drei Unterkategorien einteilen. Ansprüche in der Unterkategorie „Prävention und Schadensminderung“ könnten den CO₂-armen Wiederaufbau finanzieren, beispielsweise durch den Einsatz biobasierter Materialien, CO₂-armen Zements und Stahls, das Recycling von Bauschutt sowie erneuerbare Energien. Entschädigungen für Wiederherstellung und Wiederinbetriebnahme könnten die Wiederaufforstung abdecken, um durch Waldbrände verlorene Kohlenstoffsenken wiederaufzubauen. Die dritte Unterkategorie, der intrinsische Verlust ökologischen Wertes, umfasst irreversible Emissionen, die nicht vollständig wiederhergestellt werden können. Entschädigungen könnten hier für Klimaanpassungsmaßnahmen in der Ukraine verwendet werden, aber auch für klimagefährdete Länder im Globalen Süden, die keinen Anteil am Krieg hatten, aber unter dessen klimatischen Folgen leiden.

Der Gaza-Krieg

Unter Anwendung der oben genannten Leitlinien beziffert eine Studie für den Zeitraum von Oktober 2023 bis Januar 2025 die durch den Krieg im Gazastreifen verursachten Emissionen auf insgesamt 33,2 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalent, was etwa dem jährlichen Ausstoß Jordaniens entspricht (Neimark et al.: 2026). Obwohl es mehrere Ähnlichkeiten gibt, unterscheidet sich das Ergebnis deutlich von der Ukraine, wo in Gaza der Wiederaufbau nach dem Konflikt mit 85 % (31,4 Mio. Tonnen) dominiert. Intensive Bombardements hinterließen in Gaza zwischen 53 und 61 Mio. Tonnen Betonabfälle, und der Wiederaufbau von 436.000 zerstörten Wohnungen, 3.045 km Straßen, Krankenhäusern und Schulen wird enorme Mengen an kohlenstoffintensiven Baumaterialien erfordern. Direkte Konfliktemissionen, wie Bombenangriffe, Panzer, Raketen oder Hilfslieferungen, belaufen sich auf insgesamt nur 1,3 Mio. Tonnen, weniger als 4 %. Befestigungsanlagen aus der Zeit vor dem Konflikt (das Tunnelnetz der Hamas und Israels Grenzzaun „Iron Wall“) tragen etwa 500.000 Tonnen bei – eine Kategorie, für die es in der Ukraine keine Entsprechung gibt, was verdeutlicht, dass militärische Bauvorhaben vor einem Konflikt ebenfalls einen Klimapreis mit sich bringen.

Fazit

Die aus der Ukraine und dem Gazastreifen zusammengetragenen Erkenntnisse machen drei Dinge deutlich: Erstens verursachen bewaffnete Konflikte erhebliche Treibhausgasemissionen in einer Vielzahl von Bereichen: von fossilen Brennstoffen, die Panzer und Kampfflugzeuge antreiben, über brennende Wälder entlang der Frontlinien bis hin zum Kohlenstoff, der im Beton zerstörter Städte gebunden ist, die auf ihren Wiederaufbau warten. Zweitens bleiben diese Emissionen in der aktuellen Klimabilanz weitgehend unsichtbar; sie werden bislang weder im Pariser Abkommen noch in den Abschlussdokumenten der UNFCCC berücksichtigt. Drittens: Die methodischen Instrumente zu ihrer Messung und Zuordnung existieren bereits und wurden erfolgreich angewendet.

Die Beziehung zwischen Klima und Konflikt wurde lange Zeit nur in einer Richtung untersucht: Klimastress als Konfliktverstärker. Die oben diskutierte Forschung kehrt die Kausalität um und zeigt, wie Umweltschäden im Krieg, die lange Zeit als Kollateralschaden behandelt wurden, auch die Klimakrise verschärfen. Da die Welt ihre Militärausgaben im kommenden Jahrzehnt erhöht, ist es unerlässlich, dass nicht nur Konfliktemissionen, sondern auch militärische Emissionen besser erforscht und verstanden werden.

Weitere Inhalte

Lennard de Klerk (*1973) ist verantwortlicher Autor der "Initiative on GHG accounting of war". Er hat die Initiative gegründet, um die Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine im Hinblick auf die CO2-Emissionen und die Kriegsschäden für das Klimasystem aufzuzeigen. Inzwischen hat die Initiative ihr Arbeitsfeld auf andere bewaffnete Konflikte und militärische Emissionen im Allgemeinen ausgeweitet. Lennard de Klerk ist Inhaber eines Abschlusses als Elektroingenieur der Universität für Technologie in Delft und studierte an der Technischen Universität Berlin und am Moskauer Energieinstitut. Er entwickelte verschiedene Klimaprojekte im Rahmen des Kyoto Protokolls zur CO2-Reduktion in der Schwerindustrie der Ukraine und Russlands.